05.08.2019, Brandenburg, Luckenwalde: Sebastian Walter (Die Linke), Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl in Brandenburg, verteilt beim Straßenwahlkampf auf dem "Boulevard" in Luckenwalde Flyer an Passanten (Quelle: dpa/ Carstensen)
Bild: dpa/ Carstensen

Landtagswahl in Brandenburg - Wie der Wahlkampf tickt – und nicht klickt

Flyer statt Facebook, Infoabend statt Instagram, Kulis statt Klicks: Die Brandenburger Parteien setzen auch 2019 vor allem auf den Wahlkampf vor Ort. Auf der Straße und an der Haustür wollen sie dem Wähler zuhören. Wie gut das auch im Internet geht, verkennen sie. Eine Analyse von Daniel Tautz

Wer Frank Bommert vor dem Veltener Bahnhof begegnet, sollte Zeit für Geschichten mitbringen. Von seinem Großonkel, der hier mal eine Fleischerei hatte. Vom Yachthafen am Stadtrand von Hennigsdorf, wo er selbst mal gearbeitet hat.

Den rechten Arm auf den Stehtisch ruhend, hält der Politiker die Umgebung im Blick. Es ist ein sonniger Montagmittag in der brandenburgischen Kleinstadt in der Oberhavel. Kurz vor der Landtagswahl hat Bommert hier seinen Wahlkampfstand aufgebaut. "Bommert macht's" steht auf der Bordüre des schwarzen Sonnenschirms. Auf seine Partei, die CDU, weist auf den ersten Blick nichts hin. Er wolle sich den Menschen nicht nur als Politiker, sondern vor allem als Privatperson vorstellen, erzählt Bommert. Die obersten Knöpfe seines Hemdes sind geöffnet, er trägt blaue Jeans und weiße Turnschuhe.

Frank Bommer (CDU) im Gespräch mit einer Wählerin (Quelle: rbb)
Frank Bommert (CDU) in Velten | Bild: rbb

Eine ältere Frau kommt vorbei, das Fahrrad in der einen, die Einkaufstasche in der anderen Hand. "Kann ick Ihnen vor der Wahl was mitgeben", fragt Bommert. Er hält ihr einen Flyer und einen Kuli entgegen. "Ick komm’ aus Kremmen, gleich um die Ecke”, sagt er. "Ick hab da ja auch noch 'nen Handwerksbetrieb." In seinen Gesprächen lässt Bommert keine Gelegenheit aus, von seiner Metallbaufirma zu erzählen. "Ach schade, ich brauche eigentlich einen Dachdecker", antwortet die Frau. "Den haben wir auch in der Stadt, ick kann Ihnen den Kontakt geben", entgegnet Bommert. Er lächelt, sie auch. "Ja, wirklich? Dann wähl’ ich Sie."

Die Nähe zum Wähler bleibt auf der Straße

Zuhören, ins Gespräch kommen, auf die Sorgen der Bürger eingehen: Auf der Straße scheint dieses Prinzip für die Brandenburger CDU aufzugehen. Doch im Internet sieht das nach einer Recherche von rbb|24 anders aus: Der Landesverband ist zwar auf Facebook, Instagram und Twitter aktiv und hat sogar den Youtube-Kanal nach drei Jahren Stillstand wiederbelebt: Spitzenkandidat Ingo Senftleben beim Pferderennen. Im Klassenzimmer. Beim American Football. Doch keines der Videos wurde bis zum Freitag mehr als 40-mal geklickt. Auch auf den anderen Plattformen folgen Senftleben und seiner CDU Brandenburg nur wenige Tausend Menschen.

Und damit stehen die Christdemokraten nicht alleine da. Im Internet können die Brandenburger Parteien nur wenige Menschen für sich begeistern. Einzig die AfD sticht hervor: Bis zu 20.000 Menschen schauen sich ihre Wahlkampfreden auf Youtube an, mehr als 25.000 Menschen folgen der rechtspopulistischen Partei auf Facebook.

Die Parteien unterschätzen das Internet

Für Politikberater Martin Fuchs ist dies das Ergebnis einer großen Fehleinschätzung. Seit 2011 analysiert er auf seinem Blog die Wahlkämpfe deutscher Parteien, Brandenburg falle da vor allem im Bundesvergleich deutlich ab. "Die Landesverbände setzen extrem wenig Fokus auf den digitalen Wahlkampf", stellt er fest. "Bei den Landtagswahlen in Hessen, Rheinland-Pfalz oder Bayern lief das ganz, ganz anders."

Das betrifft laut Fuchs nicht nur die Wahlkampf-Zeiten. Viel wichtiger seien die Jahre zwischen zwei Wahlen. "Da können sich die Parteien eine Community aufbauen und Vertrauen erarbeiten", erklärt er. "Und eben diese Community kann dann in Wahlkampfzeiten mobilisiert werden." Doch obwohl mehr als eine Million Brandenburger soziale Netzwerke nutzen, sei dies keiner Partei wirklich gelungen. Aus der Sicht von Fuchs schlummert da viel verschenktes Potential.

Sebastian Rüter kandidiert 2019 für die Landtagswahl in Brandenburg (Quelle: Dirk Pagels)
Sebastian Rüter (SPD) | Bild: Dirk Pagels

Wie CDU-Kandidat Bommert setzt auch Sebastian Rüter von der SPD vor allem auf den Wahlkampf auf der Straße. Gemeinsam mit Freunden, Nachbarn und Parteigenossen hat der Kandidat für Teltow, Kleinmachnow, Stahnsdorf und Nuthetal 1.500 Gläser Erdbeermarmelade, Pflaumenmus und Apfelgelee eingekocht. Wenn er damit vor den Türen der Anwohner steht, erreiche das die meisten, erzählt er.

An diesem Montag, eine Woche vor der Landtagswahl, klingelt Rüter sich durch seinen Wahlkreis im südlichen Berliner Speckgürtel. Rüter hofft, an den Haustüren noch einige Wähler für die Sozialdemokraten gewinnen zu können. "Am lehrreichsten sind die kleinen Begegnungen am Gartenzaun", erzählt er. "Die Leute sprechen da vor allem über kommunale Themen wie die Müllentsorgung, oder fragen mich, wie die Briefwahl genau funktioniert."

Online fehlt der Dialog

Solche Fragen erreichen die Parteien auch in Form von Kommentaren, Direktnachrichten oder Anfragen auf Facebook oder Twitter. Ganz ohne Marmelade oder Kugelschreiber könnten sich die Politiker so auch im Internet um die Probleme und die Gunst der Wähler kümmern. Doch diese Möglichkeit nehmen die Parteien nur in geringem Maße wahr. Während die FDP und die Grünen noch zu Diskussionen aufrufen und auf Kritik und Nachfragen eingehen, vernachlässigen die anderen Parteien noch oft die Interaktion.

Die CDU antwortet - als "Team Ingo" - wenig nahbar, sondern eher distanziert und verweist gerne auf ihr Parteiprogramm. Unter den Facebook-Beiträgen der AfD Brandenburg lassen sich gar keine Antworten der Partei finden, kritische Nachfragen werden sogar gelöscht. "Wie passen ihre Forderungen nach mehr Überwachung und mehr Datenschutz zusammen", fragt ein Nutzer. Auf eine Antwort wartet er auch eine Woche später noch. Dialog sieht anders aus.

Politikberater Martin Fuchs (Quelle: privat)
Politikberater Martin Fuchs | Bild: privat

"Die Parteien sehen die sozialen Netzwerke oft noch als Sprachrohr für ihre Botschaften", erklärt Politikberater Fuchs. Die große Stärke des Internets, die direkte Interaktion, nutzten sie hingegen noch nicht genügend aus. Im Vergleich zur Landtagswahl vor fünf Jahren habe sich das aber bereits etwas verbessert.

Parteien stocken Online-Budget auf

Das bestätigen die Parteien auch auf Anfrage von rbb|24. Sie alle betonen, im aktuellen Wahlkampf vermehrt auf soziale Medien gesetzt und ihr Online-Budget aufgestockt zu haben. SPD und BVB/Freie Wähler haben dafür ihre Zeitungsanzeigen drastisch reduziert und rechnen vor, wie viel mehr Leute sie mit einer Online-Kampagne erreichen könnten. Die FDP investierte nach eigenen Angaben 50.000 Euro in den digitalen Landtagswahlkampf – rund ein Fünftel ihres Gesamtbudgets. Die CDU gab mit 100.000 Euro das Doppelte aus.

Ein Teil des Budgets fließt in digitale Werbeanzeigen. So können die Parteien beispielsweise bei Facebook ihre Reichweite erhöhen, wenn sie Geld bezahlen. Während die Linken und die SPD dafür nur wenig ausgeben, investiert da vor allem die CDU: mehr als 15.000 Euro flossen allein in der Woche vor der Wahl an Facebook. Im Unterschied zu den anderen Parteien förderten die Brandenburger Christdemokraten damit nicht nur das Profil der Partei, sondern vor allem auch das von Spitzenkandidat Senftleben. Laut Politikberater Fuchs eine clevere Strategie, um den Kandidaten nahbar zu machen.

Im aktuellen Wahlkampf haben die Parteien voll auf ihre Köpfe gesetzt – die CDU auf Senftleben, BVB/Freie Wähler sind quasi mit Spitzenkandidat Péter Vida verschmolzen, die SPD vertraut auf die Beliebtheit von Landesvater Dietmar Woidke und verzichtete darauf, auf seinem Facebook-Auftritt Werbung zu schalten. Die anderen Parteien betonen, wie oft in diesem Jahr Spitzenpolitiker aus dem Bund in Brandenburg vor Ort waren.

Die AfD hingegen setzt auf ihre gut-vernetzte Gemeinde. Mit deutlich weniger Ausgaben  erreicht sie mit ihren Beiträgen mit Abstand die meisten Menschen. Das liege zum einen an ihrer hohen Fan-Zahl, die die Posts weiter verbreiten, erklärt Fuchs. Zudem polarisierten sie mit ihren populistischen Inhalten. So bleibt sie im Gespräch: Während die AfD in der Woche vor der Wahl mehr als 25.000 Likes, Kommentare oder geteilte Beiträge zählt, bleiben die anderen Parteien im niedrigen vierstelligen Bereich oder darunter [crowdtangle.com]. Wieviel Geld die AfD in ihren Online-Erfolg investiert, darüber lässt sich nur mutmaßen. Als einzige angefragte Partei antwortete sie nicht auf die rbb|24-Anfrage zum Wahlkampf.

Sich "nahbar machen", das versucht auch Benjamin Raschke von den Grünen. Zwei Wochen vor der Wahl hat der 36-jährige Spitzenkandidat seinen Wahlkampfstand auf dem Wochenmarkt in Königs Wusterhausen aufgebaut. Der grüne Sonnenschirm in der Bahnhofstraße wurde bereits von einem Parteifreund aufgebaut, Raschke selbst fährt nur mit Bus und Bahn zu seinen Terminen.

Er spricht mit Passanten über den Klimawandel, das Insektensterben und den Braunkohle-Ausstieg. Nach zwei Stunden hat er sich mit knapp zwölf Menschen unterhalten. Was auffällt: Beschimpft wird er hier - im Gegensatz zum oftmals rauen Ton im Netz – nicht. Auch die Leute, die nicht mit ihm übereinstimmen, bleiben höflich. "Klar, manche die uns nicht mögen, rufen uns Sachen zu wie 'Mein Beileid' oder 'Ihr CO2-Spinner'. Aber das ist weniger geworden", sagt Raschke.

Die Nutzer wollen Inhalte, keine Fotos von Luftballons

Natürlich, im Internet könnte er in zwei Stunden eindeutig mehr Menschen erreichen. Doch Politikberater Fuchs möchte den Straßenwahlkampf nicht unterschätzen. "Wenn man an der Tür die richtigen Leute anspricht, hat das einen sehr starken Effekt", sagt er. Der digitale Wahlkampf müsste aber bei allen Brandenburger Parteien noch deutlich an Priorität gewinnen. Dabei gehe es nicht nur darum, wie viel, sondern auch was vermittelt wird. "Niemand will Fotos von bunten Partei-Luftballons oder Dietmar Woidke auf Wahlkampftour sehen", sagt Fuchs. Die Nutzer seien vor allem an Inhalten interessiert. Daran, was die Parteien konkret ändern wollen.

Wie die Analyse von rbb|24 zeigt, konzentrierten sich die Parteien online in diesem Jahr noch stark auf Facebook. Alle betreiben zwar auch Profile auf Twitter und Instagram. Doch bis auf wenige Ausnahmen werden diese Kanäle nur sporadisch bespielt. Dabei könnte man genau dort mit einer guten Strategie viele junge Wähler erreichen.

SPD-Sprecherin Katrin Molkentin meint, dass Twitter "in Brandenburg nicht so die Rolle spielt". Viele Direktkandidierende hätten ihre Profile erst während des Wahlkampfs eingerichtet. Auch der AfD-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz hat seinen Instagram-Account noch Anfang August ins Leben gerufen – mit einem Bild von sich beim Haustür-Wahlkampf.  

Aus Sicht von Fuchs gibt es aber auch Lichtblicke im diesjährigen Landtagswahlkampf: Die SPD und die FDP haben sich an Instagram-Stories versucht, die Linken zeigen sich auf Twitter reaktionsfreudig. Doch im Großen und Ganzen fehle es bei allen Parteien am nötigen Engagement. "Momentan hoffen alle geradezu darauf, dass sie jemand im Internet findet und auf ihre Inhalte anspringt", sagt Fuchs. Dabei müssten sie viel proaktiver handeln: in Gruppen aktiv sein, bei Diskussionen mitmischen, in den direkten Austausch mit den Bürgern treten. 

Im Prinzip also genau das, was die Parteien auch 2019 noch vorrangig auf der Straße versuchen.

Beitrag von Daniel Tautz

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Genau so ist es. Diese mangelhafte Versorgung muss endlich beendet werden. Die Infrastruktur ist das Hauptproblem in Brandenburg. Denn ohne Internet geht im Grunde genommen nicht viel.

  2. 5.

    Hier die absolute Wahrheit:

    http://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/afd/273131/wahlergebnisse-und-waehlerschaft

    Die Relation kann täuschen, wissen nicht nur Quanten-Physiker. Brandenburg ist auf Platz 11 und Sachsen auf Platz 10 der AfD-Wählerliste. Selbst wenn die Relation über die politische Macht bestimmt, so bestimmt sich aber nicht die Gesellschaft. Die wird durch jeden einzelnen Menschen bestimmt. Und in BaWü gibt es deutlich mehr einzelne Menschen. Da mag man sozialwissenschaftlich halten was man will, ob sich Menschenmengen potenzieren, addieren oder sublimieren, jetzt Wurscht. Doch die Wessis sollten endlich mal über ihren ziemlich langen Schatten springen und den Mist in ihrer Ecke nicht als Goldader verkaufen

  3. 4.

    Gegen einen ehrlichen Straßenwahlkampf ist nichts zu sagen, erst recht nicht - es wurde angesprochen - wenn fehlende Breitbandversorgung eines der Kerntprobleme im Land darstellt. Dass die Parteien ihre Programme online bereitstellen, davon gehe ich sowieso aus, alles andere ist sowieso rein spekulatives Werben in Filterblasen und geschlossenenen Plattformen, mit fragwürdigen Werbeerfolgen, schwer messbaren Kennzahlen (was sagt schon ein Klick über die Wirksamkeit einer Kampagne aus) usw. Im schlimmsten Fall holt man die Städter auf Facebook ab, die ihre vorgefestigte Meinung mit dem Konsumieren von Werbebotschaften selbst bestätigt. Viel mehr passiert auch nicht im blau-braunen Wählerklientel als mediale Nabelschau und Empörungsblase.

    @Olaf Berndt: Danke.

  4. 3.

    Ich finde es gut, wenn die Kandidaten die Nähe zum Fußvolk direkt und analog suche. Ich bin der Ansicht, dass man so seinen Gegenüber auch in die Augen und ins Gesicht sehen kann. Denn nur so merke ich an seinen Gesten und an seinen Mimiken, ob er mir einen Bären aufbinden will oder ob er es ehrlich meint. Das Internet ist ein anonymer Marktplatz, wo ich die direkte Stimmung und das Feeling vom Kandidaten nicht aufnehmen kann.
    Ich wünsche meinen Nachbarn aus dem Bundesland Brandenburg alles erdenklich Gute und das jeder auch seine Stimme nutzt, um was Gutes für seine Region zu bewirken.

  5. 2.

    Wenn hier flächendeckendes, schnelles Internet auf sich warten lässt, dann muss der Wahlkampf eben auf der Straße geführt werden.

  6. 1.

    Ich nenne es deshalb liebevoll Faschobook. Kannste knicken das Medium. Die meisten vernünftigen Menschen sind eher bei Instagram oder nutzen Messenger als ‚soziale Netzwerke.

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