Die Bürgermeisterin des Bezirks Tempelhof-Schöneberg im Foyer des Haus des Rundfunks (Bild: rbb|24/Rossel)
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Audio: rbb 88,8 | 31.07.2019 | Interview mit Angelika Schöttler | Bild: rbb|24/Rossel

Interview | Bezirksbürgermeisterin Schöttler - Tempelhofer Feld: "Wir müssen die Ränder moderat bebauen"

Fünf Jahre nach dem Volksentscheid zum Tempelhofer Feld werden die Stimmen lauter, die Neubauten auf den Rändern des Areals fordern. Dazu gehört auch Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler. Im Interview erläutert sie ihre sehr konkreten Vorstellungen.

rbb: Schöneberg ist schrill und bunt, viele schwule Paare leben dort, viele lesbische Menschen sind unterwegs. Und Tempelhof ist sehr bürgerlich und unauffällig. Sie finden aber gerade gut, dass Ihr Bezirk beides repräsentiert?

Angelika Schöttler: Absolut, denn genau diese Gegensätze machen den Reiz aus. Also ich sage mal: In meinem Bezirk gibt es nichts, was es nicht gibt. Und genau das ist der Reiz.

Reden wir über das Tempelhofer Feld. Es herrscht Wohnungsnot. Der Regierende hat schon ein paar mal gesagt, dass man den Rand bebauen sollte - sozial verträglich. Nach einer neuen Umfrage von rbb und "Berliner Morgenpost" ist die Mehrheit der Berliner mittlerweile dafür. Was sagen Sie?

Ich war schon immer dafür, die Ränder moderat zu bebauen. Deswegen muss ich hier meine Meinung überhaupt nicht ändern. Und ich hoffe schon, dass wir irgendwann auch dazu kommen. Das müssen wir natürlich mit der Gesellschaft aushandeln, dazu hatten wir ja die Befragung, aber ich hoffe wir finden gemeinsam einen Weg.

Können Sie mal kurz skizzieren, wie das aussehen könnte? Inzwischen hat sich die Stimmung ja bei diesem Thema auch verändert. Müsste der Senat jetzt diesen Rückenwind nicht ausnutzen?

Naja, ganz so einfach ist es ja nicht. Denn eine einfache Befragung darf der Senat ja im Moment gar nicht machen, weil es keine Rechtsgrundlage gibt. Aber ich glaube, wir müssen gemeinsam schauen, dass wir einen Weg finden, das neu zu diskutieren.

Wir hatten eine sehr sehr große Umfrage [Anm. d.Red.: gemeint ist der Volksentscheid 2014], und dem müssen wir sicherlich dann entgegensetzen. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir irgendwann die Ränder moderat bebauen - und zwar mit einem Mix aus Wohnen und Gewerbe - und sicher auch mit Infrastruktur wie ein Sportplatz mit Rasenfeld. Ein solcher würde wunderbar dorthin passen, dann hätte man sozusagen das Thema Rasen und freie Natur auch aufgegriffen.

Was schätzen Sie: Ist das in zehn Jahren schon umgesetzt - oder sogar noch früher?

Ich sage mal in zehn Jahren auf jeden Fall - ich hoffe aber schon schneller.

Ich fahre täglich am EUREF-Campus vorbei. Viele kennen das Gasometer-Gelände, haben aber gar nicht mitbekommen, dass da wirklich was passiert. Wie stehen Sie zur Kreativwirtschaft in Ihrem Bezirk? Und wo liegen Ihre wirtschaftspolitischen Schwerpunkte?

Schwerpunkt sind die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen, die wir haben – ganz oft Familienbetriebe. Auch um die Handwerker kümmern wir uns im Moment sehr intensiv, denn die werden inzwischen oft durch steigende Mieten verdrängt. Wir wollen eine Handwerkermeile bauen. Das heißt, Gewerberaum speziell für Handwerkerbetriebe schaffen. Aber wir freuen uns natürlich auch über große Projekte wie den EUREF-Campus, wo inzwischen mehrere tausend Arbeitsplätze entstanden sind, wo die Wissenschaft drauf ist, wo Startups sind.

Ich habe mich auch in den anderen Bezirken sehr dafür eingesetzt, und wir haben es im Rat der Bürgermeister dann ja auch gemeinschaftlich beschlossen, dass wir keine Gewerbeflächen mehr umwandeln. Denn die Flächen sind erstmal das A und O. Dann kommen die Unternehmen, und dann kommen auch die Arbeitsplätze.

Verkehr ist ein großes Thema. Ihre Bezirksverordnetenversammlung hat jetzt entschieden: Der Bezirk wird die Autobahn 103 in einem Teilstück zurückbauen. Die Stadt allerdings wächst extrem, der Verkehr wächst auch. Einige haben das deshalb für einen Witz gehalten. Aber der Autobahn-Rückbau ist ernst gemeint?

Das ist ernst gemeint, aber sehr langfristig gedacht. Wir haben mit der Schlangenbader Straße ja gezeigt, dass man Autobahnen überbauen kann. Hier sind wir praktisch an dem Endstück einer Autobahn, die wird auch nicht mehr weiter gebaut. Insofern bietet es sich an. Aber ich glaube, man muss an alle drei gleichermaßen denken: an die Fahrradfahrer, an die Fußgänger, aber auch an die Autofahrer. Man muss allerdings sagen: Da müssen jetzt erstmal die Fahrradfahrenden und die Fußgänger mächtig aufholen, damit sie in der Gewichtung gleichauf sind mit dem Autoverkehr. Deswegen arbeiten wir auch gerade für diese beiden Zielgruppen sehr intensiv.

Es gibt Streit um die Prostitution auf der Kurfürstenstraße. Ihr Bezirk schlägt Verrichtungsboxen vor, aber Ihr Kollege im Nachbarbezirk Mitte, Stephan von Dassel, findet das nicht so gut. Wo liegen die Vorteile der Verrichtungsboxen?

Der Vorteil ist, dass die Anwohner nicht zuschauen müssen, wie der Vollzug stattfindet. Wir haben dort seit über einhundert Jahren einen Straßenstrich mit immer wieder wechselnden Problemen. Denen stellen wir uns auch sehr intensiv, und da ist Schöneberg Vorreiter auch gegenüber Mitte. Derzeit ist das drängendste Problem das Thema "Verrichten in der Öffentlichkeit", weil die Rückzugsorte fehlen. Und das Thema Müll und sanitäre Anlagen. Letzteres haben wir schon ganz gut im Griff, und zu dem ersten suchen wir jetzt gemeinschaftlich nach einer Lösung.

Sie haben gesagt, Prostitution habe eine Tradition und gebe es in jedem Land, egal ob legal oder nicht. Würden Sie sagen, dass das zu einer Stadt schlicht dazugehört?

Ich glaube schon, das gehört zu Menschen dazu. Wir werden das auch aus den Städten definitiv nicht rauskriegen. Ich glaube auch nicht, dass wir das tun sollten. Wir sollten es reglementieren und wir sollten dafür sorgen, dass es für die Menschen, die dort wohnen, nicht zu Extrembelastungen führt. Daran arbeiten wir. Wir werden nie die vollkommene Idylle erreichen, aber wir stellen uns jeder Problematik sehr intensiv.

Es gab ja schon die Idee, Prostitution ans Tempelhofer Feld zu verlagern…

[gemeint ist der Vorschlag des Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel, der sich einen Sperrbezirk und Verrichtungsboxen am Tempelhofer Feld vorstellen kann, d.Red.]

Da müssen Sie mal meinen Kollegen fragen, was er sich dabei gedacht hat. Nein, Verdrängen ist keine Lösung - weder durch den Sperrbezirk noch durch Ideen, wo man es denn sonst macht. Die Idee "Wir sind ja dafür, aber nicht bei uns" zieht bei der Prostitution genauso wenig wie bei allen anderen Themen.

Abschlussfrage: Welche anderen Probleme stellen sich Ihrem Bezirk, in welchen Bereichen hoffen Sie auf eine besonders schnelle Linderung?

Ich hoffe an ganz vielen Punkten immens weiter. Ich hoffe, dass wir das Thema mit
den Schulen gut im Griff haben, dass die Schulen saniert sind, dass wir die Schulpflicht sicherstellen können. Dass es in den Parks und auf den Plätzen deutlich weniger vermüllt ist als heute, und vor allen Dingen hoffe ich, dass wir weiterhin ein friedlicher und toleranter Bezirk sind. Und da ist noch Luft nach oben, daran arbeiten wir. Aber es darf definitiv um keinen My schlechter werden.

Das Interview führte Ingo Hoppe für rbb 88,8. Der Text ist eine gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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7 Kommentare

  1. 7.

    Wann wird endlich aufgehört zu reden und auch mal was getan. Ich denke die wenigen aggressiven Radfahrer und die paar BTM Konsumenten die dieses Areal prägen ,kommen schon zurecht.

  2. 6.

    Prostition hat keine Tradition, ist kein Beruf und bietet keine Zukunftsperspektive für Frauen. - Nicht auf dem Gebiet des ehemaligen Flughafens und nirgendwo auf der Welt. Wer anderer Meinung sein sollte, kann sich hier namentlich äußern und das vormachen, was von (zwangs-)prostituierten Frauen erwartet und verlangt wird. Wie leben z. B. behinderte Menschen in Schöneberg bzw. wie geht der Barrieabbau im Sinn des UN-Übereinkommens für die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) voran? Sind alle Bezirksbediensteten des Bezirks Schöneberg befähigt, behinderte Menschen iSd UN-BRK wahrzunehmen und diese zu fördern?

  3. 5.

    "Sturmreif schießen". Anders geht es nicht in dem vom "Buntismus" geplagten Lande. Das 3,5 Millionen m² große Ödland in innerstädtischer Lage muss städtebaulich erschlossen werden.

  4. 3.

    Lieber Herr Hoppe,
    wenn der Bezirk beschließt, die A 103 "zurückzubauen", also abzureißen, ist das ungefähr so, als wenn er beschlösse, aus der NATO auszutreten oder die diplomatischen Beziehungen Deutschlands zu einem bestimmten Land abzubrechen. Will meinen: Die Bezirksverordneten können, in einem gewissen Größenwahn (oder weil sie sonst nichts Besseres zu tun haben), gern mal erklären, was sie gern hätten, nur sind sie dafür schlicht und einfach nicht zuständig.

    Nebenher ist es ein schönes Beispiel für das asoziale Verhalten der Vertreter gewisser Parteien, wenn sie den Wunsch, eine BUNDESautobahn zu beseitigen nicht mal mit dem Nachbarbezirk besprechen, in dem diese ebenfalls verläuft. In Steglitz-Zehlendorf scheint man jedenfalls ganz anderer Meinung zu sein.

    Und wenn Frau Schöttler jetzt die Schlangenbader Straße als leuchtendes Beispiel darstellt, ist sie entweder dreist oder ungebildet - ich empfehle einen Blick in die Berliner Geschichte.

  5. 2.

    Man muss die Öffentlichkeit ja erstmal sturmreif schießen. Je öfter man über die Bebauung des Feldes redet (natürlich nur des Randes, und dann noch ein bisschen und noch etwas ... aber ein „Sportplatz mit Rasenfläche“ wird am Ende schon noch übrigbleiben), desto besser gewöhnt sich der widerwillige Pöbel an den Gedanken. Und wenn es dann in fünf, zehn Jahren soweit ist, hat man seine Tätigkeit als Politiker, der sich für das Gemeinwohl aufgeopfert hat, aufgegeben und verdingt sich nun in der freien Wirtschaft, wo es nebenher viel mehr zu verdienen gibt (erst recht, wenn man einer sterbenden Partei angehört). Zum Beispiel in der Baubranche und bei den Immobilienhaien?

  6. 1.

    Wunderschön wie man den EUREF Campus schön redet. In den letzten zwei oder drei Jahren hat man das Areal großzügig abgeholzt und ist seither fleißig am bauen von Gewerbe. Die Torgauer Straße ist inzwischen gefühlt so viel befahren wie die Dominicusstr. und das wird auch nicht besser, wenn die zwei Neubauten fertig sind. An Radfahrer hat man hier auch nicht weiter gedacht und Fußgänger werden auf schmalen Wegen die Torgauer entlang gelotzt zwischen großen Baufahrzeugen. Das Areal hat man also Grünflächentechnisch eher zerstört und ordentlich verdichtet.
    Also ein tolles Beispiel für einen sensiblen Umgang mit dem Tempelhofer Feld.

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