Berliner Russen zum Krieg - "In dieser Zeit fühlt es sich sehr schwer an, Russe zu sein"

Di 01.03.22 | 08:36 Uhr | Von Oliver Soos
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Ein Demonstrant vor der russischen Botschaft Berlin bringt am 27.02.2022 mit einem Plakat in der Hand zum Ausdruck, dass er als Russe gegen den Krieg ist. (Quelle: dpa/Matthias Tödt)
Audio: Inforadio | 01.03.2022 | Oliver Soos | Bild: dpa/Matthias Tödt

Viele Russen in Berlin sind entsetzt über den Angriffskrieg ihres Präsidenten gegen die Ukraine. Zwei junge russische Familienväter aus Berlin wollen nicht schweigend zuschauen. Sie haben sich an rbb|24 gewandt, mit der Bitte, ihre Sicht darzustellen. Von Oliver Soos

"Ich bin am 24. Februar quasi erwacht, durch die Worte meiner Frau. Sie sagte: Russland hat die Ukraine angegriffen. Da habe ich einfach nur geheult", erzählt Sergej. "Ich bin schockiert und entsetzt", sagt Alexander.

Beide wollen ihre vollen Namen nicht nennen und ihre Gesichter nicht zeigen. Sie haben Angst, dass ihre Verwandten in Russland bestraft werden könnten, wenn sie sich in den Medien kritisch gegen Putin und seinen Krieg äußern. Beide sind junge Familienväter. Beide kommen aus größeren Städten in Sibirien und sind vor wenigen Jahren nach Berlin gezogen, um hier in der IT-Branche zu arbeiten.

Spott und Anfeindungen von Befürwortern des Krieges

Alexander erzählt, dass er viele Menschen in Russland kennt, die den heimischen Staatsmedien glauben. Es gäbe keinen Krieg in der Ukraine, es seien nur spezielle Militäroperationen, um Nazis auszuschalten. Für Alexander ist das nichts weiter als Propaganda. "Es ist ein einseitiger Angriff Russlands auf einen unabhängigen Staat", sagt Alexander und betont, dass Russland selbst die Ukraine als souveränes Land und Wolodymyr Selenskyj als ihren rechtmäßigen Präsidenten anerkannt habe.

Wenn Alexander seine Meinung bei Social Media äußert, dann gibt es oft böse Reaktionen. "Man bekommt von Russen, die den Krieg unterstützen, Kommentare und Nachrichten mit Spott und Verachtung, auch von Bekannten", sagt Alexander. Gleichzeitig fühle er sich schuldig gegenüber den Ukrainern. "In dieser Zeit fühlt es sich schwer an, Russe zu sein", sagt der junge Familienvater.

Auf Facebook habe ich schon mitbekommen, dass Kinder in der Schule gemobbt wurden, weil sie gebürtige Russen sind.

Alexander

"Die Ukrainer nehmen meine Unterstützung an"

Sergej erzählt von positiven Erfahrungen bei Demonstrationen in Berlin, vor dem Brandenburger Tor und vor der russischen Botschaft. Dort habe er Ukrainer kennengelernt und zum Teil lange Gespräche geführt. "Alle Ukrainer, die ich getroffen habe, sind freundlich zu mir. Sie nehmen meine Unterstützung an und ich unterstütze sie nach meinen Möglichkeiten", sagt Sergej.

Alexander macht sich Sorgen, dass die Stimmung gegenüber Russen umschlagen könnte. "Auf Facebook habe ich schon mitbekommen, dass Kinder in der Schule gemobbt wurden, weil sie gebürtige Russen sind. Da bin ich froh, dass meine vierjährige Tochter noch in die Kita geht und das nicht miterleben muss."

Der Wahnsinn muss schnell gestoppt werden

Sergej und Alexander sagen, dass sie Putin nie gewählt haben und dass sie sich eine Regierung wünschen würden, für die die Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht Macht und Landgewinn. Sie hoffen, dass der Wahnsinn, den Putin in der Ukraine angerichtet habe, schnell gestoppt wird.

Sendung: Inforadio, 01.03.2022, 06:28 Uhr

Beitrag von Oliver Soos

50 Kommentare

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  1. 50.

    Das Perfide an Putins Rede: die historischen Fakten stimmen, aber die Schlussfolgerung ist falsch. Etwa zur gleichen Zeit wie die "Kiewer Rus" gab es weiter westlich das Frankenreich unter Karl dem Großen. Wenn Macron so schlussfolgern würde wie Putin, könnte er sagen:" Deutschland gibt es nicht. Das war vor tausend Jahren das Reich der Franken."

  2. 49.

    Mist … Das erinnert leider verdammt an Nazi-Deutschland … Es konnte sich im Ausland damals auch keiner erklären, warum die Deutschen da mitmachen und schließlich ZU LANGE ruhig blieben … Die Erklärung unter anderem: Nach den großen Wirtschafts- und Politkrisen der 1920er hatten sie ihren (inneren) Frieden, waren mit sich (ekelhaft) zufrieden, hatten nicht viel aber genug Geld, Urlaub, Heizung und Essen. Und alles schien (!) für sie stabil organisiert zu sein … Die Ähnlichkeit zu RU heute scheint frappierend … Die erwähnten Bekannten in RU sollten bitte schnellstens Deutsche NS-Entwicklungsgeschichte nachlesen … Wir taugen (ihnen) als sehr schlechtes Beispiel für ein Bürgertum, das satt, faul, feige und weitgehend unkritisch einer einzigen (und vor allem nicht wechselnden) Doktrin folgt ... WIR waren mal so blöd ... IHR Russen werdet es bitte nicht sein.

  3. 48.

    Man darf die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Russen selbst Putin entmachten. Das eigene slawische Gründervolk, die Kiewer rus, greift man nicht an. Davon wird sich Putin nicht mehr erholen. Was die ukrainische Regierung nicht geschafft hat, schafft nun der Krieg: man rückt zusammen in der Not.

  4. 47.

    die russischen Bevölkerung im Donbass wird in den hiesigen Medien kaum erwähnt , da gab es doch mal ein Minsk Abkommen, das Kiew nicht umgesetzt hat ?

  5. 46.

    " man sollte endlich aus der Geschichte lernen "

    diesbezüglich ist die Menschheit leider unfähig , auch im 21 Jht

  6. 44.

    Das Zitat ist nicht meine Interpretation. Aber Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Alle sognannten „Hilfen von Außen“ hatten nicht das Ziel die Belange des betreffenden Landes zu berücksichtigen, sondern das Ziel die Interessen des „Spenders“ einzubringen. Es wird vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ gesprochen, doch was wird „eingebracht“: Geld, Waffen – das sind keine Mittel, einem Volk eine Selbstbestimmung zu geben oder einzuräumen. Jedes Land und Volk sollte selbst bestimmen, wie es leben möchte. Doch diese Eigenständigkeit wird keinem Land aktuell zugebilligt. Auch Sie sprechen von „Korrekturversuchen“- es ist einfach gesagt Krieg, der anderen Ländern aufgezwungen wurde.

  7. 43.

    Zitat: "Sie schreiben, dass es im Donbass eine spezielle Operation zum Schutz der russischen Bevölkerung gibt."

    Dummerweise ist Ria Nowosti ein peinlicher Fehler unterlaufen. Die staatliche Nachrichtenagentur hat versehentlich eine vorgefertigte Meldung veröffentlicht, die die wahren Absichten der Russischen Führung offenbart:

    https://www.n-tv.de/politik/RIA-veroeffentlicht-versehentlich-Sieges-Kommentar-article23162580.html

  8. 42.

    Nicht nur alle hier lebenden Russen! Alle, die von woanders kommen.
    Das Beste, was wir exportieren können, sind die Ideen von gegenseitigem Respekt, Freiheit, Menschenwürde etcpp.
    Wenn Menschen, die aus anderen Gesellschaften kommen, das hier als positiv wahrnehmen (können, weil wir es hier auch leben und nicht nur als leere Worthülsen verwenden), werden sie es exportieren. Ganz automatisch.
    Es sind kleine Saaten. Aus denen hoffentlich Wälder wachsen.
    So meine kleine, stille Hoffnung.

  9. 41.

    In 40. ich meinte 'Menschen in Russland', nicht 'Menschen aus Russland'.

  10. 40.

    In dem von Ihnen zitierten Satz eindeutig von Menschen aus Russland die Rede, denn das wurde oben klargestellt.
    Das Problem ist, dass die russischen Massenmedien das Wort "Krieg" nicht verwenden, sie schreiben überhaupt nichts darüber, was die russische Armee tut. Sie schreiben, dass es im Donbass eine spezielle Operation zum Schutz der russischen Bevölkerung gibt. Wenn diese Menschen in Russland den Krieg unterstützen, sprechen sie also von einem ganz anderen Krieg als Sie und ich.

  11. 39.

    Ich habs schon in Kommentar 29 versucht anzudeuten. Krieg und Autokratien sind irrational (kann auch garnicht anders sein). Die Russen sind auch Menschen wie du und ich. Das sollte man, egal was so real oder virtuell gepostet wird, für die Nachkriegszeit auch immer im Hinterkopf behalten.
    Da muss man ja nur seine eigene Geschichte anschauen, um solche Phänomene zu sehen. Und das zieht sich durch alle imperialen Epochen.

  12. 38.

    Was meinen sie mit Eingriffen von außen? Wenn sie ein von außen gesteuerten Regimechange meinen, sprechen zahllose Beispiele von historischen Kolonialoperationen, Geheimdienstoperationen, Kriegen Bände dagegen, denn im Ergebnis wird meist die Büchse der Pandora geöffnet und die Dinge laufen danach vollständig aus dem Ruder.
    Schauen sie sich die jüngsten Ergebnis von zahlreichen "Korrekturversuchen" im Nahen Osten und auch in Afghanistan an.

    Nein, sowas hat noch nie geklappt und man sollte endlich aus der Geschichte lernen oder wieviel Brandherde wollen wir mit solchen Methoden noch schaffen.

  13. 37.

    Passt denn dann die Aussage im Artikel:

    "Wenn Alexander seine Meinung bei Social Media äußert, dann gibt es oft böse Reaktionen. "Man bekommt von Russen, die den Krieg unterstützen, Kommentare und Nachrichten mit Spott und Verachtung, auch von Bekannten", sagt Alexander."

    Also entweder die Landsleute in Russland haben doch Zugang zu Medien oder es bezieht sich eben doch auf die in D lebenden.

  14. 35.

    Auf die Elterngeneration zu verweisen, ist sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen. Die Rezessionen im Netz (Facebook) werden von Personen geschrieben, die durch das jetzige Schulsystem und die Medien ihr Wissen und moralische Kompetenzen erworben oder auch nicht erworben haben.
    Ihre Frage „Braucht das immer Hilfe und Eingriff von außen, frage ich mich?“ ist eine Kernfrage, die viele Probleme zwischen den Ländern lösen würde. Nicht nur der Krieg in der Ukraine wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermeidbar gewesen.

  15. 34.

    Vielleicht kommen die nicht so zu Wort. Was soll man an einen Krieg wohl gut heißen und verstehen. Unsere Regierung mag ich auch nicht.

  16. 33.

    "Die Russen" gibt es ebenso wenig pauschal wie "die Deutschen". Es gibt überhaupt keinen Grund, die russische Bevölkerung mit dem Autokraten und Verantwortlichen dieses Angriffskrieges gleichzusetzen. Wenn Sie in Russland gegen Putin sind und so demonstrieren oder zivilen Ungehorsam leisten, wie das in unserem Land ohne Konsequenzen gottseidank möglich ist, droht Ihnen Schlimmes - Russen vorzuwerfen, Sie seien nicht genug sichtbar gegen Putin ist also reichlich bequem von hier aus.

    Wie ein anderer Kommentator schon schrieb: Ich habe riesigen Respekt vor denjenigen in Russland, die momentan wagen, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren - obwohl sie sich damit so in Gefahr bringen. Und ansonsten gilt, was immer gilt (und gerade wir hierzulande aus der Geschichte gelernt haben sollten): Mensch sieht Mensch. Und deshalb sehe ich nicht ein, mir nun wegen dieses Kriegstreibers Vorurteile gegenüber "den Russen" einzureden oder über ein ganzes Land zu urteilen.

  17. 32.

    Liebe Leute, bitte behandelt alle bei uns lebenden Russen freundlich.

  18. 31.

    Als Russe, der gegen den Krieg ist und auch in Berlin lebt, bitte ich Sie, zwischen den Russen, insbesondere den jungen Leuten, die hier in Deutschland leben (und dieser Artikel handelt von uns) und den Russen, die in Russland leben, zu unterscheiden. Wir sind als hochqualifizierte Fachleute hierher gekommen, die sich als Teil der internationalen Gemeinschaft fühlen. Es gibt keine Gemeinsamkeiten zwischen uns und den Befürwortern des Krieges in Russland, abgesehen davon, dass sie denselben Pass haben. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Tausende von Russen in Russland nun gegen den Krieg protestieren werden, wohl wissend, dass sie wahrscheinlich geschlagen und gefangen genommen werden.

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