Interview | Ukraine-Reporterin zurück in Berlin - "Ich habe noch kein Gefühl, ich bin unfassbar müde"

So 06.03.22 | 16:52 Uhr
Die freie Journalistin Rebecca Barth, momentan in Kiew, beim Interview mit rbb|24. (Bild: rbb)
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Video: rbb|24 | 06.03.2022 | Bild: rbb

Die Berliner Journalistin Rebecca Barth berichtet regelmäßig aus der Ukraine und wird am ersten Kriegstag vom Beschuss der Russen überrascht. Sie kämpft sich durch das Land und berichtet gleichzeitig weiter von dort. Jetzt ist sie zurück in Berlin.

rbb|24: Nach einem Monat Ukraine bist du wieder hier. Wie geht es dir?

Rebecca Barth: Jetzt geht es mir ganz okay, würde ich sagen. Ich bin natürlich müde und muss mich erst einmal eingewöhnen und auch realisieren, dass sich auch die Welt hier offenbar verändert hat. Der Blick fehlte, als ich noch in der Ukraine war und ich bin überrascht.

Was überrascht dich?

Wie nah dieser Krieg doch auch hier den Menschen geht. Ich habe natürlich mitbekommen, dass sich im Endeffekt die Bundespolitik der letzten Jahrzehnte innerhalb von einer Woche um 180 Grad gedreht hat. Aber wie nah das den Menschen hier in Deutschland geht, das ist bei mir so in der Ukraine nicht angekommen.

Hier gibt es Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gegenüber Ukrainerinnen und Ukrainern und ihnen wird viel Respekt gezollt. Was kommt davon bei den Menschen in der Ukraine an?

Was vor allem in der Ukraine angekommen ist, sind diese großen Solidaritätsdemos, die wir ja auch in Berlin gesehen haben. Das wird im ukrainischen Fernsehen gezeigt. Die Menschen bekommen das mit und es ist für sie durchaus wichtig, diese Bilder zu sehen - auch um die Moral hochzuhalten, obwohl sie faktisch alleine gegen die russische Armee kämpfen müssen.
Das andere ist, dass die Menschen sehr glücklich sind, dass beispielsweise Deutschland seine Politik komplett geändert hat und jetzt Waffen liefert. Das kommt bei den Menschen an. Sie merken durchaus, dass die vielen westlichen Länder an der Seite der Ukraine stehen.

Wurdest du als Journalistin, als jemand, die von außen kommt, auch mal um Hilfe gebeten?

Ich bekomme immer wieder Nachrichten von Menschen, die in Deutschland sitzen und Verwandte oder Freunde in der Ukraine haben - die mich fragen, ob ich mehr Informationen hätte als das, was bekannt ist. Was diese Menschen, die jetzt in irgendeiner Stadt festsetzen, tun sollen, wohin sie gehen sollen. Und das ist natürlich auch für mich total schwer. Also selbst wenn ich in der Ukraine bin, habe ich genauso wenig Inneneinsicht wie die Person, die zu dem Zeitpunkt in Deutschland sitzt. Auch innerhalb der Ukraine haben mich Menschen häufig gefragt, ob ich Informationen habe: Wird diese Stadt, in der wir gerade sind, auch angegriffen - oder wann passiert das? Das sind Dinge, die ich auch nicht beantworten kann.

Als Journalist:in ist es ja auch der Job, Distanz zu wahren und von dieser Distanz aus zu beobachten und zu berichten. Inwieweit war dir das überhaupt noch möglich?

Das ist ein ganz schwieriges Thema. Wenn du vor Ort bist, ist alles häufig sehr unübersichtlich. Ich kann mich an den ersten Tag erinnern, an dem ich vom Beschuss geweckt wurde. Du bist mittendrin und weißt aber genauso wenig wie Leute, die zu dem Zeitpunkt vielleicht in Berlin sitzen oder hast ähnliche Schwierigkeiten, Dinge zu verifizieren. Und zum anderem merkst du, dass du unter Stress stehst. Am ersten Tag bei diesem Beschuss haben mir die Knie gezittert. Und das sind natürlich auch Dinge, die sich auf dich auswirken und auf die Art, wie du eine Situation wahrnimmst. Da einzuordnen und eine Distanz zu entwickeln, ist schwierig. Und ich bin mir nicht sicher, ob mir das immer gelungen ist. Aber ich versuche natürlich, diese professionelle Distanz herzustellen. Und ich glaube, mir gelingt es besser als vielen ukrainischen Kolleginnen und Kollegen, die emotional noch mal ganz anders betroffen sind als ich. Die Verwandte haben in Städten, um die jetzt gerade heftig gekämpft wird oder deren Männer beispielsweise eingezogen werden oder bereits in der Armee sind. Das sind ganz andere Perspektiven, aus denen die Kollegen da berichten, zumal es einfach auch ihre Heimat ist.

Du hast gesagt, dass dir die Beine gezittert haben bei dem ersten Angriff. Du bist dann trotzdem noch relativ lange - eine Woche - in der Ukraine geblieben. Warum?

Nun, es war praktisch gar nicht möglich, so schnell wegzukommen. Ich habe kein Auto, ich habe keinen Fahrer. Und ich musste auch erst mal abwarten und versuchen, einen Überblick zu gewinnen. Wie entwickelt sich die Situation? Es war dann nach einigen Stunden klar, dass offenbar in der Stadt, in der ich mich zuerst befunden habe, keine weiteren Angriffen stattfinden. Aber direkt am Morgen die Sachen zu packen und loszufahren, hätte eben auch sehr gefährlich sein können. Und dann bin ich mit mehreren Zügen durch das Land gefahren und habe immer versucht, in sichere Städte zu kommen. Das hat teilweise jeweils fast 20 Stunden gedauert, also da geht sehr viel Zeit drauf.

Und du warst allein unterwegs?

Zunächst ja. Der Druck stieg, aus dem Land auszureißen, zumal ich in einer Situation war, dass ich beispielsweise keine Schutzausrüstung bei mir hatte, weil die ungefähr zwei Wochen vor Angriff schon überall ausverkauft und dann einfach nicht mehr zu bekommen war. In so einer Situation muss ich nicht in einer Stadt sein, in der gerade heftig gekämpft wird oder in einer Region sein, wo es zu Kämpfen kommen könnte. Ich habe mich dann mit einem Kollegen vom Cicero [Anm. d. Redaktion: Magazin für politische Kultur] zusammengetan, und wir haben entschieden, dass wir zusammenbleiben. In so einer Situation komplett physisch allein zu sein ist schwierig, und es tut gut, wenn man jemanden an seiner Seite hat, mit dem man Dinge auch mal durchdenken oder sich einfach auch unterstützen kann.

Wie konntest du schließlich das Land verlassen?

Als ich irgendwann in der Westukraine angekommen bin, war es nicht mehr möglich, einfach so die Grenze zu passieren. Und dann nutzte ich die Zeit einfach und versuchte, vor Ort weiterzurecherchieren und zu berichten, anstatt da zwei, drei Tage erschlagen an der Grenze zu stehen.

Irgendwann sind wir mit einem Fahrrad zu einem kleinen Grenzübergang gefahren, an dem wir einige Stunden warten mussten und dann relativ schnell nach Polen rüberkamen. Von dort war das dann relativ gut organisiert. Es gab viele Busse, die die Ukrainerinnen und Ukrainer dann direkt weitertransportiert haben. Und ich habe tatsächlich in Polen einen Bekannten aus Berlin getroffen, der einen sogenannten Soli-Bus organisierte und dort eben auch den Flüchtlingen half, weiter nach Berlin zu kommen. Ich hatte dann das große Glück, dass ein Platz frei war. Wir sind fast zwölf Stunden gefahren, und am Freitag war ich gegen fünf zu Hause in meiner Wohnung.

Woran wirst du wohl immer wieder denken müssen, was hat sich bei dir eingebrannt?

Dieser erste Beschuss hat sich auf jeden Fall bei mir eingebrannt. Die vielen Menschen, die flüchten mussten in völlig überfüllten Zügen, die vielen kleine Kinder, die mit ihren Müttern jetzt auf der Flucht unterwegs sind. Also ich glaube, da sind einige, einige Momente, die sich eingebrannt haben. Ich verliere das Gefühl für Zeit und Raum. Diese letzte Woche hat sich auf jeden Fall länger angefühlt als eine Woche. Ich muss dann immer zurückrechnen, an welchem Tag ich genau wo war.

Welches Gefühl überwiegt jetzt zurück in Berlin?

Ich habe noch gar kein Gefühl, ich bin unfassbar müde. Ich habe im letzten, den gesamten letzten Monat, in dem ich in der Ukraine war, extrem viel gearbeitet und wenig geschlafen. Also so maximal fünf Stunden und die letzten zwei, drei Wochen häufig nur zwei oder drei Stunden. Ich hatte natürlich keine Wochenenden, sondern 16-, 17-, 18-, Stunden-Tage. Und das hab‘ ich die ganze Zeit gar nicht gemerkt. Man steht dann so unter Adrenalin und will auch weiterarbeiten und weitermachen. Und jetzt bin ich auf einmal hier. Und jetzt merke ich, wie sich der Körper langsam holt, was er braucht. Gleichzeitig kann ich das nur ganz schwer nur aushalten. Ich würde mich am liebsten kurz sammeln und dann sehr schnell wieder vor Ort sein und weiter berichten. Weil ich das Gefühl habe, dass ich dann irgendetwas tun kann.

Ab welchem Zeitpunkt wäre es dir zu heikel, zurück in die Ukraine zu gehen?

Sehr heikel ist es derzeit, würde ich sagen. Ich habe jetzt vor, erst einmal zu beobachten, wie sich die Situation entwickelt. Und dann natürlich genau zu gucken: Wo kann man hin? Und wo kann man nicht hin? Ich glaube, es ist wichtig, dass wir Journalisten vor Ort sind und auch Dinge mit eigenen Augen sehen. Es ist etwas anderes, als wenn wir immer nur aus Berlin über etwas berichten, was Hunderte Kilometer entfernt passiert. Und prinzipiell habe ich natürlich richtig Hoffnung, dass man irgendwann nach Kiew zurückkehren kann. Dort sind noch meine ganzen Sachen. Ich habe ja teilweise da gelebt und möchte mich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass ich nie wieder nach Kiew kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Vanessa Klüber

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