Sozialarbeiter und Sprachpaten - Berliner Schulen bereiten sich auf neue Willkommensklassen vor

Di 15.03.22 | 06:22 Uhr
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Archivbild: Deutsch-Nachhilfe in einer Schulklasse mit geflüchteten Kindern. (Quelle: dpa/P. Pleul)
Audio: Inforadio | 15.03.2022 | Kirsten Buchmann | Bild: dpa/P. Pleul

Jeden Tag kommen tausende Flüchtlinge aus der Ukraine nach Berlin, darunter viele Kinder und Jugendliche. Nötig sind für sie neben Unterkünften auch Schulplätze. Schulen bereiten für sie neue Willkommensklassen vor. Von Kirsten Buchmann

An einem Fenster neben dem Eingang der Hans-Litten-Schule in Charlottenburg-Wilmersdorf klebt eine blau-gelbe Flagge der Ukraine. Geflüchtete von dort werden in zwei neue Willkommensklassen der Schule kommen. Die siebzehnjährige Schülerin Karolina will als Sprachpatin helfen, dass sie sich zurechtfinden: "Ich komme aus der Ukraine und bin erst seit fast fünf Jahren in Deutschland. Früher war ich auch in einer Willkommensklasse und weiß, wie das ist. Ich würde sie gerne dabei unterstützen, sich schnell in Deutschland zu integrieren."

Zeigen, wie es an der Schule läuft

Sie will übersetzen und den Neuen zeigen, wie es in der Schule in Deutschland läuft. Ihr Mitschüler Murad hat das ebenfalls vor. Denn er kann sich gut erinnern, wie ihm als Neuankömmling aus Aserbaidschan vor sieben Jahren in Deutschland geholfen wurde: "Mein erster bester Freund in Deutschland war ein Deutscher. Er hat mir Deutsch beigebracht. Ich habe Englisch gesprochen, er Deutsch. So habe ich mich langsam verbessert."

Der Leiter der Hans-Litten-Schule, Jens Finger, nimmt auch russischsprachige Schülerinnen und Schüler als unglaublich hilfsbereit wahr: "Ich sehe momentan noch kein Konfliktpotenzial. Das kann sich entwickeln, das weiß ich nicht. Aber derzeit scheint eher die Hilfsbereitschaft da zu sein."

Die Lehrerin Evelina Gesse freut sich, dass sich Karolina, Murad und andere an der Schule um die Geflüchteten aus der Ukraine kümmern wollen: "Wir hoffen, dass die Patenschaften für die Neuangekommenen sehr hilfreich sein werden."

Rund 20 Stunden Deutschunterricht pro Woche

Als Lehrerin wird sie eine der beiden neuen Willkommensklassen an der Hans-Litten-Schule übernehmen. 18 bis 20 Stunden pro Woche werden die Schülerinnen und Schüler in den Willkommensklassen Deutsch lernen, dazu erhalten sie Fachunterricht. Eike Buchheim, Abteilungsleiter an der Schule, will sie schrittweise mit anderen Schülerinnen und Schülern zusammen lernen lassen. Er plant, "dass die ukrainischen Jugendlichen mit ihren Sprachpaten in den Mathematik-, naturwissenschaftlichen und Englischunterricht in deren Klasse mitgehen können, um sie möglichst schnell an die normalen Regelschüler anzudocken."

Neben den Lehrern und den Sprachpaten steht auch schon Sozialarbeiterin Christa Heitmann bereit, um die Jugendlichen zu unterstützen. Das soll "vom Antrag ausfüllen" bis zu persönlichen Problemen reichen. Entweder könne sie ihnen dann direkt weiterhelfen oder sie zu der richtigen Stelle schicken.

Bildungssenatorin: den Geflüchteten Zeit lassen

Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse will den Geflüchteten ein paar Tage Zeit geben, bevor sie in die Schule kommen. "Die Kindern sind ja auch traumatisiert, sie müssen erst mal zur Ruhe kommen – so wichtig Schule ist."

Einen genauen Zeitplan nennt sie nicht. Bisher gibt es in Berlin 540 Willkommensklassen, in denen rund 6.000 Schülerinnen und Schülern vor allem Deutsch lernen. Zeitnah sollen laut der Bildungsverwaltung nun allein an den beruflichen Schulen 50 Willkommensklassen für über 16-Jährige entstehen, weitere würden an den allgemeinbildenden Schulen eingerichtet. Die Senatorin lobt das Engagement von Schulen, schnell neue Willkommensklassen zu schaffen. Unterricht will sie aber auch darüber hinaus organisieren. Sie spricht von den Unterkünften: "Wir werden auch gucken, dass wir dann in die neuen großen Zentren Tegel, Tempelhof und Treptow-Köpenick vor Ort gehen müssen, denke ich. Das hat ja dann keinen Sinn, man kann die Kinder nicht auf umliegende Schulen verteilen."

"Schüler aus einem sehr leistungsfähigen Schulsystem"

Für den Unterricht sucht sie auch unter den Geflüchteten Pädagogen. Geld, um zusätzliche Ausgaben zu finanzieren, erhofft sie sich vom Bund. Die Hans-Litten-Schule setzt für den Anfang auf ihre vorhandenen Willkommensklassen-Lehrerinnen und -lehrer, plus zwei mit ihrem Personalkostenbudget engagierte Kräfte. Schulleiter Jens Finger sagt: "Momentan haben wir Schüler aus 42 Nationen hier an der Schule. Bei den Schülern, die jetzt aus der Ukraine kommen, erwarten wir Schüler aus einem sehr leistungsfähigen Schulsystem. Wir glauben, dass wir sie sehr schnell sprachlich soweit entwickeln und an normale Regelbildungsgänge andocken können."

Wann er die neuen Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine zugewiesen bekommt, weiß der Schulleiter noch nicht. Ein Grund dürfte sein: Sie brauchen laut einer Informationsseite der Bildungsverwaltung zur Schulanmeldung eine Meldebescheinigung. Wohnungs- und Postadresse sollten ihr zufolge bekannt sein. Mehrere Schulen sowie auch Kitas hätten bereits Geflüchtete aus der Ukraine unbürokratisch aufgenommen.

Wenn die Jugendlichen in ihren Klassen da sind, will die Hans-Litten-Schule für sie zum Kennenlernen ein gemeinsames Essen mit ihren Sprachpaten veranstalten.

10 Kommentare

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  1. 10.

    Kriegsflüchtlinge genießen nur begrenzten Schutz. Dieser endet, wenn der Krieg im Heimatland vorbei ist.

  2. 9.

    Man muss sich da nichts vormachen. Ein großer Teil der ukrainischen Kriegsflüchtlinge wird hier bleiben. Denn selbst im optimistischen Falle wird es Jahre dauern, bis in der Ukraine wieder erträgliche Verhältnisse herrschen. Aber ich bin optimistisch, sie werden sich schnell in Deutschland integrieren, ihr Schulstandard und der allgemeine Ausbildungsstandard ist streckenweise sehr gut.

  3. 8.

    Unterrichten Sie erst mal unsere Kinder ordentlich! Nicht nur das Schulsystem ist eine Schande, auch die praktische Unterrichtsdurchführung hängt an allen Enden und Ecken. Der Staat ist gescheitert, da hilft auch die Polizeidiktatur der Marsmännchen nicht weiter.

  4. 7.

    Berlin wartet ab, bis die Krankenhäuser voll gelaufen sind... mit Coronapatienten, ehe sie reagiert !!!! Es wäre wichtiger die ankomenden Menschen erst mal zu impfen, und auch dafür sorgen dass Kinder gegen Masern geimpft sind, ehe man sich um Schulplätze und Kitaplätze kümmert. Leider sind diese Plätze für das dort lebende Publikum nicht ausreichend. Mich würde der Plan der Politik interessieren, wo plötzlich die Lehrer die Schulräume herkomenn, die in Berlin seit Jahren Mangelware sind.?????

  5. 6.

    Die Corona-Impfquote bei den Berliner Schülern schwankt von Schule zu Schule ja nun auch sehr stark. Was verpflichtend ist und bei den neuen ukrainischen Schülern ggf. nachgeholt werden müsste, ist die Masernimpfung.

    Im Übrigen fallen die meisten Maßnahmen eh zum Monatsende. Ich persönlich halte es zwar für kompletten Schwachsinn, eine Woche VOR den Osterferien auf die Masken zu verzichten, aber hey, wer braucht schon Urlaub, wenn er stattdessen mit Corona daheim liegen kann ...

  6. 5.

    Super und dazu die meisten noch ungeimpft, dafür werden wir geboosterten weiter mit Maßnahmen gegängelt.

  7. 4.

    Hallo Gerd,
    es werden nicht alle zurückkehren, einige haben auch keine Wohnung mehr, bzw. auch das wehnig hiterlassene ist verbrannt.

  8. 3.

    Interessante Gedanken - und die Schüler aus einem Land, was immer vor uns liegt, bei PISA, können uns an "normale Lernstandards andocken"? Und ganz wichtig: Wenn wir hier die Bezahlung, sehr gut ausgebildeter ukrainischer Lehrerinnen, bewerten dürfen... um zu sehen, ob die Gleichen, die gleiche Bezahlungen fordern, es dann auch selber vorleben...
    P.S. Nicht alle Schüler sind "traumatisiert", da wir ja hier lesen konnten: "Die Kinder denken, das ist nur eine Reise in ein anderes Land"
    https://www.rbb24.de/politik/thema/Ukraine/av7/video-berlin-erste-schritte-ukrainerin-jelena-dobreva-odessa.html

  9. 2.

    In der Ukraine beginnt die Allgemeinbildung im Kindergarten (verpflichtend für die 3 - 6jährigen) mit dem Erlernen des kyrillischen Alphabetes sowie der Beherrschung der Zahlen bis 100.
    Es scheint dort auch richtige Lehrer zu geben, die den Schülern Orientierung und den Umgang mit Regeln beibringen, während es in Deutschland seit 20 Jahren den politisch gewollten Trend zum "Lernbegleiter" gibt, der den Kindern - mit ihrer noch nicht entwickelten emotional-sozialen Psyche - Lernentscheidungen zugestehen soll ("Was möchtest du denn heute machen?"), die diese noch gar nicht überschauen - geschweige denn altersangemessen bewältigen können.
    Vielleicht können uns ja die ukrainischen Schüler helfen, diese fatale Entwicklung, die Kinder und Jugendliche im sozialen Umgang nur noch als "junge Erwachsene" sieht, etwas abzumildern.

  10. 1.

    Aber sie werden doch in ihr Land zurückkehren, oder?

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