Michael Grunst, Bezirksbürgermeister von Lichtenberg am 28.06.2019 im Haus des Rundfunks (Bild: rbb|24/Marat Zakirov)
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Audio: rbb 88.8. | 02.07.2019 | Interview mit Michael Grunst | Bild: rbb|24/Marat Zakirov

Interview | Bezirksbürgermeister Michael Grunst - "In Lichtenberg geht der Trend zum Drittkind"

Seit 2016 ist Michael Grunst Bezirksbürgermeister in Lichtenberg. Der Bezirk boomt, vor allem Familien zieht es hierher. Ganz konfliktfrei ist das nicht. Michael Grunst über Mieten, den Streit um die Rummelsburger Bucht und das Altwerden in Lichtenberg.

rbb: Herr Grunst, Lichtenberg hat einen großen Image-Wandel vollzogen. Vom – hart ausgedrückt – Neonazi-und Stasi-Bezirk zum Familienbezirk und zur Boomtown: Wie haben Sie und Ihre Vorgänger das geschafft?

Michael Grunst: Seit 1990 wurde daran gearbeitet, Lichtenberg attraktiv zu machen. Wir haben uns gesagt: Wir wollen ein familienfreundlicher Bezirk werden und haben viel investiert in Kitas und Schulen. Auch die Bürgerbeteiligung haben wir massiv vorangetrieben. Das alles trägt zum Imagewandel bei.

Dass Lichtenberg familienfreundlich ist, liegt vermutlich auch daran, dass es hier noch bezahlbaren Wohnraum gibt!  

Wir haben ein stabiles preiswertes Mietniveau in Lichtenberg, weil zwei Drittel des Wohnungsbestandes in kommunaler oder genossenschaftlicher Hand sind. Gleichzeitig geht der Trend in Lichtenberg inzwischen zum Drittkind. Und: Die Leute werden immer älter. Offensichtlich wird man gerne in Lichtenberg alt. Das ist einfach nur dufte!

In der Irenenstraße hat der Bezirk erstmals das Vorkaufsrecht ausgeübt. Ist das Ihr Zeichen für den Kampf um günstige Mieten?

Ja klar. Gerade in Gebieten wie Kaskelkiez und Weitlingkiez haben wir enormen Druck. Die Leute zahlen teilweise weit über 30 Prozent des Einkommens für ihre Wohnung. Diese Gebiete haben wir zum Milieuschutzgebiet erklärt. Und in der Irenenstraße haben wir erstmals gesagt: Wir ziehen das Vorkaufsrecht.

Wir haben die Menschen im Bezirk gefragt, was ihnen nicht gefällt. Fehlende Parkplätze wurden häufig genannt. Nun sagt Ihre Kollegin Frau Herrmann aus Friedrichshain-Kreuzberg: Der Autoverkehr muss weg. Doch die Menschen wollen Parkplätze. Was sagen Sie ihnen?

Viele Menschen brauchen das Auto aus beruflichen Gründen. Ich glaube, ein Mix macht Sinn. Ich kriege die Leute nicht vom Auto weg, indem ich nur Radwege baue. Wir brauchen einen leistungsfähigen starken öffentlichen Nahverkehr, das ist das A und O. Dann wird es auch klappen mit einer modernen Mobilität in dieser Stadt.

Kritisiert wurden auch fehlende Einrichtungen für Jugendliche.

Wir haben 44 Jugendeinrichtungen in Lichtenberg und geben dafür fünf Millionen Euro pro Jahr aus. Das ist gut angelegtes Geld. Wir wissen aber auch, dass wir im Süden Lichtenbergs, in Rummelsburg und Karlshorst, wo wir den größten Bevölkerungszuwachs haben, Jugendeinrichtungen brauchen. Dafür werden wir im nächsten Haushalt die Voraussetzungen schaffen.

Die Bebauung der Rummelsburger Bucht war ein Riesenthema: Gewerbeflächen und Wohnungen wurden ausgewiesen. Einige sagten: Wow, Lichtenberg ist Boomtown! Aber es gab auch Proteste, selbst aus Ihrer Partei, Die Linken. Es hieß, das sei eine Ohrfeige für alle, "die sich tagtäglich für ein anderes, demokratisches, alternatives, buntes und soziales Berlin einsetzen".

Der Bebauungsplan in Rummelsburg hat 27 Jahre gedauert, und wir hatten eine Bürgerbeteiligung, die seinesgleichen in dieser Stadt sucht. Am Ende sind wir zu einer Entscheidung gekommen. Diese beinhaltet auch, dass wir 180 Kita-Plätze schaffen, eine Schule und 170 kommunale Wohnungen. Dafür wird sich der Bürgermeister nicht entschuldigen. Es ist völlig klar, dass es Diskussionen gibt um bestimmte Gewerbeflächen, etwa Coral World. Die Rummelsburger Bucht, so wie sie jetzt in den restlichen Facetten bebaut wird, ist eine gute Lösung. Ich hätte mir gewünscht, dass die ganze Rummelsburger Bucht so locker gebaut bebaut wird, dass man dort auch gerne verweilt.

Apropos Neubau: Lichtenberg hat Zuzug, braucht mehr Platz. Haben Sie den?

Selbst Lichtenberg kommt hier an seine Grenzen. Natürlich diskutieren wir bestimmte Verdichtungen in der Stadt: Was in Lichtenberg ein Innenhof ist, ist in der Innenstadt ein Park. Und wir gucken natürlich, dass wir in den Innenhöfen – so waren sie damals auch angelegt – Infrastruktureinrichtungen reinkriegen und hier und da auch eine Wohnung. Das bringt harte Diskussionen mit sich. Aber wir werden diese Diskussion führen. Und wir werden das natürlich so gestalten, dass man auch in 20 Jahren noch gerne in Lichtenberg aus dem Fenster guckt.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung vom Senat oder läuft alles rund?

Wir sind auf einem guten Weg mit dem Senat. Was ich momentan schwierig finde, ist die Verkehrsproblematik in der Stadt. Als Bürgermeister eines Bezirks, der nicht im S-Bahnring liegt, hat man den Eindruck, dass die Verkehrssenatorin vor allem innerhalb des Rings Politik macht. Ich wünsche mir, dass ein stärkeres Gewicht darauf gelegt wird, den ÖPNV zu stärken.

Aber sie wünschen sich nicht, dass alle ihr Auto abschaffen?

Ich mache es nicht über die soziale Ausgrenzung. Das unterscheidet mich von der Verkehrssenatorin, die über Nahverkehrsabgaben und teure Parkhäuser sozusagen selektieren möchte. Das ist nicht der vernünftige Weg. Ich denke, ein attraktiver ÖPNV ist der richtige Weg, die Leute vom Auto wegzukriegen.

Wo soll ihr Bezirk in zehn Jahren stehen, wie sehen Sie die Zukunft?

Wir arbeiten hart daran, dass jedes Kind einen Kita-Platz und eine gute schulische Ausbildung bekommt. Wenn jedes dritte Kind in Haushalten wohnt, wo Transferleistungen gezahlt werden, ist das wichtig, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Und ich wünsche mir natürlich, dass die Menschen noch gerne in Lichtenberg wohnen, und dass die Mieten so sind, dass sie es auch bezahlen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ingo Hoppe für rbb 88,8. Der Text ist eine gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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