Serie: Redien wir über Integration - Eine Familie posiert vor einem Weihanchtsbaum (Quelle: imago/Westend61)
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Serie | Reden wir über Integration - "Und deswegen kommt es zu diesem Knall"

Es ist Heiligabend, der Braten thront auf dem Tisch - und dann fangen Onkel, Tante oder Opa plötzlich an, gegen Flüchtlinge zu wettern. Was kann man Vorurteilen entgegnen? Der Psychologieprofessor Peter Walschburger erklärt im Interview, warum Besserwisserei nichts bringt, weshalb Gespräche in der Familie schnell eskalieren - und volle Bäuche hilfreich sind.

Die wichtigsten Aussagen:

  • "Geduldig zuhören und auf keinen Fall den Besserwisser spielen. Warten, bis alle satt sind."
  • "Emotional wird man den Gesprächspartner nicht erreichen - gerade Menschen, die sich nahe sind, machen diesen Fehler und greifen sich schnell an."
  • "Der Mensch lechzt nach der Anerkennung seiner Gruppe. Gruppenfremden Menschen steht er erstmal ablehnend gegenüber und neigt dazu, sie kollektiv abzuwerten."

rbb online: Herr Walschburger, stellen wir uns mal folgende Situation vor: Ich sitze mit meiner Familie beim Weihnachtsbraten.  Auf einmal fängt mein Opa an, über Flüchtlinge herzuziehen. Vielleicht stimmt ihm auch noch meine Tante zu. Ich ärgere mich – und dann streiten wir uns alle. Wie gehe ich damit um?

Peter Walschburger: Ich gebe zu, das ist wirklich schwer. Wenn jemand zum Therapeuten kommen und sagen würde: "Ich pralle immer auf Gegenmeinungen mit meiner fundamentalistischen Haltung, aber ich kann es einfach nicht ändern", dann hätte man’s leichter. Aber diese Leute haben ja nicht das Gefühl, dass sie darunter leiden.

Deshalb würde ich folgendes machen: Versuchen Sie, eine konstruktive, kontroverse Diskussion zu führen. Eine, in der die Gesprächspartner ihre Argumente erstmal hören und dann auch austauschen.

Das ist ja das Schwierige.

Das Wichtigste ist, erstmal ein gutes Gesprächsklima zu schaffen, dann lange zuzuhören, dem anderen die Gelegenheit zu geben, seine Vorstellungen loszuwerden.

Das Integrationsthema ist so komplex, dass man es - zunächst - auf die persönliche Ebene herunterbrechen muss. Ich würde die Karte ziehen, dass man fragt, wovor sich der Andere in seiner Lebenssituation konkret fürchtet, falls weiter so viele oder mehr Flüchtlinge kommen. Anders geht es eigentlich nicht. Wenn einer in prekären Verhältnissen steckt, wird er tendenziell ablehnender reagieren, weil er ahnen dürfte, dass sein Leben schwieriger wird. Der andere, dem es erstmal besser geht, braucht vielleicht "nur" den Schritt zu Realisierung, dass sein Leben so ganz unberührt, wie er es bislang genossen hat, nicht weitergehen wird - sondern, dass er sich in irgendeiner Form wohl ebenfalls mitverändern muss.

Insgesamt kann man sagen: Je älter die Leute sind, desto unwilliger sind sie, sich zu verändern. Sie haben sich oft in ihrem Leben häuslich eingerichtet und überhaupt keine Lust, sich diese Struktur nun für den Rest ihres Lebens  nochmal kaputtmachen zu lassen. Ich selber bin eher neugierig auf Fremdes, aber ich sehe mich in der Minderheit und kann die Vorbehalte der anderen durchaus verstehen.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen wir Pegida-Anhänger in Ostdeutschland: Die sind zum Teil aus prekären Verhältnissen, dann haben sie zum zweiten eine Umstellung ihres gesellschaftlichen Systems durchgemacht, die sie an den Rand ihrer Möglichkeiten zur Flexibilität gedrängt hat. Sie haben ihre Identität als DDR-Bürger aufgegeben. Und sie haben eine tatsächliche Lügenpresse gehabt. Noch wichtiger als alles andere: Sie haben wenig Kontakt mit Fremden, also Angehörigen ganz anderer Menschengruppen gehabt. Es ist naheliegend, dass Menschen unter diesen Umständen anders reagieren, als etwa in Berlin.

Ich zum Beispiel bin dort von dem Thema in meinem Alltag nicht negativ betroffen und ich werde wohl auch in Zukunft nicht existenziell davon betroffen sein. Da fällt es sicherlich leichter, gelassen mit den Veränderungen umzugehen. Wer noch dazu aus einer sicheren Umgebung kommt, der reagiert eher neugierig auf das Fremde als ängstlich und abwehrend.

Wir unterstellen den Angehörigen einer anderen Gruppe anhand weniger Beispiele gerne negative Merkmale. Da sind wir dann zum Beispiel bei den `Kopftuchmädchen`."

Wie erklären Sie sich diese Ablehnung psychologisch?  

Der Mensch ist ein extrem soziales Wesen. Das Positive daran zeigt sich allerdings vor allem gruppenintern. Es gibt ja kaum eine gruppenübergreifende Alltagsmoral. Gegen externe Artgenossen neigen Menschen schon von ihrer Verhaltensgenetik her zum kollektivierenden Vorurteil.

Unsere Gruppenidentität ist uns ganz wichtig, die steuert auch die Entwicklung unserer Selbstachtung. Jedes menschliche Wesen, was uns erkennbar außerhalb unserer Gruppe begegnet, wird nicht nur als unterschiedlich erlebt – was ja in Ordnung ist, sondern leider auch tendenziell abgewertet. Wir sehen dann oft nicht mehr das Individuum, sondern den "verallgemeinerten Anderen". Wir unterstellen den Angehörigen einer anderen Gruppe anhand weniger Beispiele gerne negative Merkmale. Da sind wir dann zum Beispiel bei den "Kopftuchmädchen". Um das Problem zu lösen, braucht es deshalb eine gute Bildung und – noch wichtiger – einen persönlichen Kontakt mit Fremden, möglichst, indem man selbst in die Fremde geht.

Aber wie gehe ich dann beispielsweise mit meinem Schwager um, der auf dem Dorf lebt und nicht die Möglichkeit hatte, etwas von der Welt zu sehen?

Man müsste ihn versuchen zu überreden, dass er sich mal reinbegibt in eine Fantasie: Er ist in einem anderen Land, spricht die einheimische Sprache nicht und braucht dringend Hilfe. Oder man fragt ihn, ob er schon mal Kontakt hatte zu einem fremden Kind, das Hilfe brauchte - und was er da empfunden hat. Diese Kommunikationssituation sollte man ausnutzen.

Das Wichtigste: Auf keinen Fall den Besserwisser spielen. Eigentlich ist es klar, das muss man auch rüberbringen, dass man bei so einem komplexen Thema keine Prognosen geben kann – und nicht die allein seligmachende Wahrheit hat. Ich denke, man kann jemanden, wenn er wirklich emotional gegen eine solche Sache ist, nicht von einer Machtposition aus überzeugen - indem man ihm etwa das eigene "überlegene" Wissen aufdrängt und ihn konfrontiert: "So, Du hast ja gar keine guten Argumente mehr." In dem Moment, in dem er sich in der Defensive fühlt, wird er erst recht nicht mehr aufgeschlossen für Argumente sein.

Das Wichtigste: Auf keinen Fall den Besserwisser spielen. Eigentlich ist es klar, das muss man auch rüberbringen, dass man bei so einem komplexen Thema keine Prognosen geben kann – und nicht die allein seligmachende Wahrheit hat."

Nehmen wir an, dass diese Engelsgeduld nichts genutzt hat und wir uns trotzdem ankeifen. Was dann?  

Dann würde ich sagen: Erstmal gemeinsam essen und den Bauch füllen, damit man so friedlich wie möglich gestimmt ist. Wenn man wirklich merkt, der andere ist neugierig, der möchte nicht mehr seinen Frust ablassen oder hat keine Angst, das Thema zu bearbeiten - dann erst kann man die inhaltlichen Aspekte angehen.

Warum schaukeln sich solche Diskussionen im Familienkreis immer so schnell hoch?

Gerade die Leute, die sich nahe sind, gehen schnell nicht mehr behutsam miteinander um. Ehepartner zum Beispiel machen ja oft den Fehler, zu direkt persönliche Angriffe zu starten, weil sie den anderen zu gut kennen. Die Gäste am Tisch, die weiter entfernt sind, Bekannte oder weitläufige Verwandte, kommen dann gewissermaßen ungeschützt in diese Situation. Das heizt die Gesprächsatmosphäre unnötig auf. Und deswegen kommt es zu diesem Knall.

Heiligabend geht zu Ende und ich bin immer noch sauer, weil ich das Gefühl habe, die anderen haben mir gar nicht zugehört. Auch wenn wir uns nicht einigen werden: Wie schaffe ich es wenigstens, meine Meinung nochmal klar zu machen, ohne die Stimmung zu versauen?

Nehmen Sie das Beispiel Talkshows: Die Gesprächspartner fangen sehr behutsam an. Gegen Ende dreschen sie dann ganz schön aufeinander ein, der thematische Faden zerreißt oft und die Moderatoren kriegen das kaum noch eingefangen.

Daraus kann man lernen, dass man am besten etwas zurückhaltend in einer privaten Diskussion vorgehen sollte, auch wenn das schwerfällt. Am stärksten im Gedächtnis sind mir immer die geblieben, die besonnen reagieren und ein Argument bringen, das mir bedenkenswert erscheint – auch wenn ich die Meinung gar nicht teile. Das kann man nicht mit Emotionen allein schaffen, sondern es braucht gute Formulierungen, griffige Beispiele – Freundlichkeit und klares Denken helfen am meisten, würde ich sagen.

Was haben Sie selbst in den letzten Monaten bei den Diskussionen über Flüchtlinge gelernt?

Was ich im Grunde schon vorher ahnte, hat sich für mich durch viele Beispiele bestätigt: Dass man Fremde als individuelle Mitmenschen und neugierig statt ängstlich betrachten sollte. Einen Schritt darauf zu zu machen, miteinander zu sprechen, schauen, wie es wirklich ist. Dann lösen sich viele Vorbehalte schnell auf.

Falls wir in Deutschland genug Menschen haben, die dazu bereit sind, wird – was die Integration angeht - eine Selbstorganisation und kommunikative Wechselwirkung ausgelöst. Die kann sehr positiv sein, umgekehrt kann es aber auch in die negative Richtung gehen. Ich finde, es ist gerade eine unglaubliche Dynamik in dieser Entwicklung - und wir stecken mittendrin.

Das Gespräch führte Sebastian Schneider, rbb online

Beitrag von Sebastian Schneider

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