Symbolbild: Eine ältere Frau mit Rollator geht am 07.04.19 über einen Weg in einem Park in Neuruppin (Quelle: dpa / Monika Skolimowska).
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"Mein digitales Dorf" auf der re:publica - Mit dem vernetzten Rollator ein Taxi bestellen

Auf der re:publica zeigen Studenten, wie die Digitalisierung das Leben auf dem Dorf verbessern kann. Auf einer Plattform werden Ideen gesammelt und Lösungen gesucht. Das erste Projekt: Ein Rollator mit GPS-Empfänger. Von Sebastian Schneider

Jonas Wagner sagt eins vorweg: Um die Segen der Digitalisierung in die Dörfer zu bringen, braucht es schnelles Internet - und davon fehlt in vielen Regionen Brandenburgs noch jede Spur. Aber dass fünf Studierende diesen gordischen Glasfaserknoten durchschlagen - was Heerscharen bräsiger Ministerialbeamter nicht geschafft haben - das wäre eindeutig zu viel verlangt.

Denkt man sich aber Breitbandautobahnen und Funkmasten dazu, ist das, was Wagner und seine Kommilitonen von der Hochschule der Medien in Stuttgart am Dienstag auf der re:publica vorgestellt haben, so simpel wie einleuchtend: Um Probleme durch Wegzug und Überalterung auf den Dörfern zu lösen, muss man die Bürger miteinander verbinden – anstatt darauf zu warten, dass der Staat allein das erledigt.

"Wir haben uns in einem Praxisprojekt an der Uni 'Smart Cities' angeguckt, also digital vernetzte Städte. Als sich aber unsere Gruppe zusammengesetzt hat, haben wir gemerkt: Wir sind alle Landeier - also wieso schauen wir nicht in die Dörfer? Durch persönliche Verbindungen sind wir schnell beim Thema Senioren gelandet", sagt der 24-jährige Student.

Studierende der Hochschule für Medien Stuttgart haben auf der re_publica 2019 ihr Projekt "Mein digitales Dorf" vorgestellt. Das Team von links nach rechts: Felix Schloß, Timo Springer, Carina Meier, Daniel Geiger, Jonas Wagner (Quelle: privat).
"Wir sind alle Landeier": Das Team hinter "Mein digitales Dorf" (v.l.n.r): Felix Schloß, Timo Springer, Carina Meier, Daniel Geiger, Jonas Wagner. | Bild: privat

Interviews in Dutzenden Dörfern

Die fünf Medienmanagement-Studenten haben für ihre Plattform "Mein digitales Dorf" mit Bürgern in Dutzenden deutschen Dörfern gesprochen, um herauszufinden, was sie brauchen – und welche Ideen es vor Ort gibt, um den Alltag zu verbessern. Anstatt in den gewohnten Strukturen zu denken, soll die Initiative die Menschen zum Selbermachen anregen.

Das erste Projekt: Ein Rollator mit eingebautem GPS-Signal und einem Bestellknopf für Ruftaxis. "Wir wollten ein simples Interface, nachdem wir den Wunsch bekommen haben, etwas Einfaches zu entwickeln, das auch Senioren gut bedienen können. Und da ist das Smartphone direkt rausgefallen. Also haben wir das bestehende Konzept von Ruftaxis in ländlichen Gebieten mit der Lebensrealität von Älteren kombiniert. Zwischenzeitlich hatten wir die Idee, einen Rollator mit vibrierenden Griffen auszustatten, der den Senioren dann den Weg sagt - hier links abbiegen, hier geradeaus. Dann können sie nach dem Spazierengehen auf alle Fälle selbständig zurückfinden", sagt Daniel Geiger.

"Wir glauben, dass damit viel passieren kann"

Bei ihren Interviews seien sie überrascht gewesen, wie viele gute Einfälle und Motivation die Menschen vor Ort gehabt hätten. "Wir haben festgestellt, dass viele Senioren unterschätzt werden. Da gab es zum Beispiel einen 85-Jährigen im betreuten Wohnen, der war früher Elektroingenieur. Der hat unsere Idee innerhalb von zwei Minuten komplett verstanden und das richtig cool gefunden. Die Menschen können sich durchaus noch gut einbringen und Fachwissen aus ihrem früheren Beruf beisteuern", sagt Jonas Wagner. 

Wenn aber ein Dorf in Brandenburg schon die Lösung für ein Problem hat, bekommt davon jemand auf der schwäbischen Alb oder im Emsland keiner was mit. Auf der Homepage von "Mein digitales Dorf" sollen deshalb erfolgreiche Ideen vorgestellt, aber auch konkrete Fragen gestellt werden können. Die Studierenden wollen zusammen mit Fachleuten die Projekte betreuen und die Bürger dabei beraten - beispielsweise mit Anleitungen, sich technische Lösungen leicht selber zu bauen. So soll auch der "digitale Rollator" nachgemacht werden können.

Für die Fahrdienste zum Beispiel hätten sich überraschend viele Ehrenamtliche angeboten: Frührentner und Rentner, die ein paar Stunden pro Tag dafür aufbringen möchten. An anderen Orten böten sich Sharing-Modelle für E-Bikes an, um Älteren die Wege zu erleichtern und zusätzlich Touristen zu locken.

"Glauben, dass damit viel passieren kann"

Bis jetzt, sagen die fünf Studenten, seien die Fördersysteme viel zu schwerfällig. Die Dorfbewohner würden gerne etwas angehen, fühlten sich aber von den komplizierten Regeln abgeschreckt. "In Weissach bei Stuttgart gibt es ein tolles Ideencafé. Dort hatten sie aber keine Ahnung, wie man Workshops gibt, um Leute vor Ort auszubilden. Also haben sie offiziell Fördermittel beantragt, dafür mussten sie 3.000 Seiten Papier ausfüllen und was weiß ich nicht alles, bis sie dann irgendwann Geld bekommen haben, um jemanden zu engagieren, der ihnen zeigt, wie sie einen Workshop machen. Das sind doch komplett verschwendete Ressourcen", sagt der dritte re:publica-Gast aus dem Team, Timo Springer.

Für die Umsetzung der Projekte schlagen die Macher zum Beispiel "Dorf-Hackathons" vor, dafür wollen sie Soft- und Hardwareentwickler sowie Ansprechpartner aus den Orten zusammenbringen, um an einer konkreten Aufgabenstellung zu tüfteln. Auch Schüler- und Studierendenteams, die für Schule und Uni nach Projekten suchen, sollen in die Arbeit eingebunden werden. Ist eine Lösung gefunden, können Bürgermeister, Ortsvorsteher oder Gemeinderäte die Ideen in den Dörfern bekannt machen, um Vertrauen zu schaffen.

Beim ersten eingereichten Problem auf "Mein digitales Dorf" können die Macher gleich zeigen, wie gut die Ideen ihrer Leser wirklich sind: "Dorfarzt abgewandert" steht da. Nichts, was sich per Knopfdruck lösen lässt. "Wir glauben nicht, wir haben jetzt das Allheilmittel gefunden. Aber wir glauben, dass eine solche Plattform ein Ansatz ist, um überhaupt etwas in Bewegung zu bringen – und dass damit viel passieren kann", sagt Jonas Wagner.

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

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