Iris Wolfer (Quelle: privat)
Bild: privat

Interview | Gründerin zieht von Berlin aufs Land - "Gründer sollten keine Mitarbeiter aus Berlin nachholen"

Aus einer Millionenstadt in ein 70-Seelen-Dorf: Iris Wolfer ist von Berlin nach Klein Glien bei Bad Belzig gezogen, um einen Co-Working-Space zu gründen. Im Interview erzählt sie, warum sie bei der re:publica als gutes Beispiel gilt und warum die Feuerwehr eine große Hilfe war.

Iris Wolfer (38) hat zusammen mit Freunden vor ein paar Jahren den Co-Working-Space "Coconat" bei Bad Belzig ins Leben gerufen. Firmen wie die Telekom oder Daimler und Organisationen wie der WWF haben hier bereits getagt. Auf der re:publica 2019 diskutiert sie gemeinsam mit dem Bürgermeister von Tangerhütte und einem Vertreter des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft die Chancen und Probleme der Digitalisierung auf dem Land.

rbb|24: Frau Wolfer, hier bei der re:publica ist überall schnelles Netz, wie sieht's in Klein Glien mit dem Internet aus?

Iris Wolfer: Es gibt Internet. Und gar nicht mal so schlechtes: Erst waren es 50 Megabit/Sekunde, mittlerweile sind es 100. Aber klar: Ohne schnelle Internetverbindung könnten wir und vor allem unsere Kunden dort nicht so arbeiten, wie es nötig ist. Ein wichtiges Thema ist aber auch der Mobilfunk. Wir haben Festnetztelefone, die auch unsere Gäste nutzen können. Weil, wenn du mit dem Handy telefonieren musst, hast du oft keine Chance.

Berlin wird jährlich als "Start-up-Hauptstadt" ausgezeichnet, aus Brandenburg hört man nicht so viel von jungen Gründern. Warum haben Sie Berlin verlassen?

Mir ging es persönlich vor allem um das Bedürfnis, die Stadt hinter mir zu lassen und rauszugehen aufs Land, um konzentriert zu arbeiten. Alle machen in Berlin ständig irgendwas, zu viel für meinen Geschmack. Das ist auch anstrengend. Dieses Bedürfnis kennen wir Gründer, das kennen aber auch unsere Gäste und deshalb kommen sie zu uns. Damit holen wir Berlin, aber auch die ganze Welt zu uns nach Brandenburg.

Und zwar in einen Gutshof, in dem Sie die Firma "Coconat" gegründet haben. Das hat bestimmt nichts mit den weltbekannten Bad Belziger Kokosnüssen zu tun.

Korrekt, das steht für "community and concentrated work in nature" und richtet sich an Leute, die zum Beispiel aus Berlin kommen, um bei uns ortsunabhängig arbeiten zu können. Hier treffen die dann auf andere Menschen, um sich auszutauschen, Verbindungen zu knüpfen. Das sind Buchautoren, Studenten, aber auch typische Klientel wie Start-ups, die etwas zu Nachhaltigkeit machen. Die wollen einfach kein Seminar-Hotel.

Wie haben denn die Anwohner auf so ein topmodernes, urbanes Co-Working-Projekt mitten in ihrem Klein Glien reagiert?

Ganz ehrlich: Wir haben zuerst mit dem Leiter der Feuerwehr geredet. Der ist auch eine Art Sprecher des Dorfes, der ist engagiert und alle respektieren ihn. Und er wurde tatsächlich zu uns geschickt, um zu gucken, ob wir genau so welche Hippies sind, wie so eine andere Gemeinschaft, die dort lebt. Oder ob wir eher die Hipster sind. Wir sind keins von beiden, hat er zumindest gesagt. Aber dadurch sind wir ins Gespräch gekommen. Aber auch wir bewirken was für den Ort, zum Beispiel kommt der Bus jetzt öfter, der Ortsbeirat tagt jetzt bei uns, die Wahlen sind bei uns. Es ist gerade nicht so, dass zwei Kulturen nebeneinander existieren.

Der "Coconat" Co-Working-Space in Klein Glien bei Bad Belzig (Quelle: Tilman Vogler Fotografie)"Coconat" Co-Working-Space

Jetzt sind Sie aber bestimmt nicht einfach nach Klein Glien gefahren und haben den den Hof ausgebaut, sondern haben auch Hilfe vom Staat bekommen.

Ja, wir haben keine Investoren in der Hinterhand, sondern geben gerade das aus, was wir einnehmen. Aber natürlich gab’s da auch Fördermittel. Und die zu bekommen ist gar nicht so leicht. Diese ganzen Förderrichtlinien muss man erst mal verstehen. Wir haben eine Person, die sich nur damit beschäftigt. Denn: Man bewirbt sich ja auch um einen Investitionsfonds und muss da mehr oder weniger schon beweisen, dass es funktioniert. Das ist schwierig, bevor es überhaupt angefangen hat.

Wenn ich jetzt beispielsweise in die Uckermark gehen will, um dort etwas zu gründen - was würden Sie mir raten?

Auf jeden Fall mit allen sprechen, das Dorf kennenlernen, Netzwerke finden. Und es gibt Netzwerke. Es gibt ein großes Wissen, was schön ist. Es gibt auch altes Wissen. Man kommt überhaupt erst wieder mit verschiedenen Generationen in Kontakt. Wie lange habe ich hier in Berlin nicht mehr mit jemandem über 50 gesprochen? In Friedrichshain oder Neukölln hat man das Gefühl, man ist in einer Blase voller Gleichaltriger. Aber vor allem: Man sollte keine Leute aus Berlin nachholen, sondern vor Ort Mitarbeiter finden. Das schafft Vertrauen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Mark Perdoni, rbb|24.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Ist das nicht genau die Region in der gerade mit Hubschraubern giftige Insektizide versprüht werden? Wie wirkt sich das auf den naturnahen Betrieb aus? Vergleiche: https://www.pnn.de/potsdam-mittelmark/karate-forst-hubschrauber-verspruehen-insektizid-bei-bad-belzig/24313284.html

Das könnte Sie auch interessieren