Diskussion um Beschulung Geflüchteter - Deutschunterricht in Willkommensklassen oder Lernen nach ukrainischem Lehrplan?

Do 17.03.22 | 06:11 Uhr | Von Kirsten Buchmann
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Symbolbild: Zwei geflüchtete ukrainische Kinder in einer temporären Unterkunft (Bild: dpa/Beata Zawrzel)
Video: Abendschau | 17.03.2022 | Iris Völlnagel | Bild: dpa/Beata Zawrzel

Für Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine sollen am Montag die ersten Willkommensklassen an Berliner Schulen starten. Dort werden sie vor allem Deutsch lernen. Allerdings gibt es auch Kritik an diesem Weg. Von Kirsten Buchmann

Die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka fand in ihrer Rede vor der Kultusministerkonferenz vergangene Woche deutliche Worte. Sie forderte: "Die ukrainischen Kinder, die sich zwischenzeitlich hier aufhalten, sollen ihre Beschulung nach dem ukrainischen System und deren Lehrplänen weiter fortsetzen." Das allein werde ihnen eine "barrierefreie und schmerzfreie Rückkehr in die Ukraine ermöglichen".

Ihre Forderung verband sie mit Kritik an den deutschen Lehrplänen. Dort fehle die ukrainische Geschichte fast völlig, es dominiere nach wie vor Russland.

Alle hofften, dass der Schrecken des Krieges nicht zu lange dauere, betonte die Generalkonsulin. Für die nach Deutschland geflüchteten Kinder gehe es nicht darum, eine vollständige Integration in die deutsche Gesellschaft herzustellen. Die nationale Identität müsse aufrechterhalten werden. Es sei wichtig, dass die Kinder weiter ihre Sprache, Geschichte und Kultur lernen könnten.

Sie forderte daher, die Schüler nicht in "Integrationsklassen", sondern ein bis drei Jahre lang in "kleineren Bildungseinheiten" zu unterrichten. Dabei verweist sie auf erfolgreiche Erfahrungen in Deutschland mit internationalen sowie bilingualen Schulen. Darin sieht sie ein Argument, "dass eine temporäre Beschulung nach dem ukrainischen Bildungssystem für einen begrenzten Zeitraum funktionieren kann".

Erste neue Willkommensklassen ab Montag

In Berlin sind die ersten neuen Willkommensklassen allerdings inzwischen schon eingerichtet. Die ersten sollen ab Montag starten, heißt es aus der Bildungsverwaltung. Es werde sichergestellt, dass die aus der Ukraine nach Berlin geflüchteten Kinder und Jugendlichen möglichst bald einen Schulplatz erhalten.

An mehreren Schulen konnten sie laut der Bildungsverwaltung auch bereits in Regelklassen integriert werden. Ziel ist es laut einem Sprecher der Bildungsverwaltung, "dass die ukrainischen Schülerinnen und Schüler möglichst zügig Deutsch lernen, um sich hier im Alltag zurechtzufinden – und auch, um sich angesichts der unklaren Lage in der Ukraine perspektivisch integrieren zu können."

Gleichzeitig arbeite die Bildungsverwaltung daran, muttersprachlichen Herkunftsunterricht in die Angebote einzubeziehen und anstehende ukrainische Schulabschlüsse zu beachten. Es hätten sich auch bereits viele ukrainischstämmige Menschen gemeldet, um hier als Pädagoginnen und Pädagogen tätig zu sein.

Keine Extra-Insel

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Marcel Hopp, findet den Weg richtig, ukrainische Schülerinnen und Schüler in Willkommensklassen an den Berliner Schulen zu beschulen, "und nicht, wie der Vorschlag von Generalkonsulin Tybinka ist, nach ukrainischen pädagogischen und schulrechtlichen Vorgaben." Denn die Kinder und Jugendlichen, die herkommen, hätten das Recht, hier unterrichtet zu werden.

"Aber auch im Sinne der Schulpflicht wird hier keine Extra-Insel aufgebaut." Es gehe darum, die bestmögliche Bildung zu gewährleisten, auch vor dem Hintergrund, dass der Krieg vielleicht länger andauere.

Die Hoffnung der Generalkonsulin, dass es sich um einen vorübergehenden Aufenthalt der Kinder in Deutschland handelt, könne er nachvollziehen, sagt Hopp. Auch er hoffe, dass es schnell zu einem Frieden im Sinne der Ukraine komme. "Aber in unserem Krisenmanagement gehen wir davon aus, dass es eben kein vorübergehender Aufenthalt ist. Wir haben die Arbeitsthese, dass die, die hier sind, erst mal hierbleiben werden."

Wunsch nach Räumen und Personal

Die bildungspolitische Sprecherin der oppositionellen CDU-Fraktion Katharina Günther-Wünsch kann der Generalkonsulin insofern zustimmen, dass es nicht das Mittel der Wahl sei, die Kinder möglichst schnell in das Regelschulsystem zu bringen. "Sondern diese Kinder sind traumatisiert, entwurzelt und brauchen zunächst einen geschützten Raum." Am besten sei eine "Ankommenssituation" mit Muttersprachlern und vertrauten Menschen um sie herum.

Sie habe zugleich schon einige Male erlebt, dass Geflüchtete darum baten, ihnen digitale Geräte zur Verfügung zu stellen. Denn ihre Kinder würden aus der Ukraine heraus einen voll digitalisierten Unterricht erhalten, zumindest für die Klassen fünf bis elf. Man könne prüfen, wie man dem nachkommen und das mit Räumen und digitalen Geräten umsetzen könne. Das sieht Günther-Wünsch als eine Option für dieses Schuljahr.

Aber auch andere Wünsche kommen bei der CDU-Abgeordneten an: Gerade manche privat Untergekommene wollten ihre Kinder mit denen ihrer Gastfamilien zur Schule gehen lassen. Sie fordert daher Räume, Personal, Therapeuten und Schulpsychologen sowie Geld, um den Unterricht für sie zu finanzieren.

Sendung: Abendschau, 17.03.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Kirsten Buchmann

44 Kommentare

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  1. 44.

    Sicherlich gibt es Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten. Aber lassen Sie sich doch einfach mal ein paar einfache deutsche Sätze vom Google Translator jeweils auf Russisch und Ukrainisch übersetzen (eine Transkription in lateinische Schrift steht unten drunter) und Sie werden sehen, dass die Unterschiede zwischen den beiden Sprachen anscheinend doch gar nicht mal so gering sind.

  2. 43.

    Da ich kyrillische Wörter lesen kann, stellte ich fest, das sich auch die Wörter in ihrer Bedeutung annähernd gleichen. Das ist ja auch nicht unwahrscheinlich, da es sich ja eigentlich um ein gemeinsames Volk handelt.

  3. 42.

    Um die Kinder schnellstmöglich wieder in einen geregelten Unterricht zu bringen und ihnen nun wieder etwas Sicherheit in der neuen Umgebung zu vermitteln, wäre es bestimmt gut, sie erst einmal hauptsächlich in ihrer Muttersprache zu unterrichten und zu versuchen, das Erlebte wenigstens ein bisschen zu verarbeiten. Deutsch müssen sie erst noch lernen; bis dahin kann in dieser für sie komplett neuen Sprache, deren Schrift sie noch nicht mal beherrschen, kein Unterricht stattfinden. Ich denke, wichtig für die Kinder wäre erst mal ein geregelter schulischer Ablauf, bevor man sie direkt mit einer ihnen fremden Sprache konfrontiert. Außerdem hätte das den Vorteil, dass man vorerst vielleicht ganz einfach auf Lehrkräfte zurückgreifen könnte, die – genau wie die Kinder – gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Der Deutschunterricht ließe sich dann parallel dazu organisieren und einführen, wofür dann auch nicht auf einen Schlag ganz so viele deutschschprachige Lehrkräfte vonnöten wären.

  4. 41.

    Wenn Sie sich die Bilder anschauen, sehen Sie, dass beide Schilder in kyrillischen Buchstaben geschrieben sind. Daraus kann man nicht auf die Sprache schließen.
    In ganz Westeuropa benutzen wir lateinische Buchstaben. Deswegen ist doch deutsch nicht das sächsische französisch.
    Tatsächlich sind ja sogar dänisch, schwedisch, holländisch und deutsch aus der gleichen Sprachfamilie. Und ich kann unter Umständen ein schwedisches Hinweischild lesen. Aber ich jedenfalls kann nichts verstehen, wenn Schweden, Holländer oder Dänen in ihrer Sprache sprechen.

  5. 40.

    Der Schutzstatus für ukrainische Flüchtlinge soll zunächst ein Jahr gelten, verlängerbar bis zu max. 3 Jahre. In dieser zeitlichen Perspektive muss man, finde ich, auch für die Kinder erstmal planen. Und da wären Deutschkenntnisse schon vom Vorteil. Wer bildungswilliger ist, lernt schneller und kann schneller in den Regelunterricht wechseln. Alles andere werden deutschen Schulen nicht leisten können.

  6. 39.

    Das die Ukrainischen Schulen technisch so gut ausgestattet sind, haben sie dem deutschen Steuerzahler zu verdanken. Deutschland ist der Sponsor Nummer 1 in den letzten Jahren gewesen. Aber die deutschen Schulen verkommen lassen,ganz großes Kino.

  7. 38.

    Fordern kann man ja immer viel.
    In der dritten Klasse unseres Kindes sitzt jedenfalls schon längst ein ukrainisches Kind (verwandt mit einem Klassenkameraden).
    Da hat wohl keiner rechtzeitig darauf geachtet, dass das nicht im Sinne der Frau Generalkonsulin sein könnte... :-)

    Und ach so - ist das jetzt irgendwie eine neue Mode, statt Lehrplan auf einmal "Curriculum" zu sagen? :-)

  8. 37.

    Wo haben Sie denn gelesen, dass die Frau Generalkonsulin um etwas gebeten hat ?? Sie hat Forderungen gestellt, die m.E teilweise recht übertrieben, wenn nicht sogar unverschämt waren.

  9. 36.

    Ganz einfach: Weil sie in der Regel bildungswillig sind. Und wieso sollten sie Deutsch lernen, wenn es das Ziel ihrer Eltern ist, so schnell wie möglich wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Das macht den entscheidenden Unterschied!

  10. 35.

    Allen, die sich hier gerade echauffieren, sei folgender Artikel auf der Zeit Online Seite empfohlen: "Ukraines fortschrittliche digitale Schulen".
    Problem: Die mediale Ausstattung der Berliner Schulen!

  11. 34.

    Erst beschimpft der ukrainische Botschafter frei und demokratisch gewählte deutsche Politiker, dann erfüllt die Bundesregierung beflissen alle Wünsche der Ukraine und jetzt kommen noch unverschämte Einmischungen durch eine Konsularin in den deutschen Verwaltungsapparat hinsichtlich der Beschulung geflüchteter Kinder.
    Wo soll das noch hinführen?

  12. 33.

    Wenn ich mir die Bilder mit angeblichen ukrainischen Text ansehe, fällt mir kein großer Unterschied zum russischen auf. Das wird so etwas wie das russische sächsisch sein. Vermute ich.

  13. 32.

    Tatsächlich hat die Konsularin gar nicht gefordert, sondern gebeten.
    Das sie versucht zu erklären, was aus ihrer Sicht für die Kinder am Besten ist, ist ja schließlich ihre Aufgabe. Natürlich kann es auch andere Meinungen dazu geben, was das Beste ist. Aber dafür braucht man die Frau ja nicht zu verteufeln.
    Und ausserdem gibt es viele Länder in Europa, die wesentlich mehr Wert auf die Bildung ihrer Kinder legen. Das Bildungssystem in Deutschland so marode ist, ist nicht die Schuld der Generalkonsularin.

  14. 31.

    Sprache ist etwas verbindendes, sie kann aber auch trennen. Wenn ich mich in einem fremden Land befinde, sollte ich auch deren Sprache zumindest ansatzweise sprechen. Die Ukrainer werden noch eine ganze Weile hier bleiben, denn in ihren Land ist Krieg und selbst bei schneller Beendigung des Krieges muss das Land erst wieder aufgebaut werden. Wie viele werden dann zurückgehen?
    Die Generalkonsulin kann ja fordern (auch wenn das etwas sehr unhöflich und undankbar ist) aber Laptops wachsen nicht auf Bäumen und sind seit 2 Jahren im Forderungskatalog der Pandemie-gebeutelten Schulen.
    Es sollte keine Zweiklassengesellschaft von Geflüchteten geben.

  15. 30.

    Wieviele Lehrerinnen? Welche Fächer und Klassenstufen? Klassenräume? Werden, wie an deutschen Schulen mittlerweile üblich, nur Arbeitsblätter an die Kinder verteilt? Und warum ist es deutschen Politikern auf einmal so wichtig das ukrainische Kinder sofort mit ihrem Schulunterricht weitermachen können. In den letzten beiden Coronajahren haben deutsche Schüler keine Aufmerksamkeit aber dafür sehr viele Freistunden und kluge Sprüche, wie im Winter bei geöffneten Fenstern im Klassenraum, wegen der Kälte Kniebeugen zu machen und in die Hände zu klatschen, bekommen.

  16. 29.

    Ob Frau Tybinka besorgt ist, wegen unserem PISA-Stand und der dann auf die ukrainischen Schüler abfärbt?

    P.S. Der Ansatz kleinere Lerngruppen ist so gut, dass er in unserer Region zu teuer erscheint...da ist das Klassenstärkeziel 30+ "angesagt". Dann aber mit super Bezahlung der ukrainischen Lehrerinnen...oder etwa nicht? Dazu kann rbb24 sicher noch extra berichten, wenn es wieder um Gender Gap geht... kann man gespannt sein, auf die Moral?

  17. 28.

    Das Leben ist kein Wunschkonzert. Warum sollten ukrainische Kinder nicht in normale Klassen kommen? So lernen sie schnell deutsch.

    Wenn Menschen bei uns Schutz suchen und wir sie freiwillig aufnehmen, müssen sich die Flüchtlinge auch anpassen und haben nicht das Recht, immer und überall Forderungen zu stellen.

  18. 27.

    Das verstehe ich nicht. Warum können ukrainische Kinder nicht zusammen mit arabischen Kinder (und Kinder anderer Herkunft) Deutsch lernen?

  19. 26.

    Die Forderung der ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka wirkt unverschämt. Oder hat sie etwa die schlechten PISA-Ergebnisse von Bln. und Brb. im Kopf gehabt und will in Dtl. ein annähernd gleiches Bildungsniveau erreichen? Auf jeden Fall hat sie die richtige Lösung im Kern erkannt: kleinere Lerngruppen statt 30+ im virusfreundlichen Klassenzimmer. Und mit digitalen Lehrinhalten wird sie auch noch berechtigte Forderungen an die "Steinzeitbildungsverwaltungen" haben. Und das ist nicht alles: Die Bezahlung ukrainischer Lehrerinnen... da darf man gespannt sein...ob sie mehr als deutsche Lehrer bekommen, da besser!

  20. 25.

    Sehr schwieriges Thema. Aber in der jetzigen Situation Forderungen zu stellen ist nicht gerade angemessen sehr geehrte Frau Generalkonsulin. Hier in Berlin wird eine unbeschreibliche Willkommenskultur gezeigt. Wer will sich anmaßen, bei dieser Massenflucht in so kurzer Zeit bei der Betreuung, Unterbringung etc. alles gleich perfekt haben zu wollen? Es ist doch toll, dass wenigstens die Kinder schon bald so etwas wie Alltag erleben können, in welcher Form das hier geschieht, sollte zunächst zweitrangig sein. Gönnen Sie den Kindern eine Verschnaufpause! Mit Gleichaltrigen den Tag ohne Angst zu verbringen, zu spielen, lernen und lachen ist doch jetzt viel wichtiger, als sich darüber zu streiten, welcher Lehrplan gelten sollte. Später kann man sich Gedanken machen, wie die ukrainischen Kinder stundenweise auch in Ihrer Muttersprache beschult werden können. Dazu benötigt man einen Überblick, ob unter den Geflüchteten auch Lehrer/Erzieher sind, die sicher gerne bereit sind, sich einzubringen

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