Symbolbild: Schüler sitzen mit Mund-Nasenschutz vor der Einschulungsfeier vor dem Schulgebäude. (Quelle: dpa/Matthias Bein)
Audio: Inforadio | 18.09.2020 | Kirsten Buchmann | Bild: dpa/Matthias Bein

Fehlende Untersuchung von Erstklässlern - Noch nicht bereit für die Schule

Sehen, hören, sprechen und sich bewegen. Wie gut künftige Schulanfänger das können, testet ein Schularzt vor der Einschulung. Für einige fiel dieses Jahr der Termin aus. Ärzte waren mit der Corona-Pandemie beschäftigt - mit Folgen für die Schulen. Von Kirsten Buchmann

Wie sich die fehlenden Einschulungsuntersuchungen bemerkbar machen, ist etwa an der Carl-Schurz-Grundschule in Berlin-Spandau zu beobachten. Laut der Rektorin Constanze Rosengart gab es diesmal nur für ein Fünftel ihrer Schulneulinge eine schulärztliche Untersuchung. Gewünscht hätte sie sich das aber für alle rund 100 Kinder. Denn dann wären wohl einige als nicht schulreif aufgefallen: "Es ist so, dass wir 18 Kinder haben, wo wir jetzt merken, dass sie den Anforderungen, die Schule an Lernanfänger stellt, noch nicht gerecht werden können."

Zwar waren auch in anderen ihrer Jahrgänge einzelne Kinder zunächst nicht fit für die Schule. Aber nicht 18 wie in diesem Schuljahr, sondern zwei oder drei, sagt Rosengart. Denn am Ende zähle, was die Einschulung angeht, zwar der Elternwille, ob sie ein Kind in die Schule schicken wollen. Doch "üblicherweise hören die Eltern auf das, was der Schularzt sagt", so die Rektorin.

Viele Kinder sind noch zu verspielt

Dass in diesem Jahr die schulärztliche Einschätzung fehlte, zeige sich inzwischen bei einem Teil ihrer Erstklässler im Unterricht: "Sie sind entweder noch viel zu verspielt oder sie sind feinmotorisch einfach noch nicht so, dass sie einen Stift vernünftig halten oder eine Linienführung einhalten können. Oder sie schaffen es nicht, sich eine Viertelstunde auf eine Aufgabe zu konzentrieren", sagt Rosengart.

Die Schulleiterin ist sich sicher: Bei einer schulärztlichen Untersuchung wäre den Eltern der 18 Kinder empfohlen worden, die Kinder noch ein Jahr länger in der Kita zu lassen. Stattdessen versucht sie nun die Kinder an ihrer Schule zu fördern: "Das heißt, dass die Kolleginnen und Kollegen sie unter Umständen auch mit Vorschulmaterial, Schwungübungen und motorischen Übungen versorgen."

Nicht nur an der Carl-Schurz-Grundschule bedeutet das, den Unterricht stärker zu differenzieren, um den Bedürfnissen auch dieser Kinder gerecht zu werden. Die Vorsitzende des Interessenverbands Berliner Schulleitungen, Astrid-Sabine Busse, zugleich Leiterin der Schule in der Köllnischen Heide in Neukölln, geht ebenfalls auf ihre noch nicht schulreifen Schüler ein. Unter anderem setzt sie dabei auf Deutschunterricht in kleineren Gruppen, "wenn der Sprachstand vielleicht null oder eins ist - das heißt, man kann sich gar nicht in der deutschen Sprache ausdrücken - dann versuchen wir das." Die Schwierigkeit für sie: "Personal haben wir nicht im Überfluss - und das muss auch geschultes Personal sein."

Um die Kolleginnen einteilen zu können, hätte sie daher die Hinweise der Schulärzte rechtzeitig vor Beginn dieses Schuljahres gebraucht. Rund 20 Kinder ihrer Schule waren allerdings wegen der Corona-Pandemie nicht vorab vom Schularzt untersucht worden.

Kalayci: Termine sollten nachgeholt werden

Dass trotz der Corona-Pandemie je nach Bezirk immerhin 60 bis 80 Prozent der Einschulungsuntersuchungen stattfanden, wertet Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci als "eine recht hohe Zahl". Diese Einschätzung gab sie im August. Sie kündigte zugleich an: "Die Einschulungsuntersuchungen, die fehlen, werden jetzt natürlich peu à peu nachgeholt, die Bezirke sind gerade sehr aktiv dabei".

Bisher liegen ihrer Verwaltung allerdings keine Daten vor, wie viele Termine seitdem zustande kamen - und wie viele Kinder in diesem Jahr überhaupt von der ersten Klasse zurückgestellt wurden.

Sind verspätete Untersuchungen sinnvoll?

Und was würde es den Schulen jetzt noch bringen, wenn sich die Schulärzte die Kinder nun noch ansehen? Aus Sicht von Schulleiterinnen gäbe das ihnen Rückenwind, um etwa Eltern zu verdeutlichen, warum ein Kind erst mal Vorschulunterricht bekommen muss und erst später als seine Mitschüler Lesen und Schreiben lernt. Denn in solchen Situationen kann es auch zu Konflikten mit Familien kommen.

Der Haken ist allerdings: Sobald die Kinder einmal in der Schule sind, ist es nicht mehr möglich sie zurückzustellen und noch ein Jahr in der Kita zu lassen. Constanze Rosengart sagt: "Selbst, wenn sie jetzt noch nachuntersucht werden, sind sie ja eingeschult und sind dann eben auch formal hier in der Schule und bleiben hier auch."

Sendung: Inforadio, 18.09.2020, 09:50 Uhr

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Beitrag von Kirsten Buchmann

5 Kommentare

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  1. 5.

    Ergänzung: Die Senatsverwaltung für Gesundheit war von 2002 bis 2011 in der Verantwortung der PDS/Linke - zuletzt Frau Lompscher!. Da wurde vieles vernachlässigt. Danach eine Periode der CDU, wo es auch kaum besser aber wenigstens nicht noch schlechter wurde. Solange dies für Ärztinnen und Verwaltungsfachkräfte nicht attraktiv gestaltet wird, werden sich kaum Mitarbeiter/innen finden.

  2. 4.

    Ergänzung: Die Senatsverwaltung für Gesundheit war von 2002 bis 2011 in der Verantwortung der PDS/Linke - zuletzt Frau Lompscher!. Da wurde vieles vernachlässigt. Danach eine Periode der CDU, wo es auch kaum besser aber wenigstens nicht noch schlechter wurde. Solange dies für Ärztinnen und Verwaltungsfachkräfte nicht attraktiv gestaltet wird, werden sich kaum Mitarbeiter/innen finden.

  3. 3.

    Das eigentliche Problem ist die seit Jahren chronische Unterbesetzung der Gesu-Ämter. Bis vor ca 10-12Jahren waren die Untersuchungen in der Regel im Januar/Februar durchgeführt. Somit blieb noch Zeit für die Diagnostik von Kinden mit Förderbedarf und die Anregung von gezielten Maßnahmen. Ein paar Nachzügler konnte man bis zum Sommer noch untersuchen. Wäre das noch so, wäre der Prozess vor Corona durch gewesen! Da nicht gezielt verbessert wurde (sondern im Gegenteil), istcrs nun unter den neuen Umständen katastrophal und verstärkt die Benachteiligung vieler Schulanfänger. Verantwortlich dafür sind nicht Die Ärzte im Gesu-Amt und auch nicht Fr. Kalayci. Das Problem hat mi den Vorgängern zu tun und den damaligen Einsparungen.

  4. 2.

    Gab es keine Empfehlung der Kitas, oder gehen die Kinder in keine ? Die Kinder haben so einen sehr schweren Start in ihr Schülerleben. Aber die lieben Lehrer und Erzieher machen das schon. Leidtragende wie immer - die Kinder und das pädagogische Personal. Trotzdem viel Erfolg beim Aufarbeiten!!!

  5. 1.

    Denkt Frau Kalayci eigentlich, bevor sie ein Statement abgibt. Dass die nachträgliche "Vorschuluntersuchung" totaler Nonsens ist, müsste ihr doch bei der Abwägung der Konsequenzen klar sein.

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