Freiwillig im Krieg - Was über deutsche Kämpfer in der Ukraine bekannt ist

Fr 11.03.22 | 12:29 Uhr | Von Georg-Stefan Russew
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Symbolbild aus Lwiw vom 9.3.2022. (IMAGO/Carol Guzy)
Audio: rbb24 | 10.03.2022 | Ralph D. Thiele | Bild: IMAGO/Carol Guzy

Tausende Ausländer haben sich laut ukrainischer Regierung als Freiwillige für die Verteidigung gegen Russland anwerben lassen. Auch Deutsche sollen dabei sein. Um wen geht es dabei? Und was treibt sie an? Von Georg-Stefan Russew

Nachdem die Ukraine Anfang März ihre Grenzen für freiwillige Kämpfer aus dem Ausland geöffnet hat, sollen sich Medienberichten zufolge auch zahlreiche Deutsche bei der ukrainischen Armee gemeldet haben, um mit ihr zusammen gegen den Einmarsch russischer Truppen zu kämpfen. Knapp 1.000 Deutsche sollen in der Ukraine mittlerweile im Einsatz sein, schreibt "Bild" unter Berufung auf Angaben aus ukrainischen Regierungskreisen.

Das Bundesinnenministerium in Berlin bestätigt diese Zahl rbb|24 nicht. "Innerhalb des Schengen-Raums reisen Menschen frei und werden dabei erst einmal nicht registriert. Es gibt keine regulären Binnengrenzkontrollen, auch nicht in Richtung Osten - in Richtung Polen", teilte ein Ministeriumssprecher mit. Gleichwohl befänden sich seiner Darstellung nach aber durchaus auch deutsche Kämpfer in der Ukraine.

Rechtsextremisten im Fokus der Beobachtungen

Unter besonderer Beobachtung stehen dabei deutsche Rechtsextremisten, die sich möglicherweise an Kampfhandlungen in der Ukraine beteiligen könnten. "Dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) liegen vereinzelte Hinweise - im niedrigen einstelligen Bereich - auf erfolgte Ausreisen von Extremisten aus Deutschland in die Ukraine vor", sagte BfV-Sprecherin Angela Pley rbb|24.

"Bezüglich der mutmaßlichen Beteiligung deutscher Rechtsextremisten an Kampfhandlungen liegen derzeit keine verifizierten Erkenntnisse vor", so Pley weiter. Sicherheitsbehörden behielten aber entsprechende Werbungsversuche und mögliche Ausreiseabsichten aufmerksam im Blick, hieß es weiter.

Ein Sicherheitsexperte, der nicht namentlich genannt werden wolle, erklärte in Bezug auf deutsche Rechtsextremisten, dass diese sich uneins zeigten. Während pro-russische Separatisten 2014 nach dem Donbass griffen, unterstütze eine breite Mehrheit der Rechtsextremisten die ukrainische Seite. Aktuell tendierten diese extremistischen Kreise mehrheitlich zum russischen Lager. Hierzu zählten seiner Einschätzung zufolge Organisationen wie die NPD oder "Freie Sachsen".

Zur Person

Ralph D. Thiele (Quelle: privat)
privat

Ralph D. Thiele, ehemaliger Oberst, hat bei der Bundeswehr früher eine Nukleareinheit geleitet. In seiner militärischen Laufbahn war er unter anderem im Planungsstab des Verteidi­gungsministers und beim Nato-Oberbefehlshaber tätig. Er betätigt sich als sicherheitspolitischer Berater und ist unter anderem Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft in Berlin.

Andere wie beispielsweise die rechtsextremistische Partei "Der dritte Weg" positionierten sich pro-ukrainisch. So gebe es eine gewisse Nähe zu ukrainischen Milizen wie dem ultranationalistischen "Regiment Asov", das Online um Freiwillige wirbt. "Asov“ untersteht formal dem Kiewer Innenministerium.

Wer lässt sich anwerben?

"Wir gehen davon aus, dass das Ukrainer oder mindestens Menschen mit einem deutsch-ukrainischen Hintergrund sind, aber diesbezügliche Zahlen können wir nicht nennen", unterstrich ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.

Ralph D. Thiele, Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft Berlin, geht davon aus, dass de facto erst in zwei, drei Jahren mit Sicherheit gesagt werden könne, wer sich freiwillig an dem Krieg beteiligt hat. Das zeigten Erfahrungswerte aus der Vergangenheit, wie er im Gespräch mit rbb|24 sagte.

Er verweist auf die Auseinandersetzung mit der Terrororganisation des Islamischen Staats (IS). Damals ließen sich 10.000 Freiwillige aus Europa - davon 3.000 aus Deutschland - vom IS anwerben, um für die islamistische, salafistische Miliz in den Krieg zu ziehen, um ein Kalifat unter anderem auf syrischem Territorium zu errichten.

Militärexperte sieht hohes Mobilisierungspotenzial

In die Ukraine zu ziehen, ist derweil nicht strafbar. Freiwillige, die zum IS gegangen sind und in die Bundesrepublik zurückkehren, müssen sich dagegen unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung verantworten. Bis zu zehn Jahre Haft können drohen.

Menschen, die zum Kämpfen freiwillig in die Ukraine zögen, seien nach Ansicht von Thiele keine Terroristen. Viele von ihnen bewege die Gerechtigkeitsfrage und Solidarität mit der Ukraine. Einige verbänden familiäre Bande in das Land. Aus diesem Grund sieht Oberst a.D. Thiele ein hohes Mobilisierungspotenzial. "Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir hier auf eine Quote von 50.000 kommen. Nach meinem Zahlen gibt es im Augenblick bereits 20.000, die in der Ukraine kämpfen. Wenn wir das dann entsprechend hochrechnen, könnten es aus Deutschland dann mehr als 10.000 Kämpfende sein", prognostiziert Militärexperte Thiele.

Für Deutschland sei es in dieser Situation sehr wichtig, dass deutsche Sicherheitsbehörden sich ein reales Lagebild beschafften, so Thiele. Es müsse dokumentiert werden, wer von Deutschland aus freiwillig in die Ukraine ziehe, um für spätere Problematiken gewappnet zu sein.

Motivation ist vielschichtig

Generell ließe sich kein homogenes Bild zeichnen, wer sich freiwillig der ukrainischen Seite anschließt und aus welcher Motivation heraus. "Da ergibt sich ein ganz, ganz vielschichtiges Bild, was man im Detail betrachten muss", so Thiele.

Neben Menschen mit familiären Verbindungen in die Ukraine gebe es auch "Leute, die gerne kämpfen, darunter ehemalige Soldaten oder auch Personen, die sich gerne anwerben lassen." Auf ukrainischer Seite würden nach Thieles Kenntnisstand zudem Anwerbeprämien gezahlt. Das habe sich insbesondere im englischsprachigen Raum herumgesprochen. So hätten sich seiner Kenntnis nach Amerikaner, Australier, Briten, Neuseeländer oder Südafrikaner gegen Sold anwerben lassen.

Nach Thieles aktuellen Informationen würden auch Kämpfer aus Syrien, die dort für die Türkei im Einsatz waren, in die Ukraine geführt. Der Oberst a.D. beschrieb auch eine große Anzahl von "Abenteurern, denen es einfach Freude bereitet, in ein kombattantes Umfeld einzutreten und mitzuwirken". So etwas gebe es eben auch.

Anwerben von "Abenteurern" für Ukraine ambivalent

Letztlich bleibe fraglich, ob ausländische Kräfte auf Abenteuersuche tatsächlich eine Stärkung für die Ukraine sein können, denn, so Thiele: "Sie kennen sich in dem Land nicht aus. Sie haben auch keine Empathie mit der Bevölkerung, sondern sie lauern im Grunde auf die Auseinandersetzung mit den Russen, die unabhängig davon, was sie jetzt alles militärisch falsch machen mögen, immer noch eine außergewöhnliche Streitmacht sind, gegen die Einzelkämpfer dem Grunde nach keine große Chance haben."

Die russische Armee sei eine brutale Streitmacht, die Flächenvernichtung betreibe. Es würden große Brand- und Granatenteppiche gelegt. Wer als Freiwilliger die Ukraine ohne militärische Vorerfahrung, ohne Sprach- und Ortskenntnisse gehe, dem könne Tod, Verwundung oder Folter in Kriegsgefangenschaft drohen, betont Thiele.

Beitrag von Georg-Stefan Russew

20 Kommentare

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  1. 20.

    Sicher? Heute weiß jedes Kreditkartenunternehmen, jeder Supermarkt-Discounter, Google, Facebook, WhatsApp usw. mehr über die Bürger, deren Einkaufsverhalten, Freunde, politische Einstellung und Lebesweise als der Eine der 89 Bürger überwachte. Von professionellen Diensten wie NSA und Co. mal ganz zu schweigen.
    Warum zum Beispiel muss aktuell jede Person die aus der Ukraine einreist, ihre Fingerabdrücke registrieren lassen? Diese Daten können dann bundesweit von jeder Behörde abgerufen werden.

  2. 19.

    Die, die sich jetzt der Ukrainischen Regierung auf Einladung ändern, war wohl der Weg zu IS zu weit und gefährlich.

  3. 18.

    "Was erwarten Sie konkret außer mehr fürs Geld des BfV und Co. Sie scheinen nicht verstehen zu wollen, dass es in der Bundesrepublik keine Totalüberwachung der Bürger gibt. Hierzulande stehen nicht Millionen Menschen unter enger Beobachtung wie auch in einem Rechtsstaat Menschen nicht willkürlich belangt werden können."

    DAS ist ein Fullquote wert...

  4. 17.

    Reine Söldner haben keinen Kombattantenstatus. Der jeweilige Gegner ist nicht an Kriegsrecht gebunden. Anders würde es aussehen, wenn Einheiten nach Muster der Fremdenlegion aufgestellt werden. Sie wären Teil des ordentlichen Heeres.
    Egal auf welcher Seite, egal welche Form, es kann und ich denke es wird hier von der jeweiligen anderen Kriegspartei als feindlicher Akt eingestuft werden, was die Brisanz der Situation mit Sicherheit nicht mildert.
    Oder anders - diese Deppen sollen mit dem Allerwertesten zu Hause bleiben und nicht noch Öl ins Feuer gießen. Das ist hart für die Ukraine, aber einen Krieg, der sich ggf. auf große Teile Europas ausdehnen könnte braucht wirklich niemand.
    Nein, ich bin kein Putinfreund. Ich habe lange Jahre in einem Natoland gedient, bin ehrenhaft entlassen worden und weiss wie Sterben aussehen kann - anders als am Stammtisch.

  5. 16.

    Was erwarten Sie konkret außer mehr fürs Geld des BfV und Co. Sie scheinen nicht verstehen zu wollen, dass es in der Bundesrepublik keine Totalüberwachung der Bürger gibt. Hierzulande stehen nicht Millionen Menschen unter enger Beobachtung wie auch in einem Rechtsstaat Menschen nicht willkürlich belangt werden können.

  6. 15.
    Antwort auf [Steffen] vom 11.03.2022 um 17:32

    Blöd nur, wenn die kampferprobt zurückkommen und den Schlapphüten durch die Lappen gehen.

  7. 13.

    Die Zeiten, wo auf 89 Bürger ein Aufpasser kam, sind allerdings glücklicherweise in ganz Deutschland vorbei. Zudem ist nicht jede Tat eine Straftat.

  8. 12.

    Um seltsame Scheinargumente waren Putintrolle ja nie verlegen aber manche Stilblüten haben was. Was genau "mit "aemtlichen anderen Kriegsschauplaetzen auf dieser Welt " ist denn gemeint?

  9. 11.

    Genau, das ist zu wenig Ergebnis für solch eine Behörde. Dies wurde schon oft kritisiert. Ist es nicht schlicht weg zu teuer?
    Oder aber man spricht mehr: Tue Gutes und rede darüber... Also mit verhinderten Taten darf man werben..., wenn es sie gibt.

  10. 10.

    Laut einem aktuellen Artikel des RBB zieht es NPD-Anhänger und "Freie Sachsen" auch auf die Seite von Putins "antifaschistischen" Truppen. Ich kann mich zudem nur daran erinnern, dass diejenigen, die sich einer terroristischen Vereinigung wie der IS angeschlossen hatten, nachträglich strafrechtlich belangt wurden. Woran haben Sie konkret gedacht? Sich als Söldner zu verdingen, ist grundsätzlich nicht verboten, nur gemäß § 109h StGB das Anwerben für fremden Wehrdienst. Viel mehr als Ausreiseuntersagungen und ggf. Meldeauflagen auszusprechen, kann die Bundesregierung nicht tun. Das "Schengen-Land" reicht aber bis an die ukrainische Grenze.

  11. 9.

    Ja, seltsam: Bei saemtlichen anderen Kriegsschauplaetzen auf dieser Welt hatte meine keine Probleme, eine entsprechende "rechtliche Grundlage" zu konstruieren. Aber wenn deutsche Nazis sich den Asow-Faschisten anschließen wollen, sind dem Rechtsstaat angeblich die Haende gebunden ...

  12. 8.

    Sicherlich sind auch einige dabei, die dann sehr schnell und schmerzlich begreifen müssen, dass das Computer-Geballere mit der Realität wenig zu tun hat.
    Da wird dann, die eine oder andere Hose etwas "nass" werden ... dies wäre aber wahrscheinlich das kleinste Übel.

  13. 7.

    Neben Menschen mit familiären Verbindungen in die Ukraine gebe es auch "Leute, die gerne kämpfen, darunter ehemalige Soldaten oder auch Personen, die sich gerne anwerben lassen."
    1. ist ja noch vertretbar, aber danach Leute die gerne Kämpfen, was soll das, denn sollen die boxen oder Kickboxen machen aber nicht sowas.
    Das ist meiner meinung nach das letzte, wenn den Leuten ihr Leben nichts wert ist denn sollen die da hingehen wo es auch nichts wert ist.

  14. 6.

    So sieht es aus, was geht bei denen Leuten verdammt nochmal in den Köpfen ab das man das Freiwillig macht einfach nur unbegreiflich.
    Da fällt einen einfach nichts mehr dazu ein.

  15. 5.

    Laut einem Bericht des RBB vom 11.03.2022 beobachtet der Verfassungsschutz, wobei es aber keine rechtliche Handhabe gibt, Menschen daran zu hindern, aus D. auszureisen.

  16. 4.

    Im Angesicht der Brutalität und Rücksichtslosigkeit die durch Putins Angriffskrieg ausgeht, ist es durchaus verständlich, dass der Wunsch da ist dem Einhalt zu gebieten. Auch wenn keine "familiären" Bindungen bestehen.

  17. 2.

    Wenn Männer mit ukrainischen Wurzeln dort kämpfen, kann man das natürlich verstehen. Alles andere ist Kriegstourismus.

  18. 1.

    Was macht der Verfassungsschutz? (Der Breitscheidplatz lässt grüßen) Für dessen Aufgaben und Kontrolle ist das Parlament da. Machen die was?

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