RÜI Köpenick Hermanns (Quelle: rbb/Sebastian Schneider)
Bild: rbb/Sebastian Schneider

Serie | Reden wir über Integration - "Jeder von uns würde wahnsinnig"

Als das Flüchtlingsheim "Allende II" Ende 2014 in Berlin-Köpenick eröffnete, gab es Proteste von Anwohnern und Neonazis. Inzwischen sind die neuen Nachbarn ein ganz normaler Teil des Viertels. Der Heimleiter Peter Hermanns erzählt, was dafür nötig war - und wie er jeden Tag das Zusammenleben von knapp 400 Geflüchteten organisiert.

Seite 1 von 2

rbb|24: Herr Hermanns, gerade hat Sie im Flur ein Heimbewohner stürmisch umarmt. Worüber hat sich dieser Mann so gefreut?

Er hat eine Aufenthaltserlaubnis bis 2020 bekommen. Bei ihm war das lange unklar. Er ist in Syrien geboren, hatte aber in seinem Aufenthalts-Pass "Nationalität unbekannt" stehen. Das geht vielen Flüchtlingen so. Vor allem Kurden, die als staatenlos gelten. Sie können zwar nachweisen, dass sie im Staatsgebiet von Syrien oder im Irak oder wo auch immer geboren sind, aber da steht dann "unbekannt" im Pass. Damit haben sie keinen Zugang zu den Integrationskursen. Sie bekommen, bis das geklärt ist, keine Aufenthaltsgenehmigung.

Aus welchen Ländern kommen die Geflüchteten, die im Moment hier leben?

Wir haben knapp 400 Bewohner, es sind relativ viele Familien mit insgesamt ungefähr 85 Kindern. Der größte Teil sind aber junge Männer, die darauf hoffen, dauerhaft bleiben zu können und ihre Familie nachzuholen. Die größte Gruppe sind die Syrer, dann kommen Menschen aus Afghanistan, Irak, Eritrea und noch einige aus den Balkanländern.

Wie hat sich diese Verteilung geändert, seit Sie vor eineinhalb Jahren angefangen haben?

Am Anfang war es so, dass wir sehr viele Leute aus Serbien, Bosnien, Albanien hatten – die sind im Laufe der letzten anderthalb Jahre abgeschoben worden oder sind freiwillig ausgereist.

Wenn die Menschen hier ein Jahr gelebt haben und dann müssen sie weg – setzt Ihnen das zu?

Das ist emotional sehr belastend. Vor drei, vier Wochen wurde eine Familie abgeschoben, die von Anfang da war, mit sechs Kindern. Da flossen die Tränen, das war ganz bitter. In den letzten Wochen hatten wir immer wieder Abschiebungen, das ist jedes Mal eine Katastrophe, weil die Menschen in eine Perspektivlosigkeit gehen. Das sind ganz oft Roma die in ihren Ländern ohnehin keine Zukunftschancen haben. Zu manchen haben wir noch Kontakt, sie schreiben uns und wir schreiben zurück, weil wir alle hier das nicht nur als Verwaltungsjob sehen. Da baut sich eine gewisse Nähe auf.

Knapp 400 Menschen aus verschiedenen Ländern, auf engem Raum - wie regeln Sie dieses Zusammenleben jeden Tag?

Man muss immer versuchen, auf Augenhöhe zu sein. Natürlich gibt es überall Hierarchien, aber wir haben es hier mit größtenteils gebildeten Erwachsenen zu tun. Menschen, von denen uns einige in die Tasche stecken können. Was ich nicht will ist, dass wir hier so ein Law-and-Order-Prinzip haben. Die Menschen müssen beteiligt werden, sie müssen Aufgaben haben.

Man braucht außerdem sehr viel Geduld. Wir haben auch mit Menschen zu tun, die aus ländlichen Regionen ihrer Länder kommen und die zum Beispiel nicht wissen, wie eine westeuropäische Toilette funktioniert - es dauert, bis sich so etwas etabliert hat. Oder auch die Frage nach der Lautstärke: Es gibt eben in anderen Ländern einen anderen Umgang mit Lautstärke. Jetzt kann ich aber nicht jeden, der zu laut ist, vor die Tür setzen. Also muss ich mit den Leuten immer und immer wieder reden. Das ist natürlich anstrengend.

Mussten Sie schon mal jemanden rauswerfen?

Ja. Gewalt ist für uns ein "No Go". Da hatten wir zwei, drei Fälle, wo es eben nicht mehr ging. Wir haben eine Hausordnung, wenn jemand die regelmäßig missachtet sorgt er gleichzeitig dafür, dass andere sie auch nicht mehr ernst nehmen. Irgendwann müssen wir sagen, es geht nicht mehr. Wir haben uns trotzdem bemüht, die nicht einfach weg zu schicken, damit sie nicht zwei Tage später wieder vor dem Lageso stehen mussten. Wir haben versucht, ihnen Plätze in anderen Heimen zu organisieren.

Hat das geklappt?

Nein, es ist mittlerweile völlig aussichtslos, die Gemeinschaftsunterkünfte sind voll. Alle, die rausgeworfen werden, kommen in Turnhallen oder in Notunterkünfte. Ich glaube, das Land Berlin will gerade vor der Wahl alle Turnhallen leer machen. Sie müssen sich aber vorstellen: Die Leute haben zehn bis zwölf Monate lang durchgehend in Turnhallen gewohnt. Jetzt ziehen sie plötzlich in überfüllte Vier-Bett-Zimmer um, das ist doch verrückt. Da reden wir über Integration?

Der Eindruck, der nach außen entsteht, ist: Die Lage entspannt sich, also können wir die Turnhallen leer machen.

Es kommen tatsächlich viel weniger Geflüchtete. Auf der anderen Seite sind immer noch ganz viele in den Notunterkünften. Das Gesetz besagte bis letztes Jahr: bis zu drei Monate in der Erstaufnahme, dann in die Gemeinschaftsunterkunft – das ist geändert worden. Jetzt heißt es: bis zu sechs Monate in der Erstaufnahme, dann in die Gemeinschaftsunterkunft. Die Realität ist: Die Menschen sind zehn bis zwölf Monate in der Notunterkunft, die meistens einen ganz niedrigen Standard hat. Dann kommen sie in die notbelegten Gemeinschaftsunterkünfte. Da ist eine Katastrophe.

Alle wünschen sich mehr Wohnungen als Lösung. Aber die kann man nicht so schnell bauen, die geplanten Modularbauten für Geflüchtete sind auch noch nicht fertig. Haben Sie Angst, dass hier im "Allende II" mehr Leute einquartiert werden müssen?

Wenn das Land Berlin sagt, wir müssen hier mehr belegen, dann haben wir keine andere Wahl. Aber ich würde persönlich am roten Rathaus anklopfen, um ihnen diese Idee auszureden - weil ich weiß, dass das Zusammenleben so nicht funktioniert. Wenn man hört, dass es Schlägereien gab, ist das fast immer in Notunterkünften passiert, weil die Leute es dort nicht aushalten. Ich glaube, jeder von uns würde wahnsinnig.

Ich würde persönlich am roten Rathaus anklopfen, um ihnen diese Idee auszureden - weil ich weiß, dass das Zusammenleben so nicht funktioniert."

Was bräuchten Sie am dringendsten, um Ihren Job gut zu machen?

Es hakt nach wie vor an Abstimmung mit dem Lageso. Da passieren Dinge, die man sich nicht vorstellen kann. Es gibt eine Absprache mit allen Betreibern: Geflüchtete kommen zum Lageso, das Lageso schaut in Computer, wo Plätze frei sind. Dann bekommen wir eine Zuweisung mit Kostenübernahme, dann kommt man in die Einrichtung.

Aber das funktioniert schon lange nicht mehr. Jetzt sagt das Lageso: Geht durch die Stadt, sucht einen Wohnplatz. Wenn ihr einen gefunden habt, lasst euch einen Brief mitgeben, der das bestätigt, dann könnt ihr da einziehen. Die Leute laufen nun durch Berlin, um festzustellen, dass es nichts mehr Freies gibt.

Das Lageso handelt da gegen eigene Vorschriften und verursacht damit ein riesiges Chaos. Leute haben hier vor der Einrichtung geschlafen, weil die gehofft haben, am nächsten Tag einen Platz zu bekommen. Und das kann man vermeiden, indem die Lageso-Mitarbeiter im Computer nachschauen.

Warum machen sie das nicht?

Die sind oft technisch einfach nicht mit den Einrichtungen verknüpft.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Köpenicker Nachbarn auf das Flüchtlingsheim reagiert haben - und was die häufigsten Probleme im Zusammenleben sind.

Das könnte Sie auch interessieren

Schülerprotest 'Friday For Future' am 24.05.2019 in Berlin (Quelle: dpa/Schreiber)
dpa/Schreiber

Tausende bei Fridays-for-Future-Demos - "Wir müssen runter vom Sofa"

Obwohl viele der Klimademonstranten zu jung zum Wählen sind, verschaffen sie sich vor der Europawahl Gehör: Die Fridays-for-Future-Bewegung hatte zu Demos aufgerufen, in Berlin sollen über 15.000 gekommen sein. In Cottbus durften die Demonstranten nicht aufs Uni-Gelände.