Serie | Reden wir über Integration - "Sie sagen natürlich: Ich hätte gerne einen syrischen Flüchtling"

Die Initiative Arrivo Berlin bereitet Geflüchtete auf die deutsche Arbeitswelt vor und vermittelt ihnen Praktika und Ausbildungsplätze. Im Interview erzählt der Projektleiter Anton Schünemann mit welchen Schwierigkeiten Betriebe zu kämpfen haben, die gerne Flüchtlinge einstellen würden - und von wem sich Deutschland etwas abschauen kann.

rbb online: Herr Schünemann, was genau machen Sie bei Arrivo Berlin?

Wir sind eine Ausbildungs- und Berufsinitiative für Geflüchtete in Berlin, es gibt uns jetzt seit einem Jahr. Wir bereiten Menschen auf die Arbeitswelt in Deutschland vor und bedienen andererseits ein Netzwerk von Betrieben, die sich für dieses Thema offen zeigen. Im Moment haben wir hier 50 Geflüchtete im Programm, um die wir uns kümmern. Wir vermitteln sie in Praktika, daraus wird dann im Idealfall eine Ausbildung und später eine Stelle.

Die Unternehmen treten geschlossen auf und sagen: Wir wollen das, wir investieren, das ist eine tolle Sache. Aber Ihr müsst Rechtssicherheit schaffen."

Anton Schünemann

Welche Betriebe melden sich denn bei Ihnen?

Das sind vor allem kleinere und mittelgroße Firmen, die teilweise seit Jahren suchen aber niemanden mehr finden. Bei Anlagenmechanikern zum Beispiel gibt es ein starkes Fachkräfteproblem, obwohl das eigentlich ein attraktiver Beruf ist, der gute Perspektiven bietet. Oder der Klassiker Pflegeberufe. Es wird aber immer offener, inzwischen kommen Industrie und Handel dazu, kaufmännische Sachen.

Wie hat sich das Interesse entwickelt?

Der Kickoff war damals unsere Werbekampagne. Davor haben wir kalte Akquise gemacht und Betriebe angerufen. Ich gehe davon aus, dass vor einem Jahr noch viele Unternehmer gedacht haben: Was soll ich damit? Flüchtlinge als Arbeitnehmer, das sind doch die, die in diesen Heimen leben und nichts dürfen. Mittlerweile ist das ein Selbstläufer geworden, einfach, weil es Erfolgsgeschichten gibt. Der wichtigste Punkt ist die Mund-zu-Mund-Propaganda: Betriebe, bei denen es gut funktioniert hat, empfehlen Arrivo weiter. So sehen andere Unternehmer, dass es ein gangbarer Weg ist, einem Geflüchteten eine Chance zu geben. Trotz der vielen komplexen Dinge, die man beachten muss.

Was sind das für Dinge?

Es ist schwierig, den Betrieben zu erklären, dass sie in einen Bereich investieren, in dem es keine Rechtssicherheit gibt. Die gibt es ja selbst dann nicht, wenn Leute eine Aufenthaltserlaubnis haben. So offen kann man dann auch sein. Viele Betriebe bekommen über die Medien mit, dass beispielsweise syrische Flüchtlinge einen anderen Status haben als andere. Und dann sagen sie natürlich: Ich hätte gerne einen syrischen Flüchtling. Dann versucht man zu erklären, dass selbst Menschen aus Syrien, die im Regelfall eine zweijährige Aufenthaltserlaubnis haben, keine Sicherheit haben, ihre Ausbildung zu Ende zu bringen.

Warum nicht?

Das ist im Gesetz nicht vorgesehen. Die Unternehmen treten geschlossen auf und sagen: Wir wollen das, wir investieren, das ist eine tolle Sache. Aber Ihr müsst Rechtssicherheit schaffen. Sie haben eine "Drei-plus-zwei"-Regelung gefordert, also drei Jahre Ausbildung plus zwei Jahre Gesellenstatus, das soll vor Abschiebung schützen. Was sie gekriegt haben, ist ein sogenanntes "Eins-plus-eins-plus-eins" für Geflüchtete unter 21 Jahren. Das sind Krümel.

Im Moment muss sich ein Azubi Jahr für Jahr seinen Status sichern. Sobald irgendetwas schief geht, kann er aus dem Land gewiesen werden. Und: Der Großteil der Geflüchteten im erwerbstätigen Alter, die hier einreisen, sind älter als 21.

Wie erklären Sie sich, dass es nur langsam vorangeht?

Es wird immer noch oft mit "Pull"-Faktoren argumentiert, also Anreizen für Menschen, nach Deutschland zu kommen. Nach dem Motto: "OK, wenn wir die Türe hier zu weit aufmachen, wird sie gestürmt werden." Das hat mir allerdings noch nie jemand wissenschaftlich begründen können. Aber dass die Leute schon unterwegs sind, dass sie hier sind, interessiert dann nicht. Es geht also in der Debatte eher darum repressiv zu handeln, als inklusiv zu handeln.

Was können Betriebe machen, um die Chancen zu erhöhen, dass ihre Auszubildenden bleiben dürfen? Können sie ein gutes Wort einlegen?

Zum Teil ist das tatsächlich so. Wir sind da immer sehr offen mit den Betrieben und sagen ihnen: Dieser Praktikant, der ihnen gefallen hat, hat den und den Status – da müssen wir gucken, wie wir seinen Aufenthaltsstatus sichern können. Da gibt es Übergangsszenarios.

Welche denn?

Man kann im Notfall über ein anwaltliches Verfahren, über Einsprüche mit Hilfe des Arbeitsplatzes auch den Aufenthalt sichern. Oder nehmen wir den Paragraphen "Aufenthalt zum Zwecke einer Ausbildung". Auch wenn jemand einen unsicheren Status hat, wie zum Beispiel eine Duldung, dann hat er gute Chancen, über diese Regelung seinen Aufenthalt zu sichern. Wenn das nicht klappt, gibt es immer noch den Weg über die Härtefallkommission.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, was Geflüchtete als Erstes bei Arrivo Berlin lernen, welcher Beruf am beliebtesten ist  - und was es braucht, damit die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt gelingt.

Wenn ein Geflüchteter hier einen Platz möchte, wie bekommt er den?

Erstmal müssen die Leute überhaupt vom Projekt erfahren, auf Infoveranstaltungen, im Internet oder über engagierte Ehrenamtler. Es gibt ja leider keine zentrale Anlaufstelle für Geflüchtete in Berlin, bei der sie sich informieren könnten. Unsere erste Aufgabe ist also, die Menschen abzuholen. Unsere Sozialarbeiter machen dann eine Erstberatung, sie checken unter anderem die Sprachkenntnisse.

Zu uns kann jeder kommen, der B1-Deutschkenntnisse hat und einen Arbeitszugang ab 16. Die meisten Geflüchteten bei uns sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, alles Männer. Aber die Bandbreite ist riesig: Wir haben Leute, die kommen direkt aus der Schule und andere die sind Ende 40, Anfang 50.

Wie geht es weiter, wenn Sie jemanden aufgenommen haben?  

Wir haben keine guten Erfahrungen damit gemacht, Menschen direkt in Praktika zu vermitteln - viele sind damit überfordert. Wir bereiten sie deshalb mit drei Modulen vor: Einen Berufs-Sprachkurs mit Vokabeln, die man an seiner Arbeitsstelle braucht. Da geht es auch um Themen wie das duale Ausbildungssystem und wie ein Bewerbungsgespräch funktioniert. So ein Gespräch ist für viele Geflüchtete ungewohnt, das kennen sie aus ihren Herkunftsländern nicht.

Als zweites gibt es eine Einführungswerkstatt. Da geht es hauptsächlich um wichtige "Soft Skills": Ordnung am Arbeitsplatz, warum Pünktlichkeit wichtig ist, wie man sich korrekt an- und abmeldet. In der Werkstatt können die Menschen zeigen, was sie gemacht haben, was sie drauf haben.

Das Dritte ist der Innungs-Fachkurs, da guckt man dann berufsspezifisch: Man kann sich bei der Bäckerinnung  ausprobieren oder bei der Metallbauerinnung, insgesamt arbeiten wir mit zehn Innungen zusammen. Diese Kurse gehen zwei Wochen, so dass man immer die Möglichkeit hat, schnell zu wechseln. Danach versuchen wir, einen passenden Praktikumsbetrieb zu finden. Das Bewerbungsgespräch moderieren wir, das ist der erste persönliche Kontakt zwischen Arbeitgeber und möglichem Praktikant. Das alles ist sehr aufwändig, lohnt sich aber.

Welcher Beruf ist am beliebtesten?

Die meisten wollen KFZ-Mechatroniker werden. Den Beruf kennt einfach jeder, er verspricht ein bisschen Status. Aber in vielen anderen Ländern geht es viel mehr um’s Herumschrauben, eben um Mechanik. Hier in der Werkstatt lernen dann viele, dass Mechatroniker ein ziemlich komplexer Job ist und entscheiden sich dann doch lieber  für einen anderen. Wir hatten zum Beispiel  einen KFZ-Mechaniker aus Äthiopien, der hat schnell verstanden, dass er mit seinem Wissen und seinen Interessen als Anlagen-Mechaniker viel besser aufgehoben ist.

Ein Azubi in den Berliner Wasserbetrieben. (Quelle: imago | Ulli Winkler)
Die Berliner Wasserbetriebe bieten Geflüchteten Lehrstellen an und bereiten Interessenten darauf mit Sprachunterricht und der Betreuung durch Sozialarbeiter vor.

Müssen Sie oft Hoffnungen von Geflüchteten enttäuschen, die in Deutschland bleiben wollen?

Die Leute wissen selber meistens gut genug,  wie es um ihre Situation bestellt ist und welche Wahrscheinlichkeiten im Spiel sind. Wir können ihnen hier nur das Gefühl geben: Wenn Du es schaffst, Dich über Arbeit weiterzuentwickeln, ist das ein sehr großer Schritt, der kann dir helfen. Das ist kein Selbstläufer aber es kann dir helfen hier eine Perspektive aufzubauen. Mehr können wir nicht tun.

Was braucht es aus Ihrer Sicht am dringendsten für eine gelungene Integration?

Einen offenen Zugang zum Arbeitsmarkt, für Menschen, die hierherkommen. Ich glaube, ich bin da sehr amerikanisch: In die USA kommt jeder rein, wenn er es durch den Zaun schafft. Er kann sich in die Gesellschaft reinarbeiten, indem er irgendetwas macht, baut oder anbietet, was es bisher noch nicht gibt. Diese Entwicklungsmöglichkeit wird Menschen hier von vornherein genommen. Es gibt viele Flüchtlinge die sagen, sie wollten nach Deutschland kommen, weil Deutschland dieses Wirtschaftsland ist in dem man es schaffen kann. Sie haben spät erst verstanden, dass sie es nie schaffen können, aus ihrem Status herauszukommen, weil es die Möglichkeit dazu nicht gibt.

Man hält sie auf dem Level, auf dem sie Sozialhilfe und einen Wohnplatz bekommen. Aber dann endet der Anspruch. Ich finde, jeder sollte die Möglichkeit haben, sich hier eine Existenz aufzubauen, wenn er hier eine Ausbildung macht, wenn er zum Steuerzahler wird. Natürlich müsste man diesen Arbeitsmarktzugang europaweit schaffen, dann würde man der Herausforderung am besten begegnen.

Den Firmen ist klar: Bald gehen die geburtenreichen 60er-Jahrgänge in Rente und dann ist hier Land unter, wenn wir nicht eine bessere Arbeitszuwanderung hinkriegen."

Das dürfte noch eine Weile dauern.

Ein Schritt in die richtige Richtung wäre schon, die Leute so vorzubereiten, dass sie möglichst schnell in Arbeit übergehen können. Danach sollte man ihnen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung geben, sprachlich beispielsweise, um dann dauerhaft auf einen Level zu kommen, wie jeder andere Arbeitnehmer auch.

Ein Beispiel: Ich kann jemanden 40 Stunden die Woche für fünf Euro die Stunde arbeiten lassen und den Lohn drücken. Oder ich lasse ihn 25 oder 35 Stunden die Woche arbeiten, für seinen ganz normalen Satz, und gebe ihm dafür einen Tag die Woche frei, damit er zum Deutschkurs gehen kann. Damit kann er dann irgendwann 40 Stunden machen, weil er voll integriert ist. Davon haben ja beide etwas.

Ich finde aber, dass die deutschen Unternehmen da schon sehr weit sind. Was die Bereitschaft der Wirtschaft angeht, denke ich gar nicht, dass sich da noch so viel ändern muss. Den Firmen ist klar: Bald gehen die geburtenreichen 60er-Jahrgänge in Rente und dann ist hier Land unter, wenn wir nicht eine bessere Arbeitszuwanderung hinkriegen. Und dabei brauchen wir nicht nur Ingenieure und Forscher, sondern auch Azubis und Hilfskräfte.

Die wichtigsten Aussagen:

  • "Unbürokratische Zugänge zum Arbeitsmarkt sind das wichtigste Werkzeug, um Geflüchtete in Deutschland zu integrieren."
  • "Die Menschen intensiv auf ein Praktikum und eine Ausbildungsstelle vorzubereiten, zahlt sich aus. Vermittelt man einen Platz direkt, sind viele überfordert."
  • "Um Arbeitgebern und Geflüchteten eine Perspektive zu geben, braucht es endlich Rechtssicherheit."

Das Gespräch führte Sebastian Schneider, rbb online

Das Projekt Arrivo Berlin in Kreuzberg

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