Hilfe aus Berlin an der polnisch-ukrainischen Grenze - "Ich bin so verdammt privilegiert, ich muss da jetzt helfen"

Do 03.03.22 | 12:00 Uhr | Von Tim Schwiesau
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Bilder von der polnisch-ukrainischen Grenze (Quelle: Quelle: rbb|24/Schwiesau)
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Video: rbb|24 | 02.03.2022 | Tim Schwiesau | Bild: rbb|24/Schwiesau

Kleidung, Medikamente, Babynahrung: In der Nacht machen sich sieben junge Berliner:innen mit Hilfsgütern auf den Weg an die polnisch-ukrainische Grenze. Doch so leicht wird der Trip nicht. Und wem kann man eigentlich vertrauen? Von Tim Schwiesau

"Ja, ich weiß jetzt auch nicht, was hier los ist. Wo können wir hin? Wem können wir es geben, damit es sinnvoll genutzt wird?", fragt Julian. Er steht wenige Kilometer von der polnisch-ukrainischen Grenze entfernt und will drei Transporter voller Spenden loswerden. An Bord: Windeln, Dosenessen, Schlafsäcke, Tampons, Kleidung für alle Altersgruppen.

Von der Avus bis 80 Kilometer vor Lwiw ans Kriegsgebiet heran, in der Nacht zu Dienstag geht's für sieben Berliner:innen los: 10 Stunden Fahrt, dann wieder zurück, vielleicht noch ein paar Kriegsflüchtende mitnehmen, am Mittwoch wieder auf Arbeit. Das war der Plan, er sollte nur teilweise aufgehen.

"Das ist doch nicht so weit weg von Berlin"

Einige sind seit Jahren befreundet oder arbeiten zusammen, die Gruppen haben sich am Montag via Instagram gefunden und beschlossen: Wir müssen helfen. "Ich bin so verdammt privilegiert und anderen geht es in Europa gerade so schlecht. Ich muss da jetzt hinfahren", sagt sich Phil, Mitte 20, Berliner, morgens unter der Dusche. Er trommelt Menschen und Material zusammen. "Es ist so unfassbar, dass das passiert. Und dass es doch nicht so weit weg ist von Berlin", sagt Kumpel Julian.

Saskia, auch Mitte 20, rosa gefärbte Haare, Piercing in der Nase, baut gerade ihren Transporter zu einem Reisemobil um und kommt aus Göttingen angefahren. Phil, Martin, Sabina, Mark, Julian und Alex wohnen in Berlin und leihen sich Fahrzeuge. Die meisten Dinge wurden gespendet, einiges haben sie selber besorgt, von den Geldspenden haben sie unter anderem Medikamente gekauft. 30 bis 40 Leute haben bei den Vorbereitungen geholfen.

An der Avus wird der dritte Sprinter befüllt, Abfahrt 22 Uhr. Damit die Hilfsgüter überhaupt in die Transporter passen, kommen Staubsauger zum Einsatz: Alles wird in durchsichtigen Plastikbeuteln vakuumiert, beschriftet und sortiert, dann in die Autos gestapelt und gequetscht. Auf der langen Fahrt sind sie nicht allein - ihre Reise posten sie fleißig auf Instagram.

Gegen 10 Uhr sind die Helfer:innen an der Grenze bei Przemysl, am größten Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine.

Bilder von der polnisch-ukrainischen Grenze (Quelle: Quelle: rbb|24/Schwiesau)Lebensmittel, Medikamente und - nicht im Bild - Klamotten hat die Gruppe dabei.

Das große Hin und Her beginnt: Verschiedene Kontakte aus Berlin und hier vor Ort lotsen sie immer wieder an neue Orte, wo die Sachen vielleicht übergeben werden können. Erst in die Innenstadt, dann etwas außerhalb. Dann werden sie 40 Minuten weiter nördlich geschickt, kurz vor den Grenzübergang bei Korczowa. Dann direkt neben die Grenze, dann wieder zurück. Dort ist ein kleiner Industriepark, wo die Kriegsflüchtlinge gesammelt und dann auf Busse verteilt werden. Zwei Stunden lang passiert hier fast nichts. Ein gebürtiger Pole, der in Augsburg wohnt, empfiehlt die Feuerwehr. "Ja, das klingt doch seriös." Das zerschlägt sich aber schnell.

Ein Hin- und Her im Grenzgebiet

Sie wollen die Sachen nicht irgendwem geben, vor allem die teuren Medikamente nicht. "Wir kriegen das Zeug gerade schlecht über die Grenze", sagt Martin. "Ist gerade schwierig. Wir wollen ja das ganze Zeug loswerden und nicht nur Einzelteile." Mitte-Ende 20, kurze helle Haare, Drei-Tage-Bart, trotz Müdigkeit hat er immer ein Lächeln im Gesicht.

Die Spenden sollen zu den Menschen in die Ukraine und nicht hier abgelegt und dem Zufall überlassen werden. Sie stehen rum, reden, rauchen, rasten – bis die gebürtige Ukrainerin Natalie wie aus dem Nichts auftaucht und das Heft in die Hand nimmt. "Wer ist die Frau?" - "Die ist wahrscheinlich Supervisorin hier, weiß ich nicht genau. Die hat sich jedenfalls so auserkoren. Die klärt jetzt ein paar Sachen."

Natalie, um die 1,60 groß, hellblonde Haare bis zur Brust, ist eigentlich Lehrerin für Englisch und Polnisch. Doch statt Achtjährige zu unterrichten, dirigiert sie jetzt Busse und Spenden bei Krakowecz.

Ukrainische Fahrer holen die Hilfsgüter an der Grenze ab

Andauernd klingelt ihr Telefon. In resolutem Ton spricht sie auf ihre Gesprächspartner ein. Die Gruppe wirkt müde und ungeduldig, seit zwei Stunden stehen sie hier. Die Sieben setzen jetzt alle Hoffnungen in Natalie, die offenbar alle Kontakte aktiviert, um die Sachen über die Grenze zu kriegen. Dann geht’s eilig los, wieder an die Grenze. "Ey, hier waren wir doch heute schon mal." Dort sollen Ukrainer mit Transportern ankommen, in die die Ware aus Deutschland verfrachtet werden kann. In einer Stunde vielleicht. Wer weiß das heute schon?

Nach zwei Minuten: Doch nicht, wieder an einen anderen Ort - zu einem Restaurant, 500 Meter von der Ukraine entfernt. Die müden Gesichter nutzen die Zeit für Kaffee, Cola, Pilz- und Gulaschsuppe. Doch die Euphorie, dass sie hier helfen und etwas bewirken können, treibt sie an.

Transporter mit ukrainischem Kennzeichen rollen über den löchrig-matschigen Parkplatz. Männer mit fröhlichen Gesichtern steigen aus. Lehrerin Natalie lässt sich Papiere von der ukrainischen Regierung zeigen, die bezeugen sollen, dass die Sachen tatsächlich in die Ukraine gehen. Nach 10 Minuten Prüfung gibt sie ihr "Go". Nach zehn Stunden Fahrt und fünf Stunden Warten geht das Umladen los. Essen und Kleidung für Männer und Front in Transporter 1, Kindersachen und Hygieneartikel für Frauen, viele Windeln in 2 und 3. Nach 20 Minuten ist alles vorbei.

Bilder von der polnisch-ukrainischen Grenze (Quelle: Quelle: rbb|24/Schwiesau)Das Erinnerungsfoto vor der Rückfahrt nach Berlin.

Und, wie geht’s? "Gut. Es ist ein toller Erfolg. Ich glaube, sie bringen es auch dahin, wo wir es hin haben möchten – nämlich zu den Leuten", hofft Phil. Klamotten für die Armee, war das der Plan? "Wir haben alles eingesammelt, was die Leute zu Hause hatten, überwiegend Babyklamotten und Nahrung. Viele Jacken und sowas. Das wird wahrscheinlich dann auch für die Reservist:innen verwendet." Saskia: "Wir können ja nicht bestimmen, was mit den Sachen passiert. Jeder Mensch braucht Kleidung."

Sabina, große Brille und den ganzen Tag mit lavendelfarbener Wollmütze unterwegs, bilanziert: "Ich bin sehr happy. Ich komme vom Balkan und weiß, was Krieg und Flucht bedeuten. Deswegen berührt mich das nochmal mehr. Ich konnte nicht ruhig sitzen und wenn man was bewegen kann, ist man einfach nur glücklich."

Nachts um 3 Uhr zurück in Berlin, morgens zur Arbeit

Nach Schulterklopfen, Abklatschen mit Natalie, den Fahrern aus der Ukraine und einem Gruppenfoto geht es zurück. Fast. Auf Instagram postet die Gruppe noch Bilder von einem anderen Grenzübergang, wo Stände mit Spenden aufgebaut sind. Und dass sie niemanden mehr mitgenommen haben. Gegen 3 Uhr in der Nacht zu Mittwoch sind sie wieder in Berlin.

Um 9:30 Uhr sitzt Martin wieder am Arbeitsplatz einer Immobilienplattform. Sein Freund Phil, der die Idee unter der Dusche hatte, hat heute frei.

 

Sendung: Abendschau, 02.03.2022, 19.30 Uhr

"Stand with Ukraine"

Beitrag von Tim Schwiesau

8 Kommentare

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  1. 8.

    Nur weil der User #1 bewusst vom Thema ablenkte, muss der rbb24 hierzu kein Nachhilfeuntericht leisten.
    Das hier unterschidliche Meinungen und falsche Behauptungen von Usern veröffentlicht werden, das ist bei jedem Thema der Fall, und ist durch die Meinungsfreiheit gedeckt.

  2. 7.

    Scheinbar müsste der rbb, alleine schon wegen seines öffentlich rechtlichen Auftrages, doch mal die Hintergründe der letzten Jahre aufarbeiten, denn wie man in beängstigend vielen Kommentaren, zu allen Themen des Krieges sieht, ist dazu offenbar kaum Wissen vorhanden oder es wird bewusst weggelassen.
    Ich finde die Fragen auch interessant, da sich die Aussagen ja offensichtlich widersprechen.

  3. 6.

    Es gibt eine familiengeführte Autovermietung in Berlin, die LKW‘s oder auch Busse kostenfrei zur Verfügung stellt, um Hilfsgüter nach, oder in die Ukraine zu bringen, oder um Flüchtlinge aus dem Krisengebiet zu holen.

  4. 5.

    Abgesehen davon, dass Ihre vorgeblichen Fragen mit dem Artikel nichts zu tun haben: Kennen Sie das Internet? Das ist so ein fantastischer Ort, in welchem man selbstständig Antworten auf Fragen suchen und finden kann. Tatsächlich: Das geht wirklich (ist aber noch ein ganz geheimer Geheimtipp). Dafür werden solche Wunderdinge wie Suchmaschinen eingesetzt, ganz neues Zeugs halt.

    Der rbb muss wohl kaum tagtäglich zu allen(!) Themen alle(!) Hintergründe der letzten Jahrzehnte oder Jahrhunderte liefern - ein kleines bisschen Eigeninitiative darf man den Bürgerinnen und Bürgern durchaus zumuten. Oder soll "der Minister" jetzt auch morgens kommen und Ihnen die Schuhe binden? Alternativ: Muss der rbb Ihnen täglich Informationen und Hintergründe bieten, wie man Schnürsenkel bindet, woher die Schnürsenkel kommen und ob jemals die Warenkette unterbrochen worden ist?

  5. 4.

    Momentan stehen hier menschliche Schicksale, Frauen und Kinder im Vordergrund, Ihre Fragen nach wirtschaftlichen und monetären Fakten, bekommen Sie sicher an anderer Stelle beantwortet.
    Ich habe große Hochachtung vor Jedem, der - wie auch immer - hilft, liebe Helfer, passt auf euch auf.....

  6. 3.

    Frage an Ricci: weisst du Troll eigentlich, was du hier für einen Mist schreibst? Hsdt du wird schon mal Gedanken gemacht, was ihr für einen Schaden anrichtet? Kannst du dir überhaupt vorstellen, was die Menschen in der Ukraine wegen Putin und seiner Clique erleiden müssen? Ich kann da nur sagen, schämt euch. Noch ein guter Rat: Vielleicht versucht ihr es mal mit ehrlicher Arbeit oder ändert was an eurer sozialen Situation. Ihr habt es doch in der Hand. Druschba.

  7. 2.

    Gut gemeint ist eben nicht unbedingt gut gemacht - wie im Beitrag ja recht offensichtlich wird.

    Schongleich der Aktionismus anerkennenswert ist, wäre eine Unterstzützung von bereits bestehenden Strukturen gerade im Kriegsfall wohl deutlich zielfführender!

    Geld spenden, damit die Ukrainier selbst das kaufen / organisieren können, was sie gerade am wichtigsten brauchen & sich hier vor Ort in bestehende Strukturen einbringen (mit Geld/Zeit/WIssen/Kraft/Fähigkeiten/...) ist nach meinem dafürhalten derzeit das sinnvollste...

  8. 1.

    Ich wollte nur mal fragen: unsen Wirtschaftsminister is am sagen, dass Russland einfach weniger Öl und Gas liefert. Im Handelsblatt (und anderen) steht, dass Russland seit des Krieges mehr liefert. Ergo is doch irgendwie einer oder mehrere von den allen ein Lügner? Wer ?
    Der Minister sagt auch, wir hätten unsere eigentlich ja leeren Speicher, weswegen ja alles sooo teuer ist, jetzt wieder gefüllt, obwohl ja weniger geliefert wird. Wie ?
    Noch ne Frage: hat Russland jemals weniger geliefert oder mehr Geld verlangt, als vertraglich vereinbart war?
    Danke im Voraus für die Antworten.

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