Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg am 25.06.2019 im Haus des Rundfunks (Bild: rbb|24/ Maria Kindling)
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Audio: rbb 88,8 | 25.06.2019 | Ingo Hoppe | Bild: rbb|24/Maria Kindling

Interview | Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann - "Friedrichshain-Kreuzberg ist ein Metropolen-Seismograf"

Zum Auftakt der Interview-Reihe mit den Berliner Bezirkschefs spricht Monika Herrmann über Friedrichshain-Kreuzberg. Sie sagt, warum der Tourismus ein zweischneidiges Schwert ist, was der Mietendeckel bringen könnte - und wo sie den Bezirk in zehn Jahren sieht.

rbb: Frau Herrmann, dass Sie in unserer Interviewreihe die erste sind, ist kein Zufall,  denn Sie sagen ja immer: Was in Ihrem Bezirk passiert, passiert dann irgendwann auch in der ganzen Stadt.

Monika Herrmann: So ist es. Man kann wirklich feststellen, dass Friedrichshain-Kreuzberg ein Metropolen-Seismograf ist. Berlin wird immer mehr zur Metropole - und was sich bei uns im Kleinen entwickelt, gilt bald fast überall in Berlin.

Das bedeutet dann, falls es eins zu eins kommen sollte: Bald haben wir überall in der Stadt Unmengen von Touristen, für die das der Sehnsuchtsort ist und die da feiern. Es sind schon ein bisschen viele für Sie, oder?

Ja, es sind ein bisschen viele. Visit Berlin versucht ja tatsächlich, die Außenbezirke attraktiv für Touristinnen und Touristen zu machen - was sie übrigens tatsächlich auch schon sind. Da gibt es dann wahrscheinlich einen anderen Schwerpunkt. Man versucht, sehr viel Rad-Urlaub zu verkaufen, grünes Berlin, Wasser in Berlin. Bei uns sind halt relativ viele Clubs. Wenn es die dann in Spandau, Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf und so weiter auch gibt, wird es dort ähnlich wie bei uns werden.

Sind Sie eigentlich noch ein bisschen stolz, dass die ganzen Touristen kommen? Oder eher genervt?

Das ist in der Tat ein zweischneidiges Schwert. Man darf nie vergessen, dass Tourismus ein großer Arbeitgeber in dieser Stadt ist. Natürlich ist man immer stolz und freut sich auch gerade als Berlinerin, dass die Menschen nach Berlin kommen. Aber dadurch, dass wir an vielen Ecken Hotspots sind, sind die Herausforderungen natürlich ganz besonders hoch.

Wir haben die Menschen gefragt: Was gefällt euch nicht im Bezirk? Viele haben gesagt, es sei zu dreckig...

Das ist in der Tat ein Riesenproblem - nicht nur bei uns, das erleben wir fast überall, aber besonders auch in der Innenstadt. Neukölln hat analoge Probleme wie wir. Das ist einerseits natürlich auch dem Tourismus geschuldet. Andererseits haben wir in dieser Stadt aber auch ein Stückchen immer mehr die Mentalität entwickelt: "Ist doch egal, irgendjemand räumt schon hinter mir weg." Verantwortung übernehmen kann natürlich auch ein Tourist. Aber gerade wir selbst müssen schauen: Wie gehen wir eigentlich mit unserer Stadt um? Wir haben eine gute Kooperation mit der BSR. Wir haben mehr Personal bekommen auch zum Kontrollieren, wo Müllecken sind. Aber so richtig Herr wird man der Menge nicht, wenn wir nicht selber tatsächlich ein bisschen mehr darauf achten, wie es in unserer Stadt aussieht.

Als ich angefangen habe zu studieren, hieß es: "Nach Kreuzberg kannst du ziehen -  da ist was los und das ist es noch billig." Billig ist vorbei. Das gilt für ganz Friedrichshain-Kreuzberg, weil es für viele ein Sehnsuchtsort ist. Erhoffen Sie sich Linderung vom geplanten Mietendeckel?

Ja, einerseits. Der Punkt ist: Klar, wir sind Sehnsuchtsort. Aber man darf auch nicht vergessen: Wir haben auch einen relativ hohen Altbaubestand - und das ist sehr attraktiv. Besonders dort entwickeln sich die Mieten in die Höhe, weil es natürlich auch tatsächlich sehr schöne Häuser sind. Nun weiß ich nicht, wann sie Student waren...

Ab 1988.

Da fing es allerdings auch schon an, dass man behutsame Stadterneuerung durchgeführt hat. Es ist ein bisschen bitter: Die Häuser, die früher keine Heizung hatten und so weiter, sind jetzt alle schön - und jetzt müssen die Leute, die sozusagen am Anfang eingezogen sind, ausziehen. Deswegen ist es wichtig, dass wir dem Spekulativen beim Wohnungsmarkt eine Grenze setzen. Die Wohnung darf nicht auf dem Markt sein, keine Ware, sondern wir müssen eher in die Richtung diskutieren, dass man ein Grundrecht auf eine Wohnung hat. Deswegen müssen wir da, wo es um Spekulation geht, dringend die rote Karte zeigen. Das können wir mit vielen unterschiedlichen Instrumenten machen - und natürlich auch mit einem Mietendeckel. Aber man muss natürlich auch im Blick haben, dass man jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet, dass die Genossenschaften et cetera, denen es gar nicht darum geht einen Gewinn zu machen, nicht einfach pauschal mitverarbeitet werden in dem Ganzen. Aber das Gesetz ist ja noch nicht da.

Viele Menschen, die bei Ihnen leben, haben uns auch gesagt, sie hätten gern mehr Ärzte. Es gibt ja ungemein viele, die Medizin studieren. Nur kommen die alle nach Friedrichshain-Kreuzberg?

Sie kommen auch nach Friedrichshain-Kreuzberg. Man muss aber auch hier leider das böse Wort Gentrifizierung in den Blick nehmen, weil nämlich auch die Mieten extrem steigen, auch für Arztpraxen. Die Gewerbemieten haben keine Regulierung - und da tobt sich der Markt heftig aus.

Müsste da der Gesetzgeber, also auch Sie, nochmal ran?

Wir sind kein Gesetzgeber. Der Bezirk kann keine Gesetze erlassen, das kann nur das Abgeordnetenhaus...

... aber Sie könnten es ja in den Senat spielen.

Ja, der Senat hat das schon in den Bundesrat eingebracht. Aber ob diese Bundesregierung das noch schafft, weiß ich nicht.

Zum Schluss eine Kristallkugel-Frage: Wo sehen Sie Friedrichshain-Kreuzberg in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass wir erfolgreich sind, was die Mieten und den Boom betrifft. Dann kann ich sagen, dass ein Teil der sogenannten Kreuzberger Mischung aus Menschen mit wenig Geld und Menschen mit viel Geld und vielen dazwischen, noch gemeinsam im Bezirk wohnen kann. Das macht es aus. Es macht auch den Mehrwert des Bezirks letztendlich aus: eine Vielfalt von unterschiedlichen Biografien. Ich bin mir sehr sicher, es wird ein Bezirk sein, der viel mit Vergemeinschaftungsprojekten arbeitet - sowohl was Mieten betrifft, als auch was die Arbeitswelt betrifft. Er wird weiterhin widerständig sein, da bin ich mir sehr sicher. Und, hoffentlich nicht nur im Bezirk, wird die Partizipation zwischen Politik und Bewohnerschaft noch einmal stärker sein. Da sind wir auf einem guten Weg, dass es enger miteinander verkoppelt wird: dass viele Initiativen eng mit dem Bezirksamt und mit der Verwaltung zusammenarbeiten. Dass nicht alles von oben nach unten geht und alle fünf Jahre darf man ein Kreuzchen abgeben, sondern dass wir gemeinsam den Bezirk gestalten. Das wird in den nächsten zehn Jahren sicherlich noch stärker werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ingo Hoppe für rbb 88,8. Der Text ist eine gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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13 Kommentare

  1. 13.

    Oh, jetzt geht es wohl eher um die Rechtschreibung, statt der Inhalte.
    Es ist schön, dass Sie vor 40 Jahren den Weg in unsere Stadt gefunden haben.
    Da zeigt man Dankbarkeit und findet das 'a'.
    Nun mag das ein Fehler sein, dass erklärt aber nicht die Regierungsunfähigkeit die Bürgermeisterin, die sich eher um ihr grünes Wählerklientel kümmert, statt sich mit dem ungreifenden Linksradikalismus auseinander zu setzen der Kriminalität und den Drogen den Kampf anzusagen.Von der grassierenden Clankriminalität ganz zu schweigen.
    Und Sie? Sie finden das "a' in Samariterstraße.

  2. 12.

    Sie sollte zu den Linken wechseln

  3. 11.

    Ich wohne schon über 40 Jahre in Berlin, hpts. in Kreuzberg, aber eine Samaritastr. kenne ich nicht.
    Samariter schon.
    Deswegen gehe ich auch davon aus, dass sie wahrscheinlich auch noch nie in Kreuzberg waren, es höchstens aus der Spezialpresse kennen.
    Deswegen wundert es mich auch nicht, dass sie so nen Quark daherschreiben.
    Mann bin ich froh, dass ich in Kreuzberg wohnen kann, da bleiben mir gottseidank so manche "Mitbürger" erspart.

  4. 10.

    Frau Herrmann gehört zu diesen Politiker die sich der Realität verweigern. Und sollte es mal nicht klappen, diese dann schön reden.
    Dreck, Drogen, Kriminalität und ein Hotspot linksradikaler Gewalt (brennende Autos, Überfall auf Krebskranke, permanente Angriffe auf die Polizei), Rigaer Straße, Liebigstraße, "Dorfplatz".
    Ja, Frau Herrmann hat etwas vorzuweisen: einen immernoch Grünen Wahlerfolg.

  5. 9.

    Die Kreuzberger Mischung wie sie es sich vorstellt, ist in ihrem Bezirk unerwünscht. Gutverdiener sind dort unerwünscht, besser bezahlte Arbeitsplätze geächtet. Kreuzberg war vor der Wende vor allem deshalb billig, weil es direkt an die Mauer grenzte. Viele Langzeitstudenten zog es dort hin, weil es billig war. Es fand schon in West-Berlin eine Entmischung statt. Wer es sich leisten konnte, zog später schnell weg.

    Auch heute noch kommen auf mehrere hundert Grundschüler nur sehr wenige Deutsch-Muttersprachler. Es hat sich an der damaligen Ghetto-Bildung bis heute wenig geändert. Im Gegenteil, die Alternative Liste möchte diese Verhältnisse zementieren. Ich vermute eher, dass die Angst vor kulturellen und Sorachoroblemen Ärzte davon abhält, sich dort niederzulassen. Andere Stadtteile sind teurer, haben aber keinen solchen Mangel.

    Mir graut davor, dass der Rest der Stadt sich so entwickeln könnte wie ihr Bezirk. Das wäre schade um Berlin - außer beim Berlkönig.

  6. 8.

    Es muss an der Hitze liegen. So,so ein Seismograph! Ich lach mich schlapp. In 10 Jahren schaut ganz Berlin also aus wie neben dem Görlitzer Park Streichelzoo. Was für ein Plan. Ein Riedending. Jippi! Da werden sich die Bewohner in Friedenau, Dahlem und Buch aber freuen ;)

  7. 7.

    Ich hoffe, dass Berlin nicht so wird wie der seit langem genug regierte Bezirk. Es wäre ein fatales Signal für die Demokratie, wenn die Volksvertrete in den BVV vin Zuschauern niedergeschrieben werden, Polizisten regelmäßig angegriffen werden, linksalternative Aktivisten Hausbesuche bei den Bürgermeistern machen sowie unliebsame Gebäude und Geschäfte gekennzeichnet werden.

  8. 6.

    Hätte gern von Frau Herrmann gewusst in weit das tolerieren von kriminellen Räumen im Bezirk, eine soziale und offene Gesellschaft fördern soll oder ob dies nicht eher dem organisierten Verbrechen oder den Rechten in DE als Negativbeispiel für Multi-Kulti dient? Bin persönlich für die Legalisierung von Gras, aber das Argument "es ist nur Cannabis" bei den gestiegenen Drogentoden in Berlin ist zynisch und die importierten harten Drogen, töten Menschen und Umwelt in den Herkunftsländer. Ursachen bekämpfen und so....

  9. 5.

    Zitat: " Man kann wirklich feststellen, dass Friedrichshain-Kreuzberg ein Metropolen-Seismograf ist. Berlin wird immer mehr zur Metropole - und was sich bei uns im Kleinen entwickelt, gilt bald fast überall in Berlin."

    Für mich wäre das eine gruselige Vorstellung. Aber zum Glück ist es nur eine Fatamorgana in den Gedanken von Frau H.!

  10. 4.

    Als Arbeitnehmer, der reichlich Steuern und Sozialabgaben zahlt, wünsche ich mir vor allem ein ruhiges Umfeld sowie sauberen und sicheren öffentlichen Raum.

  11. 3.

    1988 war Kreuzberg für nicht studierende Deutsche ein Unort direkt an der Mauer, bei dem man mit der eigenen Muttersprache nicht weit kam. Es hatten sich dort Ghettos herausgebildet. Deutschmuttersprachliche Schüler sind immer noch an machen Grundschulen nur im Promillebereich zu finden. Das wollen die Linksalternativen zementieren und wenden sich gegen besser bezahlte Arbeitsplätze und höherwertigen Wohnraum. Die Miete für die Arztpraxis dürfte ein wesentlich kleineres Problem sein als die, die das Ladengeschäft mit szenetypischer Kleidung zahlen muss. Eher fürchtet sich der Arzt vor sprachlichen oder kulturellen Problemen mit seinen potentiellen Patienten.

    Warum wurde eigentlich das Thema mit den kriminalitätsbelasteten Orten gemieden? Allein schon deshalb sollte man hoffen, das Xhain nicht Vorbild für den Rest der Stadt wird. Beim dort sehr beliebten Berlkönig gilt das schon eher.

  12. 2.

    Friedrichshain-Kreuzberg ist kein Metropolen-Seismograf, sondern zu großen Teilen ein Präkariats- und Kriminalitäts-Seismograf. Man kann sich die Situation natürlich auch schön reden. Frau Herrmann kann die vielen bunten Sauf-und-Feier-Touristen gerne bei sich im Bezirk behalten, samt der schlecht bezahlten Arbeitsplätze im niedrigqualifizierten Dienstleistungsgewerbe. Nicht jeder ist auf eine solche Einnahmequelle angewiesen. In Sachen "dreckige Stadt" möge Frau Herrmann bitte nicht von "wir" sprechen, wenn sie ihre Wählerklientel meint. Der Dreck kommt mitnichten nur von den Touris, sondern vor allem von den Präkariats-Bewohnern selbst.

  13. 1.

    Es KLINGT immer alles so gut, wenn sie es sagt - aber mit der wahrgenommenen und gefühlten Realität in Kreuzberg und Friedrichshain hat es mMn nichts zu tun. Zwei Stadtteile in Angst, in völliger Übervölkerung, in Armut und Elend und schamlosen Reichtum, alles dicht beieinander. Wo schon für den Erhalt von ALDI demonstriert wird und Frau Herrmann den Park nicht hinbekommt...

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