Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamtes Mitte mit Gesichtsschutzschirm (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
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Audio: Inforadio | 19.05.2020 | Sylvia Tiegs | Bild: dpa/Britta Pedersen

Personeller Notstand - Wie sich Berlins Gesundheitsämter durch die Dauerkrise kämpfen

Berlins Gesundheitsämter stehen mit an vorderster Front im Einsatz gegen Corona. Dabei haben sie schon vor der Pandemie all ihre Arbeit kaum geschafft - auch, weil sie chronisch unterbesetzt sind. Von Sylvia Tiegs

Falko Liecke ist seit 2009 Stadtrat im Rathaus Neukölln – und genauso lange schon begleitet den CDU-Politiker die Sorge um das Gesundheitsamt, für das er immer zuständig war. Er erinnert sich, dass er bereits 2011 gemahnt habe: "Wenn wir jemals in dieser Stadt ein 'Großschaden-Ereignis' haben, und die Gesundheitsämter müssen ran, dann sind wir nicht in der Lage, das vollständig abzudecken!"

Falko Liecke (Bild: rbb/Wolf Siebert)
Der Neuköllner Stadtrat Falko Liecke (CDU) | Bild: rbb/Wolf Siebert

Sein Büro liegt im Rathaus Neukölln, direkt an der quirligen Karl-Marx-Straße. 330.000 Menschen werden von hier aus regiert – eine mittlere Großstadt. Im Schnitt leben hier etwas mehr Arme, Kranke und Verzweifelte als in anderen Berliner Bezirken. Neuköllns Gesundheitsamt aber hat derzeit nur rund 120 Leute, ideal wären etwa 160. Einen Großteil davon würde die Stadt sogar bezahlen – wenn es die Kräfte am Markt denn gäbe.

Mehr als 20 Stellen sind hier derzeit unbesetzt. Sechs davon sind Mediziner: Neukölln fehlen zwei Ärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie vier Fachärzte für Hygiene- und Umweltmedizin. "Die könnten wir jetzt sehr gut gebrauchen", bedauert Liecke – wegen Corona, aber auch für Hygiene-Kontrollen, eine Kernaufgabe jedes Gesundheitsamtes.

Neuer Amtsarzt, alte Lücken

Immerhin fand der Stadtrat zum Jahresbeginn einen neuen Leitenden Amtsarzt für Neukölln. Nach zwei Jahren Suche. Falko Liecke ist erleichtert: "Der macht einen sehr, sehr guten Job. Ohne ihn würde ich hier wirklich absaufen."

Aber auch der neue Amtsarzt kann nicht die Arbeit von einem halben Dutzend fehlender Kollegen ersetzen. Seit fast einem Jahr hat Neukölln keinen sozialpsychiatrischen Notdienst mehr. Den musste der Bezirk schließen, "was für das Klientel hier echt schlimm ist", räumt Liecke ein. Der Notdienst wird gerufen, wenn psychisch kranke Personen eine Gefahr für sich selbst oder andere Menschen darstellen. So wie im Juni vor einem Jahr, als ein offenbar psychisch gestörter Neuköllner Polizeibeamte angriff und zwölf von ihnen mit einem Feuerlöscher verletzte.

'Überzeugungstäter' für weniger Gehalt

Reinickendorfs Leitender Amtsarzt Patrick Larscheid ist etwas besser dran - aber nur auf den ersten Blick. Sein Gesundheitsamt liegt beschaulich auf dem grünen, leicht verwilderten Gelände der früheren Humboldtklinik. Der Blick aus dem Bürofenster ist idyllisch, die Bezahlung dagegen eher bescheiden. Das kritisiert der Mediziner: "Wir machen eine hochqualifizierte Arbeit, wir brauchen dafür hochqualifiziertes Personal. Und das will dafür auch hochqualifiziert verdienen. So läuft das nun mal im Leben."

Doch wer als Mediziner im öffentlichen Gesundheitsdienst arbeitet, verdient in der Regel zwischen 1.000 und 1.500 Euro weniger als im Krankenhaus. Dabei brauchen auch Amtsärzte eine hochspezialisierte, langjährige Ausbildung. Seit neuestem dürfen die Bezirke bei Neueinstellungen Geld drauflegen - aber nur in Einzelfällen. "Wer hier arbeitet, ist Überzeugungstäter", sagt Larscheid. Das sei nichts Schlechtes, und die Arbeit eine sehr schöne. "Aber – keine Frage: Das müssen die Kollegen mit einem geringeren Gehalt erkaufen."

Berlin: Patrick Larscheid, Amtsarzt im Berliner Bezirk Reinickendorf.
Patrick Larscheid, Amtsarzt in Reinickendorf | Bild: picture alliance/Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa

Immerhin waren in Reinickendorf – anders als in Neukölln – vor Corona alle Stellen besetzt. Gott sei Dank, sagt Amtsarzt Larscheid. Trotzdem hätten sie im Gesundheitsamt nie alles geschafft: Für gründliche Reihenuntersuchungen in den Kitas fehlte genauso Personal wie für mehr Hygiene-Kontrollen. Dabei ist der Aufgabenkatalog der Gesundheitsämter kein Wunschkonzert. Eine ganze Latte von Gesetzen regelt, was sie leisten müssen: die Bevölkerung beraten und untersuchen. Sie schützen: vor mangelnder Hygiene, vor Vernachlässigung - und vor Krankheiten und Seuchen, wie Corona.

Ermüdender Kampf um mehr Stellen

Seit mehr als zehn Jahren klagen Berlins Amtsärzte und -ärztinnen, dass das alles nicht mehr zu schaffen ist in der wachsenden Stadt, mit dem vorhandenen Personal. Argumente seien "ermüdend oft ausgetauscht" worden, sagt Patrick Larscheid. Am Ende sei es eine Frage der handelnden Personen: welchen Willen, welche Haltung sie hätten.

Nun muss man sagen: Wille und Haltung waren durchaus vorhanden beim Senat. Ein Berliner "Mustergesundheitsamt" wurde entwickelt, ein Idealmodell mit 270 zusätzlichen Stellen für die Gesundheitsämter der Stadt. Aber es kam wie so oft in Berlin: große Pläne, keine Umsetzung. Das "Mustergesundheitsamt" blieb 2016 in der Projektphase stecken.

Und dann kam: Corona. Das "Großschadenereignis", Falko Lieckes Befürchtung von 2011, trat ein: maximaler Arbeitsdruck bei minimaler Besetzung. Der Stadtrat griff in Neukölln zu Notlösungen: "Alle Kollegen, die nicht mit Kinderschutz betraut sind, müssen aushelfen. Das sind jetzt über 90. Andere Kollegen haben wir aus anderen Ämtern rausgeholt, um zu verstärken – damit der Laden jetzt erstmal läuft."

So oder so ähnlich läuft es derzeit in ganz Berlin. In den Gesundheitsämtern bleibt jetzt Großes, Grundsätzliches liegen. Schuleingangsuntersuchungen finden praktisch nicht mehr statt, Hygiene-Kontrollen sind heruntergefahren – genauso wie Beratungsangebote für Behinderte oder amtliche Besuche bei Neugeborenen.

Hoffnungen auf eine Lösung nach Corona

Auf Dauer reichen wird das trotzdem nicht. Falko Liecke und die übrigen Gesundheitsstadträte haben deshalb gerade beschlossen, die Bundeswehr um Hilfe zu bitten - wie es in Brandenburg teilweise schon praktiziert wird. Jeder Bezirk soll fünf Soldaten bekommen, zur Kontaktnachverfolgung bei Corona-Fällen. Weitere Helfer kommen vom Robert-Koch-Institut. Der Stadtrat kann sich auch vorstellen, Zusatzkräfte auf Honorarbasis zu holen: vom Arbeiter-Samariter-Bund oder dem Roten Kreuz. "Eine Sisyphus-Arbeit", seufzt Liecke, "aber das ist jetzt der Job. Ich habe viele hochmotivierte Kolleginnen und Kollegen, die derzeit alles geben, um so gut wie möglich für die Bevölkerung da zu sein."

Und wenn die Corona-Krise vorbei ist? Wird die Dauerkrise der Berliner Gesundheitsämter dann vielleicht endlich mal grundsätzlich behoben? Reinickendorfs Amtsarzt Patrick Larscheid wiegt den Kopf: "Das hoffen wir natürlich. Aber wir sind auch keine Fantasten. In der Verwaltung geht es immer um Geld und Personal. Und wenn es ums Sparen geht, dann wird eine Institution wie das Gesundheitsamt, die vor allem Personalkosten hat, am Personal sparen."

Falko Liecke in Neukölln ist optimistischer. Der Stadtrat hat gerade die Nachricht bekommen, dass von den 270 zusätzlichen Stellen aus dem alten Plan für "Mustergesundheitsämter" jetzt immerhin 60 bewilligt sind – fünf pro Bezirk. Nun muss er die neuen Mitarbeiter für Neukölln nur noch finden, am leergefegten Arbeitsmarkt.

Sendung: Inforadio, 20.05.2020, 09:00 Uhr

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Beitrag von Sylvia Tiegs

Kommentar

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Antwort auf [rbb-24-nutzer] vom 20.05.2020 um 12:59
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2 Kommentare

  1. 2.

    Da stimme ich Ihnen zu. Die Gesundheitsämter hätten auch die Personalausstattung längst benötigt, um der MRSA und anderer "Krankenhaus"infektionen Herr zu werden. Die Maßnahmen und Leitlinien umsetzend, die das pflichtvergessene RKI seit Jahrzehnten weder gefordert noch angeschoben hat. Und auch die gesundheitliche Chancengleichheit für Kinder, Jugendliche und Eltern aus Haushalten mit niedrigem Einkommen und schlechtem Zugang zu (Gesundheits-)Bildung könnte durch die Gesundheitsämter gesteuert und evaluiert, besser umgesetzt werden. Und einige Leistungen, wie zur Zahngesundheit oder Früherkennung kindlicher Störungen, sollten auch nachdrücklich verfolgt oder erbracht werden.

  2. 1.

    Wie in allen anderen Aspekten gilt auch hier: Corona wirkt als Brennglas für schon zuvor bestehende Probleme. Umso absurder ist es, einem rechtspopulistischen Angstmacher wie Liecke in der "besorgten" Selbstdarstellung zuzuhören, obwohl er maßgeblich mitverantwortlich für die personelle Lage ist. Auch erwähnt er diejenigen nicht, die schon zuvor von großen Teilen der Gesundheitsfürsorge ausgeschlossen waren und teils noch prekärere Lebenssituationen vorfinden: Geflüchtete, Wohnungslose, Behinderte.

    Wer, unabhängig von Partei, Privatisierung dort einfordert, wo gesellschaftliche, staatliche Verpflichtung besteht, spielt mit öffentlicher Gesundheit und auch Menschenleben. Verantwortung und die Folgen eigener Handlungen lassen sich aber nicht wegdelegieren. Wer intransparenten, prioritär gewinnorientierten Konzernen mehr Raum gewährt als gesundheitspolitisch wie ethisch zulässig, begünstigt aktuelle Verhältnisse.

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