Mathias Wolfram (Bild: M. Lengemann)
M. Lengemann
Bild: Audio: Inforadio | 09.11.2019 | Franziska Ritter

Mauerfall '89 - In Rekordzeit zum Unternehmer

Noch in der Nacht des Mauerfalls macht sich ein junger Ost-Berliner auf den Weg in den Westen. Mit einem geliehenen Lada und 5.000 D-Mark legt er den Grundstein für seine eigenes Geschäft: den ersten Kopierladen im Osten Berlins. Von Franziska Ritter

Als Günter Schabowski am 9. November 1989 verkündet, dass die Grenzen der DDR ab sofort geöffnet sind, erkennt Mathias Wolfram seine Chance. Er greift zum Telefonhörer und ruft einen Freund in Essen an. "Pass' auf, ich komme. Mach das klar, was wir besprochen haben!", sagt er ihm. Der Ost-Berliner will so schnell wie möglich über die Grenze, um sein eigenes Geschäft aufzuziehen: "Ich hatte schon gewisse Vorbereitungen getroffen - ohne zu wissen, dass die an diesem Tag und zu dieser Stunde eintreffen."

Den Plan Unternehmer zu werden, trägt der 25-Jährige aus der DDR da schon eine Weile mit sich herum. Ein paar Monate zuvor hat er Studenten aus dem Westen getroffen. Einer von ihnen bittet Mathias Wolfram, bis zum nächsten Tag einen Stapel Papier zu kopieren. Da erklärt der ihm, dass das im Osten nicht geht. So kommt der junge Mann auf seine Geschäftsidee: einen Kopierladen in der DDR eröffnen.

"Vertrau' mir! Ich bringe das restliche Geld, wenn ich die nächsten Geräte hole."

Als sich plötzlich die Mauer öffnet, ist der Moment da. Mathias Wolfram geht seinen Plan an: Er besorgt sich ein Auto, einen Lada Kombi mit Dachgepäckträger. Noch in der Nacht des 9. November rauscht er über die Grenze - vorbei an jubelnden Menschen aus Ost und West. Doch der junge Mann aus der DDR hat keine Augen dafür. In seinem Kopf gibt es nur ein Ziel: Er will so schnell wie möglich die Grundausstattung für seine Firma besorgen.

Im Portemonnaie hat er 5.000 West-Mark, die Anzahlung für fünf gebrauchte Kopierer. Die Scheine in der begehrten Währung hat er sich im Verwandten- und Bekanntenkreis organisiert. Im Ruhrgebiet angekommen macht er den Deal perfekt. Er drückt seinem Kontakt das Geld in die Hand und sagt: "Vertrau' mir! Ich bringe das restliche Geld, wenn ich die nächsten Geräte hole."

Was, wenn mich die Grenzer nicht zurücklassen?

Mathias Wolfram zerlegt die Kopierer, verstaut alles im Wagen und auf dem Dach. Dann fährt er zurück gen Osten. Doch als er sich der innerdeutschen Grenze nähert, bekommt er es mit der Angst zu tun. Was, wenn die Grenzer seine Kopiergeräte beschlagnahmen? Oder ihn nicht zurück in die DDR lassen? "Als ich losgefahren bin, hatte ich überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet“, erzählt er. "Aber ich bin überhaupt nicht angehalten worden, wurde einfach nur durchgewunken."

Als er ankommt, ist es Nacht. Mathias Wolfram fährt den vollgestopften Wagen in seine Garage und sichert die wertvolle Fracht mit einem zusätzlichen Schloss. Dann atmet er durch. Er hat es geschafft: Der Ost-Berliner hat den Grundstein für sein eigenes Unternehmen gelegt. Jetzt braucht er nur noch passende Räume. In seinem Mietshaus in Prenzlauer Berg ist eine Wohnung freigeworden. Der junge Mann spricht seinen Vermieter an und improvisiert. Er hebelt die Türen eines großen Schranks aus und legt sie auf ein Bett, obendrauf stellt er die Kopiergeräte.

Eine Schlange vom 2. OG bis vor die Haustür

Am 11. November steht er: der erste Kopierladen im Osten Berlins. Mathias Wolfram hängt Zettel in der Gegend aus. Bevor er seinen Laden zum ersten Mal aufschließt, will er noch Frühstücksbrötchen holen und einen Kaffee trinken. "Als ich zurückkam, stand da eine Schlange von Leuten, die gerne kopieren wollten." Ein Abzug kostet 50 Pfennig, die Leute rennen Mathias Wolfram die Bude ein.

Bürgerrechtler kommen zum Kopieren, Handwerker, Privatpersonen. Die Geschäftsidee des Ost-Berliners geht auf. In den folgenden Monaten macht er einen Laden nach dem anderen auf. Bald fragen ihn die Leute, wo sie Kopiergeräte kaufen können, auch Anrufbeantworter sind nach der Wende im Osten gefragt. Also steigt der Unternehmer ins Geschäft mit Bürogeräten ein.

Heute wird einem nichts mehr geschenkt

Heute zählt die Wolfram Unternehmensgruppe um die 30 Mitarbeiter, stattet Behörden und Großunternehmen mit Bürotechnik aus. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Firmenchef muss sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um im Wettbewerb zu bestehen - sei es digitale Archive anzulegen oder Firmenwebsites für Suchmaschinen zu optimieren. "In den Jahren nach dem Mauerfall war es noch ein entspanntes Arbeiten. Heute herrscht eine gewisse Aggressivität am Markt, es wird einem nichts mehr geschenkt", resümiert der Mittelständler.

Dennoch: Seine Blitzgründung anno '89 beflügelt ihn bis heute. "Jeder kommt mal in Situationen, wo es nicht mehr weitergeht", sagt er. "Man steht vor einer Mauer und muss darüber nachdenken, wie man darüber kommt oder dran vorbei. Und die Schnelligkeit, in der man seine Überlegung umsetzt, die ist oftmals - egal in welcher Lebenslage – entscheidend."

Beitrag von Franziska Ritter

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1 Kommentar

  1. 1.

    .. ja das hat sich gelohnt ,, genau zu diesem Zeitpunkt mutig zu sein...

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