Teilnehmer einer Kundgebung der Initiative Pulse of Europe demonstrieren für ein geeintes Europa und tragen eine große Europafahne auf der Glienicker Brücke in Potsdam Berlin, 19. Mai 2019 (Quelle: Imago)
Bild: imago

Stimmen von Zu- und Weggereisten - Europa, Brandenburg und das "gewisse Wir-Gefühl"

Europa ist auch in Brandenburg überall – nicht nur durch Fördergelder aus Brüssel, sondern vor allem durch die Menschen: Europäer, die hier heimisch geworden sind. Umgekehrt zieht es auch viele Brandenburger in andere EU-Länder.

Sarah Phillips ist Britin. Seit 13 Jahren lebt sie zusammen mit ihrem Mann in einem alten Wasserturm am Stadtrand von Joachimsthal im Landkreis Barnim. Gemeinsam haben die beiden das lange leerstehende Gebäude komplett saniert.

Die Britin Sarah Phillips auf der Aussichtsplattform ihres Wasserturms in Joachimsthal (Quelle: rbb/Nowak)
Sarah Phillips auf der Plattform ihres Wasserturms in Joachimsthal. | Bild: rbb/Michel Nowak

Die Projektmanagerin aus Großbritannien hat viel bewegt in ihrer neuen Heimat. Sie rief das Joachimsthaler Biorama-Projekt ins Leben, ließ einen Fahrstuhl zur Aussichtsplattform auf dem Wasserturm bauen, eröffnete ein kleines Café und zuletzt eine Galerie – mehr als 150.000 Gäste hat sie inzwischen zum Blick über die Schorfheide begrüßt.

"Hier ist meine Heimat"

Deutsch lernte sie ganz nebenbei von Freunden und ihren Besuchern im Wasserturm, erzählt Phillips. Außerdem ist sie im Heimatverein, ihr Mann sitzt im Stadtparlament von Joachimsthal. "Wir sind richtig integriert, obwohl wir eigentlich nicht von hier sind", sagt sie mit britischem Akzent. Die gebürtige Engländerin fühlt sich längst als Joachimsthalerin. "Ich habe Familie in Großbritannien und Freunde auf der ganzen Welt. Aber hier ist meine Heimat."

Sorgenfalten machen sich auf dem Gesicht der Frau breit, wenn sie an den Brexit denkt. "In dem Moment, in dem Großbritannien nicht mehr in der EU ist, kann mein Mann nicht mehr am Stadtparlament teilnehmen, weil das nur für EU-Bürger ist", sagt sie. Zwar glaubt sie nicht, dass Deutschland sie "rausschicken" würde, Sicherheit darüber gebe es aber nicht. Deshalb hofft Sarah Phillips auf einen geregelten Austritt Großbritanniens oder noch besser: dass man in ihrem Heimatland den Brexit einfach vergisst. "Wir sind hier, wir arbeiten hier, ich habe keinen anderen Wohnort und ich möchte hier bleiben."

Die gebürtige Französin Albertine Anoma unterrichtet Deutsch an einer Schule in Senftenberg (Quelle: rbb/Wußmann).
Albertine Anoma unterrichtet an einer Schule in Senftenberg Deutsch. | Bild: rbb/Iris Wußmann

Aus Liebe nach Brandenburg

Bleiben möchte auch die gebürtige Französin Albertine Anoma. Für sie ist Finsterwalde im Landkreis Elbe-Elster zur Heimat geworden. Die 44-Jährige lebt seit 15 Jahren in Deutschland, seit neun Jahren in Finsterwalde. Ihren französischen Akzent hat sie völlig verloren.

Gekommen ist sie über eine Städtepartnerschaft mit ihrer französischen Heimatstadt Montataire im Norden von Paris. Bei einem der vielen Besuche lernte sie einen Gitarrenlehrer der Finsterwalder Delegation kennen und verliebte sich. Inzwischen hat sie mit ihm zwei Kinder und unterrichtet an einer Schule in Senftenberg Deutsch und Französisch.

Kulturelle Vielfalt als Gewinn

Für Anoma ist Europa, aber auch der Zuzug von Geflüchteten von außerhalb Europas, ein absoluter Gewinn. Er mache das Leben auch in Finsterwalde bunter. Weil sie dieser Meinung Gewicht geben möchte, ist es für sie selbstverständlich, zur Wahl zu gehen - an der Europawahl und den Kommunalwahlen kann sie als EU-Bürgerin in Deutschland teilnehmen. "Die populistischen Bewegungen, das ist sehr beängstigend", sagt sie und will mit ihrer Stimme dagegenstehen. Die Europäische Union hält die Französin für sehr wichtig. "Das sieht man vielleicht einfach auch daran, dass wir Frieden haben. Früher hatten unsere Eltern und Großeltern eben Krieg und wir haben Frieden", sagt sie.

Weg aus Brandenburg - mit Erasmus

Während Sarah Phillips und Albertine Anoma in Brandenburg ihre neue Heimat gefunden haben, zieht es vor allem junge Brandenburger im Gegenzug hinaus in die Welt - oft in andere EU-Länder. Möglich ist das etwa mithilfe des Erasmus-Austauschprogramms für Studenten. Allein die Universität Potsdam schickt mit Erasmus jährlich 350 Studierende ins europäische Ausland.

Juliane Corneli studiert Kulturwissenschaften in Potsdam und hat 2017 ein Semester an der Universität Murcia in Spanien verbracht. Eine interessante Erfahrung, in vielerlei Hinsicht, sagt sie. Auch wenn in Spanien vieles anders läuft als in Deutschland: Nach einer kurzen Orientierungsphase hat sie sich an der Uni gut zurecht gefunden und nicht nur fürs Studium, sondern vor allem auch fürs Leben viel gelernt. "Viele Studierenden werden erwachsener und selbstständiger durch den Auslandsaufenthalt", sagt Pia Kettmann, Erasmus-Koordinatorin an der Universität Potsdam. Außerdem bereite er die Studierenden auf einen internationalen Arbeitsmarkt vor.

Würstchen und Kartoffelsalat in England

Auch Maria Winke ging während ihres Studiums für ein Semester ins europäische Ausland - nach England. "Das war immer ganz toll. Wir haben uns jeden Abend getroffen und jeden Abend durfte ein anderer aus seinem Land etwas zum Kochen mitbringen", erinnert sie sich. Sie selbst machte Wiener Würstchen und Kartoffelsalat - typisch deutsch eben, lacht sie. Unterschiedliche Kulturen treffen in einem völlig fremden Land aufeinander, erklärt Pia Kettmann. Die Folge: Viele Studenten verstehen sich nach einem Erasmus-Semester mehr als Europäer.

So auch Juliane und Maria. Auf Dauer in ihrem Gastland bleiben wollten beide aber nicht. Man lerne Deutschland während des Auslandsaufenthalts mehr zu schätzen, erzählt Juliane, "mit warmem Wasser zu jeder Zeit" und nicht unbedingt einem Gasherd, bei dem das Gas ständig alle ist und nichts mehr funktioniert mehr. Maria möchte vor allem wegen des Essens nicht in England leben. "Das Brot, das deutsche Brot hat mir sehr gefehlt", sagt sie.

"Ein gewisses Wir-Gefühl"

Europa ist für die beiden trotzdem ganz klar ein Erfolgsprojekt - deshalb ist die Europawahl für sie auch Pflicht. "Ich fand es vorher schon schön, dass Europa so ein gewisses Wir-Gefühl garantiert, dass wir alle irgendwie etwas gemeinsam haben und die Mobilität auf jeden Fall auch nicht eingeschränkt ist", sagt Maria. Deshalb gehe sie wählen. Und auch Juliane findet, "dass Studenten und junge Leute auf jeden Fall wählen gehen sollten, wenn sie schon die Möglichkeit dazu haben". "Ja, es ist mir wichtig. Es war mir vorher auch schon wichtig, aber mir ist jetzt einfach nochmal bewusst geworden, wie schön es ist, dass es die EU gibt, dass wir so einfach überall studieren und reisen und auch im Ausland arbeiten können. Das ist richtig, richtig toll", fügt sie hinzu.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Netiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

2 Kommentare

  1. 2.

    ...vielleicht reicht fürs Erste dieser Artikel?
    https://www.rbb24.de/politik/wahl/Europawahl/beitraege/europawahl-eu-foerderung-brandenburg.html

  2. 1.

    Coole Sache mit den Fördergeldern.
    Es wäre zu begrüßen,wenn der RBB mal die Höhe der Zahlungen an die EU und den Rücklauf an Fördermitteln hier veröffentlichen würde.

Das könnte Sie auch interessieren