Impfungen in Arztpraxen - Amtsarzt fordert Überarbeitung von Berliner Impfkonzept

In einem Pflegeheim bekommt eine Bewohnerin eine Impfspritze in den Arm gestochen (Quelle: DPA/Kay Nietfeld)
Bild: DPA/Kay Nietfeld

Zwei Covid-19-Impfstoffe sind in der EU zugelassen, doch sie müssen aufwändig transportiert und gelagert werden. Ein dritter könnte weitaus einfacher zu handhaben sein. Das sollte sich auch im Berliner Impfkonzept niederschlagen, fordert ein Amtsarzt.

Der Amtsarzt von Berlin-Reinickendorf, Patrick Larscheid, vermisst in der Corona-Pandemie ein Impfkonzept für die breite Bevölkerung in der Stadt. Der Impfstoff des Herstellers AstraZeneca werde wahrscheinlich zeitnah zugelassen, sagte er laut DPA-Meldung vom Sonntag. Anders als die Impfstoffe der Hersteller Biontech und Moderna lasse er sich wegen einer einfacheren Logistik auch in Arztpraxen einsetzen. "Für diese Breite gibt es in Berlin aber bisher kein Impfkonzept", kritisierte Larscheid.

Ähnlich hatte bereits die Kassenärztliche Vereinigung argumentiert. Sobald ein geeigneter Impfstoff in Sicht sei, müssten viele Menschen sehr schnell geimpft werden. "Das schaffen wir nur in den Praxen", hieß es.

Betreute Wohngemeinschaften könnten durchs Raster fallen

Lücken sieht Larscheid jedoch auch im bisherigen Impfsystem: Bei den laufenden Immunisierungen für Menschen über 80 Jahre seien zum Beispiel Pflege-Wohngemeinschaften im Fahrplan der mobilen Teams nicht berücksichtigt. "Oft unterscheiden sie sich aber nur wenig von der stationären Pflege", sagte der Amtsarzt. "Die Ansteckungsgefahr ist auch dort sehr hoch, zum Beispiel durch das Personal."

Betreute Wohngemeinschaften seien keine vollstationären Einrichtungen, deren Bewohner nach der bundesweiten Priorisierung durch die Ständige Impfkommission in der ersten Phase geimpft werden könnten, heißt es bei der Senatsgesundheitsverwaltung. Daher würden Menschen dort erst zu einem späteren Zeitpunkt immunisiert. "Zur Umsetzung laufen aktuell die Planungen", hieß es.

Patrick Larscheid, Amtsarzt im Berliner Bezirk Reinickendorf (Quelle: DPA/Paul Zinken)
Patrick Larscheid, Amtsarzt des Berliner Bezirks Reinickendorf | Bild: DPA/Paul Zinken

"Niemand weiß im Moment, wie viele alte Menschen gar kein Impfzentrum aufsuchen können"

Ebenfalls unklar ist noch, wie bettlägerige alte Menschen, die zu Hause gepflegt werden, geimpft werden sollen. Dafür werde der Rücklauf der verschickten Einladungen an Menschen über 80 abgewartet, teilte die Senatsgesundheitsverwaltung auf Anfrage mit. Gemäß der bundesweiten Vorgabe hätten vollstationäre Pflegeeinrichtungen Priorität, da sie besonders von Ausbruchsgeschehen betroffen waren. "Selbstverständlich ist uns die hohe Bedeutung der Impfung für ambulant versorgte Pflegebedürftige bewusst, auch hierzu entwickeln wir gerade erste Planungen", hieß es weiter.

"Niemand weiß im Moment, wie viele alte Menschen gar kein Impfzentrum aufsuchen können", sagte Larscheid. "Manche Probleme sind also noch überhaupt nicht gelöst." Das gelte auch für chronisch kranke Jüngere. "Denn niemand weiß, wer das ist."

Neue Virusvariante macht schnelles Impfen besonders wichtig

In Berlin sind nach der Statistik der Robert-Koch-Instituts seit Ende Dezember 28.871 Menschen geimpft worden [rki.de], darunter fast 19.000 Pflegeheim-Bewohner. Am Freitag trafen 29.250 weitere Dosen des Biontech-Impfstoffs in Berlin ein, auch davon soll aber die Hälfte für die zweite Impfung zurückgehalten werden. Dienstag soll erstmals eine Lieferung des US-Herstellers Moderna innerhalb Deutschlands erfolgen.

Das Impfen könnte zum Wettlauf gegen die Zeit geraten. Denn eine Mutation des neuen Coronavirus, die in Großbritannien grassiert, ist nach derzeitigem Stand wahrscheinlich ansteckender als frühere Formen. Experten befürchten daher, dass eine Ausbreitung die Pandemiebekämpfung erschweren könnte. Erste vereinzelte Nachweise der Mutation gibt es auch in Deutschland, darunter in Berlin.

Sendung: Abendschau, 09.01.2021, 19.30 Uhr

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29 Kommentare

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  1. 29.

    Der Modernaimpfstoff kann im Kühlschrank aufbewahrt werden, SO aufwendig finde ich das jetzt nicht... Kühlschränke gibts in vielen Praxen.

  2. 28.

    Wenn jetzt doch darüber gesprochen wird, vollgeimpften
    und genesenen mit Nachweis Vorteile wie auch immer, zu erteilen, dann muß man auch die Möglichkeit schaffen quer durch die Gesellschaft zu impfen. Die Hausärzte wären bei dementsprechendem Impfstoff ja wahrscheinlich auch bereit dazu. Es muß in der jetzigen Lage geimpft werden auf Teufel komm raus.

  3. 26.

    Die PKV ist nicht regional organisiert. Das sind keine öffentlich-rechtlichen Körperschaften, sie sind Wirtschaftsunternehmen und unterliegen nicht dem Sozialrecht. Deshalb müsste erst jeder einzelne Versicherte schriftlich der Informationsweitergabe zustimmen. (Privatpatienten können auch nicht vor dem Sozialgericht klagen.)

  4. 25.

    Rein rechnerisch werden wir noch 4 Jahre brauchen um den größten Teil Berlins zu impfen. Die viel zu wenigen Impfdosen die uns zur Verfügung stehen sind daran schuld. Man weiß heute noch nicht wie lange diese Impfstoffe wirken. Jeder muss 2 mal geimpft werden und spätestens nach einen halben Jahr bis Jahr fängt das impfen von vorne an da die Wirkung nachlässt.... also wie bitte sollen bei den geringen impfdosen alle Menschen hier geimpft werden? Wann komme ich denn als jüngere Risikogruppe ran?

  5. 24.

    Was wurde eigentlich in den letzten monaten organisiert?
    Es stand doch fest, das irgendwann geimpft werden muss !
    Ich finde es ein Skandal, dass nichts richtig vorbereitet ist.

  6. 23.

    Antwort an Helga Berlin (18)
    So war auch meine Anregung gemeint: dass die Kassen einbezogen werden, ihre Kunden zu informieren, in Zusammenarbeit mit den Hausärzten o.a. zuständigen Ärzten, die dort ja auch bekannt sind, die Impftermine und - orte zu verabreden unter Einbeziehung der pflegenden Familien o.a., die dort ja auch bekannt sind; und dann den Vollzug der Impfung an die Gesundheitsämter weitergeben.
    Das sieht erstmal erst nach sehr viel Arbeit für die Kassen aus, die wahrscheinlich Verstärkung brauchen, würde aber die Gesundheitsämter erstmal deutlich entlasten. Wieso sollen das nicht auch die privaten Kassen leisten können? Die haben doch auch eine vertragliche Verpflichtung ihren Kunden gegenüber! Es geht um unseren Gesundheitsschutz!

  7. 22.

    Natürlich die 5G Chips, die müssen gut gekühlt werden, wie Mobiltelefone! Weiß doch jedes Kind!

  8. 21.

    Prima, dem kann ich mich nur anschließen. ........denn sie wussten nicht was sie taten, geschweige denn tun müssten.

  9. 20.

    ist der Amtsarzt von Reinickendorf beruflich nicht ausgelastet? oder möchte er sich für eine neue Regierung in Berlin schon mal für höhere Aufgaben empfehlen?

  10. 19.

    Was ist in diesem Stoff drin was der so tiefen Kühltemperatur bedarf ?

  11. 18.

    Zitat: "Die (gesetzlichen) Krankenkassen könnten dem Senat mitteilen, wer zu einer Risikogruppe gehört, wo er wohnt und ob er in ein Impfzentrum kommen kann."
    Würden Sie das wollen, wenn Sie selber zu dieser Gruppe gehören würden ? Und warum nur die gesetzlichen KK?
    Besser wäre, die KK würden die Leute anschreiben, nicht der Senat. Damit wäre auch der Datenschutz gewahrt.

  12. 17.

    Die (gesetzlichen) Krankenkassen könnten dem Senat mitteilen, wer zu einer Risikogruppe gehört, wo er wohnt und ob er in ein Impfzentrum kommen kann. Dürfen sie aber nicht, der Datenschutz erlaubt das nicht.
    Es wird Zeit, die Datenschutzregelungen auf ihre Praxistauglichkeit zu prüfen. In einer solchen Pandemie kostet der Datenschutz durch die Verunmöglichung eines raschen Informationsaustausches letztlich Menschenleben.

  13. 16.

    Bei der aktuellen Impfstrategie wird Berlin noch sehr lange mit hohen Infektions-und Todeszahlen zu tun haben. Wer bei dieser Verwaltung etwas anderes erwartet hat, ist naiv. Es wurden Impfeinladungen an bereits Verstorbene verschickt und noch zu Hause lebende über 80- bzw. 90jährige haben zum größten Teil noch immer keine Einladung erhalten (Bsp. aus der eigenen Familie). Was für ein Chaos. Jeder Tag, der ungenutzt verstreicht, kostet Menschenleben. Hauptsache, Frau Kalayci und Herr Spahn können sich medienwirksam präsentieren! Also: Hintern bewegen und mal ordentlich den Kopf benutzen und auch mal über den Tellerrand sehen...

  14. 15.

    Alles Makulatur, solange der Engpass noch in der Verfügbarkeit der Impfstoffe liegt. Daran ändern auch weder neue Zulassungen noch neue Einkaufsmengen nichts. Beides wird sich erst mit der Zeit auch in tatsächlich verfügbaren Impfdosen auswirken.
    Wenn es das Zeugs gibt, wird es auch Wege geben, das schnell an alle Impfwilligen zu verimpfen. Die jetzigen möglichen geschaffenen Kapazitäten sind ja gerade erst zu einem Bruchteil ausgereizt. Dazu dann eben noch die Hausärzte, aber das ist doch schon sehr lange angedacht. Im Augenblick aber aufgrund "Masse" wie gesagt irrelevant.

    Mir scheint, Herr Larscheid bringt sich einfach gerne immer mal wieder ins Gespräch.

  15. 14.

    Lieber ChrisBLn,
    auch der Moderna-Imofstoff muss tiefgekühlt werden, nur halt bis minus 25Grad und nicht bis minus 70 Grad.
    Ärzte haben Kühlschränke für Impfungen, keine Tiefkühlschränke.
    Normale Impfstogge dürfen garnicht eingefroren sein. Mein 2m großer Spezial-Umluft-Impfstoffkühlschrank war auch kein Schnäppchen.
    Ich vermutet, kaum eine Praxis hat einen Impfstoff-Tiefkühlschrank.
    Aber ja, sowie Impfstoffe bei 2-8° gelagert werden können, kommen wir ins Spiel.

  16. 13.

    Betriebsärzte.....
    DAs (private) SAna-Klinikum in Liuchtenberg hatte nicht mal genung Grippeschutzimpfdosen für eigenern Mitarbeiter.
    So bin ich mit 40 Impfdosen aus meiner Praxis und hab dann diese Dosen an Schwestern und Ärzte verimpft.

  17. 11.

    Was verunsichert Sie, wenn ein Amtsarzt seiner Aufgabe nachgeht und Vorschläge zur Erweiterung des bestehenden Impfkonzeptes macht, weil andere Impfstoffe zur Verfügung stehen werden?

  18. 10.

    Ich begrüße den Vorstoß, die Arztpraxen so schnell wie nur möglich miteinzubeziehen. Viele Hausärzte kennen insbesonders ihre älteren Patienten. Könnten bei wichtigen Informationen nützlich sein. Die Möglichkeiten sind da schon recht vielfältig.

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