Ein Mann klebt einen Schriftzug zur Vorbereitung der Re:publica 2018 (Bild: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa/Britta Pedersen

Start der re:publica 2018 - Drei Tage, 19 Bühnen, 500 Stunden Programm

Am Mittwoch hat in Berlin die Netzkonferenz re:publica begonnen. 10.000 Besucher sollen unter dem Motto "POP" diskutieren, wie sie sich die digitale Gesellschaft vorstellen. Eingeladen sind Platzhirsche, Wissenschaftler, Blogger - und eine Whistleblowerin. Von Martin Adam

"Am Anfang waren die Nerds im Internet. Jetzt sind alle da. Und darauf waren wir nicht vorbereitet", sagt Markus Beckedahl und lacht. Der Netzpolitikbeobachter, -journalist und nicht zuletzt -aktivist, hat vor zwölf Jahren die re:publica mitbegründet. Heute ist sie Europas größte Veranstaltung zur digitalen Gesellschaft.

2018 müssen die Organisatoren erkennen, dass die Teilung in digitale und analoge Gesellschaft, in ein Internet der Online-Elite und den großen Rest des Lebens, passé ist. Dem soll die re:publica 2018 gerecht werden – mit Pop: "Wir erkennen damit an, dass das, was wir vor zwölf Jahren gestartet haben, eine re:publica für die digitale Avantgarde, mittlerweile im Mainstream angekommen ist," so Beckedahl. "Auf der anderen Seite steht POP aber auch für Populismus, für Strömungen, die quasi die ganzen guten Sachen, die wir im Internet gesehen haben, auch für negative Ideen nutzen können." Das Netz sei inzwischen eben sowohl Pop-Kultur als auch Populismus. Anfangs sei die Netzgemeinde homogener gewesen, führt er aus, heute sei sie genauso gespalten wie die Gesellschaft als Ganzes.

"Das Thema hatten wir doch schon vor Jahren groß"

In den kommenden drei Tagen, so die Hoffnung der Organisatoren, sollen die Besucher der re:publica, diskutieren, streiten und erarbeiten, wie sich diese nahezu durchdigitalisierte Gesellschaft gestalten lässt. Von Anfang an sei der Kongress keine Technikmesse gewesen, sondern habe sich mit den Folgen der Technik befasst – und das mit einem  hohen Anspruch, sagt Markus Beckedahl: "Wir haben uns daran gewöhnt, dass Themen, die wir auf der re:publica diskutieren, Jahre später im gesellschaftlichen Mainstream ankommen. Das ist manchmal eine Herausforderung für die Organisation, wenn man die ganze Zeit denkt 'Das Thema hatten wir doch schon vor Jahren ganz groß'."

So könne er die Überraschung über den Datenskandal um Facebook und Cambridge Analytica nur in Teilen nachvollziehen. Schließlich sei das ein altbekanntes Thema. "Aber wenn es dann wiederkommt, dann nehmen wir es auch wieder ins Programm."

Drei Wochen in drei Tagen

Und dieses Programm ist beeindruckend: In drei Tagen kommen 500 Stunden Vorträge, Diskussionen und Workshops zusammen. Auf den 19 Bühnen drängeln sich insgesamt mehr als 600 Sprecherinnen und Sprecher. Der Publizist Sascha Lobo, gewissermaßen Stammpersonal der re:publica, wird über Zivilgesellschaft und Widerstand im Netz sprechen. Autor Marc-Uwe Kling diskutiert, ob eine (freundliche) Verweigerung dabei helfen kann, glücklich zu sein – trotz des Internets. Der Blogger Richard Gutjahr berichtet, wie ihm und seiner Familie eine Mitschuld an den Anschlägen von Nizza und München zugeschrieben wurde und wie sehr der darauf folgende Shitstorm sein Leben verändert hat.

Die Eröffnungsrede hält in diesem Jahr die Sozial- und Medienforscherin Danah Boyd vom New Yorker Data & Society Research Institute. Boyd hat als eine der ersten den Einfluss der Digitalisierung auf das gesellschaftliche Leben untersucht. Auf der re:publica fragt sie, wie ein Zusammenleben umgeben von Algorithmen gelingen kann. Zur Sprache kommen der vernetzte Kampf um Gleichberechtigung, die Frage, welche Rolle Roboter im Schulunterricht spielen können, ebenso wie Kunst im virtuellen Raum aussehen kann.

Chelsea Manning zum ersten Mal in Deutschland

Besonders freue er sich aber auf Chelsea Manning, sagt Markus Beckedahl. Die Whistleblowerin spricht zum ersten Mal in Deutschland. 2009 war sie als US-Soldat im Irak stationiert worden und hatte Wikileaks später fast 500.000 geheime Dokumente aus den Kriegen im Irak und Afghanistan zugespielt. Nach sieben Jahren Haft wurde Manning im vergangen Jahr von US-Präsident Barack Obama begnadigt. Auf der re:publica spricht sie über ihre Erfahrungen, über Zivilcourage und den hohen Preis, den sie dafür gezahlt hat.

Auch die Politik ist zu Gast. Nachdem sich im vergangenen Jahr Thomas de Maizière (CDU) und Brigitte Zypries (SPD) der Diskussion gestellt hatten, steht diesmal die neue Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) auf der Rednerliste. Unter anderem mit Verleger Jakob Augstein und Constanze Kurz, der Sprecherin des Chaos Computer Clubs, wird sie über die Rolle von Freiheitsrechten im Netz sprechen. Interessant sei jedoch, sagt Markus Beckedahl, wer nicht dabei ist:  "Schade ist, dass keiner der für Digital- und Netzpolitik zuständigen Minister unserer Einladung gefolgt ist. Wir hätten uns gefreut, mit unserer neuen Internetministerin Dorothee Bär, dem Chef des Kanzleramts Helge Braun oder unserem Heimat-Internet-Minister Horst Seehofer mal über die Digitalisierung und ihre Auswirkungen zu diskutieren."

Das #rbbTalkLab auf der re:publica 2018

Der rbb mischt mit bei der Diskussion um die Netzgesellschaft von morgen. Moderiert von Teresa Sickert und Marcus Richter, sprechen Medienexperten und Journalisten am Stand des rbb (auch zu sehen im Live-Stream auf rbb24.de), dem #rbbTalkLab, über den Platz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Netzgesellschaft. "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerät europaweit unter Druck", sagt rbb-Intendantin Patricia Schlesinger. Auch sie wird am TalkLab teilnehmen. "Um auch in Zukunft ein wichtiger Pfeiler für eine lebendige Demokratie zu sein, muss er sich verändern. Die Digitalisierung ist dabei ein zentrales Thema." Sie freue sich auf Diskussionen über diese Veränderung, über den journalistischen Umgang mit Extremismus, Falschmeldungen und mit neuen Möglichkeiten der Berichterstattung.

10.000 Besucher erwarten die Organisatoren in den kommenden drei Tagen, mehr als je zuvor. Trotzdem will die re:publica nicht zuletzt ein großes Klassentreffen der Netzgemeinde sein. Und neben allen Diskussionen, sagt Markus Beckedahl, freue er sich auch darauf, endlich wieder ganz analog all die Freunde zu sehen, die er sonst nur im Internet treffe.

Beitrag von Martin Adam

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