Martin Schirdewan, Spitzenkandidat der Partei Die Linke bei der Europawahl 2019, spricht bei der Vorstellung der Plakat-Kampagne seiner Partei in Berlin (Quelle: dpa/Zinken).
Audio: rbb|24 | 23.05.2019 | Astrid Corall | Bild: dpa/Paul Zinken

Porträt | Martin Schirdewan - Der unbekannte linke Spitzenkandidat

"Martin wer?" wird sich mancher gefragt haben, als Martin Schirdewan gemeinsam mit Özlem Demirel im Februar zum Spitzenduo der Linken für die Europawahl gewählt wurde. Einer Umfrage zufolge kennen bis heute nur wenige den 43-jährigen Berliner. Ein Porträt von Astrid Corall

Die Spitzenkandidaten der Linken für die Europawahl - Martin Schirdewan und Özlem Demirel - werden zurzeit auf Wahlplakaten von Gregor Gysi flankiert, damit auf den ersten Blick klar wird, dass es Kandidaten der Linken sind.

Doch parteiintern hat sich der Berliner Schirdewan eine beachtliche Stellung erarbeitet, steht auf Platz eins der Bundesliste der Partei. Doch wer ist Martin Schirdewan? Erste Antworten auf die Frage liefern linke Spitzenpolitiker: Fraktionschef Dietmar Bartsch beschreibt den 43-jährigen Schirdewan als einen ruhigen, zielorientierten und sehr politischen Menschen, der Parteivorsitzende Bernd Riexinger nennt ihn einen hochkompetenten Europapolitiker, "ruhig und engagiert" und fit in "Fragen der Konzernbesteuerung".

Steueroasen schließen, Steuerhinterziehung verhindern

Wirtschafts- und Währungspolitik sind die Steckenpferde von Martin Schirdewan, der bereits seit zwei Jahren als Abgeordneter für die Linken im Europaparlament sitzt. In der kommenden Wahlperiode will er sich für eine Digitalsteuer einsetzen: "Ich strebe in diesem Bereich auch an, dass die Steueroasen in der Europäischen Union geschlossen werden und Steuerhinterziehung und Steuervermeidung nicht mehr stattfinden", sagt er, "weil wir das Geld brauchen für notwendige Ausgaben in öffentliche Daseinsvorsorge, in öffentliche Infrastruktur, in Schulen, Bildung, in Gesundheit und für die sozialen Sicherungssysteme".

Eigentlich wollte Schirdewan schon 2014 ins Straßburger Parlament einziehen. Doch erst als der heutige linke Fraktionsvize Fabio di Masi 2017 in den Bundestag wechselte, rückte Schirdewan für ihn nach – und führt sein Amt mit Begeisterung aus. "Das ist schon eine tolle Aufgabe, aber auch eine herausfordernde." Weil die Arbeit als Politiker auch unheimlich viel Zeit koste und man immer im Einsatz sei. "Das muss man wollen, aber ich will das, ich finde das gut."

"Möchte Ungerechtigkeiten beheben"

Nicht erst seit seinem Einzug ins Parlament beschäftigt sich der gebürtige Ost-Berliner mit europäische Politik. Seine Doktorarbeit schrieb er über die politische Zusammenarbeit der Linken in Europa, er leitete das Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Brüssel. Zuvor war er unter anderem wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten.

Politik habe ihn schon immer interessiert, erzählt Martin Schirdewan. Ein Glücksfall sei ein Lehrer in seiner Schule gewesen, der das Interesse verstärkt habe. "Aber ich habe natürlich auch immer einen eigenen politischen Impuls verspürt. Mich haben Ungerechtigkeiten immer gestört und genervt, schon von früh an. Deswegen bin ich, glaub ich, auch ein Linker geworden, weil ich die Ungerechtigkeiten beheben möchte."

Der Großvater als Vorbild

Und dann war da noch sein Großvater, Karl Schirdewan, Politiker in der DDR. Der galt als zweiter Mann hinter Walter Ulbricht, setzte sich aber für demokratische Reformen und ein vereinigtes Deutschland ein. Im Machtkampf mit Ulbricht unterlag er, seine Parteikarriere war beendet.

Was ihn, den Enkel Martin, vor allem beeinflusst habe, sei aber etwas anderes gewesen: Karl Schirdewan war als Kommunist unter den Nazis elf Jahre im Zuchthaus und in Konzentrationslagern. "Dadurch, dass ich ihn noch kennengelernt habe, habe ich vor allem aus erster Hand Geschichten gehört, was es bedeutet, wenn die Rechte tatsächlich an die Macht kommt und was das mit Menschenleben und Schicksalen machen kann. Und daraus habe ich halt ein antifaschistisches Grundverständnis entwickelt", erzählt er.

Er kombiniere Leidenschaft für linke Politik mit der Besonnenheit, sagt Schirdewan von sich selbst. Vor der Europawahl tourte er durch Deutschland, warb um Stimmen - und versuchte dabei auch, seinen Bekanntheitsgrad nach oben zu schrauben. Notfalls noch mit Gysis Gesicht.

Beitrag von Astrid Corall

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Gibt es bei Ihnen nur Schwarz und Weiß? Wie traurig und eintönig!
    Der absolute Großteil aller Rüstungsexporte erfolgt in verbündete, absolut demokratische Staaten. Ich sehe keine Gefahr, dass Australien, Neuseeland, Israel oder einer der EU-Staaten einen Angriffskrieg vom Zaun brechen würden. Diese Staaten benötigen aber moderne Waffen als Abschreckung und zur Verteidigung. Israel wäre ohne modernste importierte Waffensysteme längst von der Landkarte getilgt.
    Die Lieferung von Waffen in die von Ihnen genannten Konfliktgebiete werden ohne Ausnahme von allen im Bundestag vertretenen Parteien abgelehnt. Es gibt ein gut funktionierendes Kontrollsystem, wie der Exportstopp nach Saudi-Arabien beweist.

  2. 5.

    Sie glauben also, es diene unserer Freiheit und Sicherheit, wenn Blutregimes wie Saudi-Arabien und Ägypten mit westlichen Waffen hochgerüstet werden? Und Sie fragen sich nicht ab und zu, wo diese Waffen wohl bleiben und was für einen Anteil sie an den weltweiten Fluchtbewegungen haben?

    So viel zum Thema Phantasiewelt.

  3. 4.

    Ich will den Beamten-Unsinn ja auch abschaffen, aber:
    Was hat das deutsche Beamtenrecht mit dem Europäischen Parlament zu tun?

  4. 3.

    Ist auch besser, wenn dieser Herr unbekannt bleibt. Das Herumgeschwafel im rbb- Interview zum geforderten absoluten Waffenexportverbot war unerträglich. Ich frage mich, in welcher Phantasiewelt solche Leute leben und ob die vollen Ernstes unsere Freiheit und Sicherheit bewusst auf's Spiel setzen.

  5. 2.

    Hier sollte mal was getan werden.Gerechtigkeit ist:Das Beamte und Abgeordnete,in das normale Renten und Gesundheitssystem übertragen werden.Das Rentenalter muss für alle 67 Jahre betragen,nicht nur für den Steuerzahler.Den Vorruhestand dürfte es auch nicht mehr geben.Ruhegehälter wie Ex-Bundeskanzler oder Ex-Bundespräsidenten gehört auch abgeschafft,ebenso keinerlei Diensträume,Dienstwagen,etc nach dem Ausscheiden aus dem Dienst.
    So genug geträumt...

  6. 1.

    Wie wäre es mal mit der Abschaffung des Beamtenstatus und die Beamtenpensionen?
    Beamtenpensionen kosten den Steuerzahler zich Milliarden Euro.Und der Staat will nicht dazuzahlen.
    Der Deutsche Beamte erhält z.b. nach 40.Dienstjahren wieviel Prozent des Bruttogehalts?Ohne auch nur 1 Cent einbezahlt zu haben!?Aber der Steuerzahler muss 45 Jahre einbezahlen und erhält wieviel Prozent?
    Der Staat braucht sicherlich Beamte,die die hoheitlichen Aufgaben erfüllen.Aber so viele wie er heute hat,braucht er definitiv nicht.Und das Pensionssystem braucht er ganz sicher auch nicht. Eine lebenslange Jobgarantie wäre theoretisch voll ausreichend für die besondere Fürsorge.Bei normaler Bezahlung könnte der Staatsdiener dann ganz normal in die Sozialsysteme einzahlen und auch diese Leistungen erhalten.

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