Der Pankower Bürgermeister Sören Benn (Die Linke) (Quelle: rbb/ Michel)
Video: Abendschau | 21.07.2019 | Sylvia Wassermann | Bild: rbb/ Michel

Interview | Pankower Bezirksbürgermeister Sören Benn - "Früher waren Kieze stärker durchmischt"

Wie viel Wahrheit steckt in den Klischees über den Prenzlauer Berg? Kommt ganz drauf an, wo man hinsieht, meint Sören Benn. Im rbb-Interview spricht der Bezirksbürgermeister von Pankow über Müllberge, Eintritt für den Mauerpark, fehlende Kitas und den BER.

rbb: Herr Benn, Pankow hat mit 400.000 Einwohnern die meisten in ganz Berlin. Zudem wächst Ihr Bezirk stark. Wie nehmen sie das Wachstum wahr?

Sören Benn: Natürlich sind damit Wachstumsschmerzen verbunden, aber lieber wachse ich, als zu schrumpfen. Das führt zu einer wesentlich größeren Vielfalt an Menschen in Pankow und tut dem Stadtbezirk sehr gut.

Deutschlandweit ist der Prenzlauer Berg nicht gerade als vielfältiger Stadtteil bekannt, vielmehr für seine reichen Prenzlauer-Berg-Eltern.

So homogen ist der Prenzlauer Berg gar nicht, wie er von außen wahrgenommen wird. Wenn man mal in die Kieze geht, sieht man auch normale Leute. Aber ich gebe zu, die hohen Mietpreise und die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen haben dazu geführt, dass ähnliche Menschen in der Nachbarschaft wohnen. Das tut der sozialen Struktur nicht gut. Das wird sich rächen, wenn nur Menschen einer Generation dort leben und 60 bis 70 Jahre alt werden.

Stören Sie die Klischees über den Prenzlauer Berg?

Die Leute meinen alle, sie kennen den Prenzlauer Berg und wüssten, was hier los ist. Die Klischees gleichen sich mit der Realität nur in Teilen. Wenn Besucher die unterschiedlichen Kieze sehen, sind sie überrascht. Das finde ich schon manchmal lustig. Trotzdem ist die akademische Mittelschicht die dominierende.

Der Prenzlauer Berg vor dem Mauerfall sah ganz anders aus: durchgemischt, viele Arbeiter, teilweise bröckelte der Putz von den Häuserwänden. Das neue Lebensgefühl kann für Alteingesessene befremdlich sein.

Natürlich ist es befremdlich und es passt nicht zu Berlin. Früher waren Kieze stärker durchmischt – in allen 96 Ortsteilen. So begegneten sich alle sozialen Milieus in irgendeiner Art und Weise. Zur Berliner Lebensart gehört, dass man sich nicht separiert, sondern sich miteinander humorvoll berlinerisch aushält und das auch gerne macht. Das geht langsam verloren.

Viele Menschen in Pankow beschweren sich darüber, dass es in Ihrem Bezirk zu wenige Kita-Plätze gibt.

Wir können nicht überall, wo Kinder wohnen, unmittelbar Kita-Plätze anbieten. Das kann bei Eltern zu ernsthaften Problemen führen, wenn Arbeitsstelle und Wohnort zu weit von Kitas entfernt sind. Als meine Tochter 2001 geboren wurde, habe ich mich auch geärgert, nicht früh genug nach einem Platz gesucht zu haben.

Der Mauerpark vermüllt regelmäßig. Es gibt die Idee, Eintrittsgeld zu verlangen. Sie sind ein Gegner dieser Idee. Warum?

Im Park Weißensee hatten wir ein ähnliches Müllproblem. Das haben wir gelöst, weil die Berliner Stadtreinigung dort nun sauber macht. Zäune sind für mich das letzte Mittel. Zu jeder Tag und Nachtzeit sollen die öffentlichen Grünanlagen betretbar sein – ob Liebespaare, die sich nachts dort herumtreiben oder Jugendliche, die ihre bestandenen Abiturprüfungen feiern.

Sie setzen sich für den Erhalt der Grünanlagen Elisabeth-Aue im Norden ein. Aber Berlin braucht dringend mehr Wohnungen. Das Thema Nachverdichtung ist in Pankow immer wieder im Gespräch. Was ist ihnen wichtiger, freie Grünflächen oder neue Wohnungen?

Wie in vielen Wohngebieten hat man zu viel zu schnell gebaut. Das provoziert die Bewohner eines Kiezes. Ich setze mich für eine behutsame Bebauung ein. Wir brauchen dringend einen Platz  für eine neue Schule in Französisch Buchholz. Ich sehe keinen anderen Platz als am Rand der Elisabeth-Aue. Bevor wir für weitere Nachbarn in Pankow sorgen, werden wir die Verkehrs-Infrastruktur ausbauen. Sodass bis zu 15.000 mehr Menschen auch ohne ein Auto gut in die Innenstadt kommen.

Über Pankow fliegen ständig Flugzeuge, die in Tegel landen. Wissen Sie, wann die Pankower vom Fluglärm erlöst werden und der BER eröffnet?

Es gab schon so viele Eröffnungstermine. Ich rate allen, sich darauf vorzubereiten, dass der neue Flughafen nie eröffnet werden könnte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ingo Hoppe für rbb 88,8. Der Text ist eine gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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21 Kommentare

  1. 21.

    Sören Benn ist eine absolute Fehlbesetzung. Das zeigt die Müll- und Lärmposse um den Mauerpark. Hier werden seitens des Bezirks Pankow und seitens des Königs Benn Gesetze gebeugt und gebrochen. Zu Lasten der Anwohner, zu Lasten der Natur. Zugunsten eines absolut rücksichtslosen Partyvolkes und der Touristen, die jedes Wochenende über den verdorrten und vermüllten Mauerpark einfallen. WEr profitiert davon? Der Fressbudenflohmarktbetreiber, der Karaoke Joe, der gut Kohle macht, die Betreiber des Ausflugslokale in den Baracken dort, die natürlich alle ihre Goldgruben verteidigen wollen.

    Herr Benn, Sie sind ein unverantwortliches Relikt aus früheren Tagen, treten Sie zurück oder geben Sie die Fläche ab.

  2. 20.

    A. FolkeBerlin PrenzlbergFreitag, 19.07.2019 | 13:37 Uhr:
    "KOMISCH, kein Wort zur Vermüllung ganzer Straßen, ... Nichts zu steigender Kriminalität, zu Einbrüchen und Überfällen in der Nachbarschaft, Diebstählen in Supermärkten, fehlenden, ordentlichen Fahrradspuren,"

    Da hat aber jemand eine Horrorgeschichte gelesen, statt sich die Realität anzuschauen.

    "Vermüllung ganzer Straßen"???
    Wo???

    "steigende Kriminalität", "Einbrüchen und Überfällen in der Nachbarschaft"???
    Das alte Märchen: Es wird alles schlimmer. Früher war dagegen alles besser, da gab es keine Kriminalität.

    "Diebstähle in Supermärkten"?
    Die gab es schon immer und gibt es überall.

    "fehlenden, ordentlichen Fahrradspuren,"
    Hier in der Greifswalder Straße werden gerade neue Fahrradspuren aufgemalt.

  3. 19.

    Sehen'se... Nach Pankoff kommt Spandoff... ;-)

    https://www.rbb24.de/politik/thema/2019/bezirksbuergermeister/beitraege/spandau-helmut-kleebank-spd-interview-berlin.html

  4. 18.

    Japp - unterschreibe ich - Spandau ist vielfältig und wird auch interessant für Spekulanten"deppen".
    Allein in der Wasserstadt kann man sich als Normalverdiener kaum noch was leisten - ist Eiswerder nicht auch schon in der Hand von Eigentümern?
    Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als man dort von Gartenfeld die Abkürzung fahren konnte und das Gelände geprägt von Werften und Industrie war. Ich fands dort immer geheimnisvoll und komisch zugleich.
    Die Kieze dort werden auch langsam umgekrempelt - leider.

  5. 17.

    Spandoff! Und für alle die den kleinen Gag über Adenauer nicht kennen, in Spandau BEI Berlin. ;-)

    Spandau ist ein Mikrokosmos. Wir haben viel Wald und Wasser, wir haben nobel bis Kriminalitätsschwerpunkte, wir haben Einflugschneise.

    Wir haben die besten Beispiele für eine völlig verfehlte Stadtentwicklung (Wasserstadt) und Verkehrspolitik (Anbindung derselben mit der neuen Daumstraße, Charlottenburger/Spandauer Damm, Am Juliusturm/Nonnendammallee,...).

  6. 16.

    1:1 - ist angenommen und eingesehen.
    Ja, leider breitet sich das Phänomen immer weiter aus. Sicherlich war und ist Berlin sxhonuimmer eine Stadt im und mit Wandel. Aber wie es sich seit den letzten Jahre entwickelt hat, ist tatsächlich nicht besonders ermutigend und lässt mich immer mehr mit dem Gedanken des Wegzuges spielen.
    Aber Spekulanten hätten keine Chance auf die frei werdende Wohnung, denn es ist eine Genossenschaftsbude - und die ist für Pankower Verhältnisse richtig günstig. Jedoch ist machen sich hier auch immer mehr Fewo's breit, es ist unschön.
    Welcher weitläufige Kiez, bzw Bezirk ist es bei Ihnen, wenn ich fragen darf?

  7. 15.

    Okay. Ich bin kein Pankower aber mein Bezirk kommt sicher noch dran. Wir haben hier ähnliche Probleme.

    Darf ich sie daran erinnern wer TXL in's Spiel gebracht hat? Oder was sie darauf geantwortet haben?

  8. 14.

    Raten Sie mal, welches die Orte mit den höchsten Temperaturen sind. Tipp: Zwei davon waren bzw. sind auf den passenden Karten mit vier Buchstaben gekennzeichnet.

  9. 13.

    Bleiben wa ma beim Thema der Kieze, okay? Wie stehen Sie denn dazu, anstatt immer wieder die Gebetsmühle BER vs. TXL zu drehen?

  10. 12.

    "...da dies die Mieten und Preise im Zaume hält." Da sind sie doch haargenau auf die Lügen der TXL Jünger inkl. der Billigairline mit angeschlossener Partei hereingefallen. Das ist nachweislich Blödsinn aber es sind viele darauf hereingefallen, ich erinnere mich noch genau an Interviews die am Kutschie gedreht worden sind.

  11. 11.

    Bei dem Interview hat man den Eindruck, es gehe um Wilmersdorf. So langweilig klingt es.

    Liest man nur die Kommentare, könnte es sich um einen Artikel über die Eröffnung des BER handeln.

    Seltsamerweise ist es aber ein Interview mit dem Bürgermeister von Neu- Schwabstein :-)

  12. 10.

    Na ja, ich wohne direkt unter dem den Fliegern in Pankow, bin also einer der von Betroffenen. TXL hat Akzeptanz, mehr als gedacht bei den Bewohnern der Schneise, da dies die Mieten und Preise im Zaume hält.
    Viele hier wollen den Weiterbetrieb, hat also nullkommanix mit der FDP oder sonstigem Parteiengedöns zu tun.
    Das nur am Rande, Thema ist ja die Gentrifizierung der Kieze und da ist leider viel kaputt gemacht worden, darüber können die Hipstereltern nicht hinwegtäuschen, denn es gibt keine Durchmischung mehr, ausser in einigen kleinen Kiezen, die durch Genossenschaften oder soziale Wohnbauten in Pankow geprägt sind. Da ist die gesundes Mischung vorhanden, aber zwei Straßen weiter ist Ende, da siehste nur noch durchgestylte schicke Autos und Menschen, da fällt jeder nicht so situierteu, sprich Normalbürger auf und wird schon mal schräg angeschaut.

  13. 9.

    KOMISCH, kein Wort zur Vermüllung ganzer Straßen, obwohl dort Spitzenmieten zu zahlen sind. Nichts zu steigender Kriminalität, zu Einbrüchen und Überfällen in der Nachbarschaft, Diebstählen in Supermärkten, fehlenden, ordentlichen Fahrradspuren, einer funktionierenden Verwaltung, die sich als effizienter Servicedienstleister versteht, und und und. Offenbar ist dieser Bezirk auf dem Weg nach Neukölln: Mieten rauf, Qualität runter. Berlin nivelliert sich. Und Journalisten sollten schon mal etwas härter nachfragen!

  14. 7.

    Aha, der FDP Plan durch die Hintertür. 300.000 vom Flugterror Betroffene haben ein Anrecht darauf dass die Politik ihre Versprechen einlöst. Ansonsten wird eine Klagewelle kommen, wie sie Berlin noch nicht erlebt hat.

    Begrabt die cDU Entscheidung BER und baut endlich in Sperenberg!

  15. 6.

    Zur Vita von Herrn Benn:
    Bezirksbürgermeister wurde er am 27. Oktober (nicht August) 2016
    https://www.berlin.de/ba-pankow/aktuelles/pressemitteilungen/2016/pressemitteilung.528256.php

  16. 5.

    Würde Tegel so betrieben werden, wie es vor der Schließung von THF und der Kastration von SXF von zwei auf eine Bahn und damit die Halbierung der Kapazität von 6 auf 3 Bahnen und damit die Konzentration der Verkehre fast nur auf Tegel und damit einhergehend durch die geschickte politische Lenkung der Ablehnung des TXL in der Bevölkerung, würde die Akzeptanz allemal bestehen.
    Sollte der BER jemals ans Netz gehe, wäre TXL mit striktem Nachtflugverbot von 21-7h durch denkbar für kleinere Maschinen, Rettungs-und Behördenverkehre als Sonderlandeplatz mit einer Bahn.
    Damit würde auch eine Kaltluftschneise erhaltene bleiben, die nicht bebaut würde.
    Und was die Kieze angeht, ist die Entwicklung komplett verpennt worden, da ist doch kaum noch was zu retten. Rendite sei dank.

  17. 3.

    Nahverdichtung oder Nachverdichtung?

  18. 2.

    "Über Pankow fliegen ständig Flugzeuge, die in Tegel landen. Wissen Sie, wann die Pankower vom Fluglärm erlöst werden und der BER eröffnet?" - Eine Frage, die hunderttausende Pankower täglich betrifft. Ich kann nur hoffen, dass der BER so schnell wie möglich in Betrieb geht, damit Tegel endgültig und auf alle Ewigkeit geschlossen werden kann!

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