Interview | Private Aufnahme von Geflüchteten - "Man sollte sich überlegen, was man leisten kann und will"

Mo 14.03.22 | 06:29 Uhr | Von Vanessa Materla
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Eine Frau und zwei Kinder, die vor dem Krieg und dem russischen Angriff aus der Ukraine geflüchtet sind, sitzen in einer Unterkunft für Flüchtende. (Quelle: dpa/Marton Monus)
Bild: dpa/Marton Monus

Viele Menschen in Berlin und Brandenburg haben Geflüchtete aus der Ukraine privat bei sich aufgenommen. Doch wie schafft man einen Alltag für potenziell traumatisierte Menschen? – ein Interview mit der Psychiaterin Anja Haberlandner.

rbb|24: Frau Haberlandner, wie erkenne ich, dass Menschen traumatisiert sind?

Anja Haberlandner: Zeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung können vielseitig sein, gehen aber vor allem mit einem Gefühl von Angst und Schutzlosigkeit einher. Sehr wichtig ist hierbei allerdings: Jeder Mensch geht anders mit einer belastenden Erfahrung um, und nicht jede führt zu einer Traumatisierung! Deswegen ist es schwierig, verallgemeinernde Aussagen zu treffen. Wir können uns hier nur vor Augen halten, dass es aktuell verschiedene Aspekte zu bedenken gibt: Es kann sein, dass die Person in der Heimat etwas Schwerwiegendes erlebt hat oder die Flucht anstrengend war. Dazu kommt die Angst um Freunde und Familienmitglieder, die noch im Kriegsgebiet sind. Und dann ist da noch die momentane persönliche Unsicherheit: Wie geht es mit mir weiter? Wo bin ich und wo will ich hin? Wo werde ich wieder ein Zuhause finden? Welche Zukunft haben meine Kinder?

Wie gehe ich denn im Alltag am besten mit den Geflüchteten bei mir zu Hause um? Versuche ich, ihnen Ablenkung zu verschaffen oder brauchen sie eher Zeit für sich?

Am besten fragt man sie selbst "Was ist Dir lieber – möchtest Du etwas unternehmen oder möchtest Du deine Ruhe?" Manchen Menschen tut es auch gut, erstmal Zeit für sich zu haben, vielleicht haben sie auch eine ukrainische Community, zu der sie Kontakt herstellen wollen. Vielleicht möchten sie aber auch nur schlafen oder ausgiebig duschen. Anderen tut es gut zu merken, dass sie hier "normale" Dinge machen können: einkaufen, spazieren gehen, die Stadt anschauen. "Was brauchst Du jetzt und wie kann ich dich dabei unterstützen?" – das ist immer die richtige Frage.

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Anja Haberlandner (Quelle: Jackie Hardt)
Jackie Hardt

Dr. med. univ. Anja Haberlandner ist als Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie im Gesundheitszentrum für Flüchtlinge (GZF) und bei Xenion e.V. tätig.

Wenn ich merke, dass die Geflüchteten etwas Schlimmes erlebt haben: Wie kann ich dann mit ihnen darüber sprechen – ohne, dass ich sie durch eine Frage belaste?

Es gibt keinen festen Ablauf, den man einhalten kann. Manche Menschen möchten reden, andere nicht - das gilt es zu respektieren. Wesentlich ist meistens auch die Sprachbarriere. Wichtig ist es, verbal oder nonverbal ehrliches Interesse zu zeigen und offen zu sein. Wer klar kommuniziert, selbst unsicher und auf Feedback des Gegenübers angewiesen zu sein, wird bestimmt auf Verständnis der Geflüchteten stoßen. Also fragen: "Worüber möchtest Du sprechen und worüber nicht?" Und wenn die Person dann erzählen möchte, ist es gut, sich das Erzählte empathisch anzuhören. Vielleicht fällt es am leichtesten, wenn man sich vorstellt, gute Bekannte zu Gast zu haben: Man möchte, dass sich das Gegenüber wohl fühlt, hört zu und bedrängt nicht mit Nachfragen.

Wie verhalte ich mich im Gespräch am besten, wenn die Menschen von ihren Erfahrungen erzählen wollen?

Es klingt schwer, aber wenn man es schafft, eine gewisse Lockerheit und Objektivität in die Gespräche zu bringen, dann kann das Menschen mit Fluchterfahrung sehr viel Halt geben. Lassen Sie die Menschen einfach erzählen, was sie erlebt haben. Und dann helfen Nachfragen wie "Das klingt, als hättest Du viel durchmachen müssen. Gibt es denn jetzt etwas, was ich für dich tun kann, damit Du dich jetzt besser fühlst?"

Viele haben mit ihrer Flucht alles verloren. Die private Unterkunft hilft, ist aber keine Dauerlösung. Wie kann ich sie bei weiteren Schritten in ihre Zukunft unterstützten?

Zuerst ist es wichtig, dass die momentanen Grundbedürfnisse erfüllt sind: Essen, Kleidung, Duschen, ein Dach über dem Kopf, eine medizinische Erstversorgung und alltagsnahe Unterstützung wie die Organisation von ÖPNV-Tickets und Sim-Karten für die Handys, damit sie Kontakt zur Familie aufnehmen können. Oft wissen die Menschen selbst nicht, wie es weitergehen soll, schließlich ist bei vielen gerade die Basis ihres Lebens zusammengebrochen. Wenn man merkt, die Geflüchteten wollen hier neu Fuß fassen, kann man sie – soweit es im eigenen Rahmen möglich ist – bei Behördengängen unterstützen oder Informationen recherchieren. Wer merkt, dass die Hilfeleistung zu viel wird, sollte auch das direkt ansprechen: "Es ist schön, dich hier zu haben, aber ich merke, dass ich mit der Situation nicht ausreichend umgehen kann. Lass uns gemeinsam eine Lösung finden, wie Du woanders untergebracht werden kannst."

Gerade jetzt kommen besonders viele Frauen mit ihren Kindern an, die Sprachbarriere ist oftmals hoch. Was kann ich tun, um die Kinder ein wenig zu entlasten?

Bei Kindern ist es immer an einfachsten etwas zu spielen, etwas zu unternehmen, sich zu bewegen und gemeinsam kreativ zu sein. Oft fällt es den Kindern leicht, sich durch solche Aktivitäten abzulenken – und dann können sie auch mal lachen und Spaß haben. Das gilt übrigens genauso für Erwachsene: Alles, was Erleichterung bringt, ist hilfreich – besonders Dinge, die auch funktionieren, wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. Beim gemeinsamen Kochen lernt man etwas voneinander, beim Musikhören kann man sagen: "Hier, dieses Lied gefällt mir. Hast du ein Lieblingslied aus der Ukraine?". Auch Bewegung oder kulturelle Aktivitäten funktionieren ohne Sprache und können helfen, in der Fremde wieder ein bisschen Vertrautheit zu spüren.

Worauf sollte ich noch achten?

Auf mich selbst! Man sollte sich überlegen, was man leisten kann und will – und bis zu welchem Grad. Seine eigenen Grenzen ausloten und diese dann auch in jedem Fall respektieren. Und wenn Grenzen erreicht sind – sei es, weil die zeitlichen Kapazitäten erschöpft sind oder man merkt, dass man sich mit der Situation überfordert fühlt – dann ist es wichtig, das auch mit den Geflüchteten zu kommunizieren. Hier ist es ratsam zu sagen: "Ich merke, dass mir die Expertise fehlt, die Du gerade brauchst. Aber wir können gemeinsam versuchen, etwas zu finden, das dir guttut." Als freiwilliger Helfer kann man nicht für jede Situation gewappnet sein, aber es gibt genug Stellen, an die man sich wenden kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Dr. Anja Haberlandner sprach Vanessa Materla.

"Stand with Ukraine"

Sendung: Abendschau, 14.03.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Vanessa Materla

4 Kommentare

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  1. 4.

    Wir haben vor einer Woche ein Zimmer bei uns in Berlin-Mitte angemeldet und trotzdem keine Meldung von unterkunft-ukraine...

  2. 3.

    Ja, das ist bei uns auch so. Wir haben 4 Plätze angeboten bei Unterkunft-Ukraine in Brandenburg. Es gibt aber darauf keine Reaktion. Dann ist es eben so, wir haben es versucht.

  3. 2.

    Nun, wir würden gern 2 Menschen bei uns Unterkunft bieten, aber entweder klappt das mit der Vermittlung nicht, oder es wollen alle Flüchtlinge nur nach Berlin, nicht nach Brandenburg...
    Es ist jetzt über eine Woche eher, dass wir uns bei unterkunft-unkraine und bei unserem Landkreis angemeldet haben, einen Bedarf scheint es bisher nicht zu geben.
    Und dann jeden Tag die Bilder, wie es in Berlin immer schlimmer wird. Ich fahre jeden Tag über den Hauptbahnhof und sehe, wie viele ankommen. Also richtig verstehen kann ich das nicht...

  4. 1.

    Guter verständlicher Beitrag der bestimmt vielen hilft jetzt das richtige zu tun

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