Steglitzer Bürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (Quelle: rbb|24)
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Audio: rbb 88,8 | 16.07.2019 | Interview mit Cerstin Richter-Kotowski | Bild: rbb|24

Interview | Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski - "Ich sehe den A103-Rückbau sehr skeptisch"

Steglitz-Zehlendorf ist für Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski der schönste Berliner Bezirk. Doch es herrscht nicht nur Glückseligkeit. So sieht die CDU-Politikerin beispielsweise beim vorgeschlagenen Rückbau der A103 noch offene Fragen.

rbb: Frau Richter-Kotowski, Sie haben mal gesagt, Steglitz-Zehlendorf sei der schönste Bezirk. Warum?

Cerstin Richter-Kotowski: Bei uns kann man alles finden: Sie können in der Natur spazieren gehen, aber Sie haben trotzdem die Einkaufsstraße auf der Schloßstraße. Sie haben großstädtisches Flair rund um die Schloßstraße, aber auch Einfamilienhaussiedlungen. Ich glaube, jeder kann das finden, was er sucht.

Eine Insel der Glückseligen?

Soweit würde ich nicht gehen. Natürlich gibt es immer auch Verbesserungsmöglichkeiten, aber ich glaube insgesamt geht es den Menschen bei uns im Bezirk gut. Das sagen sie auch. Es ist aber auch Aufgabe der Politik, das auch zu fördern.

Steglitz-Zehlendorf ist definitiv der wohlhabendste Bezirk, er ist auch der älteste. Es gibt aber auch eine Menge Zuzug mit Kindern.  

Genau. Das ist eigentlich etwas Schönes, dass die Älteren bei uns im Bezirk bleiben und bleiben wollen. Wenn sie vielleicht selber nicht mehr in der Lage sind in ihrer Wohnung zu wohnen oder ihr Haus zu bewirtschaften, bleiben sie im Bezirk und suchen sich eine kleinere Wohnung oder eben auch eine Pflegeeinrichtung. In die Häuser oder in die Wohnungen ziehen junge Familien ein. Das ist das, was ich auch besonders gut finde. Im Bezirk existiert eine gute Durchmischung. Das ist etwas, was ich auch besonders fördere - beispielsweise im Bereich des Wohnungsneubaus.

Im Moment werden viele Flächen fürs Wohnen gebraucht. Verdichtung ist auch sinnvoll, denn die Menschen müssen irgendwo hin. Ich fände es aber schade, wenn man zum Beispiel wie in Pankow hinter den großen Häusern die Obstbäume rodet und kleine Häuschen hinten reinstellt.  

Es ist ein bisschen wie Pest und Cholera: Einerseits brauchen wir Wohnungsneubau, andererseits wollen wir keine Flächen dafür hergeben. Wir müssen uns natürlich immer ganz genau anschauen, welche Flächen wir zur Verfügung stellen. Mir geht es immer eher darum dort zu verdichten, wo es möglich ist, um dann auch den Wohnungsneubau zu generieren. Wir brauchen Wohnungen in Berlin.

Derzeit ist Lichterfelde-Süd ein ganz großes Thema. Skizzieren Sie mal, wie die Frontlinien verlaufen.

Auf einem großen ehemaligen Truppenübungsplatz der Amerikaner werden 2.500 Wohneinheiten entstehen - eine kleine Stadt mit etwa 6.000 Einwohnern, die alles brauchen wie Kindertagesstätten, eine Schule, einen großen Sportplatz, sowie eine Jugend-Freizeiteinrichtung. Aber es werden natürlich auch Läden entstehen und das Ganze mit Anbindung an den S-Bahnhof Lichterfelde-Süd. Dort wird ein zweiter Zugang zur S-Bahn entstehen. Im Augenblick ist es eine Brachfläche. Wir haben dort Vegetation und Populationen von Zauneidechsen und Wechselkröten. Die müssen jetzt alle eingesammelt und umgesiedelt werden. Es ist also ein sehr komplexes Thema.

Bleiben wir beim Thema Wohnen: Sie haben mit der Deutschen Wohnen eine Vereinbarung ausgehandelt, dass keine Luxuswohnungen gebaut werden und dass sich das Unternehmen an den Mietspiegel hält. Dafür gab es neben Lob aber auch viel Kritik. Waren Sie sauer?

Sauer würde ich nicht sagen. Aber es ist immer die Diskussion, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Das gilt natürlich auch hier. Hätte man keine Vereinbarung getroffen, wäre es auch nicht gut gewesen. Das Besondere an dieser Vereinbarung ist, dass sie für alle Mieterinnen und Mieter der Deutschen Wohnen in Steglitz-Zehlendorf gilt und nicht nur für bestimmte Gebiete. Wir haben einen guten Weg gefunden. Ihn jetzt umzusetzen, mit Leben zu erfüllen, das ist sowohl Aufgabe der Deutschen Wohnen als auch der Mieterinnen und Mieter. Denn diese Vereinbarung gilt unmittelbar. Es ist ein Vertrag zugunsten Dritter, wie Juristen zu sagen pflegen.

Ist der Mietendeckel ein großes Thema für Steglitz-Zehlendorf?

An bestimmten Stellen, wenn beispielsweise Wohnungsbau-Genossenschaften oder Gesellschaften im Vorfeld des Mietendeckels, die Mieten nochmal erhöht haben. Ob es jetzt flächendeckend ein Problem ist, würde ich nicht sagen, weil wir natürlich auch relativ viel Eigentum im Bezirk haben.

Das Alliierten-Museum in der Clayallee geht. Die anderen Museen in Dahlem ziehen nach Mitte. Wie geht es mit der Nachnutzung weiter?

Das mit dem Alliierten-Museum steht schon wieder ein bisschen auf der Kippe. So wie das Alliierten-Museum im Augenblick untergebracht ist, ist es nicht gut. Denn man hat immer darauf gewartet, nach Tempelhof umzuziehen. Aber es gibt jetzt eine neue Diskussion darum. Ich glaube, dass das nochmal eine Chance für den Bezirk ist, hier gemeinsam mit dem Museum mindestens die nächste Zeit auch gemeinsam zu gestalten.

Im Fall der Dahlemer Museen sind wir in regelmäßigem Austausch mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Aber da ist ein ziemlich dickes Brett zu bohren. Wir sind zwar der Liegenschaftsbesitzer, aber haben selber keine Karten im Spiel. Bis auf den Umstand, dass wir immer wieder sagen: Leute, wir müssen hier was tun und wir wollen, dass die Türen wieder aufgehen. Mehr Einflussmöglichkeiten habe ich nicht.

Nächstes Thema: Ihre sogenannten Nachbarn in Tempelhof-Schöneberg, SPD und Grüne, möchten die A103 [Anm.d.Red.: die sogenannte Westtangente zwischen Steglitzer Kreisel und Sachsendamm] zu einer Stadtstraße zurückbauen. Was ist Ihre Position?

Erstens ist es so, dass die Nachbarn, was ja eigentlich normalerweise gang und gäbe wäre, mit dem anderen Nachbarn, nämlich mit uns, über ihre Idee noch nicht mal gesprochen haben. Das finde ich auch ein bisschen ungewöhnlich. Ich habe es über die Presse erfahren. Ich sehe das sehr skeptisch. Wenn man das machen würde, würde es bedeuten, dass der übrig gebliebene Verkehr in die Nachbarstraßen verdrängt werden würde - mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Deswegen halte ich den Beschluss derzeit für zu kurz gesprungen. Da müsste man nochmal ein bisschen länger drüber nachdenken, ob das wirklich das Gelbe vom Ei ist.

Reden wir über das, was Ihnen vielleicht besser gefällt, nämlich die Radschnellwege. Eine Trasse würde direkt durch den Bezirk führen. Ist das eine gute Idee?

Eine solche Bündelung ist eine gute Idee - den Fahrradverkehr von den Hauptstraßen runterzuholen und über Fahrradstraßen und abgeschirmte Radschnellwege zu leiten. Es gab selbst von der CDU - auch im letzten Wahlkampf - dazu eine Idee, entlang der S-Bahn einen Fahrradschnellweg einzurichten.

Wo sehen Sie Steglitz-Zehlendorf in zehn Jahren?

Mit sanierten Schulen, mit einem Rathaus-Neubau, mit zufriedenen Mitarbeitern und glücklichen Bürgern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ingo Hoppe für rbb 88,8. Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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10 Kommentare

  1. 10.

    Zur Stammbahn noch:
    Sie wird als Personenverkehrsstrecke kommen, analog wie sie auch ursprünglich 1838 zwischen Berlin und Potsdam über Zehlendorf als Personenverkehrsstrecke eröffnet wurde. Dass mit der Güterverkehrsstrecke war nur ein aufgeblasener Popanz und wurde von niemanden gefordert.

    Da, wo eine Stammbahn ist, kann kein Radschnellweg sein. Das war der Punkt, den ich ansprach.

  2. 9.

    Ich sehe, die Grenze ist immer noch im Kopf. Nicht von meiner Seite, denn ich fahre desöfteren die S 1 entlang des besagten Abschnitts und mitunter sogar mit einem Auto die A 103. Ggf. aber von Ihnen, dass sie Nicht-Berlinern die Beurteilung derartiger Belange nicht zutrauen.

    Schade, doch ich nehme das einfach zur Kenntnis. Auch, dass Sie zum Inhalt des Geschriebenen nicht im Geringsten etwas beigetragen haben. Da wäre ich in der Tat gespannt gewesen.

  3. 8.

    Was Fr. Richter-Kotowski da von sich gibt ist zu 100% cDU Politik, also quasi der parlamentarische Arm der Autoindustrie. Fahrräder verbannen und alles weiter autogerecht umbauen und bloß keine Politik für die Menschen in ihren Bezirk, es sei denn sie wohnen in Dahlem.

  4. 7.

    Zur Perspektive: Wie wäre es denn mal mit Straßensanierung, Frau Richter-Kotowski?

  5. 6.

    Erhellend, was ein Potsdamer da zur Berliner Stadtautobahn beisteuert. Und zur Stammbahn. Gottlob wird die Stammbahn nicht als Güterverkehrstrasse kommen und Steglitz Zehlendorf die Autobahn nicht zu seinem Nachteil rückbauen. Die Nachbarbezirke und -Städte waren uns schon immer egal, auf unserer Insel der Seeligen.

  6. 5.

    Was da so harmlos als "Radschnellweg neben der S-Bahn" daherkommt, war in Wirklichkeit ein geplanter Radschnellweg auf der Trasse der Stammbahn. Mit eben der Konsequenz, dass die Stammbahn auf unabsehbare Zeit nicht gebaut wird. Das ist vom Tisch - weil sich Berlin, das Umland, wie auch der Bezirk einer Infrastrukturmaßnahme beraubt hätte.

    Warum Frau Richter-Kotowski an der überholten Infrastruktur in Form der A 103 festhalten will, ist für mich nicht nachvollziehbar. Es gibt schlichtweg keine Fortführung dieser Trasse und es wird sie auch nicht geben. Weder wird in Richtung Süden ein Teil des Botanischer Gartens unter einer Asphaltschicht verschwinden, noch werden in Richtung Norden Teile von Schöneberg von einer Stadtautobahn zerschnitten werden. Also ist das Ding schlichtweg überflüssig und zu groß geplant, sodass es mehr Gewinn als Verlust wäre, es auf ein Normalmaß hin zurückzubauen.

  7. 4.

    Der Rückbau erfolgt nur wegen der Grünen Klientelpolitik, aber funktionierende Projekte wurde ja genügend nach der Wende zerstört, das Ergebnis der Misswirtschaft sehen wir jetzt.

  8. 2.

    „Eine Insel der Glückseligen?“ Ja, eindeutig. Ich lebe gerne in Lichterfelde West.

  9. 1.

    Der Rückbau funktionierender Infrastruktur wäre eine wirklich unfassbare Entgleisung: Da gibt es mal eine (!) Autobahn in Berlin, die nicht chronisch verstopft ist, und schon soll sie abgeschafft werden? Welches Credo soll der Wähler daraus ableiten? SOLLEN wir wirklich alle auf städtischen Autobahnen im Stau stehen??! Hat eine Autobahn WIRKLICH nur dann eine EXISTENZBERECHTIGUNG, wenn wir Stoßstange an Stoßstange stehen? Ich kann eine solche Auffassung wirklich nicht nachvollziehen!

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