Magommed und seine Mutter sind aus Tschetschenien geflohen. Der Junge geht jetzt auf die Puschkin-Grundschule in Boitzenburg. (Quelle: Puschkin-Grundschule)

Serie | Reden wir über Integration - "Ich weiß nicht, ob sie bleiben dürfen"

Vor einem Jahr hat Heike Koopmann überraschend Nachwuchs bekommen: 20 geflüchtete Kinder aus Krisengebieten lernen jetzt an der Puschkin-Grundschule in Boitzenburg. Im Interview spricht die Schulleiterin Koopmann über fehlende Dolmetscher, überforderte Ämter und hautnahen Religionsunterricht.  

rbb online: Frau Koopmann, vor knapp einem Jahr sind die ersten Kinder, die zusammen mit ihren Familien aus ihrer Heimat geflohen sind, zu Ihnen an die Puschkin-Schule nach Boitzenburg gekommen. Aus welchen Ländern stammen die Kinder?

Wir hatten Kinder aus Syrien, die sind aber inzwischen nicht mehr da, aus Tschetschenien, Mazedonien, Serbien und aus Albanien.

Knapp 135 Kinder lernen an Ihrer Schule, 20 von ihnen sind Flüchtlinge. Was hat sich im Schulalltag seit der Ankunft der Kinder geändert?

Es ist natürlich ein bisschen kribbeliger und wirbeliger. Die Kinder bringen ein ganz anderes Temperament mit, sie sind sehr aktiv, rennen sehr viel, auch durch das Schulgebäude. Sie haben nicht so sehr die Kenntnis von Normen und Regeln. Wir haben schon Probleme, ihnen die Regeln hier mit Händen und Füßen zu verdeutlichen: Dass man langsam läuft, dass man auf der Schaukel nicht so hoch schaukeln darf, weil man sich sonst überschlagen kann.

Wenn wir es dann geschafft haben, ihnen das zu erklären, dann machen sie es nach fünf Minuten doch wieder. Wir haben auch nicht immer einen Dolmetscher vor Ort, der alles nochmal übersetzen kann. Wir haben die Hausordnung zwar übersetzt, aber wenn sie dann nicht hören - das sind schon Sachen, die natürlich anstrengend sind.

Wie haben die Kinder trotz der sprachlichen Barriere aufeinander reagiert?

Sie sind durchs Spielen sehr schnell miteinander ins Gespräch gekommen. Sie verständigen sich mit Händen und Füßen, ein bisschen auf Englisch und Russisch, das klappt eigentlich sehr gut. Dadurch, dass wir eine Halbtagsschule sind, bieten wir auch viele Aktivitäten am Nachmittag an, wo sie über den Unterricht hinaus zusammenkommen, da gibt’s gar keine Probleme.

Ist das ein Grund, warum es so gut funktioniert: Weil die Kinder auch die Freizeit miteinander verbringen?

Das spielt sicherlich eine große Rolle, natürlich auch das Engagement der Kollegen im Unterricht und ganztags im Hort. Die Eltern sind aber auch sehr engagiert, wir haben zum Beispiel zu einer Willkommensinitiative eingeladen, da haben dann alle zusammen gespielt und Kaffee getrunken. Die Kinder werden mit offenen Armen empfangen, da gibt es wenige Vorbehalte.

Schulleiterin Heike Koopmann und Kinder der Puschkin-Grundschule in Boitzenburg. (Quelle: Puschkin-Grundschule)
Heike Koopmann mit Kindern der Puschkin-Grundschule in Boitzenburg.

Also werden die Familien der Kinder auch einbezogen?

Ja, das versuchen wir. Es gab auch eine Initiative, den Erwachsenen Deutsch beizubringen, immer am Freitagnachmittag. Aber das hat sich leider ein bisschen aufgelöst.

Warum?

Das lag eigentlich mehr an den Flüchtlingen. Die hatten am Freitagnachmittag leider nicht so die Initiative hierher zu kommen. Sie kamen sehr sporadisch, unpünktlich oder gar nicht. Das war dann nicht so prickelnd.

Es ist jetzt schon das dritte Mal, dass eine Familie, für die wir uns sehr eingesetzt haben, einfach weggezogen ist. Das verstehe ich nicht."

Können Sie das auch nachempfinden?

Nein, ich habe dafür wenig Verständnis. Ich habe auch wenig Verständnis für die Familien, die hier eine Wohnung bekommen und dann Boitzenburg als zu klein empfinden und dann ganz schnell wieder das Weite suchen. Es ist jetzt schon das dritte Mal, dass eine Familie, für die wir uns sehr eingesetzt haben, einfach weggezogen ist. Das verstehe ich nicht, dann sollten sie zufrieden sein, dass sie in Sicherheit sind, dass sie eine Wohnung bekommen, dass die Kinder in den Kindergarten, in die Schule gehen können.

Die Kinder haben auf ihrer Flucht teilweise schreckliche Dinge erlebt, merken Sie das in der Schule?

Ja, wir haben gerade ein Mädchen, das noch gar nicht kommen kann. Sie muss erstmal untersucht werden, ob sie traumatisiert ist, oder ob da noch etwas anderes dahinter steckt. Ein Junge ist während der Flucht vom LKW gefallen und hat sich verletzt, aber mental merkt man ihm das nicht an. Wir hatten letztens einen Sport- und Spieleabend organisiert, da ist er voll aufgegangen und hat Sport gemacht, bis er fast umgefallen ist. Aber wie die Kinder zuhause reagieren weiß man natürlich nicht.

Sie haben an ihrer Schule zwei Deutsch-Förderkurse, einen für die erste Klasse und einen für die Klassen zwei bis sechs. Sie selbst unterrichten auch eine der Willkommensklassen. Haben Sie sich das gleich zugetraut?

Ja, ich bin Fremdsprachenlehrerin, von daher hatte ich wenige Berührungsängste. Mein erster Kurs machte mir sehr viel Spaß, die Kinder haben tolle Fortschritte gemacht. Jetzt sind aber vier verschiedene Niveaustufen in einem Kurs, da schaffe ich es leider nicht, die Kinder so zu beflügeln, dass sie in kleinen Gruppen ruhig alleine arbeiten und ich mich dann um die anderen kümmern kann. Das ist ein Problem, mit dem ich im Moment selbst kämpfen muss.

Die Puschkin-Grundschule in Boitzenburg in der Uckermark.

Wie lange brauchen die Kinder, bis sie so gut Deutsch können, dass sie im Regelunterricht gut mitkommen?

Das hängt von dem Kind ab. Ein kleines albanisches Mädchen ist schon so pfiffig und so gewandt in der Sprache, dass sie auch dolmetscht - auch für die Familie, wenn sie zum Amt oder zum Arzt müssen. Ein tschetschenischer Junge ist fast genauso lange hier und hat noch ganz große Probleme. Es hängt von den Kindern selbst ab, von ihrem Ehrgeiz, ihrer Intelligenz und von den Vorkenntnissen, die sie aus ihren Ländern mitbringen. Wenn wir ein Kind haben, das alt genug für die dritte Klasse ist, aber noch nie eine Schule besucht hat, dann wird das auch so schnell nicht dem Regelunterricht folgen, auch wenn es Deutsch kann. Das Kind mussten wir also erstmal in die erste Klasse stecken.

In Brandenburg gab es schon vor einem Jahr zu wenige Lehrer, jetzt sind plötzlich 20 neue Kinder an ihre Schule gekommen. Fehlt Ihnen denn auch Personal?

Seit dieser Woche Montag sind wir sehr gut aufgestellt. Ich habe im Dorf eine ehemalige Kollegin gefunden, die bereit war, den Flüchtlingskindern in der ersten Klasse Intensivunterricht zu geben. Das Schulamt hat sie jetzt eingestellt, dafür bin ich sehr dankbar. Die Kinder können durch den individuellen Unterricht viel schneller Deutsch lernen.

Fühlen Sie sich vom Schulamt genug unterstützt?

Jetzt ja, aber bis dahin musste ich sehr kämpfen. Dass ich jetzt die neue Lehrerin habe, liegt auch daran, dass ich nicht locker gelassen habe. Ich muss immer die Ohren offen halten: Wo sind Ressourcen? Was kann ich machen? Von alleine fällt es der Schule nicht zu.

Was brauchen Sie am dringendsten?

Uns wäre einmal mehr ein Dolmetscher lieb, der auch mal zwischen den Eltern und uns vermitteln kann. Wir haben zwar in Boitzenburg eine Familie, die dolmetscht, aber die machen das ehrenamtlich. Sie kriegen zwar jetzt Kilometergeld und ein Büro von der Gemeinde, aber sie machen das in ihrer Freizeit. Da widerstrebt es mir, immer auf sie zurückzugreifen. Da würde ich gerne einen Dolmetscher in der Nähe haben, der von Amtswegen berechtigt ist zu dolmetschen.

Was muss an Ihrer Schule langfristig passieren, damit Sie sagen: Ja, wir können hier mit den Kindern und ihren Familien gut zusammen lernen und leben?

Ich würde mir wünschen, dass die Ämter - Jugendamt, Sozialamt - personell besser bestückt werden, damit die Arbeit effektiver laufen kann. Ich denke, die sind ganz schön überfordert. Wir warten beim Jugendamt zum Beispiel lange auf die Untersuchung und die Impfungen der Kinder, damit sie in die Schule kommen können. Das ist kein böser Wille von den Mitarbeitern dort, die können einfach nicht mehr.

Und auf überregionaler Ebene?

Bei der großen Politik sehe ich das Problem, dass wir uns sehr um alle Flüchtlingsfamilien kümmern, aber wir gar nicht wissen, welche in Deutschland bleiben dürfen. Zum Beispiel eine albanische Familie: Die haben den roten Strich im Pass. Das heißt, sie werden nur noch geduldet. Eine Abschiebung wäre für die Kinder tragisch, weil sie sich wirklich sehr engagiert haben, voller Elan Deutsch gelernt haben und sich sehr gefreut haben, dass sie hier in Sicherheit sind.

Die Eltern sind jetzt deprimiert. Der Vater war bei der Polizei und wurde durch die Mafia bedroht, der Frau wurde ins Knie geschossen - da war schon eine Art Verfolgung und wenn solche Familien dann wieder wegmüssen und man sich sehr einbringt, dann ist man persönlich auch ein bisschen betroffen.

Für die Uckermark ist es generell eine Bereicherung, wenn hier wieder Menschen herziehen, die uns dann doch leider abhanden gekommen sind, gerade die jungen Leute."

Warum müssen wir Ihrer Meinung nach mehr über Integration reden?

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich in ein fremdes Land fliehen müsste. Ich käme dort neu an und alles wäre für mich fremd. Dann wäre ich auch sehr dankbar, wenn man sich um mich, meine Familie und meine Kinder kümmern würde. Ich denke, das ist ein Akt der Menschlichkeit.

Ich sehe auch, dass meine Schule durch die Kinder bereichert wurde. Wir hatten zum Beispiel voriges Jahr ein Mädchen mit Kopftuch. Das kannten unsere Kinder nicht. Wir haben dann erst einmal darüber geredet, woher diese Tradition stammt. So war es viel bildhafter, anschaulicher und lebenspraktischer, als wenn man im Religionsunterricht einfach nur darüber redet. Für die Uckermark ist es generell eine Bereicherung, wenn hier wieder Menschen herziehen, die uns dann doch leider abhanden gekommen sind, gerade die jungen Leute. Da sehe ich auch eine Chance für die Uckermark.

Die wichtigsten Aussagen:

  • "Wir brauchen dringend Dolmetscher."
  • "Die Ämter, Sozialamt, Jugendamt, brauchen mehr Personal."
  • "Wir würden gerne früher wissen, ob die Menschen bleiben dürfen."

Das Gespräch führte Mara Nolte, rbb online

Dieses Interview ist Teil unserer Serie "Reden wir über Integration". In den kommenden Wochen folgen Beiträge zu den Themen Bildung, Arbeit, Freizeit, Wohnen, Religion und Finanzen. 

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