Teilnehmer sehen sich Bücher auf dem Gelände der Internetkonferenz "re:publica" an (Bild: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa/Britta Pedersen

Kommentar | re:publica - Eine Konferenz von astronomischer Bedeutung

Es war eine ernsthafte re:publica. Eine Konferenz der Netzgemeinde, der digitalen Zivilgesellschaft, die sich eben nicht mehr nur "um Internet kümmert", sondern um die Lage der Gesellschaft. Von Martin Adam

"Herzlich Willkommen zur re:publica!"... Bam Boom Bang, Konfettiregen. "Schön, euch alle wiederzusehen und schaut mal, was das Internet alles kann. Wow!" - Das war die re:publica. Normalerweise.

Ein Sich-selbst-an-die-Nase-fassen

Diesmal aber: Ein Komplettausdruck von Hermann Melvilles "Moby Dick" zieht sich als meterlange Papierbahn durch alle Säle – und mit ihm der stumme Vorwurf: "Auch das hast Du noch nicht gelesen!" Moby Dick sei der Inbegriff von tl:dr, hieß es gleich am Anfang, also: "Alle wissen, es geht um einen Wal, nur gelesen hat's keiner." Tl:dr heißt "Too long, didn't read" und steht für: "Ich habe keine Lust auf komplexe Themen, bitte gib mir bunte Häppchen."

Tl:dr ist das Motto, das die gesamte Konferenz überspannt: Es ist ein einziges Sich-selbst-an-die-Nase-fassen. Selten war ein re:publica-Motto so nach innen gerichtet. Und dann kommt der Bundespräsident himself gleich zu Beginn und unterstreicht: Ja Freunde, hier geht es um etwas Ernsthaftes. Nicht die Digitalisierung der Demokratie sei jetzt angesagt, sondern die Demokratisierung des Digitalen, sagt Steinmeier. Und: Wir haben nur diese eine Demokratie, wir sollten sie nicht aus der Hand geben. Applaus. Sehr ernsthafter Applaus.

Sascha Lobo zur Lage der Gesellschaft

Die re:publica 2019 war eine ernsthafte re:publica. Aus dem Haufen Nerds ist erst die Netzgemeinde und dann die digitale Zivilgesellschaft geworden. Seit Jahren redet man sich den Mund fusselig über Datenschutz, Überwachung, den Klimawandel und die Anfälligkeit digitaler Debatten für Manipulationen. Und die Welt macht jedes Jahr einfach immer weiter, als hätte es die re:publica nicht gegeben. "Realitätsschock" nennt Sascha Lobo das in seiner Rede zur Lage des... nein, nicht mehr nur des Internets, es geht um die Lage der Gesellschaft.

Jahrzehntelang, so Lobos These, haben wir uns erzählt: Wir sind schlau, haben alles unter Kontrolle und bewegen uns stetig in die richtige Richtung. Und jetzt? Nazis mischen sich bei Instagram mit bunten Häppchen unter die Leute und verbreiten ganz nebenbei ihren Menschenhass, Rechtspopulisten werden gewählt, der Klimawandel kleingeredet. Sexismus gibt's auch immer noch. Ist das neu? – Nein! Ist es ein Schock? – Ja! Ein Erwachen, eben ein Realitätsschock.

Und trotzdem immer noch Klassenfahrtgefühl

Dabei war es schon noch da, das Klassenfahrtsgefühl auf der re:publica, die bunten Lichter und netten Leute, die festplattenweise gute Ideen mitbringen: Europaweite Plattformen mit automatischer Simultanübersetzung, damit europäische Politik europäisch und nicht nur national diskutiert wird, Formate für Tiefgang und gegen tl:dr, Plastikmüll-Recycle-Maschinen zum Selbstbauen und Mobilitätskonzepte, bei denen Radfahrer im Straßenverkehr plötzlich eine echte Überlebenschance haben. Und der notorische Lobo empfiehlt: Nachdenken -  diese "in Vergessenheit geratene Kulturtechnik. Heute würde man das vielleicht einen single-user-brainstorm nennen."

Nachdenken, das Gegenteil von tl:dr. Den Abschluss macht Astro Alex Gerst. Der hat die Welt von außen gesehen und findet sie immer noch schön. Wenn sie nur endlich auf die re:publica hören würde.

Beitrag von Martin Adam

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