Michael Müller (SPD, Mitte, links), Regierender Bürgermeister von Berlin, und Dietmar Arnold (Mitte, rechts) vom Verein Berliner Unterwelten, durchschneiden am 07.11.2019 auf der Eröffnung eines Besuchertunnels an der Bernauer Straße das rote Band. (Foto: dpa/Fabian Sommer)
Video: Abendschau | 07.11.2019 | Anke Hahn | Bild: dpa/Fabian Sommer

Bernauer Straße in Berlin-Mitte - Früherer Fluchttunnel für Besucher zugänglich

Die Reste eines Fluchttunnels aus den 1970er Jahren zwischen Ost- und West-Berlin an der Bernauer Straße im heutigen Bezirk Mitte sind seit Donnerstag für Besucher zugänglich. Damit ist dort erstmals einer der zahlreichen Stollen, die Fluchthelfer in den 60er und 70er Jahren unter den Grenzanlagen gruben, für die Öffentlichkeit zugänglich.

Ein paar junge Leute hatten Ende 1970 begonnen, vom West-Berliner Stadtteil Gesundbrunnen aus einen Fluchttunnel Richtung Osten zu graben. In einem Keller eines Wohnhauses direkt an der Bernauer Straße gruben sie sich zunächst neun Meter in die Tiefe, um dann unterhalb der scharf bewachten Grenzanlagen den Stollen Richtung Ost-Berlin voranzutreiben. Das Ziel war das grenznahe Haus Brunnenstraße 143 im Ostteil. Von dort aus sollten fluchtwillige DDR-Bürger durch den Tunnel in den Westen geschleust werden.

Tunnel wurde an die Stasi verraten

Die Tunnelbauer schlugen damals einen Bogen, um nicht mit der U-Bahn-Linie 8 zu kollidieren, wie Ulrich Pfeifer berichtet. Der heute 84-jährige Bauingenieur war für die Vermessung des Stollens zuständig. Nach neun Wochen fehlten nur noch wenige Meter bis zum Ziel. Trotz größter Sicherheitsmaßnahmen der Fluchthelfer - während der Grabungsarbeiten durfte keiner der Beteiligten die Baustelle verlassen - wurde der Tunnel an die Stasi verraten. Pfeifer vermutet, dass das durch Freunde oder Bekannte von Fluchtwilligen aus dem Osten geschehen sei. Im Februar 1971 suchten DDR-Grenztruppen das Gelände mit Ultraschallgeräten ab. Dann begannen sie, mit einem Bagger im Todesstreifen den Tunnel aufzugraben und zu verfüllen. "Damit war klar, dass unsere Arbeit mal wieder umsonst war", erinnert sich Pfeifer.

Nun führt ein neuer Besuchertunnel unter dem früheren Mauerstreifen zu den Resten des originalen Fluchttunnels. Mit der Freilegung sowie dem Bau des rund 30 Meter langen Besuchertunnels hatte der Verein Berliner Unterwelten vor zwei Jahren begonnen. Die Arbeiten seien überwiegend von Mitgliedern des Vereins in Hunderten ehrenamtlichen Stunden von Hand gemacht worden, sagte Vorstand Dietmar Arnold am Donnerstag in Berlin. Der Einstieg in den neuen Besuchertunnel befindet sich in etwa 7,5 Meter Tiefe in einem historischen Gewölbe der früheren Oswald-Berliner-Brauerei in der Brunnenstraße, das von den Vereinsmitgliedern ebenfalls freigelegt wurde.

Brennpunkt von Tunnelfluchten

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) eröffnete die neue Anlage unter dem Gelände der Gedenkstätte Berliner Mauer. An diesem Ort spiegele sich wider, "dass es diesen ständigen Kampf um Freiheit gab", sagte Müller.

Das Gebiet zwischen den Stadtteilen Gesundbrunnen in West- und Mitte in Ost-Berlin war den Angaben zufolge nach dem Mauerbau ein Brennpunkt von Tunnelfluchten von Ost nach West. Auf einer Länge von 350 Metern wurden die Grenzanlagen sieben Mal untertunnelt. Die meisten wurden zumeist durch Verrat von der Stasi entdeckt und zugeschüttet.

Sendung: Inforadio, 07.11.2019, 15 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    So ganz klarer Fall ist das nicht. Musst erstmal einen Moment nachdenken, ob ich das gleichsetzten würde - nein, tue ich nicht.

    Ein Staat der "plötzlich" geteilt und eingezäunt wurde, sodass Familien getrennt wurden.... da beurteile ich das Flüchten anders als Flucht über Kontinente / Ländergrenzen / Kulturgrenzen.

  2. 1.

    Heut zu Tage heißen Fluchthelfer Schlepper- oder Schleuserbanden und werden als Kriminelle abgeurteilt. Was dem Osten vorgehalten wird ist gleichzeitig Rechtsauffassung des Staates in dem wir leben.

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