Helmut Kleebank (Quelle: rbb)
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Audio: rbb 88.8 | 22.07.2019 | Interview mit Helmut Kleebank | Bild: rbb

Interview | Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank - "Wer es länger als drei Jahre in Spandau schafft, der bleibt"

Spandau ist Wohnort für Millionäre und sozialer Brennpunkt, grüne Idylle und Industriestandort. Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank sagt im Interview, wie Spandau diese Gegensätze aushält und warum es sich lohnt, dem Bezirk eine Chance zu geben.

rbb: Ist Spandau ein unterschätzter Bezirk?

Helmut Kleebank: Ja, in weiten Teilen. Wir stellen immer wieder fest, dass die Menschen, die das erste Mal in Spandau sind, erstaunt sind, wie schön es ist mit viel Wasser, viel Grün, guten Lebensverhältnissen. Von daher stimme ich Ihnen zu.

Spandau ist ja noch relativ günstig. Das heißt, Sie haben Zuzug von Leuten, die den Bezirk gar nicht so als erste Idee hatten, sich das dann ansehen und dann feststellen "Ah gefällt mir!" Ist das ein Zuzug, der sie freut oder sind Sie ein bisschen gekränkt?

Ich freue mich mich, wenn die Menschen die Qualitäten Spandaus nach und nach entdecken, und ich sage immer: Das ist die Drei-Jahres-Grenze. Wer es länger als drei Jahre in Spandau schafft, der bleibt auf Dauer, alle anderen ziehen vorher wieder weg. Von daher müssen wir uns damit arrangieren, dass es diese große Fluktuation und Dynamik in der Stadt gibt. Die betrifft auch Spandau. Das betrifft den Zuzug aus der Stadt Berlin selbst. Das betrifft aber auch den Zuzug von außerhalb.

Warum ziehen einige weg? Was gefällt diesen Leuten nicht?

Es ist manchmal die Randlage. Manchen ist es dann doch irgendwie zu still. Wir haben auch selbst in unserer Altstadt nicht die Dynamik und nicht das Treiben von Prenzlauer Berg  - wollen wir wahrscheinlich im Übrigen auch nicht haben. Das ist auch nicht für jeden was. Mancher will näher an der großen Kultur sein. Wir in Spandau haben ein sehr ausgeprägtes Kulturleben, aber es ist eben nicht die High-End Kultur.

Dann reden wir über die verschiedenen Spandauer Kieze. Da gibt ja durchaus ein paar, wie Gatow, da leben Millionäre. Und dann haben Sie ja auch Gebiete, rund um die Heerstraße zum Beispiel, die nicht so reich sind. Der Unterschied in Spandau ist schon relativ groß, oder?

Wir decken sozusagen das gesamte Spektrum ab, da haben Sie völlig Recht. Auch im Sozial-Atlas belegen wir mit die vordersten aber auch mit die hintersten Plätze. Diesen Spagat müssen wir tatsächlich aushalten. Das zeigt sich auch immer, wenn es beispielsweise darum geht, wie bezirkliche Mittel verteilt werden. Wir haben gerade in den ärmeren Gebieten der Bevölkerung, die es nicht so gewohnt ist, für ihre eigenen Rechte auch Forderungen zu erheben und sich einzusetzen. Das passiert im Süden Kladows dann schon mal eher. Da gibt es eine Bürgerschaft, die sehr engagiert ist und sich natürlich auch um ihre Belange kümmert.  Und diese Diskrepanz müssen wir versuchen, einigermaßen gerecht zu lösen. Ich glaube aber auch, dass es uns gelingt.

In Sachen Kriminalität ist Spandau so ungefähr im Mittelfeld. Aber es gibt auch Gebiete, die eher kriminalitätsbelastet sind, rund um die Heerstraße. Haben Sie da neue Ideen?

Die mobile Wache der Polizei hat natürlich einen Fortschritt gebracht, weil sie die unmittelbare Ansprechbarkeit der Polizei durch die Bevölkerung erhöht. Der größte Kriminalitäts-Schwerpunkt ist Spandau-Mitte. Das hängt aber auch mit den hervorragenden Verkehrsbedingungen zusammen - da ist man schnell weg, wenn man sich aus dem Staub machen möchte. Insofern muss ich auch zur Heerstraße Nord sagen: Wenn man die Menschen dort fragt, registrieren sie das schon. Es gibt, gerade wenn Dunkelheit herrscht, schon Unbehagen sich im öffentlichen Raum aufzuhalten. Aber insgesamt fühlen sich die Menschen trotzdem wohl. Das ist erst mal ein Widerspruch. Aber ich glaube, das ist auch ein Stück weit verständlich. Wir haben da ganz bestimmte isolierte Ecken, wo wir echte Problemlagen haben. Aber auf die ganze Fläche gesehen relativiert es sich dann auch wieder.

Wenn sie über Siemens nachdenken, denken Sie dann: "Das ist jetzt richtig toll, dass das in meinem Bezirk stattfindet und dass ich das ein wenig mitgestalten darf" oder ist da eher der Gedanke: "Wie sollen wir das gewuppt bekommen?"?

Nein, es ist absolut wow. Es ist eine Riesenchance mit einer Strahlkraft weit über Spandau und die Siemensstadt hinaus. Wenn Sie allein an das Thema Verkehrsanbindung denken: Auf einen Schlag ist die Siemensbahn im Fokus des Interesses. Wir haben deren Wiedererrichtung und Verlängerung ja schon lange gefordert. Aber auf einmal ist es nicht nur eine Chance, dass sie kommt, sondern es ist gesetzt, dass diese Trasse wiederbelebt wird. Aus meiner Sicht dringend überfällig. 

Andere Bezirksbürgermeister, deren Bezirke eher am Rand von Berlin liegen, haben hier den Wunsch geäußert, eine bessere Verkehrsanbindung zwischen Berlin und Brandenburg zu haben. Das ist bei ihnen sicherlich nicht anders.

Ja, absolut. Das ist schon etwas, das ich predige, seit ich im Amt bin.  Das betrifft jetzt nicht nur eine einzelne Bahnlinie - auch da gibt es natürlich in Spandau Bedarfe -  sondern ich glaube, wir müssen die Infrastruktur der Region Berlin-Brandenburg insgesamt gemeinsam denken. Das betrifft beispielsweise auch die Frage, wie und wo wir Ausweitung von Siedlungen und Wohnungsbau organisieren. Das muss natürlich entlang den großen Bahntrassen erfolgen, aber im Moment ist es eher so, dass die Gemeinden sich überlegen, wo sie Wohnungen bauen und dann überlegen "Okay, wie kriegen wir den Verkehr organisiert?". Die Reihenfolge ist eigentlich die falsche. Inzwischen bin ich jedenfalls froh, dass ich Signale höre, dass sich die Ministerin in Brandenburg und unsere Senatorin nicht nur auf Augenhöhe begegnen, sondern miteinander die Dinge bewegen wollen. Das ist genau der richtige Schritt. Bei uns in Spandau sind der Ausbau des Regionalverkehrs und die Verlängerung der S-Bahn bis nach Nauen unverzichtbare Maßnahmen.

Wie sieht Ihr Bezirk in zehn Jahren aus?

In zehn Jahren werden wir etwa 30.000 bis 40.000 Menschen mehr sein als heute. Überwiegend im nördlichen Bereich. Die Siemensstadt 2.0 wird im Wesentlichen fertiggestellt sein. Ich hoffe, dass bis dahin auch die Siemensbahn schon wieder fährt - wenigstens bis Rohrdamm, wo die Verlängerung in der Pipeline ist. Ich hoffe auch, dass wir bei anderen Schienenverbindungen vorwärts gekommen sind. Insgesamt hoffe ich, dass sich die Lebensqualität durch die gestiegene Bevölkerungsanzahl nicht verringert. Ich bin da auch ganz zuversichtlich. Gerade in den Großsiedlungen werden wir keine weiteren Verdichtungen haben, bis auf eine ganz kleine - die ist bisher auch vertretbar. Insofern glaube ich, die Lebensqualität in Spandau wird bleiben - oder sich vielleicht noch verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ingo Hoppe für rbb 88,8. Der Text ist eine gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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6 Kommentare

  1. 5.

    Es hört sich eher so an als hätten sie ein Problem mir sich selbst. Ich weiß ja nicht wann sie in Spandau aufgewachsen sind aber "mich schockt es täglich was aus diesem, einst so friedlich, grünen, ruhigen, sauberen und vor allem sicheren Bezirk geworden ist." hört sich an als hätten sie auf einer Insel der Glückseligkeit ihre Kindheit verbracht.

    Wilhelmstadt, Heerstraße Nord (dort spez. Obstallee/Maulbeerallee/Räcknitzer), das Falkenhagener Feld (Clubhaus), Mau-Mau Siedlung, ... ich habe eher den Eindruck sie sind entweder nicht in Spandau aufgewachsen oder sie verklären die Vergangenheit.

    Was auffällt ist wie die ganzen Läden verschwunden sind, in denen man früher eingekauft hat. Die Stadt wird eintöniger, austauschbarer. Ecken in Spandau sehen aus wie Ecken in Neukölln. Wettbüro statt Bäcker. So ist das halt, nicht nur in Spandau.

    Eine Bestandsaufnahme und Liebeserklärung: https://www.tagesspiegel.de/berlin/weit-im-westen-berlin-bei-spandau/6485410.html

  2. 4.

    Ich wohne und lebe seit 1986 in Hakenfelde und bin Mitglied in der Charlottenburger Baugenossenschaft eG. Ihre Probleme sind mir persönlich nicht bekannt bzw. gehören nicht zu meinen Erfahrungen. Das für mich extrem Nervende hier, besteht aus dem Fluglärm und dem Feinstaub, aber dafür sind Wohnqualität und Miete in keiner Weise zu beanstanden. Was leider fehlt ist eine nahegelegene Postfiliale.

  3. 3.

    "Wer es länger als drei Jahre in Spandau schafft, der bleibt" Tja, wo soll man auch hin, überall anders ist es teurer! Die meisten Neuzugezogenen kommen nur wegen der "noch" günstigen Mieten. Ich bin eine gebürtige Spandauerin, mich schockt es täglich was aus diesem, einst so friedlich, grünen, ruhigen, sauberen und vor allem sicheren Bezirk geworden ist. Klar, ganz Berlin hat sich verändert, aber hier macht es sich sehr stark bemerkbar. Es kommt mir vor als wenn man den Randbezirk jahrelang vergessen hat, sich selbst überlassen hat und nun das gr. Potential entdeckt, weil es hier noch einige Baulücken gibt! Die Hausverwaltung AXX kümmert sich um gar nichts mehr, beauftragen billige Firmen aus Tschechien, Polen, usw., diese Handwerker schlafen in den zu sanierenden Wohnungen und trinken auf den Spielplätzen Alkohol bis zur Ohnmacht! Überall DRECK, Diebstahl, kaputte Gehwege, in allen dunklen Ecken wird gedealt! Ich halte es (wieder + NOCH) seit 10 Jahren aus(davor Charlottenburg)....

  4. 2.

    Spandau bei Berlin
    Die Stadt, in der vor 20 Jahren hunderte Millionen in der Wasserstadt versenkt worden sind.

    Die Stadt, die heute dank der Vorarbeit anderer oft von der Bausenatorin besucht wird.

    Die Stadt mit Werbung für Sharing-Dienste, die es nur in einer anderen Kleinstadt nebenan gibt und die sich für den Nabel der Welt hält. Dabei wirken dort sogar schon die Linksalternativen piefig, spiessig und vorhersehbar auf ihre Art.

    Diee Stadt weit außerhalb des S-Bahn-Ringes mit der wichtigsten Haltestelle der BVG.

    Die Stadt, deren Besuch die Verkehrssenatorin schwänzte. Lag es daran, dass der Senat mit dem Bus unterwegs war und nicht den Dienstwagen?

  5. 1.

    Wenn ich ergänzen dürfte: "Die Burg Spandau wird im Jahr 1197 zum ersten Mal urkundlich erwähnt..." https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Spandau Es gibt auch ein Rathaus, das direkten Zugang zur U-Bahnstation Rathaus Spandau besitzt. https://www.berlin.de/ba-spandau/ Ob Barock, Hardrock oder Sommerrock: Die Zitadelle Spandau bietet viele kulturelle Erlebnisse. https://www.zitadelle-berlin.de/

Bezirks-Chefs im Interview