Die Filmemacherinnen Brit-J. Grundel und Maja Stieghorst mit einem Westpaket am 16.09.2019 im DDR-Museum. In ihrem Film "Der Duft des Westpakets", gehen sie auf die Suche nach dem Geruch der Pakete. (Quelle: rbb|24/Caroline Winkler)
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Video: rbb|24 | 19.10.2019 | Anne Kohlick, Caroline Winkler | Bild: rbb|24/Caroline Winkler

Serie: 30 Jahre Mauerfall | Berlin, du bist dufte - Wie der Geruch des Westpakets Ostdeutsche glücklich machte

Kaffee, Schokolade, Seife: Wer zu DDR-Zeiten ein Westpaket bekam, freute sich über Geschenke, die ganz anders rochen als Ost-Produkte. Die Filmemacherinnen Maja Stieghorst und Brit-J. Grundel haben versucht, diesen Duft wiederzufinden. Von Anne Kohlick

Westpakete? Davon hat Maja Stieghorst noch nie gehört, bevor sie 2001 nach Berlin zieht. "Ich bin im Westen aufgewachsen, ohne Ost-Verwandtschaft", erinnert sie sich. "Deshalb haben wir nie Pakete in die DDR geschickt." Aber dann verliebt sie sich in eine Frau, die aus Leipzig kommt und bei Spaziergängen ab und zu unvermittelt stehen bleibt. "'Es duftet nach Westpaket', hat meine Frau dann gesagt. Und ich dachte mir immer: Das will ich auch mal riechen!"

Maja Stieghorst beginnt, über Westpakete zu recherchieren. Sie fragt Bekannte aus dem Osten nach ihren Erinnerungen - und immer wieder schwärmen die Menschen vom Duft der Päckchen. Sie arbeitet als Cutterin beim Fernsehen und beschließt, der Suche nach dem Duft des Westpakets einen Dokumentarfilm zu widmen.

Selbst die Schnur der Westpakete war kostbar

Gemeinsam mit der befreundeten Regisseurin Brit-J. Grundel macht sie sich an die Arbeit. Anders als Maja ist Brit im Osten aufgewachsen und erinnert sich selbst an die duftende Post aus dem Westen: "Wir haben nicht so viele Westpakete bekommen - nur einige wenige. Meine Mutter und ich haben die gemeinsam ausgepackt. Sie hatten in der Regel eine Schnur, die nicht aufgeschnitten wurde - sie wurde sorgsam aufgeknotet und auch aufgehoben, genauso das Papier."

Besonders die Gummibärchen aus dem Westen waren für Brit-J. Grundel als Kind kostbar: "Ich habe sie lange aufgespart und mich so daran gewöhnt, dass ich am Ende harte Gummibärchen viel, viel lieber mochte als weiche Gummibärchen."

Der lange Weg zum Duft

Der Dokumentarfilm "Der Duft des Westpakets" begleitet einen Hobby-Geruchsforscher bei dem Versuch, diesen besonderen Duft wiederherzustellen. Dafür packen die beiden Filmemacherinnen dutzende Pakete - voller Puddingpulver, Schokolade, Kaffee und Seife. "Wir haben die wochenlang stehen gelassen", sagt Maja Stieghorst, "und immer wieder gedacht: Irgendwie muss es doch langsam mal riechen. Aber es hat nicht gerochen."

Heute sind die Produkte oft einzeln vakuumverpackt, nach außen fast geruchsneutral. Das war vor 1990 anders. "Also haben wir alle Produkte, die in den Paketen waren, angestochen, sie in ein neues Paket gepackt und das eine Woche ziehen lassen", erklärt Maja Stieghorst, "und auf einmal roch es total nach Westpaket."

Der Duft des Westpakets steht auf einer Parfumflasche. Die beiden Filmemacherinnen Brit-J. Grundel und Maja Stieghorst zeigen das Parfum am 16.09.2019 im DDR Musuem. (Quelle: rbb|24/Caroline Winkler)

Wenn der Kinosaal zu riechen beginnt

Zusammen mit dem Dresdner Parfumeur Uwe Herrich komponieren sie einen Duft - aus den Original-Zutaten des Westpakets. Wenn die beiden Filmemacherinnen ihre Dokumentation vorführen - wie zuletzt im DDR-Museum in Berlin-Mitte , versprühen sie das Parfum am Ende des Films im Raum. "Dadurch entsteht eine besondere Nähe zwischen uns und dem Publikum" - davon ist Brit-J. Grundel überzeugt.

"Zig Sorten Schokolade machen auch nicht glücklich"

Immer wieder Zuschauer kommen auf sie zu, um über ihre Geruchserinnerungen zu reden: "Es gibt nicht ein Westpaket von diesen Millionen, die verschickt wurden, was dem anderen glich. Deswegen gibt es auch keinen einheitlichen Westpaket-Duft. Insofern treffen wir auch auf Menschen, die sagen: In eurem Parfum ist zu viel Schokolade! Bei mir war mehr Seife, bei mir war mehr Pfefferminz", sagt die Regisseurin.

Sie selbst erinnert der Duft an Glücksmomente in ihrer Jugend in der DDR: "Für einen Moment hat so ein Paket ein paar bunte Farbtupfer ins Leben gebracht." Damals fragte sich Brit-J. Grundel: Werde ich einmal über diese duftende Vielfalt an Produkten verfügen können? 30 Jahre nach dem Mauerfall weiß sie: "Zig Sorten Schokolade und Kaffee im Supermarkt machen auch nicht glücklich." Aber einen Dokumentarfilm zu machen, der Menschen so berührt wie dieser, schon.

Ost- und West-Berlin rochen vor dem Mauerfall unterschiedlich. Viele dieser Gerüche sind heute verschwunden. "Berlin, du bist dufte" sucht nach ihren Spuren und erzählt, wie sich die Düfte der Stadt seit der Wende verändert haben.

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12 Kommentare

  1. 12.

    Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts. (Søren Kierkegaard)
    Die Hälfte meiner Verwandtschaft lebte in der sog. Zone und ich in West-Berlin. Es war normal regelmäßig Pakete zu schicken und bei Besuchen Vieles mitzunehmen. Oft wurde auch auf Wunsch gezielt eingekauft. Ich fand das damals normal. Das können aber wahrscheinlich nur Menschen nachvollziehen, die diese Zeit erlebt haben und der Kontakt von hüben und drüben nicht abriß. Keiner meiner Verwandten ist in den Westen geflüchtet. Der Unterschied zwischen Ost und West. Im Westen gab es fast alles, man musste es sich aber leisten können. Im Osten hatten Viele Geldreserven, weil sie nicht das bekamen was sie wollen.
    Jetzt können alle frei reisen, frei wählen und alles kaufen, wenn man es sich leisten kann und das ist auch gut

  2. 11.

    Es ist aber Tatsache. Tatsache dass die DDR Diktatur, die sonst jeden Westkontakt mied wie der Teufel das Weihwasser (von der KoKo selbstverständlich abgesehen) die Westpakete nicht nur duldete. Man war auf sie angewiesen. Siehe auch "Das Westpaket in Zahlen".

  3. 10.

    Solche Beiträge vermitteln mir nicht direkt den Eindruck, als in der DDR aufgewachsene vom RBB als Mensch gesehen zu werden der noch alle Tassen im Schrank hat. Meine Familie hat keine "Westpakete" von irgendwem bekommen, und ich glaube auch nicht dass für andere das heilige Päckchen aus dem goldenen Westen ein quasi-religiöses Highlight war.

  4. 9.

    Sehe ich genauso,
    Schon die Doku "Schicksalsjahre Berlin", eine Berlin-Chronik der Superlative, dass ich nicht lache, ist reine Diffamierung und Blödstellung.
    Habe bisher vier Folgen (61-64) gesehen (übrigens durchgehalten) und habe festgestellt, dass die Ossis 30 Jahre nach dem Mauerfall vom rbb einseitig als so eine Art mittellose, materialistische "Zombie-Horde" ohne Leben hingestellt wurden. Ob ich weiter schaue weiß ich nicht, die Jugend heute tut es jedenfalls sowieso nicht. Für wen ist die Doku?
    Der SFB/rbb weiß gar nichts über Normal-Ossis. Ich habe beide Staaten kennenglernt... ich bezweifle, dass die "Zeitzeugen" authentisch genug sind, Normalbürger kommen nicht zu Wort, immer nur Günstlinge, Bonzen und Rosinenpicker erzählen über ein Volk hinweg - über die DDR... nein Danke.

  5. 8.

    Ich kenne ihn noch ganz genau,diesen Geruch, auch in Intershps hat es so gerochen oder wenn Verwandtschaft aus der BRD kam,verbreiteten sie diesen Geruch im Haus. Riechen wir heute auch so? Warum riechen wir den Geruch nicht mehr? Oder, andere Menschen, aus Osteuropa z. B. nehmen die bei uns den Geruch wahr?

  6. 7.

    Oft war nur noch der Duft übrig, wenn die Stasi-Schergen die Schokolade und den Kaffee geklaut haben!

  7. 6.

    Aha.
    Es bleibt die Schlussfolgerung,dass zum Zeitpunkt des Verkündens der historischen Nachricht unterm Tisch von Schabowski am 9.November ein geöffnetes Westpaket stand...und er dann so richtig motiviert den Zettel vorgelesen hat?!
    Oder irre ich mich?

  8. 5.

    Wie kommt man vom Text des Artikels zur Schlussfolgerung, dass die Filmemacher und Autoren behaupten, der Duft der Westpakete hätte die Menschen zur Flucht getrieben?

  9. 4.

    Es war ja auch nicht der Duft von Westpaketen, sondern der Duft nach "blauen Fliesen". Traurig aber wahr.

    Die ersten die nach dem Mauerfall kamen, wollten nur mal gucken und staunen. Schon am zweiten Tag ging es nur noch um DM, DM und nochmals DM.

  10. 3.

    Leider wissen das nur noch Leute, die vor oder kurz nach der Mauer geboren wurden! Selbst die Kinder, die Ende der 80 ger Jahre geboren wurden, haben dazu keinen Bezug mehr! Im Osten geboren, verrückt und verschworen, gestern ist gestern, heute ist heute, doch es war ne wilde Zeit!

  11. 2.

    Meine Erfahrungen: Wir hatten keine "West-" Verwandtschaft oder Bekannte im sogenannten Westen, Aber als Teenager bekam ich las "Dankeschön" eine Tafel Schokolade geschenkt "Ist aus dem Westen, ist was besonderes." Als zu Hause die Packung öffnete, krochen dort kleine weiße Würmer herum - Schock.! Aus Neugier war ich einmal in einem Intershop. Es roch dort gleichzeitig nach faulen Äpfeln, Waschpulver und billigem Parfüm. Fürchterlich!
    In der ersten U-Bahn Station, die ich im damaligen Westberlin betrat stank es nach "Pisse". Na gut, Filmautorinnen dürfen auch über Phantasien un andere Erlebnisse fabulieren.
    Aber zu behaupten der Duft der Westpakete hat die Menschen zur Flucht getrieben, ist eine Frechheit.

  12. 1.

    Na da bin ich ja jetzt "baff" von diesem Beitrag ausgehend, ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Sehnsucht nach dem "Duft der Westpakete" das DDR-Volk auf die Straße trieb und nicht der Wunsch nach politischen Veränderungen. Woher haben diese Damen ihre Weisheiten.

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