Seiteneinsteigerin Anja Voß und Schulleiterin Romy Suckow auf dem Pausenhof der Puschkinschule in Angermünde (Quelle: rbb/Brockhausen)
Audio: Antenne Brandenburg | 21.08.2019 | Stefanie Brockhausen | Bild: rbb/Stefanie Brockhausen

Seiteneinsteiger in Brandenburgs Schulen - "Autos machen andere Probleme als Kinder"

Lehrermangel ist Wahlkampfthema in Brandenburg: Seiteneinsteiger füllen die Lücken - und Kritiker fürchten um die Unterrichtsqualität. Zwei Grundschulen in der Uckermark berichten allerdings von positiven Erfahrungen. Von Stefanie Brockhausen

Romy Suckow ist seit etwa einem Jahr kommissarische Schulleiterin an der Puschkin-Grundschule in Angermünde. Lehrer zu suchen ist für sie ein genauso fester Bestandteil ihres Arbeitsalltags, wie zu unterrichten. "Wir leben ja hier in der Peripherie, wie man so schön sagt. Es ist schwer, Lehrer zu finden." Romy Suckow sagt das nicht bitter, sondern ganz sachlich. Sie stammt aus der Uckermark, sie weiß um die Probleme.

Sie hat in Potsdam studiert und lange in Berlin gearbeitet – und ist dann in ihre Heimat zurückgekehrt. "Ich liebe diese Gegend. Diese Meinung scheinen aber nicht viele Pädagogen, Lehrer zu teilen." Seit Jahren verstärken deshalb Seiteneinsteiger ihr Kollegium.

Ohne Seiteneinsteiger geht an Brandenburgs Schulen nichts mehr. Nach Angaben des Bildungsministeriums unterrichten aktuell etwa 2.500 Seiteneinsteiger im Land – das entspricht einer Quote von 12,3 Prozent. Und es werden jedes Jahr mehr: Allein in diesem Schuljahr ist jede dritte neu eingestellte Lehrkraft Seiteneinsteiger (456 von 1474). Im Jahr 2017 war es noch jede fünfte. Ein Anteil von 30 Prozent ist auch an einzelnen Schulen nicht unüblich, in manchen Regionen ist das sogar eher die Regel als die Ausnahme. Das geht aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der AfD hervor.

Puschkin-Grundschule in Angermünde (Quelle: rbb/Brockhausen)
Puschkin-Grundschule in Angermünde | Bild: rbb/Brockhausen

Seiteneinsteiger als Teil der Lösung

"Das Dramatische ist: Es wird so weitergehen", sagt Günther Fuchs. Fuchs ist Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Seine Prognose klingt düster: In den nächsten zehn Jahren würden ungefähr 50 bis 60 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer ausgetauscht. "Und gleichzeitig haben wir nicht genug ausgebildet. Und die zu wenig ausgebildeten Lehrkräfte haben wir auch noch falsch ausgebildet", sagt Fuchs. Man brauche mehr Grundschullehrkräfte, mehr Lehrkräfte in der Sekundarstufe 1 und mehr Lehrkräfte mit sonderpädagogischen Qualifizierungen. Man brauche Naturwissenschaften und Sprachen. "Und wenn Sie das vergleichen mit dem, was von den Universitäten an Absolventen kommt, passt das nicht."

Der Lehrerbedarf sei immens, bei gleichzeitig rasant steigenden Schülerzahlen. Die Politik reagiere zu spät. Fuchs spricht von Politikversagen, denn bereits seit mehr als zehn Jahren sei der Bedarf bekannt. "Wenn man 2020 mehr Grundschulkräfte immatrikuliert, sind die 2027 fertig. Das heißt also: Wir haben die nächsten zehn Jahre noch einen enormen Bedarf, haben aber die Leute noch gar nicht ausgebildet." Die Seiteneinsteiger seien nicht das Problem, sie seien ein Teil der Lösung.

Günther Fuchs, Vorsitzender der GEW (Quelle: Stefanie Brockhausen)
Günther Fuchs | Bild: Stefanie Brockhausen

Gekommen um zu bleiben

Anja Voß ist Seiteneinsteigerin. Sie hat Afrikawissenschaften und Geografie studiert und nach der Promotion an der Humboldt-Universität in Berlin als Dozentin gearbeitet. Nach dem Umzug in die Uckermark wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und arbeitete als Verlegerin. Jetzt unterrichtet sie Deutsch und Gesellschaftswissenschaften. Sie ist im vierten Jahr an der Puschkin-Grundschule – und will bleiben. "Seit diesem Jahr bin ich richtig angekommen."

Der Anfang als Seiteneinsteigerin sei schwierig gewesen, erzählt sie. "Ich wusste nichts vom Rahmenlehrplan, nichts von den Methoden, die in der Grundschule gängig sind: Wie bringe ich Kindern etwas bei?" Sie habe "ab und an, aber viel zu selten" bei erfahrenen Kollegen hospitiert, sich Rat geholt. Auch ihre eigenen Kinder hätten ihr geholfen: "Weil ich da gesehen habe, was sie interessiert, welche Fähigkeiten bringen sie mit aus dem Kindergarten." Eine pädagogische Grundqualifizierung hat sie erst in ihrem zweiten Jahr gemacht. Da war sie schon Klassenlehrerin.

Inzwischen läuft die Vorbereitung der Seiteneinsteiger früher an: Die pädagogische Grundqualifizierung umfasst laut Bildungsministerium 500 Stunden und findet entweder kompakt vor dem Einstieg in den Job statt oder aber berufsbegleitend. Lehrer, die Seiteneinsteiger betreuen, erhalten eine monatliche Zulage von 100 Euro.

"Wenn es nicht geht, muss man rechtzeitig die Reißleine ziehen"

Seiteneinsteigerin Anja Voß hat den berühmten Sprung ins kalte Wasser gemeistert. Aber das schafft längst nicht jeder, sagt Romy Suckow. Sie hat es selbst erlebt. Von einer Seiteneinsteigerin hat sich die Puschkin-Grundschule getrennt. "Wir haben ja eine Verantwortung für die Kinder und auch für die anderen Lehrkräfte. Wenn es nicht geht, muss man rechtzeitig die Reißleine ziehen."

Um im Job zu bestehen, brauche man ein dickes Fell, sagt Schulleiterin Romy Suckow. Und Teamgeist, ergänzt ihre Schwedter Kollegin Martina Kobs. Martina Kobs leitet seit sechs Jahren die Erich-Kästner-Grundschule. Aktuell hat sie "einen Sack voll" Seiteneinsteiger, sagt sie. Sechs von 19, das sei Durchschnitt im Schulamtsbereich Frankfurt (Oder).

"Mir ist auch mal ein Kfz-Schlosser angeboten worden"

Martina Kobs ist eine erfahrene Lehrerin, die ihrer Menschenkenntnis vertraut. Deshalb legt sie Wert darauf, jede Bewerberin und jeden Bewerber zum Gespräch zu treffen. Sie will herausfinden, ob jemand für den Beruf brennt. "Das sehe ich in den Augen, das sehe ich im Gesicht."

Zumindest minimale pädagogische Vorkenntnisse sollten die Seiteneinsteiger aber mitbringen. "Mir ist auch mal ein Kfz-Schlosser angeboten worden. Aber Autos machen andere Probleme als Kinder. Da hab ich gesagt: 'Nee, das geht nicht. Da fehlt die Qualifikation.'"

Genau das macht auch Günther Fuchs Sorgen: Er warnt vor einer Entprofessionalisierung des Lehrerberufs. "Wir brauchen hochqualifizierte Kolleginnen und Kollegen." Sonst sei die Vermittlung von Grundkompetenzen in Gefahr.

Nancy Gersdorf erfüllte als Seiteneinsteigerin gute Voraussetzungen: Sie ist staatlich anerkannte Erzieherin, in ihrer Freizeit Übungsleiterin beim TSV Blau-Weiß Schwedt im Bereich Turnen – und jetzt Lehrerin an der sportbetonten Schwedter Grundschule von Martina Kobs. Wenn Nancy Gersdorf von den Kindern erzählt, die sie im Verein trainiert, strahlt sie. "Da geht es auch darum, die Kinder zu unterstützen, selbstständiger zu werden, sich auszuprobieren und mutig neuen Dingen gegenüber zu stehen." Seit Februar ist sie an der Erich-Kästner-Schule und unterrichtet vorwiegend Mathe, Englisch, Kunst und Musik. An ihre erste Stunde erinnert sie sich noch gut. "Total euphorisch" sei sie gewesen, habe sich gut vorbereitet. "Und dann waren die Kinder total aufmerksam – das ist faszinierend."

Seiteneinsteigerinnen an der Erich Kästner-Grundschule in Schwedt: Sabrina Kuschke und Nancy Gersdorf (Quelle: rbb/Stefanie Brockhausen)Seiteneinsteigerinnen an der Erich Kästner-Grundschule Schwedt: Sabrina Kuschke und Nancy Gersdorf

Neben der Schule wieder die Schulbank drücken

Obwohl sie erst ein paar Monate dabei ist, hat Nancy Gersdorf schon Verantwortung für eine eigene Klasse. Einmal in der Woche fährt sie nach Eberswalde, um an einer berufsbegleitenden Schulung teilzunehmen. Dabei geht es vor allem um Methodik, das Handwerk, das für Lehrer so wichtig ist.

Ihre Kollegin Sabrina Kuschke setzt noch einen drauf. Sie hat sich entschlossen, noch einmal zu studieren. Für sie schließt sich damit ein Kreis: Schon vor Jahren wollte sie auf Lehramt studieren, dann wurde sie Diplomkauffrau, aber als Grundschullehrerin hat sie nun ihre eigentliche Berufung gefunden. Ab September geht’s zurück in den Hörsaal, Grundschulpädagogik, ebenfalls berufsbegleitend.

Erich Kästner-Grundschule in Schwedt (Quelle: rbb/Brockhausen)
Erich Kästner-Grundschule in Schwedt | Bild: rbb/Brockhausen

Eltern fordern ausgebildete Lehrer

Manchmal, sagt Martina Kobs, gebe es Bemerkungen von Eltern: Sie hätten es doch gern, dass ihre Kinder von ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden. An Martina Kobs prallen solche Sätze ab. Sie hält große Stücke auf ihre Seiteneinsteiger. "Ich bin schon froh, dass ich die habe. Und ich bin auch richtig stolz auf meine sechs, die haben sich richtig toll gemacht", sagt sie. Außerdem, was wäre denn ohne sie? "Wenn man nicht genug Leute hat", sagt Romy Suckow, "zieht das ja so viel nach sich. Es muss vertreten werden. Es fällt viel aus. Die Lehrer, die vertreten, werden krank. Das ist eine Kette ohne Ende."

Anja Voß sieht ihren Werdegang sogar als riesigen Vorteil: "Gerade wenn man Gesellschaftswissenschaften unterrichtet, ist es auch nicht schlecht, wenn man sich schon ein bisschen in der Welt umgeguckt hat und außerhalb der Schulmauern unterwegs war.

Beitrag von Stefanie Brockhausen

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

5 Kommentare

  1. 5.

    Na wenn das alles so toll ist, wozu dann noch aufs Lehramt studieren? Den pädagogischen Teil der Ausbildung können die Seiteneinsteiger nicht nachholen. Das Bildungsniveau in Berlin und in Brandenburg ist schon mies genug. Aber die Politik weiß ja bekanntlich alles besser. Fachleute werden nicht gefragt. Lieber rbb, redet doch mal mit ausgebildeten Lehrkräften.

  2. 4.

    Das stimmt so nicht. Meine Frau wurde trotz Pädagogikstudiums und Promotion nicht einmal ein Grundschullehrerposten angeboten. Ich denke, diese Job werden immer nur unter der Hand vergeben.

  3. 3.

    Wenn sich das arrogant anmutende rote BM noch "grüne kreative Hilfe" zum weiteren Absenken des Niveaus holt, ist noch "Luft nach oben": neben der 2. Fremdsprache können auch alle anderen Fächer abgewählt werden und man startet eine Bundesinitiative "Abschaffung jegliche diskriminierende Vergleiche mit anderen Ländern und PISA-Leute wird die Einreise nach Brb. verweigert.

  4. 2.

    Das zeigt wieder mal, wie wenig unsere Politiker in die Zukunft planen.
    Dafür müssen nun wieder die Schwächsten herhalten, die Kinder.
    Eine Schande ist das

  5. 1.

    Hallo RBB, ihr wisst schon, dass ihr hier (höchst) wahrscheinlich, über einen erfreulichen Einzelfall berichtet!? Der Umgang mit dem Thema erfordert "Fingerspitzengefühl"! Es bringt nichts, den Direktor und die Quereinsteiger zu befragen, die finden sich ganz toll und werden euch erzählen (so wie mir) "Wir brauchen doch gar keine weiteren Schulungen!" und "Läuft alles Prima!". Fragt ihr dann Eltern und andere Kollegen (außerhalb des Schulgeländes, in Privater Umgebung) sieht das meist schon ganz anders aus. Kleiner Rat am Rande, schaut euch die Statistiken an nach: "Dauerkrank" kurz nach Schuljahresbeginn, nach Versetzungen und Aussteigern! Ein Blick auf Vorkommnissen von Fehlverhalten gegen Schülern schadet auch nichts (wenn man es euch überhaupt erzählt ;-) ).

Das könnte Sie auch interessieren