Serie | Reden wir über Integration - "Wir haben doch Platz, wir haben Luft!"

Schwedt in der Uckermark hat seit der Wende fast 40 Prozent seiner Bewohner verloren. In diesem Jahr aber sind Flüchtlinge gekommen - Bürgermeister Jürgen Polzehl hat den Abriss weiterer Blocks gestoppt. Im Interview sagt er, wie die Menschen verteilt werden, damit die Integration funktioniert - und weshalb die schwerste Aufgabe erst bevorsteht.

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Wo Sie "verschonen" sagen: Wie reagieren denn alteingesessene Schwedter auf diese Pläne? 

Neulich hat mich jemand provokativ gefragt: Wieviele wollen Sie denn noch aufnehmen? Die Grenze ist doch erreicht! Da habe ich gesagt: Mensch, es ist doch noch gar nicht lange her, da hatten wir 50.000 Einwohner. Jetzt haben wir noch 30.000 - wir haben doch Platz, wir haben Luft! Angst vor Wachstum müssen wir nicht haben. Wir müssen nur Angst haben, dass sich irgendwelche Ghettos bilden. Deswegen hat die Frage der Wohnungen jetzt Vorrang.

Wir haben doch Platz, wir haben Luft! Angst vor Wachstum müssen wir nicht haben. Wir müssen nur Angst haben, dass sich irgendwelche Ghettos bilden. Deshalb hat die Frage der Wohnungen jetzt Vorrang."

Abgesehen von den Wohnungen: Was denken Sie, kommt im neuen Jahr auf Sie und Ihre Stadt zu?

Die schwierigste Aufgabe: die Integration. Wenn die Asylbewerber vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ihre Bescheide über eine Anerkennung bekommen, wird sich hier einiges bewegen. Wer bleibt, wer bleibt nicht? Wir kommen im Jahr 2016 in eine neue Qualität, es wird ein ganz entscheidendes Jahr - wir werden auch streiten müssen. Davor haben wir durchaus Ehrfurcht.

Wie gut sind Sie denn vorbereitet?

In Willkommenskultur haben wir uns in diesem Jahr geübt. Es war auch für mich neu, zu erleben, wieviel Hilfsbereitschaft die Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen zeigt. Wir leben hier bestimmt nicht auf einer Insel der Glückseligkeit - aber wir haben hier Menschen mit großen Herzen. Die Frage der Betreuung macht mir also keine Sorgen.

Wichtig werden Schulen und Kitas, aber ich glaube, dass wir auch das hinkriegen. Wir haben inzwischen so viele Kinder, dass wir eine erste Klasse in der Grundschule aufmachen. Im neuen Jahr werden wir auch die Sportvereine stärker einbinden, um gerade Kindern und Jugendlichen Freizeitmöglichkeiten zu bieten. Es gibt hier aber genug Vereine, die Nachwuchssorgen haben und sich deshalb dahinterklemmen werden, beispielsweise die Jugendfeuerwehr.

Glauben Sie, dass viele Flüchtlinge, die gehen dürfen, in Schwedt bleiben werden?

Ich denke, es wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Andere Städte berichten ja, dass sich bestimmte Gruppen in Ballungsgebieten zusammenziehen, weil sie dort Familienanschluss haben. Die Flüchtlinge bekommen natürlich mit, dass es hier mit Arbeit schwierig ist. Wir haben hier immer noch eine Arbeitslosigkeit von mehr als 13 Prozent, eine der höchsten Quoten in Deutschland. Ohne Arbeit bleiben die Menschen ja nicht auf Dauer und wenn, dann fallen sie ins Sozialsystem.  

Was brauchen Sie, um die Menschen trotzdem zu halten?

Ich habe in der Notunterkunft mal die einfache Frage gestellt: Habt Ihr eigentlich eine genaue Übersicht, wen ihr hier habt, was die Leute können? Das konnten sie mir dort nicht sagen. Wir müssen die Interessen der Leute herausfinden und auf die Anfragen aus der Wirtschaft abstimmen. Welche Fähigkeiten bringen sie mit, welche Berufe hatten sie in ihrer Heimat? Wenn wir das wissen, können wir mit dem Jobcenter, der IHK und den Unternehmen diskutieren, ob es mit der Qualifikation hinhaut und was noch geleistet werden muss. Wenn wir das schaffen, können wir hoffentlich unsere Einwohnerzahl stabilisieren. Aber noch sehe ich da das größte Defizit.

Was für Anfragen gibt es denn schon?

Gemeldet haben sich mittelständische Firmen, die haben zum Beispiel einen Kraftfahrer gesucht oder jemanden, der in der Aufbereitungsanlage arbeitet. Aber man muss auch sagen: Die Jobcenter hinken hinterher. Es dauert sehr lange, bis die Flüchtlinge Klarheit haben, ob sie bleiben dürfen. Erst im März werden wir konkret wissen, auf was wir uns einstellen müssen.

Die wichtigsten Aussagen:

  • Wir haben den Abriss von Plattenbauten gestoppt und gezielt Fördergeld beantragt, um die Wohnungen für Flüchtlinge zu renovieren.
  • Indem wir sie mit Hilfe unserer Wohnungsgenossenschaften über die ganze Stadt verteilen, versuchen wir, Ghettobildung zu verhindern.
  • Erst wenn 2016 die Mehrzahl der Flüchtlinge die Bescheide über ihre Asylanträge bekommen hat, beginnt die eigentliche Arbeit.

Das Gespräch führte Sebastian Schneider, rbb online

Schwedt in der Uckermark

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