Das undatierte Handout zeigt Thomas Kliche, Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal (Sachsen-Anhalt) (Quelle: dpa)
Bild: Thomas Kliche/Alexej Woronzow

Serie | Reden wir über Integration - "Es geht nicht darum, ruhig zu bleiben"

Die Flüchtlingsdebatte zieht durch alle Talkshows, über alle Titelseiten und dringt sogar bis in den intimen Kreis der Familienfeier vor. Das kommt daher, dass uns die Globalisierung auf die Füße fällt, sagt der Politologe und Psychologe Thomas Kliche im Interview. Die Debatte sollte man aber eher mit kühlem Kopf führen.

rbb online: Herr Kliche, warum ist das Thema Flüchtlinge mittlerweile so emotional aufgeladen? Es wird oft nicht mehr miteinander geredet, sondern gebrüllt.

Drei Gründe: Erstens haben wir seit letztem Jahr einen Globalitätsschock und eine große Globalitätswut. Das bedeutet: Viele ärgern sich, dass es draußen so etwas wie eine Weltwirklichkeit gibt, die uns jetzt auf die Füße fällt. Da kommen nicht nur Flüchtlinge, da kommt Terrorismus, da kommt TTIP, da kommt Klimawandel. Alles von draußen. Da kommt als erstes die Fantasie auf: Wir bauen eine Mauer. Das Böse bleibt draußen und wir sind die Guten und sind drin. Damit sind wir beim zweiten Punkt. Eine solche Haltung legt fest: Wir sind toll, so wie wir sind, sind wir gut. Das heißt, wenn wir uns toll finden, haben wir uns auch gleichermaßen gerechtfertigt damit, dass wir andere ausgrenzen. Und der dritte Punkt macht sehr deutlich: Wir stehen hier alle in einer Pflicht zur Prüfung eigener Ansichten an der Wirklichkeit. Das ist unbequem. Das bedeutet Arbeit, das bedeutet, den guten alten Prozess der Auseinandersetzung. Da stellen viele fest, dass sie daran gar nicht mehr gewöhnt sind.

Diese zum Teil unangenehmen Gespräche gehen bis in die privaten Bereiche hinein. Das kann das nächste Familienfest sein, wo der Onkel einfach mal so einen rassistischen Witz reißt. Wie schaffe ich es auch in solchen Situationen das Gespräch zu ent-emotionalisieren?

Das Ziel ist gar nicht zu ent-emotionalisieren. Gerade wenn wir es mit solcher Form von niederträchtigem Alltagsbewusstsein zu tun haben. Rassismus und Ausgrenzung ziehen sich durch diese vermeintliche Selbstverständlichkeit sofort durch den Alltag. Es geht also gar nicht darum total ruhig zu bleiben, sondern darum authentisch zu bleiben. Das heißt, zum Ausdruck bringen, was man tatsächlich denkt. Denn sonst geht man raus und denkt 'Oh Gott, wie habe ich da wieder versagt. Nur um meine Nerven zu schonen, bin ich in die Ecke gekrochen!'. Bei einer verfestigten Art von Selbstimmunisierung - wenn jemand sich nur noch an entsprechenden Internetbröckchen bedient, keine Medien sonst mehr zur Kenntnis nimmt und bei Gegenargumenten nur noch Lügenpresse schreit - hat es keinen Sinn, noch überzeugen zu wollen.

In den Sozialen Netzwerken sind faktisch falsche Geschichten zu finden. Wie gehe ich mit einem Menschen um, der für die Wahrheit eigentlich überhaupt nicht mehr empfänglich ist?

Ich würde mal sagen, sich damit keinen Stress machen. Wichtig ist nicht, dass man jemanden überzeugt, der im Moment nicht zu erreichen ist. Siegmund Freud sagt ganz hart: Die Wirklichkeit ist der beste Therapeut. Wir müssen an der Lösungsarmut solcher Ansichten lernen, dass wir andere Lösungen brauchen. Vielleicht ist das ein gesellschaftlicher Lernprozess, den wir nicht in jeder Familie und nicht im nächsten Jahr hinter uns bringen werden. Damit würden wir uns dann auch überlasten. Wir können natürlich hartnäckig nach Tatsachen fragen. Wir können versuchen die Erfahrung anzusprechen, die diese Menschen mit uns teilen. Eben diese Erfahrung des Globalisierungsschocks. Und wir können natürlich auch immer über Handlungsmöglichkeiten nachdenken. Reicht es denn jetzt eine Mauer zu bauen, reicht es denn jetzt Pfefferspray zu kaufen? Reicht es denn jetzt einfach jemanden zu hassen? Oder bedeutet das, dass die Flüchtlinge einfach weiter über das Mittelmeer kommen, die Welt trotzdem weiter zerstört wird. Im richtigen Moment macht man sich mit Pfefferspray eher Ärger als dass man sich weiter hilft.

Woran merke ich denn, dass eine Diskussion wirklich eine Sackgasse ist, wo ich vielleicht einfach aufgeben sollte?

Da gibt es keine festen Regeln, das spüren Sie. Wir haben alle ein Gefühl für andere Menschen. Und ich glaube das Wichtigste ist, dass wir uns in aller Freundlichkeit auch das Recht herausnehmen eine Intuition zu haben: Hier geht es, hier ist ein Muttchen verängstigt und ein Mann weiß nicht mehr so recht, wie man über all das denken kann. Oder hier ist jemand, der Spaß daran hat, besser zu sein als andere und andere wegjagen zu wollen und auszugrenzen. Also: Wer nicht lieben kann, muss hassen, hat ein berühmter Psychodynamiker gesagt.

Das Interview mit Thomas Kliche führten Djamil Deininger und Saraah Zerdick für radioBerlin 88,8

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