Grünen-Spitzenkandidatin Ska Keller spricht beim Wahlparteitag zur Europawahl (Quelle: dpa/Fischer).
Audio: rbb|24 | 29.04.2019 | Interview mit Ska Keller | Bild: dpa/Gregor Fischer

Interview | Europawahl-Spitzenkandidatin Ska Keller - "Man sollte nie vergessen, wo man eigentlich hin will"

Die gebürtige Gubenerin Ska Keller kandidiert nicht nur als deutsche, sondern sogar als europäische Spitzenkandidatin der Grünen für das Europaparlament. Im rbb|24-Interview spricht sie über ihre Themen - und wie sie in den 1990er Jahren bei den Grünen landete.

rbb|24: Frau Keller, Umfragen zeigen, dass vielen Wählerinnen und Wähler vor der Europawahl 2019 das Thema Klima wichtiger ist als der Komplex Migration. Hätte mir das vor einem Jahr jemand gesagt, hätte ich einiges dagegen gewettet. Sie auch?

Ska Keller: Na ja, zumindest ist Klima definitiv ein drängenderes Problem als Migration. Wobei es natürlich auf der Welt unglaublich viel Flucht und Vertreibung gibt, Menschen leiden und auch viel mehr getan werden muss. Aber Klimawandel ist wirklich eine Aufgabe und da müssen wir jetzt dringend mehr tun.

Gerade als Europäische Union sind wir dafür prädestiniert, weil es die globale Zusammenarbeit braucht. Die EU muss da vorangehen. Je später wir handeln, umso schwieriger wird es. Noch haben wir genug Zeit und das Gute ist ja: Wir wissen, welche Instrumente wir nehmen müssen. Wir wissen ja, was wir machen müssen, gegen die Klimakrise.

Welche sind das?

Ganz wichtig muss das Ziel sein, CO2 und andere Treibhausgase massiv zu reduzieren. Das lässt sich erreichen, indem wir bei der Mobilität eine echte Änderung hinkriegen. Also mehr auf Schiene setzen, mehr auf öffentlichen Nahverkehr. Und zwar in einer Art und Weise, die schnell ist, komfortabel, aber auch bezahlbar. Wir haben ein echtes Problem, dass zum Beispiel Flüge nicht halb so hoch besteuert werden wie die Bahn. Und dass wir immer noch ein europäisches Schienennetz brauchen. In Deutschland zum Beispiel wurden alle Nachtzüge gekappt – das ist kein gutes Zeichen.

Neben der Mobilität müssen wir auch in der Landwirtschaft viel mehr für den Klimaschutz tun. Landwirtschaft ist ein großes Opfer der Klimakrise, aber gleichzeitig trägt sie auch Treibhausgasemissionen bei. Das können wir ändern, durch europäische Politik. Natürlich brauchen wir auch andere Dinge: erneuerbare Energien, den Kohleausstieg und, und, und. Die Instrumente liegen alle auf dem Tisch. Wir wissen was getan werden muss, es braucht nur den politischen Willen dazu.

Neben dem Klima spielt auch Ernährungspolitik eine wachsende Rolle bei den Wählern. Gerade wird die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union neu verhandelt. Warum geht es da nicht voran?

Auch wir sehen da keinen Fortschritt, eher einen Rückschritt. Dabei betrifft uns das Thema alle. Was bei uns auf dem Teller landet, ist direkt beeinflusst von der europäischen Landwirtschaftspolitik. Das beschäftigt die Leute.

Bei der letzten Landwirtschaftsreform war der Vorschlag der Kommission noch relativ ambitioniert, dann wurde er durch den Rat verwässert. Diesmal ist aber schon der Vorschlag, der aus der Kommission kommt, sehr schlecht und er wird nur noch schlimmer. Wir brauchen eine stärkere grüne Stimme im nächsten Parlament, um diese Politik neu aufzurollen.

Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen, bei der Frage, wo das Geld hingehen soll. Wir wollen gute und gesunde Lebensmittel auf dem Teller haben. Und nicht, dass überschüssige Produkte in die Welt verschifft werden und anderswo die Lebensgrundlage von Bäuerinnen und Bauern kaputt machen. Wir wollen keine Massentierhaltung finanzieren und auch keine Pestizide, die dann im Essen landen.

Gleichzeitig machen Sie damit aber auch Essen teurer. Das ist auch ein sozialpolitisches Problem.

Es ist ein sehr sozialpolitisches Thema. Überhaupt alle Klima- und Umweltthemen, weil es immer die ärmeren Leute sind, die am meisten darunter leiden. Wenn ich reich bin, kann ich im Bio-Supermarkt viel Geld ausgeben für pestizid-freies Gemüse. Aber es kann doch nicht sein, dass die Frage, wie viel Pestizide ich zu mir nehme, eine Frage von Einkommen ist. Alles Gemüse, das ich irgendwo im Supermarkt finde, sollte gesundheitsfördernd sein und nicht gesundheitsschädlich. Das ist das Mindeste.

Aber das Stückchen Fleisch kann nicht mehr 1,99 Euro kosten, wenn ich es nach ökologischen Standards produzieren muss. Dieses Konfliktfeld werden Sie ja nicht los.

Sicherlich kann ein Kilogramm Fleisch nicht so wenig kosten oder gar 99 Cent. Es gibt aber auch diverse Umfragen, die zeigen, dass Leute bereit wären, mehr zu zahlen. Etwas mehr zumindest, für mehr Qualität. Und es gibt sehr hohe Zustimmung dafür, keine Tierfabriken mehr zuzulassen. Das ist dann in der Tat etwas teurer, dafür bekommt man aber auch Qualität ohne Schadstoffe und man weiß, dass das Tier ein halbwegs anständiges Leben hatte.

Wir stellen fest: Ihre Themen sind sehr populär, aber ihre Person kaum bekannt. Sie kommen aus Brandenburg und sind Mitte der 1990er Jahre in Guben aus katholischem Elternhaus ausgerechnet an die Grünen geraten. Wie konnte das passieren?

Ich war schon lange politisch aktiv. Man denkt bei Politik immer an Parteien, Mandate und Parlamente. Aber alles was man tut in der Welt hat auch politische Auswirkungen. Die Frage 'Was kaufe ich im Supermarkt?' ist eine sehr politische Frage. Wie engagiere ich mich in meinem Umfeld, in meiner Heimatstadt, in meiner Heimatgemeinde? Das ist alles sehr politisch. Für mich waren diese Fragen relevant: Wie leben wir zusammen. Was tun wir gegen Rassismus? Was tun wir für die Umwelt? Und da kamen nur die Grünen in Frage.

Jan-Philipp Albrecht war bis vor kurzem Ihr Fraktionskollege in Brüssel. Er hat erzählt, er hätte Sie damals noch mit blauen Haaren kennengelernt. Nun stellen Sie mühevoll Kompromisse her, sammeln Stimme für Stimme für irgendeinen Änderungsantrag für Details. Wie gut kann man als Punk Kompromisse machen?

Wir versuchen Stück für Stück, die Welt zu verändern und zu verbessern und zu er-grünen. Das tun wir, indem wir starke Forderungen haben, aber auch bereit sind, Kompromisse zu machen, um eine Sache voranzubringen. Wir müssen ja nicht damit zufrieden sein. Darüber sollte man nie vergessen, wo man eigentlich hin will: Nur wenn man klar weiß, wo man hin will, kann man auch die richtigen Trippelschritte dorthin gehen. Die Richtung muss stimmen.

Wie sieht die aus; welche Überzeugung treibt Sie an?

Die europäische Idee, Grenzen zu überwinden und Menschen zusammenzubringen - für eine bessere Zukunft. Dass wir gemeinsam in Europa an dieser Zukunft basteln, dass diese Zukunft nachhaltig ausgerichtet sein muss, dass wir den Planeten erhalten, unsere Bio-Diversität erhalten, gutes Essen auf dem Teller haben. Das können wir am besten gemeinsam erreichen und nicht, indem wir Mauern hochziehen zwischen den Ländern. Sondern indem wir uns gemeinsam darüber unterhalten, wie das Morgen aussehen soll.

Und wenn dann ein Kompromiss herauskommt, der wieder total verwässert ist: Gehen Sie nach Hause und drehen erstmal The Clash auf oder Antiflag?

Grüne überlegen immer sehr genau und sehr lange, welcher Kompromiss noch tragbar ist. Wir tun immer das Beste, um das Meiste rauszuholen. Aber wir müssen uns klar machen: Verändert das jetzt das Leben von Menschen positiv, oder hat es überhaupt keinen Einfluss? Ist das der Trippelschritt in die richtige Richtung oder führt er uns auf den Holzweg. Demzufolge entscheidet sich die Stimmung.

Bei der vergangenen Wahl vor fünf Jahren überschrieb eine große Zeitung einen Artikel über Sie mit der Titelzeile: "Grüne Vegetarierin mit Vorliebe für Nutella". Über einen männlichen Kollegen wäre da vielleicht anders getextet worden: Hat frau es als Politikerin auch 2019 noch schwer, in Brüssel ernst genommen zu werden?

Schwerer, definitiv. Man muss immer dreimal so gut sein, sich dreimal so viel einbringen Das ermüdet.

Zum Beispiel, dass man überhaupt nicht wahrgenommen wird, als Politikerin oder als Chef: Ich bin Fraktionsvorsitzende. Ich bin zum zweiten Mal Spitzenkandidat auf europäischer Ebene. Ich bin deutsche Spitzenkandidatin. Trotzdem will der Sicherheitsdienst immer noch meinen Ausweis sehen. Und trotzdem denken Leute, dass ich natürlich nur die Praktikantin von irgendwem sein kann. Weil: erstens weiblich, zweitens jung, drittens nicht im Anzug. Diese Kategorien zu durchbrechen, ist sehr, sehr schwer.

Und dann kommen die Kollegen von anderen Fraktionen und sagen: 'Mensch, da hast du aber eine tolle Rede gehalten. Und immer so gut vorbereitet.' Diese Klischees sind immer noch nicht verschwunden. Leute sind noch immer überrascht, dass man ja doch was zu sagen hat. Das sind immer noch sehr dicke Bretter.

Einige grüne Karrieren sind über Brüssel zurück nach Deutschland verlaufen: Cem Özdemir, Claudia Roth, Jan-Philipp Albrecht, Franziska Brantner. Führt auch Ihr Weg über Europa- in die Bundespolitik?

Das kann ich mir gerade nicht vorstellen. Weil für mich die europäische Ebene eine ganz besondere ist. Bundespolitik ist bestimmt spannend, auch Landespolitik und erst recht Kommunalpolitik. Aber die europäische Ebene ist besonders, weil man hier so toll über den Tellerrand gucken kann. Weil wir hier mit europäischen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten, ganz selbstverständlich. Ja, ich finde das ist genau der richtige Spot für mich.

Das Interview führte Samuel Jackisch, Studio Brüssel

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview mit Ska Keller können Sie oben im Beitrag als Audio hören.

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4 Kommentare

  1. 4.

    "...kann man die Zivilisation gleich abschreiben". Wollen Sie Ängste erzeugen, Panik verbreiten oder sind Sie ein Weltuntergangsanhänger? Die Art der Angstmache ist kontraproduktiv.

  2. 3.

    Wenn Sie das Video von extra3 meinen, wo sich schon die Verfallserscheinungen, die sicherlich bei einer 10 jährigen Zugehörigkeit zum Europaparlament auftreten, zeigt?
    https://m.youtube.com/watch?v=d2Yh1jbkklY

  3. 2.

    Die Grünen sind außer Kleinparteien wie Volt, den Humanisten, oder DiEM25 die einzigen, denen man eine halbwegs sinnvolle Klimapolitik zutrauen kann. Mit der CDU, aber auch der SPD kann man die Zivilisation gleich abschreiben. Von der AfD, die den Klimawandel tatsächlich abstreitet ganz zu schweigen.

    Das 1.5 Grad Ziel werden wir wohl dank jahrzehntelanger Bummelpolitik (auch der Grünen!) so oder so verfehlen, aber vielleicht ist eine Begrenzung auf zwei Grad noch machbar.

  4. 1.

    Wer Frau Keller näher kennenlernen möchte, dem sei das Video "Jan, Ska und Terry berichten aus der 1. Plenarwoche" empfohlen. Legendär ist auch der Wortwechsel zwischen Ska Keller und Prof. Jörg Meuthen auf Phoenix.

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