Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) (Quelle: rbb|24)
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Audio: rbb 88.8 | 26.07.2019 | Interview mit Reinhard Naumann | Bild: rbb|24

Interview | Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann - Autofreier Ku'damm? "Ich bin für einen Versuch"

Kein Auto auf Tauentzien und Ku'damm? Das könnte sich der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf testweise vorstellen. Auch in seinem Bezirk geht es viel ums Wohnen - dafür würde Reinhard Naumann auch Wiesen und die Stadtautobahn bebauen.

Herr Naumann, die Bewohner ihres Bezirks haben ein bisschen das Image der Gutbetuchten. Stimmt das so?

In Teilen. Aber Charlottenburg-Wilmersdorf, die City-West, ist nicht nur Grunewald und Westend, sondern auch meine alte Heimat Charlottenburg Nord.

Das ist die Grenze nach Moabit. Und an dieser Heimat liegt Ihnen auch etwas. Sie haben da etwas gestaltet, um Menschen zu ehren, die mutig den Nazis entgegengetreten sind. Sie hätten dafür gerne auch ein bisschen mehr Öffentlichkeit.

Stimmt. Die frühere Hinrichtungsstätte Plötzensee, wo die Nazi-Barbaren wüteten und ihre politischen Gegner umbrachten, liegt im nordöstlichen Zipfel von Charlottenburg-Wilmersdorf. Das weiß kaum einer. Die nationale Gedenkkirche des deutschen Katholizismus - Maria Regina Martyrum - und zwei evangelische Kirchen sind dort. Die Straßen tragen Namen von mutigen Frauen und Männern aus dem Widerstand. Wir haben einen Pfad der Erinnerung aufgelegt und wünschen uns, dass mehr Leute kommen.

Die City-West wurde oft totgesagt und dann doch aufgewertet. Wie gut gelungen ist es? 

Der Aufschwung City-West ist eine Erfolgsgeschichte. Aber ich bin nicht nur zufrieden, weil dieser Aufschwung auch Risiken und Nebenwirkungen hat. Die Bodenpreise, das war absehbar, sind im Moment kaum noch bezahlbar, um bezahlbaren Wohnraum in der City West zu realisieren. Das drückt doch mächtig aufs Gemüt. Ansonsten sind wir gut unterwegs und wir freuen uns vor allem auch über die vielen internationalen Gäste aus nah und fern.

Sie sind Bezirksbürgermeister eines Bezirks, in dem es auch viel Eigentum gibt. Aber viele Menschen mieten auch. Ist der Mietendeckel aus ihrer Sicht eine gute Idee?

Er wäre jetzt dringend nötig. Es ist nicht der Weisheit allerletzter Schluss. Aber wir brauchen die Pause, um etwas Luft zum Atem holen.

Es gibt immer mal wieder die Idee, Ku'damm und Tauentzien autofrei zu machen. Was halten Sie davon?

Ich bin für einen temporären Versuch. Aber wir müssen auf jeden Fall die Anwohnerinnen und Anwohner mit auf die Reise nehmen.

Wir haben häufig gehört, die Kantstraße bräuchte einen Radweg. Wie sehen Sie das?

Ich könnte mir sogar viel radikaler vorstellen, die eine oder andere im Augenblick größere Magistrale ausschließlich im Innenstadtbereich für Fahrradfahrer zur Verfügung zu stellen. Kopenhagen hat es uns vorgemacht. Die bisherigen Planungen, die ich kenne, führen bisher nur aus Außenbezirken entsprechende Fahrradrouten in die Innenstadt. Ich wünschte mir da etwas mehr Mut. Letztlich ist klar: Der knappe Platz muss neu verteilt werden.

Es gibt rund um den Savignyplatz oder den Kudamm Geschäfte, die es sonst vielleicht nirgendwo gibt. Da sagen viele: Wir können das nicht mehr halten. Und dann kommen doch wieder große Ketten rein. Die Gewerbemieten kann man nicht deckeln, das wäre ein Bundesgesetz. Gibt es irgendwelche Möglichkeiten, daran zu drehen?

Wir sind seit langem in der City West unterwegs mit der Trias Wohnen-Leben-Arbeiten. Zum Arbeiten gehört auch diese kleinteilige Vielfalt, wo mitunter auch der Familienunternehmer, der Geschäftsinhaber persönlich noch hinterm Tresen steht. Unsere Ansage ist: Wir als Bezirk unterstützen die Initiative des Senats, auf Bundesebene in Sachen Gewerbegebieten zu neuen innovativen Lösungen zu kommen, um den Bestand zu halten. Aus Paris gibt's da kluge Vorschläge. Die Problematik gibt es auch in großen Städten wie Berlin, Köln, München und Frankfurt erleben. Es braucht noch etwas Power und Durchsetzungsvermögen auf nationaler Ebene.

Es gab ja den Streit über das Gelände rund ums Olympiastadion. Viele Anwohner sagen, wir brauchen kein Stadion, sondern mehr Wohnungen. Was sagen Sie dazu?

Als Hertha-Fan sage ich: Hertha muss in Berlin bleiben. Der Dialog wird fortgesetzt. Klar ist inzwischen, dass es nicht auf Kosten bewohnter Wohnungen gehen kann.

Aber Hertha in Brandenburg möchten Sie sich auch nicht vorstellen?

Das will zum Glück Hertha inzwischen auch nicht mehr. Und am Ende war es eine Drohkulisse. Selbst die Fans haben gesagt: Das können wir uns nicht vorstellen.

Der Autobahndeckel über das Dreieck Charlottenburg ist ein Thema: Wahrscheinlich kann man darauf keine Wohnungen bauen, weil das von der Statik zu teuer ist. Aber man könnte eine Grünfläche draufsetzen. Das ist erst mal reizvoll als Idee oder?

Die Durchquerung der Stadtautobahn durch die City West - eine Idee und Philosophie der 60er-Jahre - ist eine unerträgliche Belastung der Menschen, die unmittelbar dort wohnen. Es wäre also erstmal eine Entlastung für die Anwohnerschaft. Noch nicht abschließend verworfen ist, ob am Ende der Deckel nicht auch erweitert für Wohnungsbau denkbar ist. Grünfläche ist immer gut. Wenn wir zusätzliche Grünfläche sagen, müssten wir vielleicht umgekehrt auch darüber reden, ob nicht die eine oder andere Wiese in der City West mit bezahlbarem Wohnraum - Stichwort Cornelsenwiese - bebaut werden darf - ohne dabei jede Wiese zur unverzichtbaren Kaltluftschneise in Berlin zu erklären.

Wir wollen Grünflächen, aber wir wollen auch Wohnungen. Sie haben vielleicht auch Glück, dass Sie nicht so viele Brachen wie andere haben. Sie kämpfen diese Kämpfe auch, aber vielleicht nicht so viele wie Steglitz-Zehlendorf.

Wir haben zum Beispiel in Wilmersdorf-Schmargendorf das große Reemtsma-Gelände. Und es ist aktuell wieder die Frage aufgeworfen worden, warum werden da keine Wohnungen gebaut? Klare Ansage: Weil dieses Gelände vorgesehen ist für die weitere Entwicklung von Gewerbe. Wir brauchen auch Arbeitsplätze in der Stadt, nicht nur am Stadtrand. Stichwort Mobilität, kurze Wege. Deswegen halten wir daran fest, dass dieser Standort für neue Arbeitsplätze entwickelt wird.

Die Menschen, die im Bezirk wohnen, sind insgesamt recht zufrieden. Aber: Sie wollen es etwas sauberer haben.

Putzen tut ja nicht das Rathaus Charlottenburg, sondern es die BSR. Wir haben mit der AG-City, der Interessenvertretung der Geschäftsleute am Tauentzien und Ku'damm, eine Initiative, die auch nochmal zusätzlich eigenes Geld in die Hand genommen hat, um die Intervalle zu verdichten. Auch der Tourismus ist manchmal ein Problem. Wir erleben es auch in der Nutzung unserer innerstädtischen Parks nach dem Wochenende. Es ist erforderlich, dass Politik immer wieder nachsteuert. Aber das Müllproblem ist nicht nur bei der Politik abzuladen. Ich finde, jeder Einzelne von uns muss sich an die eigene Nase fassen und fragen: Kann ich vielleicht auch ein Stück weit selber zu mehr Sauberkeit durch ein entsprechendes Nutzungsverhalten auch bei uns in der City West beitragen?

Das Interview führte Ingo Hoppe für rbb 88,8. Der Text ist eine gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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90 Kommentare

  1. 90.

    "Beim Thema bleiben und nicht immer Leute angreifen. Das ist primitiv."

    Sie werfen mir genau DAS vor was sie exakt einen Satz vorher selbst tun? Ist das pathologisch bedingt oder Absicht?

  2. 88.

    Erstens hat hier jeder das Recht zu kommentieren. Zweitens war der Kommentar des Users weder prollig, noch primitiv. Drittens waren nur Sie beleidigend. Und sicherlich werden User, wenn Themen immer wieder neu aufkommen, dieselbe Meinung dazu haben. Das ist völlig legitim. Sie werden hier auch von einer Userin beklatscht, die permanent nur pöbelt und stänkert. Und auch zum Thema immer wieder Dasselbe äußert. Na und? Einfach nach dem Nick gucken und nicht mehr lesen, wenn es denn so schrecklich nervt^^ Achja: Beim Thema geblieben ist er auch. Es gibt kein "Recht auf Autofahren", wenn die Gesundheit der Bevölkerung immer mehr Schaden nimmt. Recht hat er. Lärm macht krank, Autos machen Lärm. Abgase machen krank...usw. Gute Nacht!

  3. 87.

    Haben Sie auch etwas zum Thema beizutragen? Eigentlich teilen Sie immer nur aus. War ja am Anfang ganz witzig, aber mal so ein klitzekleines Argumentchen wäre eine nette Abwechslung. Was kritisieren Sie an der Userin? Dass sie der Meinung ist, dass ein gesperrter Ku‘damm ein Segen wäre? Sehe ich genauso. Und viele Menschen in meinem Umfeld auch, wir sprechen viel über das Thema. Weniger Autos wären schon eine feine Sache.

  4. 86.

    Und wieder stänkern Sie nur. Mal etwas zum Thema zu sagen, außer das gebetsmühlenartige: " Ich fahr aber trotzdem Auto, weil ich das so will!"? Sie sind sehr aggressionsgesteuert. Daher werde ich nur noch auf Höflichkeit und Argumente reagieren. Übrigens zu allen Artikeln. Alles gut.

  5. 85.

    Stimmt, schließe mich an. Sobald dieser Kommentator irgendwo auftaucht ist die Stimmung und Diskussionskultur am Ende.

  6. 83.

    Endlich wieder eine unabhängige Fachfrau. Sprechen Sie jetzt für die Kufürstendamm-Anwohner oder für die anderen City-Regionen? Sie wohnen doch nur an einem Ort oder? Und wieder belehren Sie.

  7. 82.

    Lassen Sie doch endlich um al die Leute in Ruhe und hören Sie endlich auf, nur Ihre eigene Doktrin als die der Weisheit größten Löffel zu betrachten.
    Sparen Sie Sie Ihren Ökostrom und Kraft und halten Sie mal Ihre Finger still.
    Ihr Geprolle und ihr ständig gleiches Geleiere sind nervig.
    Beim Thema bleiben und nicht immer Leute angreifen. Das ist primitiv.

  8. 81.

    Muuuhh...Der KUH-damm heißt eigentlich Ku'damm, abgeleitet vom Wort Kurfürsten^^ In Brielow mag Ihre Einstellung ja klar gehen, aber autofrei in der Innenstadt ist für viele lärm- und gestankgeplagte Großstädter schon ein reizvoller Gedanke!

  9. 80.

    Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Abend. Eine gepflegte Streitkultur gehört dazu. Ich genieße gerade den schönen Regen und freue mich auch, im Grünen zu wohnen. Machen Sie es gut :-)

  10. 79.

    Wie wäre es mit einem Menschen Freien Kuhdamm, das würde den Geschäften noch mehr freuen & ist gut für die Umwelt dann ist die Luft bestimmt ganz sauber !! Leute Ihr spinnt!!

  11. 77.

    Tesla ist mal ne Ansage. Na geht doch :-) Ich wohne relativ ruhig und grün im eigenen Häuschen. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr^^ Früher war ich viel in Zehlendorf unterwegs. Schule, Freunde, Sportverein. Immer noch 'ne schöne Ecke! Danke für den Austausch, man konnte Frieden schließen. Schön :-)

  12. 76.

    Dann klagen Sie doch vor dem obersten Gericht....viel Spaß.
    Ansonsten wäre für Sie ein treffen mit Persönlichkeiten aus Fernost empfehlenswert, um mit ihnen über Zwänge und Verbote zu fachsimpeln. Ich fahre solange weiter.

  13. 75.

    Vielen Dank, YMMD :-) Hatte schon Sorge, die tägliche Dosis „Heike“ kommt heute nicht. Ist gut, fahren Sie mal schön. Es trifft irgendwann alle. Bis dahin genießen Sie Ihr Autochen ruhig noch!^^

  14. 74.

    "Nur weil es in Berlin gerade IN ist gegen Autos zu pöbeln, lasse mich nicht davon abhalten mein Recht in Anspruch zu nehmen Auto zu fahren."

    Irrtum! Es gibt KEIN Recht auf Autofahren, es gibt aber Rechte die Gesundheit, die Unversehrtheit und das Leben derer zu schützen, die sie mit ihrer Rücksichtslosigkeit gefährden. Lesen sie mal im GG nach.

  15. 73.

    Bitte. Wenn die KfZ Steuer verhundertfach wird um die tatsächlichen Kosten abzudecken die durch ihren Egoismus entstehen, nur zu.

  16. 72.

    Nur weil es in Berlin gerade IN ist gegen Autos zu pöbeln, lasse mich nicht davon abhalten mein Recht in Anspruch zu nehmen Auto zu fahren. Wenn ich in der City wohnen und Arbeiten würde, meinetwegen täglich 20 Minuten mit der U-Bahn fahren könne, würde ich auch nicht mit dem Auto fahren, aber eben in meiner Freizeit.
    Nur ich bin nicht die einzige auf der Welt, deswegen habe ich Verständnis für all de Autofahrer, die weite Wege und keine fußläufigen Distanzen haben. Fahrrad ist so eine Sache, ich kann es mir auf Arbeit nicht erlauben schmutzig zu erscheinen.
    Es ist ein Unding, dass jemand erstens anderen etwas vorschreiben will und zweitens die Philosophien anderer nicht kennt oder als Faulheit abtut.
    Und was ist schon das "Auto". Die Technik wird sauberer, die Menschen kaufen sich sauberere Modelle, und diejenigen die anderen den Dreck nicht unter den Fingernägeln gönnen, sind bei mir sowieso unten durch. Wir sind eine freie Stadt, dachte ich...

  17. 71.

    Und damit Sie vielleicht noch einen Sitzplatz im Bus ergattern und entspannt ankommen, fahre ich mit dem Auto noch entspannter zum Sport.

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