Russischer Schriftsteller nach Brandenburg emigriert - Jerofejew schreibt seinen Putin-Roman auf Schloss Wiepersdorf weiter

Di 10.05.22 | 14:01 Uhr | Von Oliver Soos
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Der Autor Wiktor Wladimirowitsch Jerofejew (Quelle: 3SAT/ZDF)
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Audio: Inforadio | 10.05.2022 | Oliver Soos | Bild: 3SAT/ZDF

Der Moskauer Autor Viktor Jerofejew ist einer der prominentesten Kreml-Kritiker, der sein Land wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine verlassen hat. Die Arbeit an seinem Buch "Der große Gopnik" setzt er nun im brandenburgischen Wiepersdorf fort. Von Oliver Soos

Auf Schloss Wiepersdorf (Teltow-Fläming) herrscht eine Idylle, die nur ab und zu von lauten Kunstfliegern am Himmel akustisch getrübt wird. Es ist ein barockes Gutshaus mit vielen Unterkünften, einer Bibliothek und einem herrlichen französischem Garten. Hier wohnten ab 1814 die Schriftsteller Bettina und Achim von Arnim. Inzwischen vergibt eine Kulturstiftung des Landes Brandenburg Künstlerstipendien auf Schloss Wiepersdorf.

Aktuell wohnen und arbeiten hier auch Künstler aus Belarus und der Ukraine - und der bekannte russische Schriftsteller und Dissident Viktor Jerofejew. Der 74-Jährige hatte Zeit seines Lebens immer wieder Kontakt zu den Mächtigen im Kreml. Sein Vater war Stalins Französisch-Dolmetscher und Übersetzer. Er selbst kannte Gorbatschow gut und hat auch Putin mehrfach getroffen und sich mit ihm länger unterhalten.

Schloss Wiepersdorf (Quelle: rbb/Oliver Soos)
Schloss Wiepersdorf (Bild: rbb/Oliver Soos) | Bild: rbb/Oliver Soos

Jerofejew: "Russen sind wie harte Kinder"

Jerofejew benutzt gerne eindringliche Bilder, wenn er beschreibt, was in Russland passiert. Kurz vor seiner Ausreise habe er sich gefühlt wie eine verletzte Ente in einem Teich, der immer weiter zufriert und am Ufer warten bereits die Füchse. Die russische Bevölkerung beschreibt Jerofejew als "überwiegend asiatisch geprägt", mit einem Faible für klare Machtstrukturen. Für sie sei "Gut und Böse und Licht und Dunkelheit etwas völlig anderes als für die Europäer". Deshalb zeige zum Beispiel das Argument des einzuhaltenden Völkerrechts beim Krieg gegen die Ukraine keine Wirkung.

Jerofejew beschreibt seine Landsleute als "harte Kinder", die keine gute politische Kultur lernen durften und um sich herum nur Feinde sehen. "Die Europäer glauben sehr naiv, dass Putin Russland okkupiert hat. Putin hat es aber, im Gegensatz zu Stalin, Chrustschow oder den Zaren, geschafft, einen Kontakt zu seinem Volk zu finden", sagt Jerofejew. So würden viele Frauen Putin lieben und viele Männer ihm nacheifern. Putin sei "der Typ: erfolgreicher Gopnik", so Jerofejew. Das Wort Gopnik kommt von der Abkürzung GOP (Städtische Wohnheime des Proletariats) und bezeichnet einen kriminellen Halbstarken aus der russischen Unterschicht.

Der Roman wurde immer bitterer

Aus Putins Biographie ist bekannt, dass er als schmächtiger kleiner Junge in einem St. Petersburger Hinterhof aufwuchs und dort lernte, wie man sich prügelt. Viktor Jerofejew erzählt von seinen Begegnungen mit dem russischen Präsidenten. "Es war in Paris. Da standen der damalige französische Präsident Jacques Chirac, Wladimir Putin und ich zusammen – der lange Chirac, der kleine Putin und ich, von der Körpergröße dazwischen. Da blaffte mich Putin auf Russisch an, was mir einfalle, Französisch mit Chirac zu sprechen. Offenbar schlugen seine Komplexe durch und er fühlte er sich ausgegrenzt", erzählt Jerofejew. Ein anderes Mal habe Putin ihm einen lukrativen Job angeboten, damit er nicht mehr kritisch über ihn schreibe.

Jetzt schreibt Jerofejew an "Putin, der große Gopnik" weiter, seinem Roman, den er vor drei Jahren begonnen hat. "Es ist ein Buch über das parallele Leben von Putin und mir. Der eine wird ein frei denkender Schriftsteller, der andere - ein Gopnik - wird Putin. Am Anfang habe ich mit viel Ironie geschrieben, doch dann änderte sich einiges in Russland. Es gab Repressionen und so wurde das Buch immer bitterer. Jetzt hat mir Putin mit dem Krieg gegen die Ukraine ein Finale geschenkt. Es ist zwar schrecklich, aber es ist ein ernsthaftes Ende für mein Buch", sagt Jerofejew.

Einen Gopnik zeichne aus, dass er glaube, in allem der Champion zu sein. Er stehe über der Moral, habe stets Recht und gewinne immer. Er habe niemals Angst und kämpfe bis zum Tod, so Jerofejew.

Wechsel ins Heinrich-Böll-Haus

Der Roman "Der große Gopnik" soll im Herbst in Deutschland veröffentlicht werden.

In wenigen Wochen wechselt Jerofejew noch einmal die Unterkunft, denn er ist eingeladen, im Heinrich-Böll-Haus, in Langenbroich bei Aachen, zu wohnen.

Sendung: rbb24 Inforadio, 10. Mai 2022, 14:55 Uhr

Beitrag von Oliver Soos

2 Kommentare

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  1. 2.

    wenn der rbb den Wohnort kennt, weiß es der russ. Geheimdienst schon längst

    wozu wurde dieser Beitrag überhaupt veröffentlicht ?

  2. 1.

    Ist natürlich nützlich den Wohnort von verfolgten öffentlich zu zeigen. Man man

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