"Büfett der Nationen" beim Hoffest im Schwedter Flüchtlingsheim (Quelle: Stadt Schwedt/Oder)
Bild: Stadt Schwedt/Oder

Serie | Reden wir über Integration - "Die Geflüchteten gehören zum Stadtbild"

Durch den Zuzug hunderter Flüchtlinge konnte das Schrumpfen der Stadt Schwedt in der Uckermark im vergangenen Jahr erstmals gestoppt werden. Bürgermeister Jürgen Polzehl (SPD) ist allein deswegen sehr daran gelegen, möglichst viele der Geflüchteten dauerhaft in Schwedt zu halten. Der schwerste Brocken sei dabei die Arbeit, erzählt er im Interview.

rbb online: Herr Polzehl, die Ereignisse der vergangenen Wochen – vor allem die Attacken in Ansbach und Würzburg – haben ja mancherorts zu neuen heftigen Diskussionen darüber geführt, ob es gut war, Flüchtlinge in Deutschland willkommen zu heißen. Waren Sie besorgt, welche Auswirkungen die Nachrichten auf Ihre Stadt haben könnten?

Ja, ich habe mir schon Sorgen gemacht und während meines Urlaubs auch mal nachgefragt, ob alles friedlich ist in dieser Richtung. Wir wollen mal auf Holz klopfen, dass es bei uns weiter so gut läuft.

Im Dezember sagten Sie im Interview mit uns, dass 2016 ein entscheidendes Jahr für die Integration werde und Sie auch Streit erwarten. Hat sich das bewahrheitet?

Wir hatten im vergangenen Jahr eine Auftaktveranstaltung, in der wir der Bevölkerung mitgeteilt haben, dass eine Not- und Flüchtlingsunterkunft im Wohngebiet eingerichtet wird. Da brannte die Luft doch sehr stark. Meine jetzige Einschätzung ist, dass die Geflüchteten zum Stadtbild gehören und da ist auch ein gutes Miteinander zu verzeichnen. Es gibt natürlich überall Einzelprobleme, auch unter den Geflüchteten viele Probleme, die wir anfangs gar nicht so gesehen haben. Das hängt mit den Nationalitäten zusammen und mit der Situation, in größeren Unterkünften länger leben zu müssen.

Im Februar gab es einen Hungerstreik in einer Schwedter Notunterkunft – wie ließ sich dieser Konflikt lösen?

Der wurde sehr schnell beigelegt. Diese Notunterkunft ist inzwischen geschlossen worden. Das war eine Sporthalle, die der Landkreis dem Sportbetrieb entziehen musste. Sie ist jetzt schon wieder leer geräumt. Und es wird daran gearbeitet, die Notunterkunft in der ehemaligen Schule runterzufahren und für die Unterbringung generell Wohnungen zu nutzen. Wir haben zurzeit 450 Geflüchtete in Schwedt. 150 von ihnen sind in der Notunterkunft untergebracht und 300 leben in Wohnungen, über das ganze Stadtgebiet verteilt. Wir sind hier also auf einem guten Weg in Richtung Integration.

Wie viele Asylbewerber haben bereits einen Bescheid über ihre Anerkennung bekommen?

Wir haben rund 250 Bescheide erteilt. Die Tendenz ist aber so, dass sich die Geflüchteten häufig für andere Regionen entscheiden, wenn sie ihren Bescheid in der Hand haben. Die Ballungsgebiete haben großen Zulauf. Das ist bei uns genauso festzustellen, wie an anderen Orten. Viele verlassen also die Stadt, so dass wir in Schwedt einen rückläufigen Trend haben. Wir hatten ja auch schon über 500 Geflüchtete, jetzt sind es 450.

Steuern Sie dagegen an?

Wir versuchen es. Uns ist ja lieb, wenn wir eine ausgeglichene Bilanz haben und nicht weiter schrumpfen. Letztendlich gibt es aber so viele Faktoren, die auch mit der Freizügigkeit zusammenhängen, so dass einem als Stadt oder Landkreis Grenzen gesetzt sind. Vieles hängt mit den Nationalitäten der Flüchtlinge zusammen. Es gibt Landkarten, auf denen man deutlich erkennen kann, wo sich bestimmte Gruppierungen wieder treffen, und das merkt man dann auch im individuellen Umgang.

Hat sich in Schwedt auch schon ein Schwerpunkt einer bestimmten Nationalität herausgebildet?

Ja, wir haben hier 50 Prozent Syrer, 15 Prozent Afghanen und 10 Prozent Iraner. Der Rest kommt aus sonstigen Ländern. Die Syrer sind hier in Schwedt ein größerer Verbund. Sie waren auch schon ziemlich früh da. Von ihnen sind die ersten in Wohnungen und auch arbeitsmarkttechnisch ist schon einiges passiert. Ein Syrer ist beispielsweise Koch hier in einer Firma und macht die Mittagsversorgung.

Wie gelingt denn generell in Schwedt die Vermittlung von Flüchtlingen in Arbeitsverhältnisse?

Die Arbeit ist definitiv der schwerste Brocken bei der Integration. Aber es gibt gute Ansätze: Im Juni hatten wir eine Veranstaltung mit Geflüchteten und Arbeitgebern, die war wirklich gut besucht. Da wurde geschaut: Wo sind die Interessen, wer hat schon welche Qualifikationen und wo kann man mit welchen Programmen einsteigen? Das war ein toller Erfolg. Und jetzt versuchen wir zusammen mit der Arbeitsagentur, die Interessen und Qualifikationen der Geflüchteten passgenau mit Arbeits-Programmen in Übereinstimmung zu bringen, praxisbezogene Wege des Lernens zu finden. Vor allem der Mittelstand ist daran sehr interessiert.

Welche Firmen zum Beispiel?

Die Firmen kommen überwiegend aus der Dienstleistungsbranche, vom Friseur bis zum Hotelbetrieb. Bei der Veranstaltung im Juni haben sich vor allem Unternehmen vorgestellt, die Personalsorgen haben und zuversichtlich waren, mit den Geflüchteten durch das Prinzip 'Learning by Doing' weiterzukommen, vor allem wenn es dafür auch noch finanzielle Unterstützung durch die Arbeitsagentur gibt. Grundsätzlich ist die Phase 'Arbeit' bei der Integration hier in Schwedt aber die Schwerste.

Woran liegt das?

Mit 13 Prozent Arbeitslosenquote liegen wir natürlich viel zu hoch und haben eigenen Nachholbedarf. Die Programme, die wir hier für Geflüchtete starten, müssen andere Schwedter mitnehmen. Hinzu kommt: Die hier in Schwedt dominante Öl- und Papier-Industrie ist kapitalintensiv, aber nicht arbeitsplatzintensiv. Außerdem kommt vor der Phase 'Arbeit' die Phase 'Lernen'. Die Vorstufe zum Arbeiten sind das Sprachenlernen und die Grundqualifizierung. Aber wir sind auf einem guten Weg: Aktuell laufen drei Integrationskurse mit etwa 60 Teilnehmern, und auch mit den Bildungsträgern machen wir gute Erfahrungen.

Spielende Kinder beim Hoffest im Schwedter Flüchtlingsheim.

Im vergangenen Jahr hatten Sie die Willkommenskultur und Hilfsbereitschaft der Schwedter gelobt. Hat sich das auch 2016 fortgesetzt?

Ja, wir haben wirklich eine tolle ehrenamtliche Arbeit hier. Viele Schwedter haben sich als ehrenamtliche Paten oder Sprachlehrer gemeldet. Anfangs war die Betreuung wegen der überschaubaren Zahl der Geflüchteten fast individuell. Einige Helfer waren zunächst enttäuscht, weil sie Familien betreut hatten, die Schwedt jetzt wieder verlassen haben. Inzwischen setzen wir vermehrt auf Veranstaltungen, die für alle organisiert werden. Wir gehen also in die Breite. Im Mai hatten wir zum Beispiel das Hoffest 'Spring Power', zu dem viele Helfer kamen, um das Wohnumfeld der Notunterkunft zu verbessern. Anfangs haben die Geflüchteten aus dem Fenster geguckt und sich gefragt, was machen die Deutschen hier schon so früh? Aber später haben sie mitgeholfen. Da wurden gemeinsam ein paar Blumen- und Kräuterbeete angelegt und das Umfeld verschönert, das Grün in Ordnung gebracht und zusammen gegessen. Das hat allen gut getan.

Das Interview führte Sarah Mühlberger, rbb|24

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