Autorin Nadja Klier bei einer Lesung im Jahr 2012 © imago/Lars Reimann
Audio: Inforadio | 04.11.2019 | Nadja Klier | Bild: imago/Lars Reimann

Interview | Autorin Nadja Klier - "Als meine Mutter abgeholt wurde, ist was kaputtgegangen"

Gerade noch fest verankert in der DDR - plötzlich mitten in West-Berlin: Nadja Klier wurde 1988 mit ihrer Mutter, der DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier, ausgebürgert. Im rbb-Interview spricht sie darüber, wie sie den Bruch erlebt hat.

Im Jahr 1988 wurde die Mutter von Nadja Klier, die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier, aus der DDR ausgebürgert. Nadja Klier ist ein Teenager - 15 Jahre alt - als sie ihrer Mutter in den Westen folgt. Vor kurzem hat sie - inzwischen Fotografin, Filmproduzentin und Autorin - ein Buch über diesen Bruch in ihrem Leben geschrieben. Es trägt den Titel "1988 - Wilde Jugend".

rbb: Frau Klier, 30 Jahre ist der Mauerfall jetzt her. Es wird viel über Ost und West gesprochen, vor allem auch über Unterschiede. Sie sind ja aufgewachsen in Ost-Berlin, haben 15 Jahre lang die DDR erlebt - die meiste Lebenszeit aber im Westen verbracht. Fühlen Sie sich als Ossi oder als Wessi?

Nadja Klier: Ich fühle mich als Ossi, weil ich glaube, dass die ersten 15 Jahre die prägenden Jahre sind. Danach war ich zwar knapp zwei Jahre, bevor die Mauer aufging, in West-Berlin - da habe ich viel West-Berliner Leben mitbekommen. Aber es hat sich dann ja doch relativ schnell angeglichen. Unterschiede waren nicht mehr ganz so deutlich - optisch zwar schon, aber die Menschen haben sich ja durchmischt. Tief im Herzen bin ich Ostler.

In Ihrem Buch "Wilde Jugend" erzählen Sie tagebuchartig über Ihre wilde Jugend. Es geht um die Zeit Ende der 1980er Jahre, also die Zeit bis zur Ausbürgerung aus der DDR 1988 und anschließend im Westen bis zum Mauerfall. War diese wilde Jugend auch eine glückliche Jugend damals in der DDR? Mit einer Mutter, die Ihnen zwar viel Freiheiten ließ, aber auch viel weg war, viele Freunde hatte, die Berufsverbot hatte ...

Ja. Im Nachhinein würde ich unbedingt sagen: glücklich, trotz all dieses ganzen Stresses.

1988 wurde der Partner Ihrer Mutter, Stephan Krawczyk, verhaftet, wenig später ihre Mutter Freya Klier. Sie war Regisseurin, hat vorher auch geschauspielert - er hat Musik gemacht. Sie hatten Auftrittsverbote, sind aber durch Kirchengemeinden getingelt. Sie standen eigentlich  immer mit einem Bein im Knast. Sie hatten aber auch - wie so viele Bürgerrechtler - Vorsorge getroffen: Was ist, wenn uns was passiert? Was wird dann mit unseren Kindern? Sie hatten Vollmachten erteilt, damit das Kind nicht ins Heim kommt, dass sich dann Freunde kümmern. Bei Ihnen war es Ulrike Poppe. Bei ihr waren sie ein paar Tage, bis sie gemeinsam mit Ihrer Mutter ausgebürgert wurden - und von einem Tag auf den anderen wirklich alles verloren haben.

Haben sie diesen Ausnahmezustand, in dem sich ihre Eltern befanden - in dem Sie auch sich befanden - damals wirklich verstanden?

Ja. Als meine Mutter abgeholt wurde, war mir klar, dass irgendwas kaputtgegangen ist, dass sich irgendetwas ändert, was sich so nicht wiederherstellen lässt. Wo das hingeht - das wusste ich nicht. Ich war ja nicht in der Lage, mit knapp 15 Jahren zu erfassen, wie sich Staatsanwälte oder Politiker absprechen, um meine Eltern aus dem Land zu kriegen. Aber ich habe gemerkt, dass was anders ist.

Ulrike hat sich ganz toll um mich gekümmert. Auch meine Freunde haben mich unterstützt. Selbst vonseiten der Schule hat man plötzlich aufgehört, mich zu stressen. Es war irgendwie gedämpft, ganz merkwürdig.

Waren Sie da auch sauer auf ihre Mutter, dass sie Sie in so eine Situation gebracht hat?

Nicht zu der Zeit - das konnte ich gar nicht. Wir haben uns ja alle aneinander festgehalten. Das war wichtig, dass die Familie zusammenbleibt und sich hält.

Es hat gedauert, bis vor zehn Jahren mein Sohn Luis geboren wurde. Da ist viel hochgekommen. Da hab ich auch versucht, mit meiner Mutter zu sprechen, darüber, wie mein Leben hätte anders verlaufen können. Aber sie hat es ja nicht mit Absicht gemacht. Ich könnte mir vorstellen, dass sie selbst die Tragweite nicht gesehen hat. Dass sie einfach was verändern wollte und nicht wie viele andere einen Sicherheitsfallschirm im Hinterkopf hatte.

Sie beschreiben Ihr Leben vor dem Mauerfall ausgesprochen offen und schonungslos, berichten von Alkoholexzessen, Discobesuchen, Jungs. Wie schwer ist es Ihnen denn gefallen, das so aufzuschreiben? So ehrlich zu sein?

Gar nicht schwer. Es ist aus mir herrausgepurzelt. Wer mich kennt, weiß: Ich bin wahrscheinlich die ehrlichste Haut überhaupt. Das ist auch ein Nachteil, denn wenn mir etwas nicht passt, sieht man das schon auf 200 Meter Entfernung - und das kann anstrengend sein. Diplomatie ist nicht so mein Geschick. Ich glaube, man kann sowas nur mit einer ganz großen Ehrlichkeit machen.

Aber warum soll ich auch etwas verbergen - es ist ja alles so passiert. Und ich hab auch gemerkt: Wenn man Dinge zugibt oder sagt, dann gibt einem das Stärke und macht dich unangreifbar, denn du hast alle Karten auf den Tisch gelegt. Und wenn die anderen die Karten nicht lesen können, sag ich jetzt mal ein bisschen provokativ, dann ist das nicht mein Problem.

Für wen ist das Buch geschrieben?

Ich finde, das Buch ist geeignet für meine Generation und alle, die im Osten groß geworden sind, die sich also an Ähnliches erinnern. Vielleicht entdecken die, was bei ihnen verschüttgegangen ist - es gibt viele ähnliche Schicksale.

Gleichzeitig finde ich es toll für junge Menschen, für 15- bis 16-Jährige, die normalerweise etwas ganz anderes lesen - oder schnelle amerikanische Serien sehen. Aber in dem Buch redet ja jemand ganz ehrlich über sein Intimleben und seine Pubertät. Und vielleicht könnte das auch helfen zu sagen: Ja, man kämpft manchmal, das ist normal.

In den 30 Jahren seit dem Mauerfall wurde viel aufgearbeitet und sehr viel analysiert. Und dieses Jahr werden Geschichten erzählt - warum?

Weil sie noch nicht alle erzählt worden sind! So wie ich finde, dass auch noch nicht alle Geschichten aus dem Krieg erzählt worden sind. Leider, weil da auch politisch und gesellschaftspolitisch so lange ein Tabu draufgehalten wurde über diese ganze Depression. Es gab so viele depressive Menschen in den 1960er, 70er Jahren - Selbstmorde, weil die Kriegstraumata nicht verarbeitet waren. Und das in einem eigentlich so fortschrittlichen Staat, wo es auch soviel Geld gibt für psychologische Hilfe. Das habe ich auch vermisst.

Meine Oma ist jetzt 90 Jahre alt - und die erzählt jetzt endlich alles. Sachen, die immer unter Verschluss gehalten worden waren. Daran merke ich, dass es noch soviel aus den verschiedenen Dekaden zu erzählen gibt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Ulrike Bieritz, Redaktion Gesellschaft und Religion. Der Text ist eine gekürzte Fassung - das komplette Gespräch können Sie hören, wenn Sie auf den Audio-Button im Titelbild klicken.

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