Interview | Hilfe für ukrainische Geflüchtete - "Wer helfen möchte, sollte sich bei Organisationen im Kiez erkundigen"

Do 03.03.22 | 17:46 Uhr
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Der freiwillige Helfer Marcel, ein Ingenieur in Elternzeit, sagt am Hauptbahnhof gerade angekommenen Flüchtlingen, wie sie ins LAF kommen, oder wie sie ein Bahnfahrschein für die Weiterfahrt bekommen. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Bild: dpa/Jörg Carstensen

Wie kann man am besten ankommenden Kriegsflüchtlingen und Menschen in der Ukraine helfen? Mit Geld? Mit Kleidung? Mit einer Unterbringung? Andreas Tölke von "Be an angel" hat Ratschläge und zeigt auch Grenzen auf. Und kritisiert die Politik.

rbb|24: Herr Tölke, Sie sind seit einigen Jahren in der Flüchtlingshilfe aktiv. Wenn Sie die riesige Hilfsbereitschaft in diesen Tagen beobachten - haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Andreas Tölke: Ja - 2015 und 2016. Im selben Umfang. Es ist wieder mal unfassbar, wie die Zivilbevölkerung das erledigt, was eigentlich staatliche Institutionen und Behörden erledigen sollten.

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Andreas Tölke © radioeins
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Zur Person

Der ehemalige Lifestyle-Journalist Andreas Tölke engagiert sich seit 2015 für Geflüchtete, damals nahm der Berliner insgesamt 400 Menschen vorübergehend in seiner Wohnung auf und vermittelte rund 2.000 Übernachtungen in privaten Unterkünften. Daraus entwickelte sich der Verein "Be An Angel e.V.", dessen Vorsitzender er ist.

Mittlerweile bietet der Verein das gesamte Spektrum von Behördenbegleitung bis Jobvermittlung an, zudem werden obdachlose Menschen unterstützt. Tölke erhielt im Dezember 2021 das Bundesverdienstkreuz.

Damit sprechen Sie auf die Situation am Berliner Hauptbahnhof an?

Ja, das ist der prekärste Punkt. Aber ich glaube, dass da logistisch und in Absprachen im Vorfeld vielleicht was schiefgegangen ist. Wenn die Deutsche Bahn großzügig und wunderbar und schnell eine Abholung von ukrainischen Menschen organisiert, die auf der Flucht sind, und die Züge dann in Berlin enden, im Nachgang dann nur noch Tickets für den Nahverkehr und den Regionalverkehr ausgegeben werden, dann ist klar, dass der Stau in Berlin entsteht. Da hätte man vielleicht schlauerweise drei Destinationen angeben können, drei Ziele: Hamburg, Frankfurt, München.

Aber wir sagen auch ganz klar, was toll läuft: Es ist toll gelaufen, dass die Bahn das innerhalb von ein paar Stunden auf die Reihe gekriegt hat. Es ist super, dass die Senatorin (Sozialsenatorin Katja Kipping, Anmerk. d. Red.) ab Freitag in Dauerkontakt mit den Initiativen war.

Schlecht gelaufen ist, dass eine externe Bettenbörse initiiert wurde, die dann zusammengebrochen ist und wir die Situation hatten, dass freiwillige und ehrenamtliche Menschen am Bahnhof stehen und versuchen, irgendwie Leute unterzubringen. Wir haben für Mittwochnacht noch schnell hundert Hotelzimmer gebucht. Das ist aber nicht Aufgabe der Zivilgesellschaft. Das kann nur Aufgabe der Zivilgesellschaft sein, wenn der Senat und die entsprechenden Behörden uns entsprechend abholen und uns auch den Raum geben, das zu organisieren.

Zur Politik kommen wir gleich noch einmal, lassen Sie uns zunächst über ein paar praktische Tipps für Menschen sprechen, die gerne helfen würden. Womit kann man jetzt am effektivsten helfen?

Die Infrastruktur der Initiativen, die seit 2015 ein Know-how angehäuft haben, was wirklich großartig ist, sollte man jetzt als Mensch in seinem Kiez nutzen. Man sollte gucken, wer ist bei "Friedrichshain hilft", wen spreche ich an? Wer ist bei "Schöneberg hilft", bei "Moabit hilft"? Dort sitzen die Menschen, die das Know-how haben in diesen Organisationen, die aufnehmen, wer freie Plätze bei sich in der Wohnung hat, und die das auch sehr gut kommunizieren.

Also besser nicht eigeninitiativ zum Hauptbahnhof fahren und dort Leute in Empfang nehmen?

Es gab am Mittwoch vom Senat den Aufruf, dass man doch bitte an den Hauptbahnhof fährt, um dort seine Kapazitäten in der eigenen Wohnung zu verkünden. Wir haben gerade die Liste gekriegt der ankommenden Züge. Das sind ungefähr acht. Wir wissen, dass das Ankunftszentrum in Reinickendorf mittlerweile ein Zelt aufgebaut hat, auch da werden Erinnerungen wach an 2015, damit die Menschen sich wenigstens hinsetzen können und eine geheizte Situation haben. Wir organisieren gerade Heizpilze - auf dem Level sind wir angekommen. Eine Initiative muss Heizpilze organisieren, damit die Menschen vor dem Ankunftszentrum nicht frieren.

Da muss man jetzt natürlich auch differenzieren: Die Mitarbeiter in diesem Ankunftszentrum reißen sich das Futter aus dem Ärmel. Das ist ein tolles Team, wir kennen die Leute seit sechs Jahren. Der Umgang mit den Menschen hat sich im Vergleich zu Zeiten vom Lageso wirklich verbessert, das ist wirklich gut geworden. Vorbereitet wurde allerdings zu wenig.

Machen denn Sachspenden noch Sinn? Es gibt ja schon erste Hilfsorganisationen wie die Caritas, die sagen, wir haben eigentlich schon genug und müssen das ja auch alles logistisch meistern.

Ich halte es auch für problematisch. Erfahrungsgemäß sortieren Menschen Sachen aus, die sie eigentlich wegwerfen wollten. Wenn ich das selber nicht haben will, wie komme ich dazu, das jemand anders zu geben? Man sollte sich wie gesagt bei den Hilfsorganisationen im Kiez erkundigen, was habt ihr für einen Bedarf? Die können das genau benennen: Wir haben jetzt XY Familien mit Kindern gekriegt. Wir brauchen super dringend Babynahrung, Windeln und solche Sachen.

Thema Mitfahrgelegenheiten: Es gibt ja auch einige, die an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren sind, um mit dem eigenen Auto oder mit dem Kleinbus und dann dort Flüchtlinge mitzunehmen. Was sagen Sie dazu?

Auch das halte ich von der Absicht her für großartig. Es ist berührend und toll, wie die Zivilgesellschaft sagt, so, jetzt machen wir das. Wenn das allerdings unkoordiniert passiert, dann wird das sehr schwierig. Wir haben widersprüchliche Informationen bekommen: Teilweise wurde uns übermittelt, dass an der polnischen Grenze schon Grenzschützer stehen und Privatfahrzeuge gar nicht mehr bis zur ukrainischen Grenze lassen. Und wir haben Informationen bekommen, dass allein fahrende Männer mit Schildern dort stehen "Nehme Frau mit". Ich muss sicher nicht weiter ausführen, was das bedeutet. Auch an diesem Punkt rate ich, bei den Kiezorganisationen wie "Moabit hilft", "Wilmersdorf hilft" oder was auch immer zu fragen, wie ist der Stand der Dinge, macht ihr einen Konvoi? Kann ich mich anschließen?

Es gibt ja auch unkoordinierte Angebote für Unterbringungen. Liegt darin nicht auch eine große Gefahr für Frauen und Kinder, die aus der Ukraine kommen?

Absolut. Jetzt gehen wir aber mal vom Guten aus. Wir gehen nicht davon aus, dass wir Rückmeldungen kriegen über sexuelle Übergriffe und schlimme Vorfälle. Auch da gilt: Wenn man sich in seinem Kiez meldet und seine Adresse weitergibt, dann ist von den Organisationen in den Kiezen auch immer jemand an der Seite. Das heißt, in der Regel kennen die Leute die Gastgeber und Gastgeberinnen. Als Vertreter einer Organisation würde ich keine ukrainische Frau zu einem alleinlebenden Mann vermitteln.

Übrigens: Wir haben ein großes Problem bei der Unterbringung, dass viele Menschen ihre Haustiere mitbringen. Für die gibt es gar keine Möglichkeit, in die Gemeinschaftsunterkünfte zu kommen. Und die Menschen hängen an dem, was sie haben, weil das Haustier eine Verbindung nach Hause ist und Heimat vermittelt. Wenn da Menschen bereit sind, wäre das großartig.

Herr Tölke, schauen wir zum Schluss doch noch mal auf die Politik. Welche Kernforderungen haben Sie jetzt an den Senat? Was muss jetzt ganz dringend und ganz schnell in die Wege geleitet werden?

Den Initiativen die Anerkennung und die Kompetenz geben, die sie sich erarbeitet haben. Wir sind ja bereit. Aber wir brauchen Tools, die sauber und transparent kommunizieren. Wir haben Gott sei Dank eine junge ukrainische Frau, die hier studiert, die uns jetzt Texte übersetzt. Damit wir zum Beispiel in die Züge Infoblätter legen können, damit wir es online verbreiten können in den sozialen Medien, damit die Menschen, die in Polen in den Zug steigen, auch wissen, was kommt denn hier auf sie zu? Da hat jeder Verein, jede Organisation richtig großes Know-how. Das sollte der Senat würdigen.

Grundsätzlich bitte ich alle: Schickt uns keine Liebe, schickt uns Geld. Wir machen gerade einen Shuttle-Service an die moldawische Grenze und evakuieren Leute aus der Kriegszone. Das muss finanziert sein. Fünf Busse haben wir finanziert, sie fahren jetzt wieder zurück von der Grenze. Ich fliege selbst am Freitag hin und werde versuchen, so viel wie möglich zu organisieren. Wir organisieren mit "Wir packen's an" eine mobile Küche und eine Ausgabe für Hygieneartikel. In Moldawien sitzen 15.000 Frauen und Kinder, die teilweise zehn Stunden an der Grenze gewartet haben, um einreisen zu können. Um die kümmert sich fast niemand. Wir müssen diesen Menschen sofort vor Ort helfen, und dafür brauchen wir Geld.

Herr Tölke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Frank Preiss, rbb|24

1 Kommentar

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  1. 1.

    Mich bestürzt dass es auch hier wieder Kriminelle gibt die die Situation der Flüchtenden ausnutzen. Unfassbar!

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