Menschen auf der Republica 2017 (Quelle: re:publica/Gregor Fischer/CC BY-SA 2.0)
Bild: re:publica/Gregor Fischer/CC BY-SA 2.0

Quo vadis, re:publica? - Zwischen Popkultur und Populismus

Bei der re:publica 2018 treffen ab Mittwoch wieder digital-native Nerds auf tech-affine Medienmenschen. Die Netzkonferenz ist längst aus der Nische herausgewachsen. Es geht nicht mehr nur um ein weltverbesserndes Miteinander, sondern auch um knallharte Konkurrenz. Von John Hennig

Es fing mit einem kleinen Klassentreffen der Digital Boheme an. Vor elf Jahren, als noch gebloggt statt gepodcastet wurde, als Spotify noch MySpace war und Alltägliches auf Facebook und StudiVz und nicht auf Snapchat oder Instagram geteilt wurde. Da trafen sich Netzaktivisten, quasi die erste Abschlussklasse, zur großen Jahrgangsfeier. Die Idee: Einmal im Jahr kommen Menschen, die eigentlich nur noch digital zu existieren scheinen, für ein paar Tage analog zusammen.

Doch wie es bei solchen Veranstaltungen eben ist, kommen mit jedem weiteren Jahr auch Frischlinge dazu und irgendwann fühlen sich die Vorreiter ein wenig abgehängt. Im Fall der re:publica fragen sich die Gründer angesichts von Filterblasen, Influencer-Marketing und Youtube-Stars, ob das noch ihr Internet ist. Deshalb geht es in diesem Jahr bei der zwölften Ausgabe der re:publica vor allem auch um Erfolg, guten wie bösen.

Da es von außen immer so aussieht, als ob sich eine zugegeben wachsende Gruppe nur mit sich selbst beschäftigt und sich um sich selbst dreht, versuchen wir wieder, die wichtigsten Fragen auch für Nicht-re:publicaner zu erklären.

Besucherinnen mit Kopfhörern auf der Re:publica (Quelle: re:publica/Jan Michalko/CC BY-SA 2.0)
re:publica/Jan Michalko | Bild: re:publica/Jan Michalko/CC BY-SA 2.0

Gibt es ein spezielles Motto auf der re:publica?

Nach LOL kommt POP. Sonderlich kreativ kommt das Motto auf den ersten Blick, gerade angesichts des Vorgängers, nicht daher. Liefen die ersten Konferenzen noch unter alltäglichen Mottos wie "Leben im Netz" oder "Die kritische Masse", wurde es über die Jahre zunehmend kryptischer und immer mindestens doppeldeutig.

POP ist tatsächlich auch maximal mehrdeutig gemeint, einerseits steht es für Popkultur und Populismus, andererseits für "the power of people". Mit diesem Leitgedanken will die re:publica 2018 in den Mainstream der digitalen Popkultur eintauchen, um diesen nicht nur besser zu verstehen, sondern auch die Diversität und Fülle des Netzes populärer zu machen. Und dann sollen auch noch Filterblasen platzen. Auf Englisch heißt das: to pop.

Wir fragen uns: Folgt nächstes Jahr SOS oder TOT? Und wo waren MOM und NON?

Wie populistisch wird die re:publica?

"Anfangs war die Netzgemeinde homogener, heute ist sie so gespalten wie die Gesellschaft gespalten ist", sagt Markus Beckedahl, einer der Gründer der re:publica und Chefredakteur von netzpolitik.org. Grabenkämpfe und Gegenöffentlichkeit, vor allem aus der im Netz immer aktiver (und erfolgreicher) werdenden rechten Szene, gefährden den Frieden der Pioniere. Sie sehen ihre Utopie der Freiheit im Netz von Denunzierung und Hetze zunehmend gefährdet. Bereits im Vorjahr wurde der Hass thematisiert, dem man mit "Love out loud" begegnete. Nun geht es um den strukturellen Erfolg der Populisten und der Rechten, dem viele noch ähnlich ratlos gegenüber stehen wie dem kommerziellen Erfolg jugendlicher Youtuber und Influencer.

Wie politisch wird die re:publica?

Immer noch nicht so sehr, wie sie es selbst gern sein würde. Die Politikerinnen und Politiker, auf deren Profil die Netzkonferenz zugeschnitten ist, glänzen mit Abwesenheit. Die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär (CSU), fehlt in diesem Jahr ebenso wie es ihr Quasi-Vorgänger und Parteikollege Alexander Dobrindt als Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur stets getan hat.

Dafür ist Katarina Barley (SPD), Bundesjustizministerin (zum Thema digitale Freiheitsrechte) genauso dabei wie Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil (SPD) sowie der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der zum Innovationsfonds der Berliner Kulturverwaltung diskutiert. Auch Parteigenossin Katalin Gennburg ist vor Ort, von den Grünen - natürlich - Tabea Rößner und Laura Sophie Dornheim, Sprecherin der LAG Netzpolitik. Internationaler Politstar ist die Whistleblowerin Chelsea Manning, die fast sieben Jahre in US-Militärhaft saß und nun darüber berichtet.

Die Teilnahme von Ramona Pop, Berlins Wirtschaftssenatorin mit dem zum re:publica-Motto passenden Namen, stand zumindest im Raum und wurde diskutiert, wie ihre Sprecherin bestätigte.

Das Foto zeigt Moderatorin Eva Schulz, die vor bunten Grafiken steht und neben ihr steht der Schriftzug "Deutschland 3000". (Quelle: Funk)
Bild: Funk

Wie popkulturell wird die re:publica?

Es wird natürlich gesungen, mit der (Digital) Bohemian Rhapsody verabschieden sich die re:publica-Macher jährlich ins nächste Jahr.

Vor vier Jahren war Sänger und Schauspieler David Hasselhoff da, vor drei Jahren Youtuber LeFloid und vor zwei Jahren Künstler Friedrich Liechtenstein. Dieses Jahr sind auf den ersten Blick Larissa Rieß und Eva Schulz sowie Mark Waschke, Lars Eidinger und Comedian Abdelkarim die angesagtesten Personalities.

Inhaltlich ist vor allem von Pop-Autor Jens Balzer einiges zu erwarten.

Eine Frau hört einen Vortrag (Quelle: re:publica/Gregor Fischer/CC BY-SA 2.0)
Bild: re:publica/Gregor Fischer/CC BY-SA 2.0

Erfindet sich die re:publica auch neu?

Nein, wahrscheinlich nicht und wenn dann eher im Kleinen. Die Netzpioniere, der erste Abschlussjahrgang, ist wie immer nahezu vollständig vertreten. Es geht um Netzneutraliät und Virtuelle Realität, um soziale Netzwerke und asoziale Debatten. Viele Panels hätten auch in den Vorjahren auf dem Programm stehen können. Und am Ende wird wie bereits erwähnt selig die Bohemian Rhapsody gesungen.

Doch es gibt auch Neuheiten: Zum ersten Mal wird die re:publica eigentlich vier Tage dauern. Denn nach den drei fordernden und zehrenden Konferenztagen folgt ein digitales Netzfest, im Park am Gleisdreieck im Freien, online und offline. Zudem gibt es vier kleine Fachkonferenzen (experience marketing, women in fintech, digital retail, digital food) im Technikmuseum, die innerhalb der großen Internetkonferenz abgehandelt werden.

Beides ist auch dem Umstand geschuldet, dass die Konferenz den Rahmen der Station Berlin am Gleisdreieck sprengt. Mehr als 10.000 Menschen, die es wohl in diesem Jahr werden, kann der Veranstaltungsort kaum fassen. Seit es die Internetkonferenz gibt, wird sie stetig größer. Mehr Leute kommen jedes Jahr nach Berlin, jeder will etwas mit Medien und am liebsten mit dem Internet zu tun haben, Marketing und Wirtschaft haben das Netz für sich entdeckt, nicht erst seit Facebook vorgemacht hat, wie sich mit Nutzerdaten arbeiten lässt.

Die Avantgarde ist längst im Mainstream angekommen. Nun wollen die Netzältesten ihre Gemeinschaft einen oder zumindest verhindern, dass sie sich völlig entzweit. Damit es bald nicht mehrere separat organisierte Klassentreffen gibt.

Sendung: Inforadio, 01.05.2018, 18.00 Uhr

Beitrag von John Hennig

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 3.

    Die Gründer der re:publica haben natürlich nicht erst 2007 angefangen, sondern damals die Konferenz ins Leben gerufen, nachdem sie schon viele Jahre online aktiv waren, und nahezu alle von ihnen mit eigenen Blogs, Projekten und Webseiten wie Spreeblick oder Netzpolitik. Insofern trifft die Bezeichnung "Netzpioniere" auf Beckedahl, Lobo, die Haeuslers et al. schon zu.

  2. 2.

    anorak2

    In 100 Jahren sind wir alle Netzpioniere ob 1988 oder 2018 und in 1000 Jahren sind wir die Höhlenmenschen des Internets! Als ob der Begriff Pionier nicht für jemand der 2007 gilt! Das Netz ist ja nicht mal da, wo es vielleicht eines Tages hin will! Also kann man immer noch von Pionieren sprechen! Die Menschen die 30 Jahre nach der "Entdeckung" Amerikas in Amerika ankamen sind auch Pioniere ;)

  3. 1.

    Wer erst 2007 angefangen hat, ist kein "Netzpionier". Das Internet kam 1988 nach Deutschland (West), breitere Nutzerschichten kamen erstmals in der ersten Hälfte der 1990er dazu. Und der Witz am Internet sind die dezentralen Kommunikationsstrukturen wie Usenet, E-Mail, irc, oder privat gehostete Webseite, die nicht von einem (kommerziellen) Anbieter abhängen und nicht zentral kontrolliert werden können. Nur dort ist die Meinung wirklich frei. Wer meint, die zentralen, von den unternehmerischen Entscheidungen einer einzelnen Firma abhängigen und ggf. zentral zensierbaren Dienste, egal ob "alte" wie Facebook oder "neue" wie Instagram seien die Essenz des Internets, liegt ziemlich neben der Spur. Und politisch riecht diese ganze Veranstaltung PC und angepasst.

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