RÜI Köpenick Hermanns (Quelle: rbb/Sebastian Schneider)
Bild: rbb/Sebastian Schneider

Serie | Reden wir über Integration - "Jeder von uns würde wahnsinnig"

Als das Flüchtlingsheim "Allende II" Ende 2014 in Berlin-Köpenick eröffnete, gab es Proteste von Anwohnern und Neonazis. Inzwischen sind die neuen Nachbarn ein ganz normaler Teil des Viertels. Der Heimleiter Peter Hermanns erzählt, was dafür nötig war - und wie er jeden Tag das Zusammenleben von knapp 400 Geflüchteten organisiert.

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Sie haben kurz vor Jahresende 2014 eröffnet. Wie hat sich seitdem das Zusammenleben mit den Köpenickern entwickelt?

Als die ersten Bewohner hier eingezogen sind, war das Gebäude nur notdürftig fertig. Das hatte damit zu tun, dass es damals die Angst vor einem Anschlag gab. Die Meinung in Berlin war: Wenn schon Leute im Gebäude wohnen, ist die Gefahr eines Anschlages geringer, als wenn es leer steht.

Zur Anfangszeit zogen noch Massendemonstrationen mit teilweise 500 bis 600 Leuten hier vorbei, dabei wurde dann "Ausländer raus" skandiert. Das hat dazu beigetragen, dass die Bewohner damals sehr viel Angst hatten.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Parallel zu den Demos hatte sich eine Anwohnerinitiative gegründet, die uns bis heute unterstützt. Und die hat sehr positiv auf die Stimmung im Kiez eingewirkt. Wir hatten viel damit zu tun, das Umfeld zu beruhigen. Ich bin in jedem Kindergarten, jeder Schule, jedem Seniorenwohnheim gewesen. Ich habe die Einrichtung vorgestellt, mit Anwohnern gesprochen, auch viel mit der Polizei, dem Bezirk, dem Integrationsbeauftragten, dem Bürgermeister - um diesen Kiez irgendwie zu befrieden.

Hat das geklappt?

Ich finde, dass die Stimmung heute sehr gut ist, wir haben eine angenehme Nachbarschaft. Es kommt allerdings schon mal vor, dass Bewohner beschimpft werden oder es kommt mal eine Beschwerde von Anwohnern.

Worüber beschweren sie sich?

Das klassische Thema ist Lautstärke. Im Sommer heizt sich dieses Gebäude sehr schnell auf, dann sind es nachts locker mal 40 Grad. die Bewohner sind dann eben draußen. Und selbst wenn man in normaler Lautstärke spricht, schallt das nach oben. Die Bewohner gehen auch raus, weil die Container nur 15 Quadratmeter groß sind und da oft zwei einander fremde Personen drin wohnen. Über Privatsphäre kann man da nicht reden.

Das Verlangen, dort rauszukommen, führt eben manchmal zu einer erhöhten Lautstärke und es gibt Beschwerden. Das muss man dann immer wieder austarieren. Ich kann die Bedürfnisse der Anwohner nachvollziehen, weil ich selbst schon in so einem Hochhaus war und gehört habe, wie laut das dort ist.

Über welchen Aspekt der Integration wird zu wenig geredet?

Integration ist auch davon abhängig, wie offen die Gesellschaft ist. Vor Tagen bekam ich eine E-Mail: Auf einem Spielplatz würden Flüchtlinge Bier trinken. Ich weiß es nicht, das kann stimmen. Ich gehe aber ganz oft hier durch den Kiez und sehe auch Anwohner Bier trinken. Wenn einen das stört, dann muss man beide Seiten kritisieren.

Was ich damit sagen will: Das Wichtigste für die Geflüchteten ist, in Kontakt mit den Einheimischen zu kommen. Sie wollen in diesem Land wirklich leben, deshalb brauchen sie die Kontakte und suchen sie auch. Das Ghettobild entsteht, wenn man die Menschen ausgrenzt, wie das in den 1960er Jahren passiert ist.

Es gibt viele Deutsche, die anders damit umgehen: Unsere  Bewohner werden eingeladen, es entstehen wirklich Freundschaften. Aber wir erleben immer wieder diese Abgrenzung. Die Bewohner zeigen: Bei uns ist es so und du machst es so. Die treten aber mit den Geflüchteten nicht in Kontakt, sondern reden über sie.

Das Wichtigste für die Geflüchteten ist, in Kontakt mit den Einheimischen zu kommen. Sie wollen in diesem Land wirklich leben, deshalb brauchen sie die Kontakte - und suchen sie auch."

Was haben sie hier als Heimleiter persönlich gelernt?

Die Unterschiede zwischen den Kulturen sind viel kleiner als man denkt. Das Zweite: Ich habe extreme Hartnäckigkeit gelernt, bei vielen Behörden, bei vielen, die uns das Leben schwer machen. Man muss am Ball bleiben, dann erreicht man auch was.

Wenn Sie frei entscheiden könnten und genug Geld hätten: Wie würden Sie eine Unterkunft für Flüchtlinge bauen?

Ich würde Häuser mit Wohnungen bauen. Wer will in einem Heim leben? Kein Mensch.

Das Gespräch führte Sebastian Schneider, rbb|24

Das Flüchtlingsheim "Allende II" in Köpenick

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