Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenik, (SPD) am 29.07.2019 im Haus des Rundfunks.
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Audio: rbb 88.8 | 30.07.2019 | Interview Oliver Igel - Ingo Hoppe | Bild: rbb|24/Heep

Interview | Bezirksbürgermeister Oliver Igel - "Die Flughafennähe wird auch auf unsere Region ausstrahlen"

Viel Wald und viel Wasser - Treptow-Köpenick ist der grünste Bezirk Berlins. Seit diesem Jahr gibt es Erstliga-Fußball und im nächsten vielleicht einen funktionierenden Hauptstadt-Flughafen in der Nachbarschaft. Das brächte Vorteile, sagt Bezirksbürgermeister Oliver Igel.   

rbb: Herr Igel, Treptow-Köpenick ist ein Bezirk mit großer Tradition. Irgendwie kennt jeder ein bisschen Köpenick. Kann es trotzdem sein, dass Ihr Bezirk ein bisschen unterschätzt wird?

Oliver Igel: Ja, auf jeden Fall. Häufig heißt es "die im Südosten am Rand von Berlin". Ich sage dann immer, wir liegen im Herzen Brandenburgs und wir sind Teil der Hauptstadt. Meine Aufgabe ist es im Grunde genommen, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, um zu sagen: Wir sind Teil von Berlin, wir können eine ganze Menge beitragen und die Berliner fühlen sich wohl in Treptow-Köpenick.

Ihr Bezirk baut sehr viel mehr als die meisten anderen, unglaublich viele Wohnungen sind hinzugekommen. Das liegt auch daran, dass Sie ein bisschen mehr Platz haben als die übrigen Bezirke.

Wir haben die letzten Jahre jährlich über 3.000 Wohneinheiten neu mit einer Baugenehmigung versehen. Das ist eine ganze Menge. Damit waren wir berlinweit die letzten Jahre immer an der Spitze. Natürlich liegt das auch daran, dass wir flächenmäßig der größte Bezirk sind. Mehr Bedeutung hat die Tatsache, dass wir sehr viele Brachflächen hatten, die lange nicht entwickelt waren und  über zwei Jahrzehnte dahinschlummerten und nun auch für den Wohnungsbau entdeckt werden. Besonders wichtig ist uns in diesem Zusammenhang, dass  bezahlbarer Wohnraum entsteht und deswegen haben wir die städtischen Wohnungsgesellschaften auch ein Stück bevorzugt. Da müssen wir die Bebauungspläne so schnell wie möglich entwickeln.

Aber man kann mit ordentlich Geld bei Ihnen auch schick und elegant am Wasser wohnen.

Das kann man auf jeden Fall, es ist nicht zu verhehlen, dass an der einen oder anderen Uferkante auch eine Eigentumswohnung entstanden ist. Das gehört auch zu einer Stadt und es gibt eben auch Menschen, die sich das leisten können - und die müssen wir nicht ausschließen.

Ein paar Wochen ist der Aufstieg von Union in die 1. Liga her. Darüber waren Sie sehr glücklich, was bedeutet das für Treptow-Köpenick?

Die Tage des Aufstiegs sind ein unglaubliches Erlebnis gewesen, für uns war das ein historischer Moment. Die Kommentatoren müssen sich daran gewöhnen, dass sie auch vom 1. FC Union Berlin aus Köpenick berichten dürfen und müssen. Das ist für uns eine große Freude und das bedeutet, dass wir eine ganz andere Aufmerksamkeit auch bundesweit haben. Deswegen profitieren wir als Bezirk insgesamt von diesem Aufstieg.

Stolz sind Sie auch auf Wissenschaft und Technologie aus Adlershof?

Ich besuche regelmäßig Unternehmen in Adlershof, dort läuft wirklich etwas Spezielles. Ganz Deutschland profitiert von diesem Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort, der seinesgleichen sucht und Maßstäbe gesetzt hat. Ein Erfolgsrezept, das gezeigt hat, wie man einen Hochschulstandort mit Start-ups verbinden kann, so dass alle voneinander profitieren. Die Unternehmen sind am Ende vor allen Dingen deshalb dorthin gekommen, weil die Wissenschaftler dort waren, weil es dort Studenten gab und man mit denen zusammen Neues entwickelt hat. Die Entwicklung des Standorts Adlershof geht weiter stetig aufwärts. Es kommen immer wieder Zahlen über neue Unternehmen, die sich angesiedelt haben und neue Arbeitsplätze geschaffen haben. Da  könnten sich die ein oder anderen Entwickler in ganz Deutschland auch noch das eine oder andere abschauen.

Müggelheim ist der sicherste Ort im gesamten Berliner Kriminalitätsatlas. Nirgendwo ist die Welt so in Ordnung. In Schöneweide sieht das ein bisschen anders aus. Wenn es in Müggelheim besonders sicher ist, freut Sie das als Bezirksbürgermeister?

Das eine ist die Statistik, auf die wir Bürgerinnen und Bürgern verweisen können. Das Gefühl ist ein anderes. Das Gefühl ist doch sehr viel von Ängsten geprägt. Werde ich beim Einsteigen in Bus und Bahn von angetrunkenen Leuten angepöbelt oder angegriffen? Wir müssen daran arbeiten, dass dieses Sicherheitsgefühl sich bei den Menschen verbessert. Richtig ist auch, dass die Menschen selber eine ganze Menge dafür getan haben, dass bestimmte kriminelle Aktivitäten keinen Erfolg mehr haben. An den Einfamilienhäusern haben sich eine ganze Menge technischer Möglichkeiten ergeben, die zu  Verbesserung geführt haben. Und der eine oder andere Fahndungserfolg der Polizei hat dazu geführt, dass kriminellen Banden der Garaus gemacht wurde. Das Gefühl der absoluten Sicherheit wird es nie geben.

In Schöneweide gibt es seit Jahren ein Problem mit Rechtsextremismus - wie groß ist das heute?

Wir haben es geschafft, in Schöneweide bestimmte Treffpunkte der Rechten zurückzudrängen. Da gab es ganz viele Lokalitäten, bei denen berlinweit bekannt war, dass sich dort die rechte Szene trifft. Wir hatten bestimmte Daten und bestimmte Orte, an denen immer wieder Rechtsextremisten mit Demonstrationsaufzügen aufgetaucht sind Auch das gibt es nicht mehr. Die Szene ist dafür auch ein Stück zu klein geworden - und doch gibt es den Rechtsextremismus noch sehr stark in Treptow-Köpenick.

Wir müssen feststellen, dass unsere Gesellschaft in vielen Teilen gedanklich schon ein Stück mehr nach rechts gerückt ist und dass das auch in die Tiefe der Gesellschaft eingedrungen ist. Es sind heute keine Glatzköpfe mehr, die mit Baseballschläger durch die Straßen gehen, aber das Gedankengut ist durchaus verbreitet. Wir erleben das, wenn Flüchtlinge angegriffen werden und wenn Flüchtlingsunterkünfte verhindert werden sollen.

Erfordert das noch mehr Aktivität?

Ja, ich glaube, dass sogar die Zeit gekommen ist, die Aktivitäten in dem Bereich deutlich auszuweiten und nicht zurückzufahren. Es ist einfach so, dass die Gefahre an der Stelle nicht gebannt ist.

Beim Blackout, dem großen Stromausfall im Februar, war Ihr Bezirk Hauptdarsteller in den Medien. Was haben Sie für Lehren aus über 30 Stunden ohne Strom gezogen?

Ich hoffe, dass wir verschiedene Lehren daraus gezogen haben. Die Bürger sollten prüfen, ob sie für einen solchen Fall vorgesorgt haben. Jeder sollte überlegen: Was brauche ich eigentlich in einer solchen Situation zu Hause? Und wenn es nur eine Taschenlampe mit Batterien sind oder ein batteriebetriebenes Radio oder vielleicht auch ein paar Lebensmittel und ein Campingkocher. Da gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die ein Bürger selbst in die Hand nehmen sollte. Wichtig ist auch, sich zu fragen: Habe ich in meiner Nachbarschaft jemanden, der hilfebedürftig ist? Das hat ja im Februar erstaunlich gut funktioniert.

Wir als Verwaltung haben natürlich auch einiges gelernt, was in solchen Prozessen an Abstimmung notwendig ist. Wir haben auch gelernt, was wir vielleicht schneller machen müssten - zum Beispiel um die Bevölkerung mit warmem Essen und Getränken zu versorgen. Das braucht zum Teil eine lange Vorlaufzeit.

Der Flughafen BER soll im kommenden Jahr nun wirklich eröffnen. Wird das Ihren Bezirk sehr verändern?

Wir sind schon jetzt ein Bezirk, der von Fluglärm betroffen ist. Das wird sich nicht unbedingt zum Positiven verändern. Auf der anderen Seite sehen wir auch, dass sich in den Magistralen zum Flughafen wirtschaftlich eine ganze Menge entwickelt. Da gibt es kaum noch brachliegende Grundstücke, Unternehmen siedeln sich als Logistiker in die Nähe des Flughafens an. Da wird auch der eine oder andere Arbeitsplatz entstehen und das wird auch nochmal eine größere Dynamik bekommen, wenn Berlin zu zögerlich ist - denn dann wird die Gemeinde Schönefeld alles abfassen. Schönefeld profitiert bereits jetzt von der Flughafennähe und hat eine unglaublich positive Entwicklung im Wohnungsbau und bei der Unternehmensansiedlung. Das wird auch auf unsere Region ausstrahlen. Wenn wir nur die negativen Seiten des Flughafens bekämen, fände ich das nicht so toll.

Eine kurze Vision: Treptow-Köpenick in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass Treptow-Köpenick sein grünes und blaues Gesicht behält. Grün von den Wäldern und Blau vom Wasser.  Ein Erholungsbezirk und gleichzeitig nicht so überlaufen. Ich wünsche mir auch, dass es eine weitere positive Dynamik bei der Bevölkerungsentwicklung gibt und dass sich Unternehmen ansiedeln. Ich sehe wirklich nur positiv für die kommenden Jahre - wenn die leidige Verkehrssituation dann auch gelöst wird.

Das Interview führte Ingo Hoppe für rbb 88,8. Der Text ist eine gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Der Standortvorteil ist nicht erkennbar.
    Im An- Abflugkorridor eines Flughafens zu wohnen bringt Lärm, Dreck, Gefahr bei Tag und Nacht.
    Jetzt schon hat Tegel immer größere Flugzeuge am Start, die sich nicht am Nachtflugverbot stören. Tagein-Tagaus. Postflugzeuge und Regierungsflieger kommen noch hinzu zu den DLR Messflügen.
    Bei drehenden Windlagen, meist aus West kann man sich die Belastungen ausrechnen.
    Wer es nicht glaubt, eine Stunde auf der Eiswerder Insel und man ist kuriert.

  2. 2.

    Es wäre schon schön, wenn die Infrastruktur bis zur BER-Eröffnung ausgebaut sind und auch mal störungsfrei funktioniert würde ÖPNV, A113, etc.)
    Denn schon heute, ohne die zu erwartenden Passagiere des BER, ist diese Verkehrs-Infrastruktur bereits täglich an ihrer Grenze der Belastbarkeit angekommen...

  3. 1.

    "Die Flughafennähe wird auch auf unsere Region ausstrahlen" und zwar Abgase, Lärm und Klimaerwärmung.

Bezirks-Chefs im Interview