Peter Barnikow am 20.09.2019 auf dem Golfplatz Wannsee nahe der ehemaligen Mülldeponie Wannsee. (Quelle: rbb|24/Caroline Winkler)
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Serie: 30 Jahre Mauerfall | Berlin, du bist dufte - Als es auf dem noblen Golfplatz zum Himmel stank

Jahrzehntelang zogen Wolken von Gestank über den gepflegten Golfplatz am Wannsee, denn West-Berlins größte Müllkippe lag direkt nebenan. Heute ist von den teilweise giftigen Industrieabfällen nichts mehr zu sehen oder zu riechen. Von Anne Kohlick

Peter Barnikow liebt den sanften Gummi-Geruch von Golfbällen. Der mehrfache Senioren-Meister ist Anfang 80 und seit Jahrzehnten Mitglied im Golf- und Landclub Berlin-Wannsee. Über das Gelände mit dem akkurat gestutzten Rasen fährt er im Golfcart, obwohl er gut zu Fuß ist und man ihm sein Alter kaum ansieht. Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Das war früher anders, erinnert sich Peter Barnikow: "Es hat gestunken, wie wenn man eine Mülltonne aufmacht und die Nase reinsteckt."

Peter Barnikow ist am Rand des Golfplatzes aufgewachsen. Ab 1944 wohnt er dort und erlebt das Kriegsende mit, als sich sowjetische Soldaten auf den Rasenflächen verschanzten. Nach der Teilung der Hauptstadt entsteht gleich nebenan in den 50er Jahren die größte Müllkippe West-Berlins - direkt an der Grenze zur DDR, die durch den Griebnitzsee verlief. Die eingeschlossene Stadt musste einen Platz finden, um ihren Abfall loszuwerden. In Gruben, wo vor dem Krieg Sand abgebaut wurde, sammeln sich bis zum Anfang der 80er Jahre an die 30 Millionen Kubikmeter Haus- und Industriemüll.

Ein stinkender Abenteuer-Spielplatz

Heute ist das Gelände bewaldet und auf Karten als "Hirschberg" eingezeichnet. Peter Barnikow kommt oft hierher, um zu walken: "Eine Runde um die ehemalige Deponie - das mag ich, weil man seine Ruhe hat. Kaum einer kommt hier lang." Als Jugendlicher war die Müllkippe für ihn wie ein stinkender Abenteuer-Spielplatz. Zwischen Lebensmittelresten und Industriemüll war immer etwas Interessantes zu finden.

"Wir Wannseer Jungs sind dort unterwegs gewesen, haben Antiquitäten gesammelt, alte Koffer und alles, was noch brauchbar war. Die Sachen haben wir entweder selbst benutzt oder verkauft." Der ehemalige Polizist erinnert sich an Schwärme von Möwen, die zur Deponie flogen, um im Abfall nach Futter zu suchen.

Peter Barnikow im September 2019 im Golf- und Landclub Wannsee. (Quelle: rbb|24/Anne Kohlick)Peter Barnikow ist am Rand des Golfplatzes aufgewachsen.

Die Deponie machte weiße Wäsche schwarz

Für viele Anwohner ist die Müllkippe ein Problem. Die Abendschau berichtet 1967 über den Gestank, der die Wannseer nicht schlafen lässt. Die weiße Wäsche, die sie zum Trocknen raushänge, werde schwarz, berichtet eine Frau. "Ich befürchte, dass unsere Kinder allmählich allergisch werden gegen diese Gerüche", sagt sie weiter, "sie bekommen Hautausschlag, neigen zu Bronchitis - das muss einfach aufhören." In den 70er Jahren wurde klar, dass auch giftige Industrieabfälle auf der Deponie gelandet sind - und nicht sachgemäß gelagert wurden. Ausgewaschen vom Regen gelangten Schwermetalle und Giftstoffe wie Halogen ins Grundwasser und in den angrenzenden Griebnitzsee. Trotzdem blieb die Müllkippe in Betrieb.

Erst in den 80er Jahren ließ der West-Berliner Senat den Abfallberg mit Schutt und Sand bedecken. Darauf wurden neue Bäume gepflanzt. "Aber die werden nie so hoch wie märkische Kiefern anderswo", sagt Peter Barnikow, als er die ehemalige Zufahrtsstraße der Müll-Lkw entlanggeht. Und auch die Wasserverschmutzung kann diese erste Abdeckung nicht stoppen: Laut einem Gutachten von 1995 fließen damals jährlich über 100 Millionen Liter belastetes Wasser aus der Deponie. Die Richtwerte für Arsen, Nickel oder Ammonium sind darin bis um das Sechsfache überschritten.

"Wir sind froh, den Verwesungsgeruch los zu sein"

Um die Menge an Regenwasser zu minimieren, die zum unterirdischen Müll gelangt, schichten die Berliner Stadtreinigungsbetriebe 2003/04 noch einmal anderthalb Meter Erde auf. Seitdem weht kein Gestank mehr zum Golfplatz hinüber. Eine große Erleichterung, nicht nur für Peter Barnikow: "Wir sind sehr froh darüber, diesen Verwesungsgeruch los zu sein." Zu weißen Handschuhen, polierten Golfschlägern und Turnieren mit hohen Preisgeldern machte er sich denkbar schlecht.

"Gefährdungspotenzial deutlich reduziert"

Nach Jahren der Debatten ist es inzwischen relativ ruhig geworden um die ehemalige Deponie Wannsee. Die Senatsumweltverwaltung betont auf Anfrage von rbb|24, "das Gefährdungspotenzial der Altablagerung" sei inzwischen "deutlich reduziert". Die Belastung des Grundwassers sei "nach Fertigstellung der Wasserhaushaltsschicht" rückläufig: "Lediglich in wenigen Schichtenwassermessstellen traten in den Jahren nach 2004 noch vereinzelte Belastungen durch Schwermetalle auf." Dass die Deponie die Umwelt weiter beeinflusst, sei aber weiterhin nachweisbar, teilt die Senatsumweltverwaltung mit. Man werde Bodenluft und Grundwasser rund um die ehemalige Müllkippe weiter überwachen.  

Auf dem Gelände blühen heute Schafgarbe, Goldrute und die letzten Margeriten. Es riecht nach Herbst - auch wenn Gasleitungen davon zeugen, dass der Müll unter der Erde immer noch verrottet. Aus einem Schornstein wabert Hitze. "Sehen Sie, da wird das Deponiegas abgefackelt. Aber man riecht es zum Glück nicht mehr", sagt Peter Barnikow. Dann steigt er ins Golfcart und fährt zurück auf den Platz. Ein paar Löcher sind heute noch dran.

Peter Barnikow am 20.09.2019 auf dem Gelände der ehemaligen Mülldeponie Wannsee. (Quelle: rbb|24/Carolien Winkler)

Ost- und West-Berlin rochen vor dem Mauerfall unterschiedlich. Viele dieser Gerüche sind heute verschwunden. "Berlin, du bist dufte" sucht nach ihren Spuren und erzählt, wie sich die Düfte der Stadt seit der Wende verändert haben.


Beitrag von Anne Kohlick

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2 Kommentare

  1. 2.

    Bin 10 Jahre direkt am Griebnitzsee zur Schule gegangen. Aus den zum See gelegenen Klassenzimmern konnte man die Müllwagen beim Entladen zusehen, nachdem die Halde höher als die Bäume war. Hat manche Ermahnung eingebracht. Das es aber Gestunken hat, kann ich nicht sagen. Das waren auch immer normale Hausmüllwagen.

  2. 1.

    Arme Golfer, mir kommen fast die Tränen.

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