24.04.2019, Berlin: Markus Beckedahl, Mitgründer der re:publica, nimmt an der Pressekonferenz zur diesjährigen Internetkonferenz "re:publica" teil (Quelle: dpa/Britta Pedersen).
Bild: ZB

Interview | re:publica-Mitgründer Markus Beckedahl - "Wir sehen uns auch als Weiterbildungsprogramm"

Von der ersten re:publica-Minute an war er mit an Bord: Netzaktivist und Journalist Markus Beckedahl. Vor der 13. Ausgabe der mittlerweile größten Digitalkonferenz Europas spricht er von spürbaren Veränderungen und Gästen, auf die er lange warten musste.

rbb: Herr Beckedahl, die 13. re:publica steht in den Startlöchern. Noch aufgeregt?

Markus Beckedahl: Ich bin insofern nicht aufgeregt, weil ich mich auf ein großes Team verlassen kann. Die Zeiten sind vorbei, als ich noch kurz vorher alle Überweisungen selbst machen musste, beispielsweise bei der ersten re:publica (im Jahr 2007, d. Red.), als es noch keine Ticket-Systeme im Internet gab. Ich bin aber spätestens dann aufgeregt, wenn wir sie eröffnen müssen. Und ich weiß, gleich gehen wir da auf die Bühne und es gucken ganz viele Leute zu. Dann fangen meine Beine an zu zittern. Das ist der einzige Moment eigentlich noch auf der re:publica, wo ich merke: Das Lampenfieber ist doch noch extrem da.

Das Motto in diesem Jahr: "tl;dr", also: "too long, didn't read". Was hat es damit auf sich?

Das ist eigentlich so ein Internetmedien-Phänomen. Mehr oder weniger bedeutet es: Ich hatte jetzt nicht die Zeit, alles zu lesen und habe es deswegen nicht getan, oder ich habe nur die Überschrift gelesen. Aber andererseits heißt es auch, – und das ist es, warum wir es eigentlich gewählt haben - dass unsere Welt viel komplexer als früher geworden ist. Wir sollten nicht den Fehler machen, die Flucht in Vereinfachungen zu suchen. Die re:publica war und will auch immer so ein Ort sein, wo viele komplexe Debatten heruntergebrochen werden und wir Menschen den Überblick gewähren wollen. Wir sehen uns auch als Weiterbildungsprogramm und "tl;dr" ist für uns Zeitgeist als auch eine Aussage darüber, wie wir die re:publica selbst sehen.

Gehen wir mal ins Programm der re:publica rein: Was sind die Highlights in diesem Jahr?

Wir freuen uns sehr, dass die Eröffnungsrede von unserem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier gehalten wird, der damit ja quasi Worte an die digitale Zivilgesellschaft richtet. Und direkt im Anschluss werden diese Worte ergänzt von der afrikanischen Wissenschaftlerin und Aktivistin Nanjira Sambuli. Sie bringt ihre Perspektive aus dem globalen Süden ein. Das war auch eine Erfahrung von uns als wir mit einer re:publica nach Accra in Ghana gegangen sind. Dort werden dieselben Themen wie bei uns diskutiert, nur mit ganz anderen Kontexten, was wir super spannend fanden und deswegen auch diese komplexe Eröffnung gewählt haben. Der deutsche Bundespräsident und eine afrikanische Aktivistin zum selben Thema - wir sind gespannt wie sich diese Reden ergänzen werden.

Wir haben am zweiten Tag die EU-Kommissarin Margareta Vestager, die ja wie keine andere sich um die Regulierung des Netzes kümmert und dabei einen guten Job macht.

Am dritten Tag ist sicherlich Alexander Gerst ein Highlight, unser Mann aus dem Weltraum. Er will darüber reden, wie Weltraumforschung heutzutage funktioniert und künftig funktionieren könnte.

Stichwort Bundespräsident: Kommt dann so ein Herr Steinmeier auf Sie zu oder umgekehrt?

Einigen Bundespräsidenten sind wir jahrelang hinterher gerannt. Wir hatten ja seit der ersten re:publica schon mehrere Präsidenten. Wulff wollte damals schon was zum Internet sagen, ist dann aber frühzeitig abberufen worden. Sein Nachfolger Herr Gauck haben wir jedes Jahr eingeladen. Doch der hat sich überhaupt nicht für irgendwas mit Digitalem interessiert und jedes Mal, wenn er sich zum Thema geäußert hat waren wir auch ganz froh, dass er es nicht auf der re:publica getan hat. Umso schöner ist es jetzt, den Bundespräsidenten mal da zu haben.

Ist die re:publica denn dann eher Bühne für Politiker oder ist es umgekehrt: Aktivisten bekommen die Möglichkeit, den Politikern ihre Sicht der Dinge zu schildern?

Im Idealfall wird diese Bühne gleichberechtigt genutzt, das heißt Politiker diskutieren auf Augenhöhe mit Aktivisten, Wissenschaftlern, Gründern und mit normalen Nutzern, die mittlerweile ja auch Urheber geworden sind. Natürlich gibt es andere Rahmenbedingungen, wenn der Bundespräsident kommt. Der kriegt dann im Zweifel eine Rede.

Die Frage ist, wie lange diese Balance noch gut geht. Früher war es ja eher ein Treffen von Szene-Menschen. Heute kommen Leute, die da eigentlich gar nicht so vertreten sind.

Uns ist schon bewusst, dass es die Szene, die die re:publica am Anfang ermöglicht hat, so nicht mehr gibt. Es gibt zwar noch diejenigen, die auch damals schon aktiv als Sender im Netz dabei waren, die quasi Vorreiter waren. Aber wir müssen auch mittlerweile akzeptieren: Jeder, der einen Internetzugang und ein Profil in einem sozialen Netzwerk hat, ist eine Bloggerin oder ein Blogger.

Wir sahen uns immer schon als Ort, wo die gesellschaftliche Debatte über Digitalisierung geführt wird und zwar nicht so kulturpessimistisch, sondern optimistisch. Aber trotzdem kritisch. Die re:publica ist kein Ort, an dem wir sagen: 'Alles was Google und Facebook machen ist total super.' Wir müssen als digitale Gesellschaft ein paar Regeln definieren und auch durchsetzen, damit wir am Ende nicht diejenigen sind, die total abhängig von Google und Co. geworden sind, sondern dass wir selbstbestimmte, selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger und Verbraucherinnen und Verbraucher in einer digitalen Welt sein können.

Es entstehen ja auch immer sehr viele Ansätze - oft stellt sich am Ende aber die Frage: Was bleibt hängen?

Das ist ja ein Problem jeder Veranstaltung, die einmal im Jahr an einem Ort stattfindet. Was bleibt von der Berlinale hängen? Ich glaube, was bei uns hängenbleibt, ist, dass wir drei Tage lang ein sehr intensives Weiterbildungsprogramm für viele gesellschaftliche Debatten anbieten und viele Menschen entweder ein bisschen politisieren, aber auch ein bisschen motivieren, sich in die gesellschaftlichen Debatten einzumischen. Ich glaube, viel mehr kann man auch nicht erreichen, außer einen Ort zu bieten, wo Menschen sich offline vernetzen können und sich dann den Rest des Jahres online weitersehen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Martin Adam für Inforadio. Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs.

Sendung: Inforadio, 06.05.2019, 6 Uhr

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