Die kurdischen Flüchtlinge Mohandad und Sharfan aus Syrien im Flüchtlingsheim "Allende 2" in Berlin-Köpenick (Quelle: rbb|24/Sebastian Schneider)
Bild: rbb|24/Sebastian Schneider

Serie | Reden wir über Integration - "Würden wir sagen, das ist kein schönes Land - es wäre gelogen"

Mohandad und Sharfan kennen sich noch aus ihrer Jugend im syrischen Damaskus. Dann flohen die beiden Kurden unabhängig voneinander nach Berlin. Im "Allende 2"-Heim in Köpenick trafen sich die Freunde wieder. Ein Gespräch über das Ankommen, Lieblingsorte und das Deutschlernen.

rbb|24: Seit wann sind Sie in Berlin?

Mohandad: Ich bin seit einem Jahr und sechs Monaten in Deutschland, zwei Monate später kam ich nach Berlin.

Sharfan: Ich bin seit einem Jahr und sieben Monaten in Deutschland. In diesem Wohnheim lebe ich seit einem Jahr.

Sie waren schon in Syrien befreundet, wie haben Sie hier in Köpenick wieder zusammengefunden?

Sharfan: Ich kannte Mohandad aus Damaskus, er war mein Nachbar. Wir sind zusammen in die Schule gegangen. Dann kam der Krieg und eines Tages war er weg. Es wurde immer schlimmer, also bin ich nach Deutschland gekommen, zuerst nach Dortmund. Dass er in Berlin ist, habe ich erst auf Facebook gesehen. 15 Tage später war ich hier. Seitdem verbringen wir im Heim die meiste Zeit zusammen.

Mohandad: Ich habe gesagt: Ich kann dich abholen, ich kann mit dir in das Lageso gehen und ins Jobcenter. Ich mache für ihn alles, weil er mein Freund ist. Wenn man neu nach Deutschland gekommen ist, lernt man viele Leute kennen, aber man kann sie oft nicht so gut einschätzen. Man weiß nicht, wer gut zu einem ist.

Sharfan: Alle meine anderen Freunde hier kenne ich erst seit kurzem. Aber Mohandad ist wie ein Bruder. Der große Bruder sagt dem kleinen immer: "Pass auf dich auf. Mach das so, mach das so nicht." Er passt auf, dass du nicht vom richtigen Weg abkommst. Bis jetzt hat das geklappt. Jeden Tag gehe ich hier in Köpenick dolmetschen und helfen. Wir können nicht einfach nach Deutschland kommen und nur essen und schlafen.

Was war Ihr erster Eindruck von Berlin?

Mohandad: Ich fand es so groß! Erst nach zwei, drei Monaten habe ich mich zurechtgefunden. Die S-Bahn und die U-Bahn gefallen mir besonders gut an Berlin, das Brandenburger Tor, der Alexanderplatz. Das sind meine Lieblingsorte.

Sharfan: Als ich angekommen bin in Berlin, war ich am Hauptbahnhof. Der war riesig, ich wusste nicht, wo ich hin muss. Da habe ich Mohandad angerufen und ihn gebeten, mich abzuholen. Nach 20 Minuten war er da.

Wie haben Sie sich hier eingelebt?

Mohandad: Ich bin zuerst zum Lageso gegangen, dort war ein riesiger Stau von Leuten. Du musst da für einen Tag hingehen, manche warteten auch zwei, es war schwierig. Ich habe dann drei Monate lang Deutsch gelernt, bis zum B1-Level. Danach habe ich ein Praktikum in Marienfelde angefangen, für Tiefbau und Maurer. Da hat mir geholfen, dass ich Deutsch sprechen konnte. Jetzt stehe ich jeden Tag um fünf Uhr auf und komme um 18 Uhr von der Arbeit zurück. Wenn jemand nach Deutschland kommt, wünsche ich mir, dass er das so wie ich macht.  

Sharfan: Ich war zuerst in Spandau, in einem Wohnheim. Dort ist einfach nichts passiert. Ich wurde in Syrien geboren und ich habe dort gelebt, aber ich hatte keinen syrischen Ausweis, weil ich Kurde bin. Neun Monate lang musste ich warten, warten, warten, dabei wollte ich zur Schule gehen und etwas tun. Ein Anwalt hat mir dann geholfen, Papiere zu bekommen, ich konnte in einen Deutschkurs. Seitdem ist das Leben für mich viel einfacher.

Ich wünsche mir von den Deutschen, dass, wenn sie drei oder vier Ausländer treffen, die nicht gut sind, nicht glauben, dass 1.000 Ausländer so sind."

Wie verbringen Sie Ihre Tage im Moment?

Sharfan: Montag bis Freitag stehe ich um 7 Uhr auf. Ich gehe zu meiner Schule in Rummelsburg, bis 13:10 Uhr. Danach komme ich zurück, rede mit meinem Sozialarbeiter, mache schnell meine Hausaufgaben. Aber wenn mein Chef oder mein Sozialarbeiter Hilfe brauchen mit Dolmetschen, mache ich das gern. Ich habe doch so viel Zeit. Ich mag es nicht, im Zimmer zu bleiben und nichts zu tun. Ich schlafe nicht mehr als fünf, sechs Stunden die Nacht, das ist besser für mich. Ich bin ja noch jung. Zweimal in der Woche gehe ich zum Fußballspielen.

Wenn ein Freund von Ihnen neu nach Berlin kommen würde, was wären die wichtigsten Tipps, die Sie ihm geben würden?

Mohandad: Ich würde ihm als erstes sagen: Du musst unbedingt Deutsch lernen! In den ersten Monaten habe ich keinen Deutschkurs bekommen, weil ich hier als staatenlos gelte und auch keinen Pass hatte. Wenn jemand aber kein Deutsch sprechen kann, ist das ein großes Problem. Wenn man die Sprache dann spricht, hat man viele Möglichkeiten.

Sharfan: Ja, sonst braucht man immer einen Dolmetscher und eine Übersetzung. Ich kenne so viele Leute, die seit drei, vier Jahren hier leben und die Sprache nicht können. Ich habe noch keinen Aufenthaltstitel, aber ich wollte so oder so Deutsch lernen – weil ich eine neue Sprache mitbringen will, wenn ich irgendwann in mein Land zurückkomme.

Wie haben Sie Ihren Familien Deutschland beschrieben? Was haben Sie erzählt?

Sharfan: Wenn wir sagen würden, dass es kein schönes Land ist, wäre das wirklich gelogen. Deutschland ist sehr, sehr schön, habe ich geschrieben. Und die Leute sind auch sehr nett. Es gefällt mir wirklich. Es ist mir egal, wenn mich mal einer nicht mag. Ich habe so viele Leute getroffen, die mich mögen und die mir auch gefallen.

Mohandad: Ich habe meiner Familie dasselbe gesagt. Ich wünsche mir von den Deutschen, dass, wenn sie drei oder vier Ausländer treffen, die nicht gut sind, nicht glauben, dass 1.000 Ausländer so sind. Ich gebe ein Beispiel: Das ist meine Hand, nicht alle Finger sind gleich, manche sind kleiner, manche größer. Die Leute sind auch so: Es gibt gute und schlechte, in allen Ländern, in Deutschland, in Syrien, im Irak.

Ich will etwas sagen: Deutschland hat uns geholfen und wir wollen auch Deutschland helfen. So viele arabische Länder haben Syrien die Tür zu gemacht."

Als die Unterkunft in Köpenick 2014 eröffnet wurde, gab es Demonstrationen dagegen. Wie haben Sie das erlebt?

Sharfan: Wir hatten Probleme mit den Nachbarn. Wir hatten Angst. Wir konnten nicht schlafen. Ein Mann kam immer und hat gesagt, er wird das Heim anzünden. Scheiß-Ausländer, Scheiß-Flüchtlinge, hat er gesagt. Wir danken der Polizei und den Sozialarbeitern, die immer aufgepasst haben und gesagt haben: Habt keine Angst. Der Mann ist weg, es ist viel besser geworden.

Ich will etwas sagen: Deutschland hat uns geholfen und wir wollen auch Deutschland helfen. So viele arabische Länder haben Syrien die Tür zu gemacht. Ich denke: Wer Deutschland keine Probleme machen möchte, muss arbeiten, muss eine Ausbildung machen, studieren, arbeiten. Auch nach 30 oder 40 Jahren hier werde ich von Herzen Danke sagen. Auch meinen Kindern werde ich sagen, dass sie Deutschland danken müssen.

Was würden Sie gerne machen, wenn Sie in Deutschland bleiben dürfen?

Mohandad: Ich würde gerne einen Friseursalon aufmachen. Das ist mein Beruf. Ich habe das gelernt und schon als Friseur im Irak gearbeitet.

Sharfan: Ich habe vier Jahre als Dekorateur gearbeitet, auch im Irak. In Deutschland würde ich das gerne weiter machen, aber ich denke, dass für mich ein Studium oder eine Ausbildung besser wäre. Ich würde gerne bei der Polizei eine Ausbildung machen. Aber leider geht das noch nicht. Erst wenn ich einen Aufenthaltstitel bekomme. Dann kann ich auch mit meiner Familie zusammenziehen, sie ist nach Hannover gekommen.

Glauben Sie, Sie können irgendwann wieder zurück nach Syrien?

Mohandad: Würde ich nach Syrien gehen, hätte ich drei Optionen: die Kurden, die Terroristen und Assad. Für mich als Kurden ist nur die erste Option gut. Wenn ich nur die zwei Optionen Terroristen oder Assad überlege, kann ich sagen: Assad, nur deswegen, weil die Terroristen noch schlimmere Dinge gemacht haben. Wir kennen Assad, aber wir kennen die Terroristen nicht. Wenn du solche Optionen hast, was willst du da machen?

Sharfan: Unsere Heimat liegt in vier Ländern: in der Türkei, Iran, Irak und Syrien. Diese Politiker haben uns unsere Heimat genommen, jeden Tag sterben so viele Menschen dort. Wir können nichts tun, außer zu warten.

Das Gespräch führte Sebastian Schneider

Das könnte Sie auch interessieren

Schülerprotest 'Friday For Future' am 24.05.2019 in Berlin (Quelle: dpa/Schreiber)
dpa/Schreiber

Tausende bei Fridays-for-Future-Demos - "Wir müssen runter vom Sofa"

Obwohl viele der Klimademonstranten zu jung zum Wählen sind, verschaffen sie sich vor der Europawahl Gehör: Die Fridays-for-Future-Bewegung hatte zu Demos aufgerufen, in Berlin sollen über 15.000 gekommen sein. In Cottbus durften die Demonstranten nicht aufs Uni-Gelände.