Schulleiterin Heike Koopmann und Kinder der Puschkin-Grundschule in Boitzenburg. (Quelle: Puschkin-Grundschule)
Bild: Puschkin-Grundschule

Serie | Reden wir über Integration - "Nachmittags laufen die Kinder immer noch sehr allein"

Heike Koopmann ist Leiterin der Puschkin-Grundschule in Boitzenburg, die seit anderthalb Jahren auch von geflüchteten Kindern besucht wird. Im November berichtete sie im rbb|24-Interview über die Schwierigkeiten bei der Integration. Was hat sich seither verändert? Viele Unsicherheiten sind geblieben, sagt sie jetzt.

rbb online: Frau Koopmann, in dieser Woche ist das Schuljahr zu Ende gegangen. Wie ist Ihr Fazit zur Integration der geflüchteten Kinder?

Heike Koopmann: Wir haben inzwischen noch 17 Flüchtlingskinder, zwei sind mit ihren Familien wieder zurück in die Heimat gegangen. Wir hatten zunächst eine Willkommensklasse, in der wir die Kinder auf einen fast einheitlichen Sprachkenntnis-Stand gebracht und so weit vorbereitet haben, dass sie im zweiten Halbjahr in die regulären Klassen integriert werden konnten, wo sie dann weitgehend leistungs- und altersgerecht unterrichtet wurden. Wir haben sie in unsere Arbeitsgemeinschaften aufgenommen, und die meisten Kinder gehen nachmittags in den Hort. Sie nehmen auch an Sport-Wettkämpfen teil, zum Beispiel an der Kreis-Rad-Meisterschaft oder an Handball-Punktspielen. Viele Jungs sind im Fußballverein. Wir haben uns zudem um die drei Kinder gekümmert, die eine Lern- oder körperliche Behinderung haben. Sie werden im neuen Schuljahr an Förderschulen wechseln und dort gezielt ihrem Leistungsvermögen gemäß gefördert werden können.

Die beiden Kinder, die mit ihren Familien weggezogen sind – sind die freiwillig in die Heimat zurückgekehrt?

Mehr oder weniger. Eines der beiden Kinder hatte ebenfalls eine körperliche Behinderung, und es ist uns nicht gelungen, da schnell eine Lösung zu finden. Es dauert auch für deutsche Kinder ein Jahr, bis so ein Feststellungsverfahren abgeschlossen ist und entschieden werden kann, wohin das Kind geht. Der Mutter hat es zu lange gedauert, bis Untersuchungen stattfanden, sie war deswegen auch auf mich sehr böse. Irgendwann haben sie entschieden, dass sie wieder zurückgehen. Der Hintergrund war aber wohl auch, dass der Vater noch im Land war und sie zu ihm zurückwollten.

Also werden zum neuen Schuljahr noch 14 geflüchtete Kinder an Ihrer Schule sein?

Wir wissen es nicht. Es ist leider so, dass uns jetzt wöchentlich Kinder entzogen werden können, weil sie abgeschoben werden. Das droht aktuell mehreren Familien, aber bei zwei albanischen Familien ist es wohl sehr spruchreif. Für eine Familie sind wir schon vor die Härtefallkommission gegangen, bei der anderen schieben wir es gerade an. Die Väter wurden in ihrer Heimat verfolgt und wir sehen erstens das Problem, dass sie dort nicht friedlich leben können, auch wenn Albanien als sicheres Herkunftsland gilt. Außerdem sind die Kinder jetzt ein Jahr beziehungsweise eineinhalb Jahre hier zur Schule gegangen. Sie haben sich vom Unterricht und der deutschen Sprache her sehr integriert. Die Mädchen dieser Familien fungieren inzwischen als Dolmetscher, wenn die Eltern zu Ämtern gehen. Und sie möchten auch unbedingt hierbleiben, sogar Deutschlehrer werden. Es täte uns schon sehr leid, wenn die jetzt gehen müssten. Nicht nur, dass die Kinder sich wieder umgewöhnen müssten, an ein anderes Land, an andere Modalitäten, auch für unsere Schule hätte es Folgen.

Inwiefern?

Alle unsere Bemühungen und Aktivitäten wären letztlich passé. Ich befürchte da auch einen gewissen Motivationsschwund, wenn wir uns im Kollegium sehr bemühen, viele Initiativen starten und die Kinder dann wieder weggehen müssen. Wir haben ja auch wegen der vielen Asylbewerber-Kinder zum Beispiel eine Klasse geteilt und einen neuen Lehrer eingestellt. Wenn jetzt viele der Kinder gehen, dann kommen wir schnell wieder auf die Grenze, bei der aus zwei Klassen wieder eine gemacht wird, da ist das Schulamt dann sehr rigoros. Und dann haben wir auch einen Lehrer zu viel. Wir haben hier auch einen zusätzlichen Klassenraum eingeräumt, neue Möbel angeschafft… Es hängt also auch für uns eine ganze Menge dran. Bei allem Willen sind auch viele negative Seiten aufgetreten.

Welche zum Beispiel?

Was uns leider immer noch nicht so richtig gelungen ist, auch der Willkommensinitiative hier in Boitzenburg nicht, ist die Kinder auch nachmittags und in das gesellschaftliche Leben des Dorfes einzubeziehen. Da laufen sie leider immer noch sehr allein. Es ist selten, dass sie mit deutschen Kindern zusammenspielen. Sie sind nachmittags in ihren Gruppen und fallen auch immer wieder in ihre Muttersprache zurück, da hapert es dann doch am Deutsch.

Wovon hängt aus Ihrer Sicht ab, wie schnell sich die Kinder integrieren?

Ich glaube, einiges hängt doch mit der unterschiedlichen Mentalität zusammen. Sie sind doch sehr laut. Das schreckt auch hier im schulischen Miteinander oftmals ab. Wir haben hier oft Streitigkeiten zu klären, vor allem wegen der Normen und Regeln, an die sich nicht alle halten. Zum Beispiel: Das Schulgelände darf nach Schulschluss nicht betreten werden. Die Kinder klettern aber über den Zaun und spielen auf dem Schulgelände Fußball oder fahren Fahrrad, das kriegen wir ihnen einfach nicht beigebracht. Bei den Mädchen klappt es noch ein bisschen eher, dass sie auch mal nachmittags miteinander zu sehen sind, zum Beispiel am See. Da setzen sich beim Baden die deutschen Mädchen zu den Asylbewerber-Kindern. Die Jungs haben da noch größere Probleme. Leider.

Gibt es seitens der Schule Angebote für die Zeit der Sommerferien?

Nein, da sind die Kinder sich und ihren Familien überlassen. Zum Glück haben wir hier einen See im Dorf, und alle haben über Spenden und die Willkommensinitiative im Ort ein Fahrrad bekommen. Die Kinder fahren also viel Fahrrad, sind am See, spielen irgendwo Fußball oder fahren Inline-Skates. Ich hatte zwar in der Schule auch Aushänge zu Ferienangeboten gemacht, aber die kosten alle etwas und das Geld ist bei den Familien ja auch knapp. Ich glaube, die Familien können außerdem auch nicht groß planen, weil sie gar nicht wissen, was passieren wird.

Was waren für Sie die schönsten Momente des Schuljahres?

Ich habe ja selbst einen Deutsch-Förderkurs gegeben, indem wir auch kleine Programme einstudiert haben. Als wir die dann gemeinsam vor der gesamten Schülerschaft aufgeführt haben, wurden die deutschen Leistungen der Kinder und ihre Darbietungen in den ihren Muttersprachen ganz toll beklatscht. Oder wenn sich im Unterricht von alleine Lerngruppen fanden, wo es hieß: Komm mal her zu uns, wir helfen dir – das ist das, was man eigentlich möchte, wo man stolz ist.

Was wünschen Sie sich fürs neue Schuljahr?

Für die beiden albanischen Familien wünsche ich mir, dass sie bleiben können. Dann wünsche ich mir sichere Fakten. Ich weiß zumindest, dass mir die Stunden vom Schulamt genehmigt wurden, dass also die Deutsch-Förderkurse weiterlaufen können. Außerdem wünsche ich mir ein bisschen mehr Integration der Kinder auch außerhalb der Schule, was sich sicherlich auch positiv auf das Schulische auswirken würde. Und ich wünsche mir schon auch, dass Regeln und Normen noch besser eingehalten werden. Momentan kommen einige der Kinder mal zwei oder drei Tage nicht in die Schule, weil sie mit ihren Familien nach Berlin fahren, zum Einkaufen oder zum Arzt. Die Eltern fühlen sich da nicht so an die Schulpflicht gebunden. Da muss es einen Wandel geben, weil das natürlich auch auf die deutschen Kinder abfärbt. Die Klassenlehrer sprechen das Thema regelmäßig an, wir hatten aber auch schon zwei Elternversammlungen mit der Dolmetscherin und mir, zu denen wir die Eltern der Asylbewerberkinder eingeladen haben und versucht haben, ihnen das zu vermitteln. Bisher hat sich da wenig geändert. Es gibt es also noch große Herausforderungen, die wir bewältigen müssen.

Das Interview führte Sarah Mühlberger.

Beitrag von Sarah Mühlberger

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