Serie | Reden wir über Integration - "Wir haben doch Platz, wir haben Luft!"

Schwedt in der Uckermark hat seit der Wende fast 40 Prozent seiner Bewohner verloren. In diesem Jahr aber sind Flüchtlinge gekommen - Bürgermeister Jürgen Polzehl hat den Abriss weiterer Blocks gestoppt. Im Interview sagt er, wie die Menschen verteilt werden, damit die Integration funktioniert - und weshalb die schwerste Aufgabe erst bevorsteht.

rbb online: Herr Polzehl, im vergangenen Jahr haben wir uns noch darüber unterhalten, wie Sie in Schwedt das Schrumpfen perfektioniert haben. Seitdem ist einiges bei Ihnen passiert. Erzählen Sie doch mal.

Jürgen Polzehl: Wir haben erstmals einen Bruch in der demografischen Entwicklung, die Einwohnerentwicklung wird 2015 mit einem Plus abschließen - während wir sonst immer einen negativen Trend hatten. Zuzug und Wegzug sind bei uns zwar ausgeglichen, aber wir konnten bisher den Sterbeüberschuss nicht durch Geburten kompensieren. Durch die zugewiesenen Flüchtlinge hat sich die Situation jetzt gedreht, in diesem Jahr haben wir ungefähr 550 Menschen hier untergebracht. Deshalb haben wir einen Break gemacht. Eigentlich lief unsere Stadtplanung, der "Masterplan Wohnen", bis 2025, aber wir haben sie erstmal auf schwebend gestellt.

Was heißt das?

Wir haben den Abriss von Plattenbauten erstmal unterbrochen, haben die Köpfe zusammengesteckt und die Gebäude angeschaut, in denen wir jetzt Wohnraum zur Verfügung stellen können. Es ist also ein Paradigmenwechsel: Statt die Wohnungen abzureißen, aktivieren wir sie wieder.

Seit wann machen Sie das?

Schon gegen Ende 2014 haben wir verstärkte Zuwanderung von syrischen Flüchtlingen gehabt. Diese Menschen haben wir größtenteils in Wohnungen untergebracht, das waren überwiegend Familien. Hier haben wir wirklich Pionierarbeit gemacht und sehr gute Erfahrungen gesammelt.

Wie sahen diese Erfahrungen aus?

Die ersten Flüchtlinge sind in Wohnungen an normalen Aufgängen untergebracht worden - wo eben was frei war. Da haben sich die Nachbarn wahnsinnig engagiert, sie haben ihre neuen Nachbarn an die Hand genommen, ihnen bei den nötigen Gängen in der Stadt geholfen, um anzukommen. Die Schutzhütte, eine gemeinnützige Organisation bei uns, hat praktisch die Betreuung übernommen und auch Treffen organisiert. Ich habe bei so einer Veranstaltung 32 Syrern unsere Stadt vorgestellt. Das war ein wirklich toller Prozess. Ein Highlight in dieser ersten Zeit war für mich übrigens das Neujahrsbaby.

Wir haben also einen Campus entwickelt, eine Struktur, die ein bisschen über eine bloße Notunterkunft hinausgeht. Das halten wir für vernünftig."

Was hat es damit auf sich?

Der Bürgermeister begrüßt immer das erste Schwedter Baby des Jahres persönlich, im Klinikum Uckermark. Es gibt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Ich bin ein Schwedter", einen Blumenstrauß und, ich glaube, ein Gutschein für eine Kontoeröffnung bei der Sparkasse. Und 2015 habe ich eben ein Flüchtlingskind begrüßt.

Konnten Sie alle Flüchtlinge in Wohnungen unterbringen?

Nein, es waren ja nicht nur Familien. Der Landrat hat gesagt: "Das ist ja schön und gut mit Deinen Wohnungen, aber wir haben auch viele alleinreisende junge Männer". Deshalb mussten wir eine Notunterkunft einrichten, die wir sukzessive zu einem Asylbewerberheim umbauen. Wir haben eine ehemalige Grundschule genommen, die in einem relativ guten Zustand ist. In dieser Unterkunft wohnen gerade ungefähr 240 Menschen.

Der Clou dabei ist: Ganz in der Nähe der Schule steht ein Block, den wir abreißen wollten. Jetzt aber haben wir der Schule noch 20 Wohnungen aus diesem Block zugeschlagen. Damit kann der Betreiber dieser Notunterkunft viel flexibler reagieren. Wir hatten zum Beispiel eine junge Syrerin, die ein Baby bekommen hat. Sie konnte dann einfach in eine der Wohnungen umziehen. Wir haben also einen Campus entwickelt, eine Struktur, die ein bisschen über eine bloße Notunterkunft hinausgeht. Das halten wir für vernünftig.

Wie ging es weiter?

Wir haben beim Land Fördergeld beantragt, damit wir weiter Wohnungen umfunktionieren können, wenn mehr junge Familien kommen. Vor einigen Wochen kam die Zusage, damit können wir erstmal 40 Wohnungen renovieren, die zum Abriss bestimmt waren.

Im November kam dann nochmal ein überraschend großer Schwung an Flüchtlingen, deshalb hat uns der Landkreis eine Sporthalle in einem Oberstufenzentrum als weitere Notunterkunft zur Verfügung gestellt. Aber ich denke, das ist nur eine vorübergehende Maßnahme, bis wir die anderen Angebote fertig haben. Das prinzipielle Ziel ist, dass nicht jeder erstmal in eine Notunterkunft muss, wenn wir hier auch bessere Voraussetzungen haben.

Wie können Sie zwischen den neuen und den alten Nachbarn eine soziale Mischung hinkriegen und Ghettobildung verhindern?

Es wäre natürlich nicht sinnvoll, einen Block, den man nicht abreißt, nun komplett mit Asylbewerbern zu belegen. Dann habe ich dort nämlich ein Spannungsgebiet, das ich vorher jahrelang mit Fördergeld für die Stadtentwicklung entspannt habe. Deshalb muss man darauf achten, dass Flüchtlinge in ganz normale Blocks einziehen und sich dort verteilen.

Blick zum PCK in Schwedt, Foto: rbb/Sebastian Schneider
Schwedt ist geschrumpft, aber hängt noch immer am Tropf der Ölraffinerie, dem PCK. Die Verwaltung reagierte früh auf den Wegzug, riss viele Häuser ab - und baute die Stadt mutiger um, als viele ähnlich gebeutelte in Ostdeutschland.

Wie macht man das?

Ich kann die beiden Wohnungsbaugenossenschaften nutzen. Falls die Zahl der Flüchtlinge in etwa so hoch bleibt, habe ich hier noch genug Luft, dass ich die Menschen dezentral verteilen kann. Ich muss nicht einen ganzen Block belegen.

Aber man muss genauso darauf achten, eine Durchmischung im ganzen Stadtgebiet zu schaffen. Sonst bekommen Sie vorgeworfen, dass Sie Flüchtlinge nur in Plattenbauten unterbringen, aber die Gutbürgerlichen, die sich inzwischen ja durchaus in Schwedt etabliert haben, "verschonen". Deshalb nutzen wir beispielsweise auch ein ehemaliges Internat in der Stadt, abseits der Blöcke.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Schwedter auf die Pläne der Stadtverwaltung reagieren, warum die schwerste Aufgabe noch bevorsteht und was Polzehl tun kann, damit anerkannte Asylbewerber in Schwedt wohnen bleiben.

Wo Sie "verschonen" sagen: Wie reagieren denn alteingesessene Schwedter auf diese Pläne? 

Neulich hat mich jemand provokativ gefragt: Wieviele wollen Sie denn noch aufnehmen? Die Grenze ist doch erreicht! Da habe ich gesagt: Mensch, es ist doch noch gar nicht lange her, da hatten wir 50.000 Einwohner. Jetzt haben wir noch 30.000 - wir haben doch Platz, wir haben Luft! Angst vor Wachstum müssen wir nicht haben. Wir müssen nur Angst haben, dass sich irgendwelche Ghettos bilden. Deswegen hat die Frage der Wohnungen jetzt Vorrang.

Wir haben doch Platz, wir haben Luft! Angst vor Wachstum müssen wir nicht haben. Wir müssen nur Angst haben, dass sich irgendwelche Ghettos bilden. Deshalb hat die Frage der Wohnungen jetzt Vorrang."

Abgesehen von den Wohnungen: Was denken Sie, kommt im neuen Jahr auf Sie und Ihre Stadt zu?

Die schwierigste Aufgabe: die Integration. Wenn die Asylbewerber vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ihre Bescheide über eine Anerkennung bekommen, wird sich hier einiges bewegen. Wer bleibt, wer bleibt nicht? Wir kommen im Jahr 2016 in eine neue Qualität, es wird ein ganz entscheidendes Jahr - wir werden auch streiten müssen. Davor haben wir durchaus Ehrfurcht.

Wie gut sind Sie denn vorbereitet?

In Willkommenskultur haben wir uns in diesem Jahr geübt. Es war auch für mich neu, zu erleben, wieviel Hilfsbereitschaft die Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen zeigt. Wir leben hier bestimmt nicht auf einer Insel der Glückseligkeit - aber wir haben hier Menschen mit großen Herzen. Die Frage der Betreuung macht mir also keine Sorgen.

Wichtig werden Schulen und Kitas, aber ich glaube, dass wir auch das hinkriegen. Wir haben inzwischen so viele Kinder, dass wir eine erste Klasse in der Grundschule aufmachen. Im neuen Jahr werden wir auch die Sportvereine stärker einbinden, um gerade Kindern und Jugendlichen Freizeitmöglichkeiten zu bieten. Es gibt hier aber genug Vereine, die Nachwuchssorgen haben und sich deshalb dahinterklemmen werden, beispielsweise die Jugendfeuerwehr.

Glauben Sie, dass viele Flüchtlinge, die gehen dürfen, in Schwedt bleiben werden?

Ich denke, es wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Andere Städte berichten ja, dass sich bestimmte Gruppen in Ballungsgebieten zusammenziehen, weil sie dort Familienanschluss haben. Die Flüchtlinge bekommen natürlich mit, dass es hier mit Arbeit schwierig ist. Wir haben hier immer noch eine Arbeitslosigkeit von mehr als 13 Prozent, eine der höchsten Quoten in Deutschland. Ohne Arbeit bleiben die Menschen ja nicht auf Dauer und wenn, dann fallen sie ins Sozialsystem.  

Was brauchen Sie, um die Menschen trotzdem zu halten?

Ich habe in der Notunterkunft mal die einfache Frage gestellt: Habt Ihr eigentlich eine genaue Übersicht, wen ihr hier habt, was die Leute können? Das konnten sie mir dort nicht sagen. Wir müssen die Interessen der Leute herausfinden und auf die Anfragen aus der Wirtschaft abstimmen. Welche Fähigkeiten bringen sie mit, welche Berufe hatten sie in ihrer Heimat? Wenn wir das wissen, können wir mit dem Jobcenter, der IHK und den Unternehmen diskutieren, ob es mit der Qualifikation hinhaut und was noch geleistet werden muss. Wenn wir das schaffen, können wir hoffentlich unsere Einwohnerzahl stabilisieren. Aber noch sehe ich da das größte Defizit.

Was für Anfragen gibt es denn schon?

Gemeldet haben sich mittelständische Firmen, die haben zum Beispiel einen Kraftfahrer gesucht oder jemanden, der in der Aufbereitungsanlage arbeitet. Aber man muss auch sagen: Die Jobcenter hinken hinterher. Es dauert sehr lange, bis die Flüchtlinge Klarheit haben, ob sie bleiben dürfen. Erst im März werden wir konkret wissen, auf was wir uns einstellen müssen.

Die wichtigsten Aussagen:

  • Wir haben den Abriss von Plattenbauten gestoppt und gezielt Fördergeld beantragt, um die Wohnungen für Flüchtlinge zu renovieren.
  • Indem wir sie mit Hilfe unserer Wohnungsgenossenschaften über die ganze Stadt verteilen, versuchen wir, Ghettobildung zu verhindern.
  • Erst wenn 2016 die Mehrzahl der Flüchtlinge die Bescheide über ihre Asylanträge bekommen hat, beginnt die eigentliche Arbeit.

Das Gespräch führte Sebastian Schneider, rbb online

Schwedt in der Uckermark

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