Der Historiker Hanno Hochmuth am 23.09.2019 in der Ostberlin-Ausstellung im Berliner Stadtmuseum. (Quelle: rbb|24/Caroline Winkler)
rbb24/Caroline Winkler
Video: rbb|24 | Anne Kohlick, Caroline Winkler | Bild: rbb24/Caroline Winkler

Serie: 30 Jahre Mauerfall | Berlin, du bist dufte - Der Geruch der DDR steckt in einer Schublade

Ost-Berlin ist seit fast 30 Jahren Geschichte. Eine Ausstellung im Ephraim-Palais erinnert jetzt an die Hauptstadt der DDR. Historiker Hanno Hochmuth hat in einem Exponat den Geruch seiner Jugend wiedergefunden. Von Anne Kohlick

Ost- und West-Berlin rochen vor dem Mauerfall unterschiedlich. Viele dieser Gerüche sind heute verschwunden. "Berlin, du bist dufte" sucht nach ihren Spuren und erzählt, wie sich die Düfte der Stadt seit der Wende verändert haben.

Vorsichtig zieht Hanno Hochmuth die Schublade der alten Werkbank auf und steckt die Nase hinein. "Das riecht nach Öl, nach Schmierstoffen, nach altem Holz", sagt der Historiker. "Der Duft versetzt mich 30 Jahre zurück – ins alte Ost-Berlin." Bis Ende der 80er-Jahre stand die Werkbank in der Berliner Werkzeugmaschinen-Fabrik. Der VEB - volkseigene Betrieb - in Marzahn stellte Schleifmaschinen und Roboter her.

Jetzt ist die Werkbank Teil der Ausstellung "Ost-Berlin - die halbe Hauptstadt" im Museum Ephraim-Palais am Rand des Berliner Nikolaiviertels. Hanno Hochmuth, selbst Ost-Berliner, hat sie konzipiert – gemeinsam mit Kollegen vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Der Historiker beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Berliner Geschichte und ist gleichzeitig Zeitzeuge.

Ein Duft wie in der siebten Klasse

"Wenn ich diesen Schraubstock anschaue und die Werkbank rieche, muss ich sofort an meinen Unterricht in der DDR denken", sagt er. Verschiedene Fächer sollten die Schülerinnen und Schüler auf das Leben in der sozialistischen Produktion vorbereiten, erinnert sich Hanno Hochmuth. "Eins hieß ESP, Einführung in die sozialistische Produktion. Das hatte ich in der siebten Klasse, obwohl die Mauer bereits gefallen war, und ich wusste: Für mich wird es keine sozialistische Produktion mehr geben."

VEB Marzahn (Quelle: Fotografische Sammlung/Stadtmuseum Berlin)Die Berliner Werkzeugmaschinen-Fabrik in Marzahn stellte unter anderem Schleifmaschinen her.

Kultur und Arbeiterleben gehörten zusammen

In der Ausstellung erzählt die Werkbank vom Arbeitsleben in Ost-Berlin, das stark industriell geprägt war – "durchaus vergleichbar mit den Zeiten der Weimarer Republik", sagt der Historiker. Auf der Rückwand der Werkbank haben Mitarbeiter des VEB hunderte Eintrittskarten gesammelt und aufgeklebt. Hanno Hochmuth zeigt auf Tickets aus den 80er-Jahren für die Komische Oper, den Palast der Republik: "Das Kulturleben gehörte in der DDR zum Arbeiterleben in den Betrieben dazu."

Freizeit, Wohnen, Geschlechterbeziehungen – die Ausstellung zeigt auf drei Etagen ein facettenreiches Bild des Lebens in Ost-Berlin anhand von Fotos, Filmen und Erinnerungsstücken. Es geht weniger um die große Politik als um den Alltag. "Wir wollten eine Ausstellung machen, die die Erfahrungen der Ost-Berliner ernst nimmt", sagt Hanno Hochmuth, "die anknüpft an ihre Erinnerungen, auch auf der akustischen Ebene. Deshalb laufen hier im Museum zum Beispiel Songs von Helga Hahnemann."

Geruchserinnerungen werden wach

Ursprünglich hatten die Ausstellungsmacher darüber nachgedacht, auch typische Gerüche aus Ost-Berlin als Duftproben zu zeigen. Daraus ist nichts geworden. Aber manche Objekte lösen bei Hanno Hochmuth trotzdem Geruchserinnerungen aus. Er bleibt vor einem Gemälde von Brigitte Fugmann aus dem Jahr 1980 stehen: ein Blick über die Dächer der Häuser im Prenzlauer Berg.  

Der Himmel ist in grünlichen und rötlichen Tönen gemalt. “Ich sehe in den Pinselstrichen förmlich den schwefelhaltigen Geruch, den die Luft damals hatte – durch die vielen Kohleöfen und die Zweitakter-Motoren der Trabis.” Hanno Hochmuth vermisst diese Gerüche nicht. "Viele davon assoziiere ich heute mit Umweltverschmutzung. Wir können wirklich froh sein, dass unsere Stadt nicht mehr so stinkt."


Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren