Russlands Angriff auf die Ukraine - Wie zwei Familien aus Kiew den ersten Kriegstag erlebten

Do 24.02.22 | 19:39 Uhr | Von Oliver Soos
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Autos stauen sich in Kiew, während die Menschen die Stadt verlassen. (Quelle: dpa/AP/Emilio Morenatti)
Audio: Inforadio | 24.02.2022 | Jenny Barke | Bild: dpa/AP/Emilio Morenatti

Das russische Militär hat die Ukraine von mehreren Seiten angegriffen - mit Bombardements und Bodentruppen. Zwei Familien aus der Hauptstadt Kiew erzählen rbb|24, wie sie den Donnerstag erlebt haben. Von Oliver Soos

Elmira Alishova und ihr Ehemann Hamid wurden am Donnerstagmorgen gegen fünf Uhr von zwei Explosionen geweckt. "Wir sind schon seit Wochen auf diesen Moment vorbereitet. Wenn es dann plötzlich in der Dunkelheit knallt, dann stehst du auf und funktionierst wie ein Roboter", erzählt Elmira Alishova.

Die 35-jährige Zahnärztin und ihr 43 Jahre alter Mann, ein Ökonom, wohnen in einem Vorort von Kiew. Die Ukrainer mit aserbaidschanischen Wurzeln haben in ihrem Haus ihre Eltern vorübergehend einquartiert. Sie haben sich mit Lebensmitteln, Medikamenten, Gaskartuschen und Kanistern voll Benzin eingedeckt.

Elmira und Hamid Alishov (Quelle: privat)
Elmira Alishova und Hamid Alishov wohnen in einem Vorort von Kiew | Bild: privat

Elmira Alishova ist ruhig geblieben, hat sich gewaschen und dann Verwandte und Patienten abtelefoniert. "Wir haben unsere Zahnarztpraxis heute nicht geöffnet und unseren Patienten abgesagt. Sie waren nicht panisch aber doch sehr besorgt", sagt Alishova. Befreundete Psychologen haben ihr erzählt, dass sie am Donnerstag viele Gespräche geführt hätten, um Klienten mit Panikzuständen zu helfen. "Wir haben auch leichte Beruhigungsmittel genommen", sagt Alishova.

Wir wissen zwar nicht, ob wir die Angriffe aufhalten können, aber wir stellen uns entgegen - keine Frage.

Hamid Alishov

"Wir haben Waffen zur Selbstverteidigung"

Die Alishovs wollen Kiew nicht verlassen. Das machten eher Bekannte, die kleine Kinder oder sehr alte Angehörige hätten, erzählt Hamid Alishov. Er hat von Familien gehört, die in die Westukraine fahren oder nach Moldawien. Gerade junge Männer würden bleiben. "Wir wissen zwar nicht, ob wir die Angriffe aufhalten können, aber wir stellen uns entgegen - keine Frage. Wir haben uns auf legalem Weg Waffen besorgt", sagt Alishov.

Er erzählt von seinen russischen und internationalen Geschäftspartnern, die er nun anschreibe, um ihnen seine Sicht auf die Geschehnisse mitzuteilen. Wie viele Ukrainer will er sich mit emotionalen Appellen an die Menschen in anderen Ländern wenden. "Russland hat die Ukraine angegriffen. Das ist der Gipfel der Absurdität. Ich lebe in diesem Land. Hier gibt es weder Nazis noch Angriffe auf Russen. Ich spreche mein ganzes Leben lang russisch in diesem Land, ohne Probleme. Die Begründung Putins für den Angriff ist nichts weiter als eine Lüge. Die EU muss uns helfen. Wenn dieser Irrsinn nicht gestoppt wird, dann sind auch andere europäische Länder in Gefahr", sagt Alishov.

Verstecken im Bunker des Nachbarn

Maria Kalus arbeitet im ARD-Studio Kiew und hat die Stadt am Donnerstag mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen Sohn verlassen. Die Familie ist mit dem Auto auf dem Weg in die Westukraine, nach Lwiw.

Maria Kalus schickt eine Sprachnachricht von unterwegs: "Wir fahren, bis es dunkel wird, Richtung Westen. Zurück nach Kiew geht nicht mehr, weil einfache Autos nicht mehr in die Stadt einfahren dürfen. Die Straße Richtung Westen wird zum Glück nicht beschossen, aber wir haben unterwegs ukrainische Soldaten und Militärfahrzeuge gesehen. In Dörfern waren Gruppen von Männern mit Jagdwaffen, auf dem Weg zur territorialen Selbstverteidigung." Sie erzählt am Donnerstagabend, dass sie Lwiw nicht mehr erreicht haben, weil die Fahrt zu lange gedauert hat und dass sie unterwegs eine Unterkunft gesucht haben.

Elmira und Hamid Alishov berichten, dass sie sich am Nachmittag bei ihrem Nachbarn im Bunker verstecken mussten, weil es wieder eine Explosion ganz in der Nähe gegeben habe.

Bunker des Nachbarn in dem sie sich verstecken (Quelle: privat)Die Alishovs suchen Schutz vor Explosionen im Bunker der Nachbarn.

Sendung: rbb Spezial, 24.02.2022, 21 Uhr

Beitrag von Oliver Soos

11 Kommentare

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  1. 9.

    Ich verstehe Ihren Ansatz. Fakt ist aber, dass Putin die vermutlich Soldaten- und Waffenstärkste Armee (notfalls mit Chinas Hilfe) hat, da können die Nato und einzelne Armeen n i c h t s ausrichten.

  2. 8.

    Wenn sich die NATO dort einmischt, dann ist der 3. Weltkrieg sicher. Wir sollten uns dort lieber raushalten.

  3. 7.

    Sich militärisch einzumischen wäre der Flächenbrand ,3. Weltkrieg, ich hoffe nur das die Nato es nicht tut. Und die Bundesrepublik keine Waffen und Truppen liefert. Putin muss vor ein Kriegsverbrechergericht. Was er seinem Volk und das der Ukraine antut ist einfach nur krank.

  4. 6.

    Ich habe große Angst. Ja, große Angst. Damit stehe ich nicht allein da, das ist jedoch kein Trost. Ich dachte vor ein paar Jahren, das wir unsere letzte Zeit, die wir nun in Rente verbringen, eine schöne wird. Wir haben lange und viel dafür gearbeitet. Alles gegeben. Doch leider macht die Gesundheit nicht mehr so gut mit, auch als Folge des Berufs. Dann kam Corona, der auch ein Riss durch die Familie erfolgte. Angst, sich anzustecken, froh über die Impfung. Jetzt der Krieg in der Ukraine. NEIN!

  5. 5.

    Ich verstehe nicht, warum wir den Menschen dort nicht mit Waffen und Soldaten helfen?

    Es geht um die Verteidigung einer Demokratie!
    Wenn die Ukraine fällt, fällt bald auch der nächste Staat.

    Ich schäme mich für mein feiges Land, was sich immer überall raushält.
    Am Ende wird uns auch niemand helfen.

  6. 4.

    1. Putin reiht sich ein zu den bereits bekannten Despoten der letzten 150 Jahre
    2. Putin geht’s allein um eine würdige Nachfolge aller bisherigen Zaren, die Europa mit Krieg überzogen (in der deutschen Geschichtsschreibung wird die Rolle der Zaren meist abgeschwächt, was nicht zuletzt mit den
    Napoleon-Feldzug erklärbar ist)
    3. Putin ist es völlig egal, was der schwache Westen unternimmt, denn die Zukunft gehört den Rücksichtslosen und staatlich gestützten Anarchisten mit Gewaltmonopol.

  7. 3.

    Putin gehört vor ein Kriegsverbrechergericht. Putin hat heute anscheined den 3. Weltkrieg begonnen. Außenpoltitisch unterscheidet in nichts mehr von Hitler und seinen Eroberungskriegen. So wie die Alliierten mit der Sowjetunion uns vom Hitlerfaschismus befreit haben, muss Russland vom Putinfaschismus befreit werden. Vielleicht sollte eine NATO- oder USA-Eingreifgruppe Putin festnehmen, um in vor ein internationales Gericht zu stellen. Russland muss militärisch neutralisiert werden, solange es dort keine demokratische und friedliche Regierung gibt.

  8. 2.

    Herr Putin wenn Sie noch einen Funken Anstand haben beenden Sie die Aggression gegen die Ukraine ziehen die Truppen zurück kehren an den Verhandlungenstisch zurück Denn Frieden ist eines der höchsten Güter die Wir haben. Können Sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren daß Mütter, Eltern, Kinder und Verwante um die Gefallen weinen diese betrauern auf beiden Seiten der Kriegsgegner.

  9. 1.

    Ich hoffe das kein großer
    Krieg kommt

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