Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Flur eines Jugendhilfezentrums (Quelle: dpa / Uli Deck)
Bild: dpa / Uli Deck

Serie | Reden wir über Integration - "Viele Jugendliche stehen unter einem wahnsinnigen Druck"

Knapp 4.000 minderjährige Flüchtlinge leben allein in Berlin. Claudia Schippel versucht mit ihrem Netzwerk Akinda, Vormünder für sie zu finden, zu schulen und zu beraten. Die Herausforderungen sind für beide Seiten groß, erzählt sie im Interview.

rbb|24: Frau Schippel, das Netzwerk Akinda will Ehrenamtliche dabei unterstützen, eine Vormundschaft für einen minderjährigen unbegleiteten Flüchtling zu übernehmen. Wie groß ist der Bedarf?

Claudia Schippel: Der Flüchtlingsrat schätzt, dass sich momentan 3.800 junge unbegleitete Flüchtlinge in der Zuständigkeit des Landes Berlin befinden. Wie viele von ihnen schon einen Vormund haben, ist schwer zu sagen. Wenn die Jugendlichen herkommen, bekommen sie eine rechtliche Vertretung durch ein Jugendamt. Die geht in eine Vormundschaft über, die dann auch die Personensorge beinhaltet. Nur haben wir oft das Problem, dass wir nicht rausfinden können, ob es schon einen Vormund gibt beziehungsweise ob schon ein Antrag beim Amtsgericht gestellt wurde. Oft existieren mehrere Vorgänge, weil es unterschiedliche Schreibweisen für einen Namen gibt, was bei arabischen Namen öfter mal vorkommt.

Anfang des Jahres hieß es, dass dringend Vormünder gesucht werden. Gibt es nach wie vor zu wenige Berliner, die sich eine solche Aufgabe vorstellen können?

Es gibt sehr, sehr viele Interessenten für eine ehrenamtliche Vormundschaft. Bei uns im Akinda-Projekt besteht im Moment kaum noch eine Chance, an den Informationsrunden teilzunehmen, weil wir so eine lange Warteliste haben. Wir leiten die neuen Interessenten dann an andere Organisationen weiter, die noch nicht ganz so überfüllt sind.

Dauert es zu lange, bis die Jugendlichen einen Vormund haben?

Einerseits brauchen sie möglichst schnell jemanden, zu dem sie dann langsam ein Vertrauensverhältnis aufbauen können. Gleichzeitig ist es nicht sinnvoll, Leute zu Vormündern zu machen, wenn sie nicht ausreichend auf ihre Aufgabe vorbereitet, fortgebildet und begleitet werden. Ich höre immer wieder, dass Ehrenamtliche vom Jugendamt in die Einrichtungen geschickt werden und dann völlig hilflos vor den Jugendlichen stehen und die vor ihnen. Die sollen dann auf die Schnelle zueinander finden, und dann soll ganz schnell der Antrag gestellt werden. Bei uns melden sich auch viele Ehrenamtliche, die eine Patenschaft oder Vormundschaft übernommen haben und Fragen haben oder nicht weiterwissen.  

Vor welchen Problemen stehen die Vormünder?

Die neuen Vorgaben zur Inobhutnahme der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sorgen dafür, dass alles sehr langsam läuft, dass die Verfahren ziemlich undurchschaubar sind. Man weiß oftmals nicht, wer für was zuständig ist. Woher kriegt der Jugendliche sein Geld? Wo kann er sich melden, um einen Aufenthaltstitel zu bekommen? Die Ehrenamtlichen durchschauen das oft überhaupt nicht, weil es auch sehr komplex ist und sich in jedem Einzelfall anders darstellen kann. Außerdem ändert sich momentan vieles.

Claudia Schippel vom Netzwerk AKINDA - Foto: rbb Inforadio/Sylvia TiegsClaudia Schippel vom Netzwerk Akinda

Zum Beispiel?

Auf der rechtlichen Ebene passiert im Moment ganz viel, weil sich für die Flüchtlinge, die als bleibeberechtigt angesehen werden, der Arbeitsmarkt allmählich öffnet. Bei diesen jungen Flüchtlingen, zum Beispiel aus Syrien, bei denen klar ist, die bleiben hier, zeigen Arbeitsagentur und natürlich auch Arbeitgeber großes Interesse daran, dass sie möglichst schnell in den Arbeitsmarkt kommen und zum Beispiel Ausbildungsplätze besetzen. Diese Jugendlichen erhalten jetzt auch deutlich leichter Förderungen wie zum Beispiel Bafög. Auf der anderen Seite gibt es verstärkte Restriktionen für diejenigen, bei denen man davon ausgeht, dass sie eh keine langfristige Chance haben, in Deutschland zu bleiben, zum Beispiel, weil sie aus Ländern kommen, die man mal als sichere Herkunftsländer bezeichnet hat. Es gibt also eine klare Teilung in "gute und schlechte" Flüchtlinge. Das finde ich sehr problematisch, weil zunehmend der Blick auf die einzelne Person und ihre Geschichte verloren geht. Gerade bei den Jugendlichen sollte man aber sehr genau auf den Menschen gucken. 

Was belastet die Jugendlichen am meisten?

Vor allem, dass sie oft nicht wissen, wie lange sie warten müssen, bis es weitergeht. Sie wissen nicht, wann sie in eine richtige Jugendeinrichtung kommen, einen Asylantrag stellen dürfen oder vielleicht ihre Eltern nachholen können. Die Jugendlichen leiden stark unter dieser Unklarheit. Viele bräuchten eine Vertrauensperson, die sich die Zeit nimmt, ihnen zu erklären, was dieses ganze Prozedere soll. Wenn das nicht passiert, fühlen sich oftmals so unsicher und verwirrt, dass es für sie noch schwerer ist, die Belastungen ihrer Vergangenheit zu verarbeiten.

Welche Folgen hat das?

Mir erzählen ehrenamtliche Vormünder, dass gerade bei Jugendlichen aus Afghanistan ganz häufig Selbstverletzungen vorkommen. Die ritzen oder schneiden sich mit dem Messer in die Haut. Das zeigt deutlich, unter was für einem wahnsinnigen Druck sie stehen. Gerade wenn es darum geht, was die Familie von ihnen erwartet. Zum Beispiel kommen Jugendliche mit dem Auftrag hierher, Familienmitglieder nachzuholen oder möglichst schnell Geld zu verdienen. Und dann hocken sie hier in den Warteschleifen und finden meist nicht mal rechtzeitig einen Schulplatz. Diese Untätigkeit, dieses Grübeln ist für sie ganz furchtbar. Und das ist ein Druck, der sich auf die Ehrenamtlichen überträgt.

Fehlt dann die psychologische Betreuung?

Es gibt zwar Psychologen, aber auch die therapeutischen Einrichtungen sind ja hoffnungslos überlastet, haben lange Wartelisten. Mir erzählen Ehrenamtliche, dass sie mit ihrem Mündel zu einem anderen Arzt gehen, einem Nervenarzt und da gibt es irgendwelche Medikamente. Eigentlich bräuchten die Jugendlichen aber eine therapeutische Behandlung. Viele von den neuen Betreuerinnen und Betreuer in den Notaufnahmen sind einfach nicht hinreichend qualifiziert worden. Das kann man nicht den Mitarbeitern anlasten, denn viele sind sehr engagiert sind und strengen sich unheimlich an, etwas Vernünftiges aus der Situation zu machen. Aber sie hatten kaum eine Chance, sich auf dieses komplexe Aufgabengebiet einzustellen und sich fortzubilden. Da gibt es einen riesigen Handlungsbedarf. 

Was müsste aus Ihrer Sicht am dringendsten verändert werden, um die Situation der minderjährigen Flüchtlinge zu verbessern?

Am wichtigsten wäre es, zu verhindern, dass die Jugendlichen so lange in diesen Warteschleifen festhängen. Wenn sie erstmal monatelang in einer Notunterkunft sind – aktuell leben dort etwa 1.500 von ihnen – dann fangen viele an, sich dort heimisch zu fühlen. Die Betreuer wachsen ihnen ans Herz, sie freunden sich mit anderen Jugendlichen an und dann müssen sie plötzlich wieder in die Clearingstelle, weil ihr Verfahren abläuft. Später kommen sie nochmal woanders hin, in eine Jugendhilfe-Einrichtung und werden wieder aus ihrer Umgebung herausgerissen. Ich habe selbst lange mit unbegleiteten Jugendlichen pädagogisch in einer Jugendhilfe-Einrichtung gearbeitet und weiß, dass gerade die ersten Monate prägend sind und dass die Beziehungen, die in dieser Zeit aufgebaut werden, sehr intensiv sein können. Und wenn man das immer wieder zerbricht und den Jugendlichen zumutet, sich immer in einer neuen Umgebung, mit neuen Bezugspersonen auseinanderzusetzen, ist das unheimlich belastend.

Angesichts all der Probleme, die eine Vormundschaft für einen minderjährigen Flüchtling mit sich bringen kann – warum sollte man diese Verantwortung übernehmen?

Weil es eine Bereicherung für beide Seiten ist. Das ist unheimlich spannend zu verfolgen, was sich da auch emotional bei den Ehrenamtlichen tut und was sie mit den Jugendlichen erleben. Gerade kürzlich erzählte mir jemand, beim Infoabend habe er noch gezweifelt, ob er das schaffe. Und jetzt erlebt er in der Beziehung mit seinem Mündel so viel, dass er ganz erfüllt davon ist. 

Das Interview führte Sarah Mühlberger, rbb|24

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